Alpen

[58] Alpen (die), Europas größtes Gebirge, reichen vom mittelländ. Meere bis zu den Ufern der Donau und der östl. Küste des adriat. Meeres, sind 150 M. lang und 20–40 M. breit, nehmen einen Flächenraum von etwa 6000 ! M. ein und bilden die feste, nur an wenigen Stellen zu überschreitende Scheidewand zwischen dem südl. und nördl. Europa. Diese Gebirgskette, welche vom mittelländ. Meere bis gegen den Genfersee nördl., von da bis zur Donau östl. Hauptrichtung hat, wird auf folgende Weise eingetheilt: 1) Die Meeralpen beginnen an der Küste des mittelländ. Meeres zwischen Toulon und Oneglia, scheiden Piemont von der ehemaligen Provence und dem Meere und enden bei dem Monte Viso. An sie schließen sich an: 2) die cottischen Alpen, welche bis zu dem 11,000 F. hohen Mont Cenis reichen; ihre bedeutendsten Spitzen sind der Olan, gegen 12,000; der Pelvoux de Valouisse, über 12,500; der Monte Viso, gegen 12,000; und der Genevre, 11,050 F. hoch. 3) Die grauen Alpen beginnen mit dem Cenis, ziehen sich über den 12,450 F. hohen Iseran und den 9000 F. hohen kleinen Bernhard bis zum Col de bon homme und scheiden Savoyen von Piemont. Hierauf folgen 4) die penninischen Alpen vom Col de bon homme bis zum 14,200 F. hohen Monte Rosa; sie scheiden Savoyen und Unterwallis von Piemont und zu ihnen gehört der höchste Berg Europas, der Montblanc, 14,750 F., und der große Bernhard, 10,400 F. hoch. 5) Die Schweizeralpen erstrecken sich bis zum Moschelhorn und Bernardino und bilden durch einen nördl. laufenden Zweig die Berneralpen. Die höchsten Spitzen derselben sind das Finsteraarhorn, 13,200; die Jungfrau, 12,850; der Mönch, 12,650; das Schreckhorn, 12,600 und die Viescherhörner, 12,500 F. hoch. 6) Die rhätischen Alpen durchschneiden den Kanton Graubündten und Tirol auf der Grenze zwischen Salzburg und Kärnthen bis zum Dreiherrnspitz und scheiden hier Deutschland von Italien. Ihre höchsten Bergspitzen sind der Orteler, über 12,000; die Königswand, 12,000; der Wildspitzferner, 11,600; und der Zebru oder Königsspitz, 11,500 F. hoch. 7) Die norischen Alpen ziehen sich von dem Dreiherrnspitz an durch Kärnthen, Steiermark, Salzburg und Östreich bis nach Ungarn hin. Ihre höchsten Punkte sind der Großglockner in Kärnthen, 11,650; und das Weißbachhorn im Salzburgischen, 11,000 F. hoch. 8) Die karnischen Alpen heißen die Hochgebirge auf der Südseite des Drauflusses bis zur Quelle der Sau. 9) Die julischen Alpen sind eine Fortsetzung der karnischen vom 8800 F. hohen Terglou in Krain bis zum Balkangebirge, mit welchem sie sich in der europ. Türkei am schwarzen Meere endigen. Im engern Sinne aber versteht man unter Alpen die Hochgebirge, welche sich auf der Grenze zwischen Frankreich, der Schweiz und Italien erheben. Ihre Gipfel sind meist mit ewigem Schnee und Eis bedeckt, und auf ihren Abhängen lagern die Gletscher, ungeheuere Eisfelder, die kein Strahl der Sonne aufweicht. Viele Flüsse, wie der Rhein, die Rhone, der Inn, die Etsch, Aar, Adda, Reuß u.s.w. haben auf den Alpen ihren Ursprung; auch umschließen sie fischreiche Seen und zahlreiche Wasserfälle. Sie sind reich an Metallen und andern Mineralien, sowie an nahrhaften Futterkräutern und schönen, eigenthümlichen Pflanzen. Unter den letztern zeichnen sich besonders das Alpenglöckchen aus mit rundlichen dunkelgrünen Blättern und einem sechs Zoll hohen Stengel, von dessen Spitze mehre glockenförmige, am Rande franzenähnliche, blaue Blüten herabhängen, und die Alpenrose mit lieblichen rosenrothen Blütentrauben. Den Alpen eigenthümliche Thiere sind der Steinbock, die Gemse, der Luchs, der Alpenbär und das Murmelthier; der weiße Alpenhahn, der Lämmergeier, das Schneehuhn, der Auerhahn und andere Jagd- und Raubvögel.

Hinsichtlich ihrer Höhe werden die Alpen in folgende Hauptmassen eingetheilt: 1) Die Hochalpen, welche sich über die Schneelinie oder im Durchschnitt 8000 F. über der Meeresfläche erheben; sie sind meist nackte, mit Schnee und Eis bedeckte Felsen, auf denen nur an wenigen Stellen einige flechtenartige Pflanzen ein ärmliches Fortkommen finden. Eine der schönsten Erscheinungen, vorzüglich an den Hochalpen, ist das Glühen derselben am Morgen und Abend. Wenn nämlich am frühsten Morgen der wolkenlose Himmel im O. sich zu röthen beginnt und die umliegende Erde noch in tiefe Nacht gehüllt ist, da erglühen zuerst die höchsten Gipfel der Alpen, die dann, noch ehe der Tag zum Thale herabsteigt, während der niedere Theil des Gebirgs im rosigen Schimmer sich darstellt, schon wieder silberweiß ihre beschneiten Häupter erheben. Ebenso prachtvoll ist ihr allmähliges [58] Erglühen bis zu den äußersten Spitzen beim Untergange der Sonne. Eine andere aber furchtbare Erscheinung der Hochalpen sind die Lavinen, die sich mit furchtbarer Gewalt in die Thäler herabstürzen und ungeheure Verheerungen anrichten. 2) Die Schafalpen steigen von 6200 F. bis zur Schneelinie auf; man findet auf ihnen die schönsten Alpenpflanzen, bis sie sich in der Nähe der Schneelinie in niedrige Moose und Flechten verlieren. 3) Die Kühalpen, 4000–6200 F. hoch, gewähren durch ihren üppigen und kräftigen Pflanzenwuchs im Sommer den Heerden reiche Nahrung; und 4) die Voralpen, 2800–4000 F. hoch, die zur Frühlings- und Herbstweide dienen. In dieser Region gedeiht noch der Kirschbaum, die Rothbuche, Sommergetreide und Hanf und am untern Saume Winterweizen, Gerste, Zwetschenbäume und Eichen. Die Thalregion steigt bis auf 2800 F. auf und es gedeihen bis zu dieser Höhe Nuß-, Birn-, Apfel- und Kastanienbäume; der Weinstock und der Maulbeerbaum dagegen in sonnigen Lagen höchstens 1800 F.; am besten aber unter 1200 F. Auf der Südseite der Alpen steigen die Vegetationsgrenzen um 2–300 F. höher und der Feigenbaum kommt dort noch über 1000 F. hoch fort Die Bewohner der Alpen vom Monte Rosa bis zum Terglou sind ein schöner, kräftiger Menschenschlag, einfach, muthig, ausdauernd, kunstsinnig, freiheitliebend und zum Frohsinn geneigt; aber auch starrsinnig, am Alten hängend, abergläubisch, in der Liebe ausschweifend und strichweis träge. Sie nähren sich vorzüglich von der Viehzucht, von der Jagd, in einigen Theilen vom Bergbau, und an den zahlreichen Alpenpässen, von denen die vornehmsten über den Mont Cenis, den kleinen und den großen Bernhard, den Simplon, den Gotthardt, Bernhardin, Splügen, Septimer, Bernina, das wormser Joch, mit der höchsten fahrbaren Straße in Europa, den Brenner und die radstädter Tauern führen, vom Waarentransport und als Saumer.

Die Alpenbewohner bezeichnen mit dem Namen Alpen oder Alp, in Tirol Alme, insbesondere auch die Bergweiden, wo sie im Sommer mit ihren Rinderheerden hinziehen und die sogenannte Alpenwirthschaft betreiben. Diese Alpen sind in der Schweiz entweder Eigenthum ganzer Gemeinden und werden pachtweis und gemeinschaftlich befahren, d.h. abgeweidet, oder sie gehören Privatpersonen. Ihre Zahl ist sehr bedeutend, ihre Größe aber verschieden; so weiden auf den glarner Alpen gegen 10,000, auf den urner ebenso viele, auf den schwizer mehr als 20,000, auf den appenzeller über 25,000 Kühe u.s.w. Wenn im Frühlinge der Senne oder Küher, d.h. der Hirt, mit seiner Sennte oder Senntum, den zur Weide bestimmten Kühen, seine Alpauffahrt hält und das Dorf verläßt, erhält jede Kuh eine Schelle am Hals, auch Trikhle genannt, womit die Sennen oft großen Aufwand machen. Die größte Schelle aber ziert die Heerkuh oder Riegerin, die stärkste der ganzen Sennte. Den Zug selbst eröffnet der Senne, mit Blumensträußern und Bändern geschmückt, in der Hand das Alpenhorn; vor ihm her gehen wol auch drei weiße, ganz zahme Ziegen und sein Hund; unmittelbar nach ihm folgt die geputzte Heerkuh und dieser in geordneter Reihe die übrigen; den Zug schließt der Heerdstier, zwischen dessen Hörnern der einfüßige Melkstuhl, mit Blumen umwunden, befestigt ist. Der Zusenn oder Meisterknecht und der Kühbub begleiten, ebenfalls geschmückt und den Melkeimer auf dem Rücken, den Zug. Das wenige Geräthe, der Käsekessel Und die hölzernen Milchnäpfchen, werden auf einem Saumrosse nachgeführt und ein eigner Treiber bringt das Geltvieh und die Schweine auf die Alp. Auf jeder Alp ist eine kleine, aus übereinander gelegten Stämmen gebaute, mit Dachspänen, die mit Steinen beschwert werden, gedeckte Sennhütte, mit der nöthigen Einrichtung zur Bereitung der Käse; unter dem Dache befindet sich die Schlafstelle der Hirten, die auf der Alp kein anderes Bett als das Heu kennen. Neben der Sennhütte ist ein ähnlich gebauter Käsespeicher, häufig mit einem Milchkeller. Auch befinden sich hier einige hölzerne Ställe, wo das Vieh bei schlechter Witterung eingestellt werden kann. Die Kühe weiden frei; am frühen Morgen tritt der Senn aus seiner Hütte, bläst in sein langes weit schallendes Alpenhorn von Birkenrinde oder jodelt den Kuhreihen; auf diesen Ruf erscheinen am Morgen und Abende die Kühe auf dem Platze, wo sie gemolken werden. Hierauf wird die Milch gesondert, mit der am Abend vorher gewonnenen im Kessel gesotten, mit Käselab geschieden und aus dem fetten Niederschlage der Käse geformt; auch Butter und Milchzucker bereitet. Ist dieses Geschäft vollendet und das Geschirr gereinigt, so ist die Arbeit der Sennen gethan, die dann die übrige Zeit des Tages meist in Unthätigkeit zubringen. Die Nahrung dieser Hirten ist sehr einfach; Milch, noch mehr Molken und Zieger, d.i. ganz frischer Käse, sind beinahe das Einzige, was sie genießen. Selten haben sie ihre Frauen und Kinder bei sich, die im Thale die Hauswirthschaft besorgen müssen. In den Schafalpen weiden unter der Aufsicht der Gais- und Schafbuben Ziegen und Schafe, deren Milch ebenfalls zur Käsebereitung benutzt wird. Das an den dem Vieh selbst unzugänglichen Stellen wachsende Gras wird von sogenannten Wildheuern, oft mit Lebensgefahr, abgemäht.

Während die Hirten auf den Alpen leben, werden in verschiedenen Gegenden der Schweiz Alpenfeste gefeiert; da erscheinen rüstige, lebensfrohe Männer, um sich im Schwingkampfe zu versuchen, oder den Stein zu stoßen und in andern körperlichen Übungen ihre Kraft zu zeigen; die Berge ertönen dann vom Wiederhalle der Kuhreihen und dem Gejodel der Hirten und Alles jubelt in Freude und Fröhlichkeit. Bricht der Spätherbst herein, so wird, nachdem allmälig die obern Regionen verlassen worden sind, die Alpabfahrt auf dieselbe Weise wie die Auffahrt gehalten. Unter den Alpenbewohnern leben noch sehr viele Mährchen und Sagen von Zwergen, Berggeistern, fliegenden Drachen u.s.w., viele Überlieferungen von Kämpfen mit wilden Thieren, vorzüglich Bären. Die Hirten sind in der Regel gute Erzähler, und zeichnen sich in vielen Gegenden durch Gastfreundschaft gegen die Fremden aus, die sie auf ihrer Alp besuchen. Nicht in so ausgedehntem Grade wie in den Schweizeralpen, wird die Alpwirthschaft auch in Savoyen, in Tirol, im Vorarlberg, im Allgau, auf den bairischen, salzburger und übrigen Alpen betrieben.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1837., S. 58-59.
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