Gothen

[496] Gothen, ein germanisches Volk, welches nach Plinius schon im 4. Jahrh. v. Chr. von dem Reisenden Pytheas unter dem Namen Guttŏnes an der Ostsee östlich der Weichsel angetroffen wurde u. bei Tacitus u. Ptolemäus unter dem Namen Gothōnes (Gythōnes) in derselben Gegend wohnte.

I. Genaueres über ihre Wohnsitze an der Ostsee, wohin sie nach einer im Volke zwar selbst verbreiteten aber unbegründeten Sage aus einer Insel Scandia (Skandinavien) eingewandert sein sollten, läßt sich nicht mehr bestimmen, doch hatten sie im 1. Jahrh. n. Chr. wahrscheinlich das Land zu beiden Seiten der unteren Weichsel östlich bis über die Passarge hinaus zu den Grenzen der Winidi inne. Binnenwärts scheinen jedoch die G. schon frühzeitig ihre Wohnsitze weiter ausgedehnt zu haben, da schon zur Zeit des Tiberius im J. 19 n. Chr. ein gothischer Edler Katualda erwähnt wird, der mit einer Schaar G. die Residenz des Marbod überrumpelte u. diesen zur Flucht nöthigte. Im Anfange des 3. Jahrh. stehen die G. bereits als mächtiges Volk an den Küsten des Schwarzen Meeres u. an den Mündungen der Donau u. treten hier den Römern gegenüber. Schon Caracalla soll in einigen Treffen über die G. gesiegt haben; Alexander Severus mußte Letztern bereits Jahresgelder zahlen, um sie von den Einfällen in das Römische Reich fern zu halten. Da die G. zum großen Theil auch die Länder besetzt hatten, welche früher das thracische Volk der Ceten (welche von Einigen für die wirklichen Vorfahren der G. gehalten werden) bewohnte, so werden bei den Schriftstellern der spätern Kaiserzeit die Namen der Geten u. G. (selbst von Jornandes, vgl. J. Grimm, Über Jornandes u. die Geten, Berl. 1847) gleichbedeutend gebraucht. Wie wahrscheinlich schon in ihren ursprünglichen Wohnsitzen um die Weichsel, theilten sich die G. auch in ihrer neuen Heimath in Ostgothen od. Greuthungen u. Westgothen od. Thervinger. Vgl. Eisenschmidt, De origine Ostrogothorum et Wisigothorum, Jena 1835. Unter Kaiser Philippus (244–49) nahmen die G. Besitz von Dacien u. belagerten in hl Moesia secunda die Hauptstadt Marcianopolis, welche sich durch eine große Summe Geldes freikaufte. Nachdem sie hierauf die Gepiden, welche unter König Fastida in das gothische Gebiet eingefallen waren, bewältigt hatten, verheerten sie abermals Mösien, wichen Anfangs vor dem Kaiser Decius (250 n. Chr.) bei Nicopolis zur ück, vernichteten aber bald darauf das ganze römische Heer, plünderten Philippopolis u. ergossen sich plündernd über ganz Macedonien bis zu den Thermopylen. Hier zur Rückkehr gezwungen, vernichteten sie 251 in Mösien bei Abrutum od. Forum Trebonii abermals ein römisches Heer, wobei Decius selbst fiel. Den letztern Plünderungszug machten sie unter ihrem Könige Kniva, dem Nachfolger Ostrogothas aus dem Geschlechte der Amaler (aus welchem Geschlechte die Ostgothen ihre Könige wählten, während die der Westgothen aus dem Geschlechte der Balthen stammten) Nachdem den G. vom Kaiser Gallus Tribut versprochen worden war, zogen sie sich wieder über die Donau zurück. Bei ihrer Ausdehnung am Schwarzen Meere hatten die G. auch den Cimmerischen Bosporus (die Krim) erobert u. waren dadurch in den Besitz einer Flotte gelegt. Sie segelten erst 253 nach Pityus, das sie aber jetzt vergeblich[496] belagerten. Auf einem zweiten Zuge nahmen sie jedoch auch diese Stadt, ebenso auch Trapezunt, wo sie eine Flotte erhaschten, mit der sie 258 nach ihren Niederlassungen am Asowschen Meere zurückkehrten. Auf einem neuen Zuge (250) gegen den Thracischen Bosporus eroberten die G. ferner Chalcedon, Nicomedia, Nicäa, Prusa, Apamea, Cius. Viel verheerender wurde ein dritter Zug, den sie mit 500 Schiffen unternahmen; sie zerstörten Cyzikus, fuhren in das Ägäische Meer, landeten bei Athen im Piräus u. verheerten u. plünderten den ganzen Peloponnes u. namentlich die Illyrische Halbinsel. Ihren größten Seezug machten die G. 269, wo sie, wenn auch unter großen Verlusten in Thracien u. an der kleinasiatischen Küste, Kreta u. Cypern verwüsteten, Cassandria u. Thessalonich hart belagerten, aber durch Kaiser Claudius II. bei Naissus in Dardania gänzlich auf das Haupt geschlagen wurden. Obgleich geschwächt, beunruhigten jedoch gothische Stämme auch in den folgenden Jahren das Römische Reich, u. Aurelian mußte ihnen 272 Dacien vollständig überlassen. Seitdem verhielten sich die G. an 50 Jahre ruhig, außer daß sie unter Kaiser Tacitus einen für sie unglücklichen Einfall in Kolchis u. Kleinasien machten. Die Ostgothen kämpften unterdessen mit Burgundern u. Alanen, die Westgothen waren siegreich gegen die Vandalen u. Gepiden. Unter Constantin 322 kam es wieder zum Kampfe mit den Römern, doch ward bald Friede geschlossen. Im J. 331 überschritt der Gothenkönig Ararich die Donau, siegte im ersten Treffen gegen Constantin, blieb aber in der zweiten Schlacht im Nachtheil u. schloß Frieden. Letzter währte 30 Jahre hindurch. Während dieser Zeit stand Hermanrich an der Spitze der G., unter welchem die gothische Macht ihren Glanzpunkt erreichte. Mit den Römern in Frieden lebend, unterwarf er die Alanen u. Roxolanen am Don, die Heruler am Mäotischen See, die Veneter u. Ästyer, so daß sich seine Herrschaft vom Schwarzen Meere bis zur Ostsee erstreckte. Da Hermanrich dies große Reich nicht übersehen konnte, so setzte er über die Süd- u. die Westgrenze den Athanarich mit fast unbeschränkter Herrschaft. Unter ihm begannen die Kriege der G. mit den Römern wieder: Valens griff sie an, weil sie den Empörer Prokopius unterstützt hatten (367–369); doch wurde nach unwichtigen Vorfällen Friede geschlossen. Damals erhielt auch Athanarich die Herrschaft über die West-G. unabhängig von Hermanrich, u. um diese Zeit fällt auch die Einführung des Christenthums bei den West-G.; sie erhielten dasselbe durch ihren Bischof Ulfilas (s.d.) nach arianischen Lehrsätzen, doch wich Ulfilas in einigen Punkten von Arius ab u. folgte mehr dem Eunomius. Neben dem Arianismus faßte auch der Audianismus unter den G. Platz, da Audäus (s.d.) ein thätiger Missionär unter ihnen war; seinen eigenthümlichen Ansichten von dem Ebenbild Gottes u. der besonderen Osterfeier widersprach auch Ulfilas. In der Folge blieben auch Spaltungen unter den G. nicht aus, in welcher Beziehung bes. Marinus merkwürdig geworden ist, dessen Anhänger wieder in Parteien zerfielen. Vgl. Krafft, Kirchengeschichte der germanischen Völker, Berl. 1854, 1. Bd. Nachdem um 370 die Ost-G. von den Hunnen unterworfen worden waren, wurden die West-G. von Beiden hart bedrängt. Ein Theil der Letztern ersuchte den römischen Kaiser um Aufnahme u. zog unter Fridigern u. Alaviv 375 über die Donau, um die ihnen angewiesenen Wohnsitze in Mösien einzunehmen; Athanarich selbst hielt es für schimpflich, bei Kaiser Valens Gnade zu suchen, u. zog sich in die Gebirge zurück. Die G. in Mösien (Mösogothen, Gothi minores), ein ackerbauender Stamm, verschwand seit dem Zuge der Ost-G. nach Italien dem Namen nach.

II. Seit diesen Ereignissen trennt sich die Geschichte der Ost-G. von der der West-G. A) Ostgothen (Austrogothi, Ostrogothi). Die Ost-G., welche nach dem Abzuge der West-G. allein an der Donau wohnten, standen jenseit derselben unter hunnischer Herrschaft, diesseit unter römischem Schutz. Jene gehorchten, den Hunnen ungern, denn obgleich dieselben in ihrer Verfassung nichts geändert, ja ihnen sogar ihre Könige gelassen hatten, so waren sie doch ihren Siegern zur Heerfolge verpflichtet u. hatten das Recht verloren, Andere willkürlich zu befehden. Zu der Zeit, da Attila 451 nach Gallien zog, standen 3 Brüder, Walamir, Theodemir u. Widemir, Söhne Winithars u. Enkel Wuldulfs, des Bruders von Hermanrich, aus dem Geschlecht der Amaler, an ihrer Spitze; da sie Attilas Tod hörten (453), erhoben sie sich gegen dessen Söhne u. erkämpften sich durch die Schlacht am Netad ihre Freiheit. Gedrängt von den Gepiden, erhielten sie auf ihr Begehren vom Kaiser Marcian Pannonien (den westlichen Theil Ungarns) u. theilten sich in dies Land. Ein Einfall in Illyrien verschaffte ihnen Tribut von den Griechen. Da ihnen Pannonien zu enge wurde, so beschlossen, nach Walamirs Tode, 462, die beiden anderen Brüder, auf Eroberungen auszuziehen; Theodemir zog nach dem Orient, Widemir nach dem Occident, starb aber in Italien, u. nach ihm nahm die Führung sein Sohn Widemir; dieser wurde vom Kaiser Glycerius durch Geld von Italiens Grenzen abgewiesen (474) u. trat in Verbindung mit den West-G. in Gallien. Theodemir machte Eroberungen im Orient, unterstützt von seinem Sohne Theoderich, welcher auch nach des Vaters Tode (474) als König der Ost-G. anerkannt wurde. Theoderich verlangte von dem byzantinischen Kaiser Zeno die Abtretung Nieder-Mösiens u. Nieder-Daeiens u., um ihn los zu werden, wies ihn Zeno nach Italien, um Odoaker dort zu vertreiben u. Italien zu nehmen. 488 zogen die Ost-G. mit Weibern u. Kindern aus, stiegen nach manchen harten Kämpfen über die Julischen Alpen nach Italien u. hatten bis 490 ganz Italien erobert, bis auf Ravenna, welches sich erst nach drei Jahren, nach Odoakers Ermordung, ergab. Nun wurde Theoderich vom römischen Senat zum König von Italien ernannt u. wurde so Stifter des großen Ostgothischen Reiches in Italien, das sich über Italien u. Sicilien erstreckte u. zu welchem auch jenseit der Alpen nach u. nach Dalmatien, Pannonien u. ein Theil der Provence, Noricum u. Rhätien kam; die Residenz war Ravenna. Ein Drittheil dieser Ländereien erhielten die G., das Andre blieb den Italern, welche übrigens ihre Gesetze u. Sitten behielten. Nachdem Theoderich 10,000 Byzantiner, welche Kaiser Anastasius unter Anführung des Sabinianus gegen ihn geschickt, geschlagen hatte, vertrieb er 508 auch eine griechische Flotte, welche die Ostküste Italiens verheerte. 523 erwarb er einen Theil von Burgund u. starb 526, nachdem er seinen früheren [497] Ruhm großer Regentenweisheit u. Tugend durch Härte u. Grausamkeit geschmälert hatte, s.u. Italien (Gesch.). Sein Nachfolger war sein Enkel Athalarich, der Sohn seiner Tochter Amalaswintha u. des Ost-G. Eutharich. Da Athalarich erst 10 Jahre alt war, so führte seine Mutter die Regierung, u. als Athalarich in Folge seiner Ausschweifungen 534 starb, blieb sie Regentin u. nahm ihren Vetter Theodahat zum Gemahl u. Reichsgenossen an. Von ihren Gegnern gereizt, ließ aber Theodahat bald nach seiner Erhebung die Königin auf eine Insel im Bolsener See verbannen u. dort erdrosseln. Unter dem Vorwande, sie zu rächen, sandte Justinian den Belisar gegen ihn (Gothischer Krieg). Belisar eroberte Sicilien u. machte auch in Italien selbst rasche Fortschritte. Da setzten die Ost-G. 537 den feigen Theodahat ab u. an dessen Stelle Witigis ein. Dieser focht mit abwechselndem Glück, überließ den Franken, um dieselben für sich zu gewinnen, die Besitzungen der G. im Norden der Alpen, wurde aber von ihnen wenig unterstützt, gerieth endlich bei der Einnahme Ravennas durch Belisar 540 in byzantinische Gefangenschaft u. Wurde nach Constantinopel abgeführt. Da Belisar durch die Eifersucht seines Herrn abgerufen wurde, behaupteten Witigis Nachfolger, Ildebald, der nach einem Jahre von einem seiner Leibwächter ermordet wurde, u. nach ihm der Rugier Erarich sich mit einer Anzahl Ost-G. in Oberitalien. Nach Erarichs Sturz begann Totila, Witigis' Neffe, von Pavia aus Italien zu erobern; 541–546 hatte er Neapel u. die Städte Mittelitaliens genommen, 546 griff er auch Roman u. eroberte es nach siebenmonatlicher Belagerung. Zwar verlor er diese Stadt 547 wieder an Belisar, aber 549 kam sie wieder in seine Hände. Nun eroberte Totila auch Rhegium u. Tarent, unterwarf Sardinien u. Corsica u. schickte eine Flotte nach Griechenland. Obgleich Sieger, bot er dem Justinian den Frieden an; dieser aber schickte Narses gegen ihn, u. bei Taginä wurden 552 die Ost-G. geschlagen u. Totila blieb selbst. Teja, Totilas Nachfolger, kämpfte rühmlich in der Schlacht bei Cumä gegen Narses, bis er endlich fiel. Die meisten G. ergaben sich nun theils den Griechen, theils zogen sie über die Alpen, theils suchten sie Hülfe bei den Franken; vergebens sendeten diese Truppen unter Leuthar u. Bucelin, die Byzantiner blieben Sieger u. alle festen Städte ergaben sich. Seitdem verschwanden die Ost-G. aus der Geschichte.

B) Westgothen (Wisigothi, Wesegothen). Die West-G. hatten nach dem Abfall von den Hunnen Aufnahme in Thracien gefunden. Bald aber wurden sie hier den Byzantinern gefährlich u. schlugen 378 den Kaiser Valens bei Hadrianopel. Nicht lange nachher starb Fridigern, u. Athanarich, aus seinem Versteck in Sarmatien zurückgekehrt, wurde von den meisten westgothischen Stämmen als König anerkannt u. dadurch ein bevorstehender Zwiespalt, welchen bes. Modar nährte, unter den G. ausgeglichen. Athanarich schloß mit Theodosius Frieden u. besuchte den Kaiser 381 in Constantinopel; als er dort nach wenigen Wochen gestorben war, so blieb ein großer Theil G. unter dem Namen Foederati bei dem Kaiser u. die übrigen westgothischen Führer schlossen sich ihnen ebenfalls an. Die G. erkannten die Oberherrschaft des Kaisers an, hatten aber ihre eigene Gerichtsverfassung u. erbliche Häupter, aber keinen gemeinschaftlichen König. So lange Theodosius lebte, war Friede zwischen den Römern u. G.; als aber nach dem Tode des Theodosius den G. die jährlichen Tributgelder verweigert wurden, griffen sie, unter Alarich vereinigt, zu den Waffen, durchzogen verheerend Macedonien, Thessalien u. Griechenland, bis Arcadius den Alarich sich versöhnte u. ihm Ostillyrien übergab. Von dort machte er 400 einen Einfall in Italien, ging aber 403 wieder über den Po zurück; 408 erneuerte er seinen Angriff auf das Weströmische Reich, eroberte 410 Rom u. ging dann nach Unteritalien, von wo er nach Sicilien u. Afrika übersetzen wollte. Aber er starb vor Ausführung seines Planes u. wurde in das Bett des abgeleiteten Busientoflusses bei Cosenza begraben (s. Alarich). Nach Alarichs Tode wurde sein Schwager Ataulf, ein tapferer u. kluger Mann, König; er ließ sich mit seinen West-G. im jetzigen Toscana nieder, machte von 412 bis 414 bedeutende Eroberungen in Frankreich, zog 414 nach Spanien u. erkämpfte sich dort Catalonien u. Aragonien. Nachdem er 415 ermordet worden war u. sein Nachfolger, Sigerich, schon nach sieben Tagen ein gleiches Ende genommen hatte, wurde Wallia König. Dieser durchzog siegreich Spanien bis an die Meerenge von Gibraltar, welches Land er dem Honorius gegen den Empfang von Aquitanien (d.i. dem Reich an der Garonne bis aus Meer nebst Toulouse) eroberte. So wurde Wallia 419 Stifter des Westgothischen Reichs in Frankreich, zur Residenz wählte er Toulouse. Knrz darauf starb Wallia u. ihm folgte Theoderich I., Alarichs Sohn. Die Römer benutzten eine Fehde der Vandalen u. Sueven u. forderten die G. zum gemeinschaftlichen Kampf gegen jene auf; die G. griffen 420 die Vandalen an, wurden aber geschlagen u. verloren die Balearen, Carthagena u. Sevilla. Als die Vandalen Spanien 429 verließen, besetzten Römer u. G. die verlassenen Provinzen, bis sie von den Sueven geschlagenwurden. Mittlerweile hatte Theoderich den Römern mehrere Striche Galliens abgenommen u. war 425 bis vor Arles gedrungen, von wo ihn aber der römische Feldherr Aëtius zurücktrieb. Ein erneuter Angriff der G. 430 auf Arles u. 436 auf Narbonne mißlang ebenso; als aber der römische Feldherr Litorius 439 Toulouse belagern wollte, wurde er geschlagen u. die Römer mußten, um Gallien zu retten, Frieden mit Theoderich schließen. Der Vandalenkönig Hunerich hatte eine Tochter Theoderichs geheirathet u. dieselbe, da er glaubte, sie wolle ihn vergiften, ihrem Vater verstümmelt zurückgeschickt; da er deshalb Theoderichs Rache fürchtete, verband er sich mit dem Hunnenkönig Attila u. veranlaßte denselben, nach Gallien gegen die Westgothen zu ziehen. Theoderich verband sich mit den Römern, fiel aber 451 in der Schlacht bei Chalons gegen die Hunnen. Sein Sohn u. Nachfolger, Thorismund, wollte die Schlacht mit den Hunnen erneuern, aber Aëtius war dagegen. Thorismund wurde 453 von seinen Brüdern Theoderich u. Fridarich ermordet u. der Erstere, Theoderich II., folgte ihm als König. Er führte Kriege gegen die Sueven, welche er 456 bei Astorga schlug, u. bekämpfte seinen abgefallenen Feldherrn Agiulf; 460 fiel er durch Meuchelmord seines Bruders Eurich, welcher nun den Thron bestieg. Nachdem dieser 474 die Eroberung Spaniens vollendet u. sich darauf auch bis 478 ganz Südfrankreich bis[498] zur Loire unterworfen hatte, ließ er ein Gesetzbuch für sein Volk entwerfen, welches zum Theil noch in Aragonien gültig ist. 484 folgte ihm sein Sohn Alarich II.; dieser ließ 506 durch seinen Kanzler Anianus die Gesetze sammeln u. durch Gojarich an die Großen zur Bestätigung übersenden, s. Breviarium Alaricianum. Obgleich Alarich weise u. mild regierte, so haßte ihn doch das Volk; dies benutzte der Frankenkönig Chlodwig, überzog ihn mit Krieg, besiegte u. erschlug ihn mit eigener Hand 507 in der Schlacht bei Vouglé. Nun entstanden zwei Parteien, von denen die eine, welche ihren Sitz in Narbonne hatte, Alarichs natürlichen Sohn, Gesalich, die andere seinen rechtmäßigen Sohn, Amalrich, welcher aber noch im Knabenalter war, zum König wählte. Als Gundebald von Burgund 508 Narbonne eroberte, floh Gesalich nach Barcelona. Theoderich der Große, König der Ostgothen, nahm sich der Westgothen gegen die Burgunder an, erklärte sich aber für Amalrich, seinen Enkel, u. Gesalich wurde von dem ostgothischen Feldherrn Iba so in die Enge getrieben, daß er nach Afrika floh. Aber von dem Vandalenkönig Thrasimund unterstützt, kehrte er zurück, wurde jedoch 516 in der Schlacht bei Barcelona gefangen u. hingerichtet, u. Amalrich regierte nun unter der Vormundschaft des. Theudes, eines Ostgothen, bis 531. Amalrich hatte sich mit Chlothilde, einer Tochter Chlodwigs, vermählt; als er dieselbe zur Arianischen Lehre zwingen wollte, rief sie ihren Bruder, Childebert I., zu Hülfe, welcher den Amalrich vertrieb. Die G. wählten nun Amalrichs Vormund, Theudes, zu ihrem König, welcher zuerst seinen Hofsitz für beständig in Barcelona nahm. Die Franken, um ihren von Theudes bedrängten Confessionsgenossen, den Katholischen, zu helfen, drangen 543 über die Pyrenäen u. verheerten Taracona, mußten aber den Rückzug mit großen Geldsummen erkaufen. Theudes wurde, nachdem er noch zum Beistande des Vandalenkönigs Gelimer einen Feldzug nach Afrika unternommen hatte, 548 in Barcelona ermordet. Die G. erhoben nun den Theudisclus, ebenfalls einen Ostgothen, welcher schon unter Theudes als Feldherr gedient hatte, zum König; er wurde aber wegen seiner Grausamkeit u. seines wüsten Lebens schon nach einem Jahre in Sevilla erschlagen, u. an seiner Stelle Agila zum König gewählt. Da er, wie seine Vorgänger, die Katholiken verfolgte, so empörte sich Athanagild gegen ihn u. rief die Byzantiner nach Spanien; Agila wurde 554 in der Schlacht bei Merida geschlagen. Nach Athanagilds Tode 567 bestieg Liuva I. den Thron. Er nahm seinen Bruder Leovigild zum Mitregenten an, welcher den Byzantinern 570 u. 571 Bastania u. Malaca entriß, darauf sich Assidona u. Cordoba unterwarf u. nach Liuvas Tode, 572, bis 586 König wurde. Leovigild gab seinem Sohne Hermenegild Theil an der Regierung; da aber dieser von seiner Gemahlin Ingunde, Tochter des Königs Sigbert von Austrasien, zum katholischen Glauben bekehrt wurde, so entstand eine Feindschaft zwischen Vater u. Sohn; Letzter empörte sich u. wurde 585 hingerichtet. Leovigild machte auch 585 dem Suevenreiche ein Ende. Sein Sohn u. Nachfolger, Reccared I., von 586 bis 601, ein weiser Fürst, trat 587 zur katholischen Lehre über u. machte den kirchlichen Unruhen ein Ende. Er schlug 586 u. 589 bei Carcasone die Franken, 595 die Burgunder u. Byzantiner u. 598 die Vaskonen. Unter seiner Regierung begannen die Geistlichen einen großen Einfluß auf die Reichsangelegenheiten zu erhalten. Sein Sohn u. Nachfolger, Liuva II., wurde 603 von Witterich getödtet, u. dieser kam 610 gleichfalls durch Meuchelmord um, denn er hatte sich dadurch, daß er den Arianismus wieder einführen wollte, bei dem Volke verhaßt gemacht, war auchin seinen Kriegen, obgleich persönlich tapfer, doch nicht glücklich. Sein Nachfolger Gundemar, bis 612, besiegte die Vaskonen u. die Byzantiner, stellte die verfallene Kirchenzucht her u. beschränkte die Anmaßungen des Clerus. Sisebut (612–620) überwand 613 die empörten Asturier u. Rucouler, darauf 615 die Byzantiner, denen er alle ihre spanischen Besitzungen bis auf Algarbien entriß, endlich die Mauretanier, von denen er Tanger u. Ceuta eroberte. Er reinigte das Meer von. Seeräubern, begünstigte Künste u. Wissenschaften u. vertrieb 615 die Juden, welche sich nicht taufen lassen wollten, aus Spanien. Nach Reccared II., welcher seit 618 Sisebuts Mitregent gewesen war, regierte von 621–631 Swinthila; dieser besiegte 621 die Vaskonen, vertrieb 624 die Byzantiner völlig aus Spanien, nahm 625 seinen Sohn Ricimer zum Mitregenten an u. wurde 631 von Sisenand mit Hülfe Dagoberts von Franken entthront. Dieser regierte gut u. stellte die Verfolgung der Juden ein. Durch den öfteren Thronwechsel gelang es dem Clerus, seine erlangten Vorrechte zur Ungebühr zu erweitern u. auf dem Concil zu Toledo 633 sich sogar einen überwiegenden Einfluß auf die Königswahlen zu verschaffen. Auf Sisenand folgte Chintila (636 bis 640), ein von den Geistlichen sehr abhängiger Fürst, welcher die Judenverfolgungen wieder erneuerte. Tulga, welchem sein Vater Chintila die Krone verschafft hatte, konnte bei seiner Jugend u. Milde dieselbe nicht behaupten; die Großen gaben dieselbe 641 dem Chindaswinth, einem schon bejahrten, aber strengen Manne. Dieser stellte durch Energie bald die Ruhe wieder her u. nahm 649 seinen Sohn Recceswinth zum Mitregenten an, welcher die Regierung auch nach seines Vaters Tode 652–672 fortführte. Er besiegte 650 den Empörer Froja, ließ das westgothische Gesetzbuch vervollständigen u. erklärte 653 die Krongüter für unveräußerlich. Des Friedens wegen räumte er der Geistlichkeit die derselben von seinem Vater entzogene Gewalt wieder ein u. st. 672. Sein Nachfolger Wamba, ein kraftvoller Fürst, hatte gleich im Anfange seiner Regierung die Empörungen der Vaskonen, Asturier u. mehrerer Großen zu bekämpfen. 676 zerstörte er eine sarazenische Flotte. Als er die Macht der Geistlichen beschränkte, ließen diese ihm die Haare abscheren, u. er mußte deshalb 680 die Krone niederlegen, welche bis 687 sein Verräther Erwig erhielt, der, ein Werkzeug des Clerus, den Staat in Zerrüttung brachte, welche sein Schwiegersohn u. Nachfolger, Egiza, nicht wieder auszugleichen vermochte. Die Aufrührer konnte er nur mit Mühe unterdrücken; er st. 701. Wittiza, sein Sohn u. bereits seit 698 sein Mitregent, ließ es sich angelegen sein, den zerrütteten Staat wieder herzustellen u. die Macht der Geistlichkeit einzuschränken; deshalb wurden aber vielfache Empörungen gegen ihn angeregt, welche er jedoch streng bestrafte. So ließ er Theofried, Herzog von Cordoba, blenden[499] u. Favilla, Herzog von Cantabrien, hinrichten. 708. eroberten die Mauren Tanger, aber 709 wurden sie vom Grafen Julian zurückgeschlagen u. ihre Flotte besiegt. Darauf empörte sich Roderich, angeblich ein Sohn des geblendeten Theofried, u. bemächtigte sich 710 des Thrones. Der Erzbischof Oppas von Sevilla wollte Roderich zu Gunsten des Sohnes Wittizas entthronen u. verband sich deshalb mit den Arabern in Afrika. Der Feldherr derselben, Tarik, landete 711 bei Calpe (Gibraltar), überwand Roderich in einer dreitägigen Schlacht bei Xeres de la Frontera u. machte dem Westgothischen Reiche in Spanien ein Ende. Frei von der maurischen Herrschaft blieben die Westgothen in Gallicien, Asturien u. der Gegend von Murcia, welche letztere Theodemir, ein westgothischer Prinz, der schon früher tapfer gegen die Mauren gestritten hatte u. unter Roderich Gouverneur von Andalusien gewesen war, beherrschte. Jetzt schloß er mit Abdel Aziz, Musas Sohn, einen Vertrag, nach welchem er in seinem Reich bestätigt wurde, aber den Arabern Tribut zahlen u. versprechen mußte, keine feindlichen Unternehmungen gegen die Araber zu unterstützen. Nach Theodemirs Tode hörte jedoch diese Begünstigung auf, u. nur in den Asturischen Gebirgen blieben noch freie G., denen nachher die spanischen Königreiche Asturien u. Leon den Ursprung verdanken.

III. In den früheren Sitzen an der Mäotis (s. ob.) waren, bei dem Einfall ihrer Stammgenossen in die Donauländer, G. zurückgeblieben, sie hießen Gothi Tetraxitae (Tetraxitische G.) u. wohnten in dem Taurischen Chersonnes an der Cimmerischen Meerenge. Als die Hunnen 548 von ihrem westlichen Zuge zurückkehrten, verpflanzten sie diese G. zum Theil auf die gegenüber liegende asiatische Seite u. blieben mit ihnen in freundschaftlichen Verhältnissen. Kaiser Justinian gab ihnen einen Bischof, u. ihr Land bildete später ein griechisches Bisthum Gothia. Dieser Name hat sich am längsten erhalten, u. Reisende fanden nicht nur in der Mitte des 13. Jahrh. auf der Krim germanisch redende G., sondern selbst Busbek, 1557–64 kaiserlicher Gesandter in Constantinopel, wollte sie noch als Germanen erkennen. Quellen über die Geschichte der G. sind bes. Jornandes, Isidorus, Prokopius (welcher den Gothischen Krieg beschrieb); G. Sartorius, Versuch über die Regierung der Ostgothen während ihrer Herrschaft in Italien etc., Hamb. 1811; Manso, Geschichte des Ostgothischen Reichs in Italien, Bresl. 1824; Aschbach, Geschichte der Westgothen, Frankf. 1827.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 7. Altenburg 1859, S. 496-500.
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