Lavinen

[708] Lavīnen, in der Schweiz Lauwinen, Leue, Lowen u.s.w., in Tirol und Salzburg Lähnen, Schneelähnen, heißen die Schnee- und Eismassen, welche in den höhern Gebirgen mit zunehmender Größe, Gewalt und Geschwindigkeit von den höher gelegenen Gegenden in die tiefern nicht selten herabstürzen und dabei sowol durch ihre eigne Masse als durch die sturmartige Bewegung der Luft, welche sie veranlassen, große Verwüstungen anrichten. Nachdem sich Schnee- und Eismassen auf hohen Gebirgen gesammelt und oft zu überhängenden Massen angehäuft haben, reicht oft eine Kleinigkeit, eine Lufterschütterung, ein Windstoß, das Auffliegen eines Vogels hin, diese Massen zum Schwanken und Herabstürzen zu bringen. Rollen sie über Schneemassen hin und ist namentlich vorher Thauwetter eingetreten, so hängen sich an sie immer neue Schneemassen an und die ganze in Bewegung gesetzte Masse kann auf diese Weise eine ungeheure Größe erlangen. Die gewöhnlichste Ursache der Lavinen ist das Thauwetter, durch welches die am Boden schmelzenden Schneemassen an den Abhängen herabzurutschen beginnen, bis sie sich überstürzen. Man unterscheidet nach Beschaffenheit der stürzenden Masse, nach begleitenden Umständen und nach der Zeit des Vorkommens Staublavinen, Wind-, Grund-, Schlag-, Eis-oder Gletscher-, Winter-, Sommerlavinen. Bei den Staub- oder Windlavinen ist der Schnee nicht in großen Massen zusammengeballt, sondern fällt mehr in Gestalt eines sehr dichten Schneegestöbers, oder schießt an den Abhängen der Gebirge wie ein in Schaum sich auflösender Wasserfall hernieder. Sie entstehen dadurch, daß der Wind den frisch gefallenen Schnee herabweht. Die schrecklichsten Verheerungen richten die Schlaglavinen an, welche aus festen Schneemassen bestehen. Nicht allein zerschmettern sie Alles, was sie im Sturze treffen und begraben die Trümmer unter sich, sondern sie erschüttern zugleich die Luft so gewaltig, daß noch in bedeutender Entfernung von dem Orte ihres Niederfalles Hütten niedergerissen, Menschen zu Boden geworfen werden. Zuweilen verstopft solch eine Lavine das Bett eines Flusses, sodaß sich das Wasser desselben stauet und bedeutende Überschwemmungen anrichtet. Die Grundlavinen überstürzen sich nicht wie die eben erwähnten, sondern gleiten langsamer an den Bergrücken herab. Gletscher- oder Eislavinen entstehen durch das Zerbrechen der (bekanntlich fortschreitenden) Gletscher. Beispiele von Fällen, wo Menschen und menschliche Wohnungen durch Lavinen verunglückt sind, kommen fast jährlich vor, zum Theil schreckliche. So wurden 1624 in der ital. Schweiz durch eine Lavine von dem Berge Cassedra 300 Menschen begraben. Zuweilen sind die von Lavinen Verschütteten noch auf fast wunderbare Weise gerettet worden, indem sie sich unter der Schneemasse Tage lang lebend erhielten, bis es gelang, sie auszugraben.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1838., S. 708.
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