Gothen

[244] Gothen (die), einer der mächtigsten altdeutschen Völkerstämme, treten zuerst 215 n. Chr. in der Geschichte bedeutend auf, trugen nachmals zum Umsturz der röm. Macht bei und herrschten in Frankreich (Gallien), Spanien und Italien. Eigne Geschichtschreiber der Gothen aus späterer Zeit führen den Ursprung ihres Volks auf die skandinavische Halbinsel zurück und noch gegenwärtig gibt es in Schweden ein Westgothland und ein Ostgothland. Von hier aus sollen die Gothen in drei Fahrzeugen nach den Mündungen der Weichsel sich übergesiedelt haben. Den Namen der West- und Ostgothen sollen sie schon aus ihren ursprünglichen Sitzen in Skandinavien mitgebracht haben, und da das dritte der erwähnten Schiffe auf der Überfahrt zurückgeblieben, so soll die Mannschaft desselben und die nachher aus ihr erwachsende Nation den Namen der Gepiden, d.h. Zauderer, erhalten haben. Im Anfange der christl. Zeitrechnung werden Gothen in den Gegenden um die untere Weichsel gefunden, und von hier brachen sie nachher auf und wanderten fast überall siegreich und die Völkerstämme, auf welche sie stießen, mit sich verbindend und fortreißend, nach dem schwarzen Meere zu. Sie wurden zu einer großen und weithin herrschenden Völkerschaft, und bald brachen sie unter ihrem Könige Kniwa in die röm. Provinzen verheerend ein und schritten über den Dniestr und die Donau. Vergebens suchte der röm. Kaiser Decius sie mit Waffengewalt zurückzutreiben; er wurde geschlagen und kam endlich selbst in einer Schlacht (251) gegen die Gothen um und sein Nachfolger sah sich zu den schimpflichsten Friedensbedingungen gezwungen. Es wurde den Gothen ein jährlicher Tribut zugesichert. Am weitesten dehnte sich die Macht der Gothen im 4. Jahrh. unter ihrem Könige Armanarich oder Hermanrich aus, dessen Eroberungen sich von dem schwatzen Meere und der Donau über die Moldau, Walachei, Ungarn, Polen und Preußen, bis an die Ostsee erstreckten. Die Gothen waren der erste deutsche Volksstamm, welcher die christliche Religion annahm und der Bischof Ulfilas der in Mähren wohnenden Mösogothen übersetzte um 360 das Neue Testament in die goth. Sprache und erfand zugleich die erste deutsche Schreibschrift. Die beiden Haupttheile der Gothen, die Ostgothen oder Greuthunger und die Westgothen oder Therwinger wurden von verschiedenen Königsgeschlechtern beherrscht, nämlich jene von den Amalern, diese von den Balten. Als gegen Ende des 4. Jahrh. die Hunnen (s.d.) mit unwiderstehlicher Gewalt gegen die Ostgothen anstürmten und diese wieder die Westgothen drängten, schickten die letztern eine Botschaft an den Kaiser Valens nach Konstantinopel mit der Bitte um Aufnahme jenseit der Donau, welche man gewähren mußte. Sie wurden aber von den röm. Statthaltern bedrückt und rächten sich mit den Waffen. Kaiser Valens zog ihnen entgegen, wurde besiegt und kam selbst um. Mit Mühe gelang es seinem Nachfolger Theodosius, die empörten Gothen zu schwächen und zu beruhigen, indem er ihnen Thracien einräumte. Die Ostgothen, welche 386 an der Donau eine große Niederlage erlitten hatten, gingen theils nach Kleinasien, theils schlossen sie sich den Hunnen an. Aufs neue erhoben sich die Westgothen unter ihrem großen Könige Alarich. Griechenland wurde verheert und geplündert und 410 Rom erobert. (S. Alarich.) Nach dem frühen Tode Alarich's ward dessen Schwager Athaulf König, welcher die Schwester des röm. Kaisers Honorius heirathete und dann nach Gallien und Spanien zog. Hier gründeten er und sein Nachfolger Wallia das große westgoth. Reich, dessen Hauptstadt Toulouse war und dessen letzter König Roderich 711 gegen die aus Afrika eingedrungenen Araber fiel. – Nach dem Tode des Hunnenkönigs Attila (s.d.) waren die Ostgothen wieder unabhängig geworden und erhielten Wohnsitze in Pannonien und Slawonien und Jahrgelder von Konstantinopel. Nachdem aber das weström. Reich 476 durch Odoaker gefallen und dieser sich zum König von Italien gemacht hatte, reizte der oström. Kaiser Zeno den König der Ostgothen, Theodorich, nach Italien zu ziehen. Dieser stiftete ein neues ostgoth. Reich, zu welchem auch bedeutende Theile Deutschlands gehörten, und wurde 493 zu Ravenna als König von Italien gekrönt. Theodorich beschützte nach Kräften Künste und Wissenschaften. suchte [244] den Ackerbau und Gewerbfleiß zu heben und durch weise Gesetze und Einrichtungen dem neuen Staate längere Dauer zu sichern. Dennoch hielt sich derselbe, nach Theodorich's Tode, 526, nur noch kurze Zeit und erlag 553 den Heeren des oström. Kaiserreichs.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1838., S. 244-245.
Lizenz:
Faksimiles:
244 | 245
Kategorien: