Anatŏmie

[457] Anatŏmie (v. gr. Anatŏme, Aufschneiden, Zergliedern, Morphologie), 1) im Allgemeinen Theil der Naturwissenschaft, welcher sich mit Zerlegung u. Beschreibung organischer Körper, nach ihren einzelnen Theilen, beschäftigt. Man unterscheidet: A. der Pflanzen (Phytotomie), A. der Thiere (Zootomie), A. des Menschen (Anthropotomie), die sich ausschließlich mit dem menschlichen Körper beschäftigt. Die Fertigkeit, die einzelnen Theile der organischen Körper zu sondern, so darzulegen u. aufzubewahren, daß dadurch eine gehörige Kenntniß derselben erlangt werden kann, heißt Zergliederungskunst, die durch diese gewonnene Kenntniß Zergliederungskunde. Die Grundstoffe der thierischen Körper entwickelt die Zoochemie. Die A. der thierischen Körper u. bes. des menschlichen im engeren Sinne, zerfällt wieder in folgende Zweige: a) Osteologie, Knochenlehre, b) Chondrologie, Knorpellehre, c) Syndesmologie, Bänderlehre, d) Myologie, Muskellehre, e) Splanchnologie, Eingeweidelehre, f) Angiologie, Gefäßlehre, u. g) Neurologie, Nervenlehre. Einige nehmen noch folgende Abtheilungen an: h) Dermatologie od. Historologie, Häute- u. Gewebelehre u. i) Adenologie, Drüsenlehre. Diese einzelnen Theile bilden die specielle A., u. indem sie den Körper nach seinen durch gewisse Grenzen abgesonderten Gegenden od. Regionen eintheilt u. die daselbst befindlichen Organe nach Lage u. Zusammenhang neben u. übereinander betrachtet, wie das besonders dem Chirurgen für Operationen wichtig ist, wird sie topographische od. chirurgische A. Die vergleichende A. ist die speculative A. des Menschen mit der A. der Thiere verbunden, um so die Ursachen der verschiedenen Formationen möglichst zu erkennen u. eine klare Übersicht des Baues u. der Verrichtungen des thierischen, wie des menschlichen Körpers zu erlangen. Die mikroskopische A. (wohl auch allgemeine A., Morphologie, Gewebelehre), erforscht vorzüglich mit Hülfe des Mikroskops die dem bloßen Auge gänzlich unsichtbaren Structurverhältnisse. Die pathologische A. ist die Lehre von den abweichenden Eigenschaften der lebenden Körper im kranken aber auch im gefunden Zustande. Sie erst lehrte die Krankheiten recht verstehen, sicher erkennen, schneller u. leichter heilen. Von der A. als Zergliederung des menschlichen Körpers hatten die Ärzte des Alterthums unvollkommene, meist nur aus Thierzergliederungen hergeleitete Kenntnisse. Ehrfurcht gegen die Verstorbenen (bes. in Ägypten) u. Scheu u. Ekel hinderten dieselbe. Unter den Griechen kannte Hippokrates nicht einmal den gemeinschaftlichen Ursprung der Gefäße. Der Thier-A. kundig waren Anaxagoras, Demokritos, Alkmäon, Empedokles, bes. aber Aristoteles, nach ihm Diokles v. Karystos; Herophilos u. Erasistratos aus der Alexandrinischen Schule haben Menschen zergliedert. Celsus hat unter den Römern nur Bruchstücke gesammelt; Soranus zergliederte weibliche Geschlechtstheile; Rufus schrieb über A.; Galen zergliederte zwar menschliche Leichen, legte aber in seinen Schriften meist Thierzergliederungen, bes. von Affen, zu Grunde. Auch Oribasius, Nemesius, Theophilus Protosynterius verdienen Erwähnung. Bis ins 14. Jahrh. ruhte das eigene Studium der A.; dann wurden in Italien zuerst von Mondini de Luzzi, Professor zu Bologna, menschliche Leichen zergliedert, u. auch ein anatomisches Lehrbuch verfaßt. Bis in die Mitte des 16. Jahrh. hing man immer noch an den durch Galen aus der Zootomie in die Anthropotomie übertragenen Irrthümern. Dann lehrte Vesalius, nach genauen Untersuchungen des menschlichen Körpers, den organischen Bau kennen. Ihm folgten Eustachi, Faloppia u. Vesals Schüler Columb, u. anatomische Lehrinstitute wurden auf allen europäischen Akademien errichtet. Harvey entdeckte Anfangs des 17. Jahrh. den Kreislauf des Blutes u. begründete Asellis Lymphgefäße. Nuysch verbesserte die Injection. Im Anfang des 18. Jahrh. begründete bes. Morgagni die pathologische A., später lieferte Albin unübertroffene anatomische Abbildungen, u. mit v. Haller hebt eine neue Epoche an. In neuerer Zeit ist Bichat durch seine Ansichten über das Gewebe der einzelnen Theile u. Systeme Begründer eines eigenen Zweiges der A. geworden. Auch machte die Kunst der Bereitung anatomischer Präparate u. die Anlage anatomischer Museen Epoche. In neuester Zeit haben die mikroskopischen Untersuchungen der Theile des Thierkörpers eine gänzliche Revolution in der A. hervorgebracht, u. ist ein ganz neuer Zweig der A., die mikroskopische, entstanden. Die vergleichende A. ist in neuerer Zeit durch Blumenbach, Carus, Meckel, so wie im Ausland durch Cuvier, Geoffroy, de St. Hilaire u. Vicq d'Azyr bes. behandelt worden. Mit der pathologischen A. hat sich bes. in neuester Zeit Bock in Leipzig u. Rokitansky in Wien beschäftigt. Systematische Werke u. Atlanten: Mondini de Luzzi, Anathomia, Pavia 1478, Fol., u. ö.; A. Achillini, De humani corporis anatomia, Vened. 1521; Eustachi, Tabulae anatom. 1522, herausgeg. Rom 1714 u. ö.; A. Vesal, De corp. hum. fabrica, Bas. 1543, Fol.; K. Bauhin, De corp. hum. fabrica, Bas. 1590; dessen Institutiones anatomicae, ebd. 1592; dess. Theatrum anatomicum, von de Bry, Frkfr. 1605; Joh. Riolan, Anthropographia, Par. 1618; Thom. Bartholin, Anatomia ex parentis (Kaspar Bartholin) institutionibus etc. reformata, Leyd. 1651; dessen Anatome etc., ebd. 1673; Vesling, Syntagma anatomicum, Pad. 1641; Verheyen, Corpor. hum. anatomia, Löw. 1693; Mangel, Thesaurus anat., Genf 1717, 2 Bde., Fol.; Heister, Compendium anatomicum, Altd. 1717; Winslow, Exposition anatomique de la structure du corps humain, Par. 1732, 4 Bde.; I. Lieutaud, Essays anatomiques, Par. 1742 (deutsch von Portal, Lpz. 1782, 2 Bde.); Mayer, Beschreibung des menschl. Körpers, Lpz. 1783–94, 8 Bde.; Loder, Anatomisches Handbuch, Jena 1788, 1 Bd. (Commentar zu dessen Tabulae anatomicae, Weim. 1794–1802, 6 Lief. Fol.); F. Hildebrand, Lehrbuch der Anatomie des Menschen, Braunschw. 1789–92, 4 Bde., u. ö.; Sömmerring, vom Bau des menschl. Körpers, Frkf. 1791, u. ö., 6 Thle.; John u. Charl. Bell, The Anatomy of the human body, 2. Ausg., Lond. u. Edinb. 1809, 5 Bde. (deutsch von Heinroth u. Rosenmüller, Lpz. 1806f., 2 Bde.); X. Vichat, Anatomie générale, Par. 1799, 4 Bde. (deutsch v. C. H. Pfaff, Lpz. 1802f., 2 Thle.); I. C. Rosenmüller, Handb. der Anatomie, Lpz. 1808; dessen Chirurg. anat. Abbildungen, Weim. 1805–12, [457] 3 Thle., Fol.; M. Münz, Handb. der Anatomie des menschl. Körpers, Landsh. 1815, Fol.; Langenbeck, Handbuch der Anatomie, Götting. 1831, 1836, 2 Abtheil., mit Hinweisung auf dessen Icones anatomicae etc., ebd. 1826–39,6 Lief., Fol.; I. Fr. Meckel, Handbuch der menschl. Anatomie, Halle 1815–20, 4 Bde.; M. I. Weber, Die Zergliederungskunst des menschl. Körpers, Bonn 1826ff.; dessen Anatom. Atlas, Düsseldorf 1830 ff., Fol.; dessen Handbuch der Zergliederungskunde des menschlichen Körpers, Bonn 1837f., 2 Bde.; C. E. Bock, Handbuch der Anatomie des Menschen, Lpz. 1838, 2 Bde., u. v. a. Vergleichende Anatomie: Monro, Essay on comparative Anatomy, Lond. 1744 (deutsch. Götting. 1790); Blumenbach, Handbuch der vergl. Anatomie, ebd. 1805; G. Cuvier, Leçons d'anatomie comparée, Par. 1797 ff., 5 Bde. (deutsch von Froriep u. Meckel, Lpz. 1808–10, 4 Bde.); System der vergl. Anatomie, Halle 1821–33, 6 Thle.; Schultze, Systematisches Lehrbuch der vergl. Anatomie, 1. Abth., Berl. 1828, Carus 1826, Wagner, Lpz. 1841; C. Rokitansky, Handbuch der pathol. Anatomie, 1846, 3 Bde.; R. Froriep, Atlas anatomicus. Weim. 1850, 2. A. 1852; Kölliker, Handbuch der Gewebelehre des Menschen, Lpz. 1852, 2 Bde.; Hyrtl, Handbuch der topograph. Anatomie, Wien 1852, 2 Bde.; C. E. Bock, Lehrbuch der pathol. Anatomie, Wien 1853, 2 Bde.; Wörterbücher: (Kurella), Anatomisch-chirurgisches Lexikon, Berl. 1753; Pierer u. Choulant, Anatomisch-physiologisches Realwörterbuch, Altenb. 1816–29, 8 Bde. 2) (Bot.), A. der Pflanzen, f. Pflanzen; 3) (Math.), A. der Zahlen, Verzeichniß aller ganzen theilbaren Zahlen nebst ihren Factoren; zuerst von I. Pill verfertigt im 17. Jahr.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 1. Altenburg 1857, S. 457-458.
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