Bildhauerkunst

[251] Bildhauerkunst oder Sculptur heißt im Allgemeinen die Kunst, aus Thon, Stein und ähnlichen Stoffen Figuren darzustellen, welche entweder Nachbildungen in der Natur vorhandener Gegenstände oder Erfindung der Einbildungskraft sind. Im strengern Sinne versteht man jedoch darunter nur die künstlerische Darstellung solcher Gegenstände aus harten Massen mittels des Meißels und ähnlicher Werkzeuge. Die Bildhauerkunst ist eine Gattung der Plastik und gehört zu den schönen Künsten. Ihre Ausübung ist theils selbständig, wie z.B. bei der Herstellung von Bildsäulen, theils ordnet sie sich den Absichten der Baukunst unter, für die sie Arabesken (s.d.) u.s.w. liefert, theils muß sie Rücksicht auf den Gebrauch vieler Gegenstände nehmen, deren Ausschmückung von ihr gefodert wird, wie das z.B. bei Rahmen um Bilder, bei Armleuchtern und andern kostbaren Hausgeräthen der Fall ist. Auch die Stoffe zu den darzustellenden Gegenständen werden zum Theil nach ihrer Bestimmung sehr verschieden gewählt und bestehen aus Holz, Elfenbein, verschiedenen Steinarten und Gyps. Die Arbeiten selbst werden in runde, d.h. von allen Seiten freie, wie Bildsäulen und Vasen, und in halbrunde, halberhabene oder Reliefs (s.d.) eingetheilt, welche nur zum Theil über einen Grund hervorragen. Die Werkzeuge, welche dabei verwendet werden, sind die verschiedenartigsten eisernen Meißel, Bohrer, Zirkel und Winkelmaße, ferner Feilen, Bleilothe, Hämmer, Schlägel u.s.w. Der Raum, in welchem ein Bildhauer seine Arbeiten ausführt, wird gleich den Werkstätten anderer Künstler gewöhnlich mit dem franz. Namen Atelier bezeichnet. Bevor der Bildhauer zur Ausarbeitung eines Gegenstandes schreitet, verfertigt er sich ein Vorbild davon aus einem weichen, leicht zu formenden Stoffe, z.B. Thon, welches Modell heißt. Da aber der Thon nicht gleichmäßig eintrocknet und die Figur dadurch an ihrer Regelmäßigkeit verliert, so wird das Modell zwar meist aus Thon und Gyps geformt, dann aber in Wachs abgegossen und dadurch jener Übelstand vermieden. Manche Künstler verfertigen sogar zuerst nur eine Skizze, d.h. ein wenig ausgeführtes Vorbild im Kleinen und arbeiten erst danach das Modell in einem größern Maßstabe. Nach dem Modell wird endlich das Kunstwerk in dem dazu bestimmten Stoffe ausgeführt. Ist dies z.B. Marmor, welche Steinart am schicklichsten für den Künstler ist, so wird der dazu bestimmte Marmorblock im Atelier genau senkrecht auf ein Gestell gebracht, welches der Bossirstuhl heißt und so eingerichtet ist, daß es sammt dem Steine mittels eines Hebels beliebig gedreht werden kann. In einiger Entfernung davon steht ebenfalls auf einem Bossirstuhle das Modell, dessen Gestalt der rohe Steinblock erhalten soll. Um dies mit mehr Sicherheit, als durch das Arbeiten nach bloßer Anschauung thun zu können, verfährt man dabei hauptsächlich auf zweierlei Art. Die erste sogenannte praktische besteht darin, daß Modell und Block mit einem, Netz von Linien überzogen werden, dessen Vierecke in einem bestimmten Verhältnisse zueinander stehen. Die Aufgabe des Künstlers ist nun, den Inhalt jedes kleinen Vierecks am Modell in das größere des Steines zu übertragen, wobei aber noch immer dem Augenmaße das Meiste überlassen bleibt. Auch muß man die Linien auf dem Steine, da sie durch die Bearbeitung vertilgt werden, fortwährend erneuen, wobei Abweichungen nur durch die größte Sorgfalt zu vermeiden sind. Die große Unsicherheit dieses Verfahrens hat jedoch viele Künstler bewogen, der andern akademischen Art den Vorzug zu geben, welcher sich die Künstler der franz. Akademie in Rom zuerst bedienten, woher sich auch ihr Name schreibt. Sie besteht darin, daß über dem Modell und über dem zu bearbeitenden Steine die sogenannte Mensur befestigt wird, welche ein viereckiger Rahmen ist, von dem nach genau abgetheilten und in einem bestimmten [251] Verhältnisse stehenden Graden Bleilothe herabhängen. Zwischen denselben befindet sich das Modell, dessen äußerste und vertiefteste Punkte dadurch deutlich bezeichnet und auf dem Steinblocke auch leicht angegeben werden können. Immer bleibt aber noch die Schwierigkeit übrig, die Richtungen der krummen Linien und das wahre Verhältniß der Figuren zu finden, wozu man sich anderer Fäden bedient, welche die herabhängenden horizontal durchschneiden. Hat der Künstler auf eine dieser Weisen seine Arbeit angelegt, d.h. den Stein nach den Erfodernissen der beabsichtigten Figur eingetheilt, so beginnt er mit Entfernung des überflüssigen Gesteins, geht dabei aber mit großer Vorsicht zu Werke und läßt lieber etwas mehr als nöthig stehen, damit es später nicht fehle. Stufenweise schreitet er dann zur freiern Ausarbeitung vor, schleift endlich mit seinem Sandstein das letzte Rauhe ab oder polirt, wenn es Marmor ist, sein fertiges Werk mit pulverisirtem Bimsstein, Zinnasche, Schmergel oder gebrannten und gepulverten Schafknochen. Die zu allen diesen große Sorgfalt verlangenden Arbeiten erfoderliche Zeit beträgt bei größern Werken oft mehre Jahre.

Das Bildformen aus weichen Stoffen ging wahrscheinlich der Bildhauerei voraus, welche zuerst wol nur religiösen Zwecken diente, wie wir z.B. bei Moses 1,31 von den Hausgöttern Laban's lesen, der über 2000 Jahre v. Chr. lebte. Die ältesten Denkmäler der Bildhauerkunst sind die ägypt. und die, welche man in den in Felsen ausgehöhlten uralten indischen Tempeln gefunden hat. An beiden wird theils das Riesenhafte der Form, theils die sorgfältige Ausführung bewundert, aber wahre Schönheit vermißt. Auch die prachtliebenden Perser hatten es in der Bildhauerkunst sehr weit gebracht und an den Ruinen der von Alexander dem Großen zerstörten Stadt Persepolis haben Reisende noch 1300 Figuren gezählt. Zweifelhaft ist es jedoch, ob die Bildhauerkunst den Persern früher bekannt war als den Griechen, bei welchen Dädalus im 14. Jahrh. v. Chr. der erste ausgezeichnete Bildhauer war. Vor ihm kennt man nur höchst rohe Versuche der Bildhauerkunst, z.B. unten spitzig zulaufende Säulen, auf die man Köpfe setzte und aus denen die nachmaligen Hermen entstanden. Von Dädalus aber wird zuerst gerühmt, daß er Statuen mit nichtanliegenden Armen und getrennten Füßen dargestellt habe. In Marmor fing man erst um 770 v. Chr. an zu arbeiten, auf die höchste Stufe erhob sich aber die griech. Kunst im Zeitalter des Perikles (s.d.) im 5. Jahrh. v. Chr., durch Phidias. In seinen Werken und in denen seiner Schüler war das Große und Erhabene vorherrschend, welches hundert Jahre später durch Skopas und Praxiteles vom Schönen, sowie dieses zum Theil vom Gezierten und Überladenen verdrängt wurde, bis 164 v. Chr. Griechenland als Provinz dem röm. Reiche einverleibt wurde und die griech. Künstler nun den schon vorher als Kriegsbeute nach Rom gewanderten vaterländischen Kunstschätzen dahin nachfolgten. Die Kunst fand hier aber keine neue Heimat; zwar erhielt sie sich noch bis um die Mitte des 2. Jahrh. auf einer gewissen Höhe, verfiel aber in den nächsten 100 Jahren so, daß die alte Kunst schon vor Konstantin dem Großen untergegangen war, worauf auch noch die Einfälle roher Völker Zerstörung über die alten Kunstwerke brachten. Im Mittelalter erhielt sich vorzüglich durch die Baukunst und durch Ausführung steinerner Grabmäler und Heiligenbilder die Kunstfertigkeit der Bearbeitung der Steine; allein es gibt auch einzelne Denkmäler, meist Säulen, Heiligenschreine und Altäre, in welchen sich ein höheres Kunststreben ausspricht. Dahin gehören z.B. der Kasten des h. Dominicus zu Bologna von Nicol. von Pisa, in Deutschland der Hochaltar in Marburg aus dem 13., der schöne Brunnen in Nürnberg aus dem 14. Jahrh. Doch erst im 15. Jahrh. wurden in Italien die großen Meister Donatello und Lorenzo Ghiberti Wiederhersteller der Bildhauerkunst. Gleichzeitig wurde man auf die vom Alterthume hinterlassenen Kunstwerke aufmerksam, spürte ihnen eifrig nach, suchte die verstümmelten zu ergänzen und vorzüglich durch das Beispiel der Familie Medici in Florenz verbreitete sich im 15. und 16. Jahrh. nicht nur bei den ital. Fürsten, sondern fast in ganz Europa eine neue Begeisterung für die Kunst. Es entstanden Museen und Kunstakademien, welche dem Talente Gelegenheit gaben, sich zum Meister zu bilden; den größten Einfluß auf die Richtung der Kunst übte jedoch während dieses Zeitraums Mich. Angelo (s.d.) aus. Die Muster der alten Kunst erreichte indessen keiner der Meister dieser Epoche und sehr bald entfernte sich die Bildhauerkunst abermals noch mehr von jenen erhabenen Vorbildern, indem sie sich von dem in der Baukunst eingerissenen prunkhaften Geschmacke auf denselben Abweg verleiten ließ. So kam es denn, daß im 17. Jahrh. Giovanni Lorenzo Bernini, aus Neapel mit seiner leichten, zwar nicht völlig geistesarmen, allein gezierten und unnatürlichen Manier der gefeierte Künstler des Jahrhunderts und von seinen Zeitgenossen ein anderer Michel Angelo genannt wurde, weil er sich gleich diesem auch als Maler und Baumeister hervorthat. Seine Nachahmer brachten die Kunst immer weiter herab, allein sie fanden doch Lobredner ihrer Verschrobenheit an den Franzosen, welche damals in Europa den Ton angaben. Aus dieser Versunkenheit wurde um die Mitte des vorigen Jahrh. die Kunst durch J. J. Winckelmann's (s.d.) tiefe Einsicht in den Geist der Antike (s.d.) zu der Einfachheit und wahren Schönheit zurückgeführt, und mit ihm beginnt die Periode der Bildhauerkunst, in der wir uns noch befinden. Mit erneuerter Begeisterung begann das Studium der noch. vorhandenen altgriech. Kunstwerke und Antonio Canova (s.d.) war der Erste, welcher in Italien eine neue, noch bestehende Schule für die Bildhauerkunst stiftete und ihr die öffentliche Theilnahme wieder zuwendete. Neben und nach ihm glänzen der Däne Thorwaldsen (s.d.) und eine Reihe deutscher Künstler, wie Alexander Trippel aus Schafhausen, gest. 1793 zu Rom; Friedr. v. Zauner, gest. zu Wien 1822 als kais. Hofbildhauer; Joh. Heinr. v. Dannecker in Stuttgart; Schadow d. Ä., Christian Friedr. Tieck, Christian Rauch, die Gebrüder Wichmann in Berlin; Konr. Eberhardt, Ludw. Schwanthaler in München u. A. In Frankreich zeichneten sich vorzüglich Antoine Denis, Chaudet, Niccolo Bosio, David Cortot und P. I. David, in England Francis Chantrey und Bailey aus.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1837., S. 251-252.
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