Krim

[824] Krim, 1) (a. Geogr.), Chersonesustaurica od. Ch. scythica, die südliche Halbinsel des Europäischen Sarmatien, damit durch den Isthmus (jetzt Landenge von Perekop) zusammenhängend; wurde 1400 Stadien lang u. ebenso breit, im Umfang aber 4000 (4400) Stadien ohne die Busen u. 5600 mit denselben geschätzt; Vorgebirge: Myrmekion, Korax, Kriumetopon u. Parthenion; Gebirg: die Taurici montes mit den Bergspitzen Trapezus (Tschatyr-Dagh) u. Kimmerion (Opouk); Flüsse: Thapsis u. Istrianos; der nördlich von dem Gebirg gelegene Theil hieß Trachea Chersonesus (der Rauhe Chersones), der südliche Theil dagegen war sehr fruchtbar. Die Halbinsel hatte viele Städte: an der Westküste Taphros, Eupatorion, Dandake; an der Südküste: Chersonesos, die Häfen Symbolon u. Ktenus, Charax, Lagyra, Lampas, dabei die Castelle Alustu u. Gurzubitä, Athenäon, Theodosia, Kazeka, Kimmerikon, Kyläa, Akra, Nymphäa, Dia, Tyriktake; an der Ostküste: Pantikapäon (Bosporos), Hermision, Myrmekion; an der Nordküste Parthenion, Herakleon; im Innern Parosta, Kimmerion, Satarcha, Portakra, Badation, Kytäon, Tabana, Postigla, Iluraton, Böon, Tazos (s.d. a.) etc. 2) (n. Geogr.), Halbinsel in Südrußland, liegt ungefähr zwischen 441/2 u. 46° nördl. Breite, gehört zu dem Gouvernement Taurien u. umfaßt bei einer Küstenentwickelung von 140 Meilen einen Flächengehalt von 360 QM. Sie wird an der Ostspitze durch die Halbinsel Kertsch verlängert u. hängt im Norden durch die nur 1 Meile breite Landenge von Perekop mit dem Festlande zusammen. Ihre Küsten werden nordwestlich vom Todten Meer, nordöstlich vom Asowschen u. Faulen Meere, übrigens vom Schwarzen Meere bespült. Die Meerenge von Jenikale, welche das Asowsche u. Schwarze Meer verbindet, trennt die Halbinsel vom Gebiet des Kaukasus. An der ganzen Westküste, von der Sebastopoler Rhede bis nach Perekop, gibt es nur einen Hafen, den von Akmetschet, sowie die große Kalamitabucht bei Eupatoria, die jedoch nur geringe Tiefe besitzt, so daß die Schiffe in ziemlicher Entfernung von der Küste ankern müssen. Von Perekop bis zur Almamündung ist die Küste ganz flach, dann aber wird das Gestade schroff u. hoch. Von der großen Sebastopoler Bucht, die einen schönen u. sicheren Hafen bildet, bis zum Cap Chersones, der Südwestspitze der K., sind die Buchten (Quarantäne-, Strelitzen-, Sandige-, Rohr- od. Kamietsch- u. Kosackenbucht) geräumig u. tief. An der hoch u. steil abfallenden Südküste können die Fahrzeuge nur in den wenigen kleinen Häfen anlegen, unter denen der von Balaklawa der bedeutendste ist. Auch die Ostküste bietet nur wenige Häfen, unter denen die von Feodosia (Kassa) u. Kertsch die wichtigsten sind. Von der Halbinsel Kertsch nordwärts zieht sich die Landzunge von Arabat etwa 1000 Schritte breit u. 15 Meilen lang, in das Asowsche Meer hinein u. trennt von demselben das Faule Meer ab; sie bietet eine gute Verbindungsstraße, die nur bei starken Nord- u. Ostwinden gefährdet wird. Der nördliche[824] u. östliche Theil der Halbinsel, die Ebene, besteht aus einer monotonen Steppenfläche, welche als Fortsetzung der Steppe Südrußlands anzusehen ist u. sich über mindestens 3/4 des Areals erstreckt. Ohne Baumwuchs u. wasserarm, hat die Krimsche Steppe nur etwa zum dritten Theile einen beständigen Graswuchs; das Übrige bedeckt sich nur im Frühjahr mit einigen zarten Pflanzen, die nach schnell erlangter Reise fast zu Asche versengt werden u. einen todten Boden zurücklassen. Der östliche Theil, die sehr vulkanisch formirte Halbinsel Kertsch, ist reich an Schwefel- u. heißen Quellen, sowie Sümpfen, während der nördliche Theil der Steppe, an den Küsten des Todten u. bes. des Faulen Meeres, mit vielen Salzseen bedeckt ist, aus welchen viel Salz gewonnen wird. Dieser Ebene wird erst durch das an der Südküste der K. zwischen Balaklawa u. Neu-Sudak aufsteigende Gebirge, Yaila Dagh, mit seinen nördlich sanft, nach Süden aber steil abfallenden Gehängen von 3–5 Meilen von der südlichen Küste entfernt, eine Grenze gesetzt. Es erstreckt sich ungefähr 20 Meilen in der Richtung von Westen nach Osten u. bei einer mittleren Höhe seines Rückens von 3000 Fuß erreicht es im Tschatyr-Dagh mit 4800 Fuß Höhe seinen Culminationspunkt. Durch dies Gebirge wird das Klima wesentlich beeinflußt, indem dasselbe die kalten Winterwinde aus dem Norden u. Osten abhält u. den Saum zwischen den südlichen Abhängen u. der Küste zu einer paradiesischen Region erhebt, in welcher ein steter Frühling herrscht u. deren Reiz durch üppige Vegetation von Wäldern, Obstbäumen u. Wein, sowie durch das anstoßende Meer erhöht wird. Man nennt daher diesen Strich die Krimsche Schweiz, u. er ist der Lieblingsaufenthalt der russischen Nobilität geworden. Von den Flüssen, welche sämmtlich auf dem Yaila Dagh entspringen, sind bemerkenswerth: der Salghir, der bedeutendste, welcher rechts den Kara-Su aufnimmt u. ostwärts quer die Steppe durchfließend im Faulen Meere mündet; dann der Bulganak, die Alma, die Katscha u. der Belbek, welche sämmtlich westlich der Kalamita Bai zueilen, u. endlich die Tschernaja, welche sich in die Bucht von Sebastopol ergießt. Gute Communicationen gibt es auf der Halbinsel nur wenige. Die hauptsächlichsten sind die große Straße von Perekop nach Simpheropol u. von da über Karasubazar u. Feodosia nach Kertsch, dann von Simpheropol über Aluschta längs der Küste nach Balaklawa (Woronzowstraße), von Simpheropol nach Eupatoria u. von da nach Sebastopol, von Simpheropol über Baktschisarai nach Sebastopol u. Balaklawa. Von Producten nährt das weite Steppenland zahlreiche Viehheerden, namentlich an Schafen, Hornvieh u. Pferden; die Gebirgsregion bringt auf dem südlichen Abhang Wein; in den fruchtbaren Thälern der nördlichen Abhänge viel Obst, bes. Pflaumen, Apfel, Birnen u. Wallnüsse; bei Simpheropol sind bedeutende Maulbeerbaumpflanzungen angelegt worden, die Waldungen bieten meist Buchen, seltener Eichen; Getreide wird auf der K. nicht gebaut, dagegen wird Tabak u. so viel Salz an den nördlichen Küsten gewonnen, daß die K. als Salzkammer des Europäischen Rußlands betrachtet werden kann. Die K. ist politisch in 5 Kreise eingetheilt: Simpheropol, Eupatoria, Perekop, Feodosia u. Kertsch; der Sitz der Regierung war in Simpheropol. Die bedeutendsten Städte sind: Simpheropol, Baktschisarai, Karasubazar, Feodosia, Perekop, Sebastopol (mit 42,000 Ew. vor dem Kriege), Eupatoria, Kertsch. Außer der vormaligen großen Seefestung Sebastopol waren Perekop, Eupatoria, Kertsch, Jenikale u. Arabat befestigte Punkte. Einwohner hatte die K. im Jahre 1850 306, 600, zumeist Tataren, dann Russen, Griechen, Armenier, Juden u. Deutsche; von diesen bekennen sich die Tataren zum Islam u. leben meist nomadisirend, während die Russen in die von der Krone u. Edelleuten angesiedelten Dörfer versetzt sind, die Deutschen (darunter die aus Preußen hergezogenen Mennoniten) als Colonisten leben, die Griechen meist in den Städten u. in den Thälern der Südostküste wohnen, die wenigen Armenier u. Juden in den Städten Handel treiben.

Die ältesten bekannten Bewohner der Halbinsel waren die Kymmerier, etwa im 7. Jahrh. v. Chr. fielen dann die Scythen ein; die Kymmerier zogen sich ins Gebirge zurück u. erhielten nun den Namen Taurer, wovon auch der Name Taurischer Chersones. Zur Zeit des Trojanischen Krieges war der wilde Thoas König hier, zu welchem Iphigenia (s.d.) kam; Orestes u. Pylades führten diese wieder von dannen u. schafften die Menschenopfer ab. Dann kamen in der ersten Hälfte des 6. Jahrh. griechische Ansiedler aus Milet u. gründeten Theodosia, Pantikapäon u.a. Städte, u. um dieselbe Zeit ließen sich Herakleoten auf der Südwestspitze der Halbinsel nieder. Den Streitigkeiten u. Kämpfen zwischen Scythen u. Griechen wurde erst ein Ende gemacht, als 112 v. Chr. Mithridates die K. in Besitz nahm u. seinen Sitz in Pantikapäon (Kertsch) aufschlug, bis Rom dessen Reich zerstörte u. auch die K. eroberte. Zur Zeit der großen Völkerwanderung, lösten sich Alanen, Gothen, Hunnen, im 7. Jahrh. die Chazaren, Byzantiner, Petschenegen, Kumanen in der Herrschaft über die K. ab, bis endlich die Mongolen u. dann die Tataren sich hier niederließen u. die Veranlassung wurden, daß bis um die Mitte des 18. Jahrh. ein großer Theil Südrußlands die kleine Tatarei genannt wurde Seitdem herrschten die Tatarenkhane aus dem Stamme Dschingis-Khans in Baktschisarai (s.u. Tataren). Sie u. die Venetianer trieben bedeutenden Handel nach der K., allein die Genueser, vom Kaiser Michael Paläologos begünstigt, machten ihnen die Herrschaft streitig u. besiegten sie in mehreren Kämpfen. Kassa, Soudak u. Balaklawa waren ihre Hauptniederlagen. Der Reichthum dieser Städte, bes. Kaffas, lockte die Türken, sie eroberten einzelne Städte zu Ende des 15. Jahrh. 1478 ernannte Muhammed II. den Tataren Mengli Gherai, der sich zu ihm geflüchtet hatte, zum Khan der K., doch blieb derselbe u. seine Nachkommen Vasall des Großherrn, s. Tataren (Gesch.). 1736 drangen die Russen zum erstenmal unter dem Feldmarschall Münch in Taurien ein u. verwüsteten es. 1757 wurde der seinen Unterthanen verhaßte Alym Gherai von den Nogaitataren vom Thron gestoßen u. Kerim Gherai zum Khan ernannt. 1764 führte er 50,000 Tataren gegen die Russen u. verheerte Neu-Servien. Nachdem die Russen unter Dolgorucki 1771 in Taurien eingefallen waren, gaben sie dem Saheb Gherai den Khantitel, dieser trat der Kaiserin Katharina II. Kertsch u. Kinburn ab u. behauptete sich nach langem Kampfe, s. ebd. 1779 räumten die Russen die K., u. der Khan derselben wurde verpflichtet, seine Wahl durch den Großherrn bestätigen zu lassen, allein da innere Streitigkeiten fortwährten,[825] auch Saheb Gherai seine Häfen durch russische Schiffe blockirt u. sich selbst durch Potemkins Armee bedroht sah, so überließ dieser die K., Kuban u. die Insel Taman den Russen. Die Pforte, von Österreich u. Frankreich verlassen, sah sich genöthigt, hierzu ihre Zustimmung zu geben. 1783 verleibte Rußland die K. seinem Reiche ein. In den Jahren 1854–56 war die K. der Schauplatz des Krieges zwischen Rußland u. den mit den Türken vereinten Westmächten (Frankreich u. England); mit der Zerstörung u. Einnahme Sebastopols (s.d.) fand der Krieg. welcher mit der Landung bei Eupatoria begonnen hatte, sein Ende, s. Russisch-Türkischer Krieg. Vgl. Heyne, Rerum Chersonesi tauricae memoria, im 3. Bd. seiner Opuscula; Hammer-Purgstall, Geschichte der Khane der Krim, Wien 1856.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 9. Altenburg 1860, S. 824-826.
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