Tolēdo [1]

[662] Tolēdo, 1) Provinz u. westlicher Theil des spanischen Königreiches Neucastilien, 466 Quadrat-Leguas mit (1857) 328,755 Ew.; grenzt im Westen an Estremadura, im Norden an Altcastilien u. die Provinz von Madrid, im Osten u. Süden an die Provinz von Cuença; ist in den südlichen Theilen durch die Montes de T. u. einige Bergketten gebirgig, sonst eben od. hügelig, wird der Länge nach vom Tajo (mit Xarama, Guaderrama, Tiebar, Alberche u.a.) durchflossen, außerdem durch den Jiguela, einen Nebenfluß des Guadiana, berührt; hat heißes, oft vom Solano heimgesuchtes Klima, ist größtentheils fruchtbar, aber nicht durchgängig angebaut u. bringt Pferde, Schafe u. Ziegen in großer Menge, viel Getreide, Öl u. Wein, auch Gemüse, Feigen, Mandeln, Seide, in den Gebirgen viel Eisen, hat zahlreiche Salz- u. Mineralquellen, aber wenig Industrie u. Handel, sie wird von der Mediterranbahn (Madrid-Alicante) durchschnitten, die Schiffbarmachung des Tajo von Toledo ab ist projectirt. 2) Hauptstadt darin, rechts am Tajo malerisch an einem felsigen Hügel hinan gelegen, durch eine Zweigbahn mit der Mediterranbahn verbunden, mit vielen engen, krummen Straßen u. kleinen Plätzen, von Mauern umgeben, hat 4 Thore (darunter 2 von arabischer Bauart) u. 2 hohe Brücken über die wildromantische Felsenschlucht des Tajo, deren eine (Puente de Alcantara) ebenfalls von den Mauren herrührt, ist Sitz der Provinzialregierung (im ehemaligen Inquisitionspalaste) u. des Erzbischofs Primas von Spanien; die gothische Kathedrale hat 404 Fuß Länge, 204 Fuß Breite, 5 Schiffe mit 84 Pfeilern, 40 Seitenkapellen (darunter die vom Cardinal Ximenez erbaute Capilla mozarabe u. die Capilla de los reyes mit den Grabmälern der Könige Heinrichs II., Johanns I. u. Heinrichs III. mit ihren Gemahlinnen) u. eine Menge Kunstschätze u. Kostbarkeiten, unter den 14 Glocken in ihrem unvollendeten Thurme befindet sich die größte in Spanien von 386 Centnern Schwere u. das zu ihr gehörige Capitelgebäude hat eine große Bibliothek mit über 7000 Codices u. Manuscripten; unter den übrigen 26 Kirchen sind die ehemalige Jesuitenkirche u. die von Ferdinand u. Isabella erbaute Kirche S. Juan de los Reyes erwähnenswerth. T. hat außerdem 23 Nonnenklöster (früher noch 14 Mönchsklöster), 9 Spitäler u. Barmherzigkeitshaus, 3 Erziehungsanstalten für adelige Fräuleins, prachtvolles Stadthaus, von Herrera erbaut, erzbischöflichen Palast, Alcazar u. königliches Schloß (ein auf dem höchsten Punkte der Stadt an der Stelle der ehemaligen Burg der maurischen Könige gelegenes, ungeheures, würfelförmiges, aber unvollendetes Gebäude, jetzt Kaserne), maurisches Castell an der Alcantarabrücke, die weitläufige Herculeshöhle unter der Stadt. Die Universität, gestiftet 1498, ist eingegangen. Von der ehemals sehr bedeutenden Industrie der Stadt ist nur die Marzipanbäckerei übrig geblieben, deren Product in ganz Spanien berühmt ist u. auch nach Frankreich, England u. Amerika ausgeführt wird. Bei der Stadt liegt noch die königliche Fabrik blanker Waffen, welche ausgezeichnete Degenklingen (Toledoklingen), Säbel, Bayonnete, Messer etc. liefert; 17,000 Ew. – T. hieß zur Römerzeit Toletum, war ein fester Ort der Carpetaner im Tarraconensischen Spanien, wurde später römische Colonie u. war berühmt durch Stahlwaaren. Hier schlugen 193 v. Chr. die Römer unter M. Fulvius die Celtiberer u. nahmen 192 die Stadt ein. Zu Cäsars Zeit war es ein starker Waffenplatz; Augustus errichtete hier eine kaiserliche Kammer; der Westgothenkönig Leovigild verlegte um 585 seine Residenz von Sevilla nach T. u. seine Nachfolger vergrö ßerten die Stadt bedeutend, bes. Wamba, welcher 673 eine zweite Mauer dort baute. Nach der Zerstörung des Westgothenreichs durch die Mauren 712 hielt sich T. noch einige Jahre lang u. wurde erst 714 sammt dem übrigen Spanien unterworfen. T. stand nun unter der Herrschaft der Omajjadischen Khalifen, bis Abdallah, Statthalter von T., sich 1012 unabhängig machte; er wurde aber 1013 wieder unterworfen. Aber schon 1024 machte sich der Statthalter Adaser Ali Maymon abermals unabhängig, u. unter ihm u. seinen Nachkommen bestand T. als eigenes Reich, bis Alfons VI., König von Castilien, Stadt u. Reich den 25. Mai 1085 eroberte, s. Spanien S. 358. Da Alfons VI. sich zum Kaiser des Toletanischen Reiches ernennen ließ, so erhielt T. den Namen einer kaiserlichen Stadt, welchen sein Enkel Alfons VIII. bestätigte u. der Stadt zum Wappen einen Kaiser mit Schwert, Reichsapfel u. Krone gab. 1109, 1114 u. 1127 versuchten die Mauren vergebens sie wieder zu erobern. T. ist bes. in der Kirchengeschichte berühmt wegen der Concilien, welche daselbst gehalten wurden. In T. war schon früh ein christlicher Bischof, welcher Anfangs unter dem Metropoliten von Neu-Carthago stand, dann aber Erzbischof u. 610 der einzige Metropolit der Carthagischen Provinz wurde. Das erste Concil war 400 in Sachen gegen die Priscillianisten; das zweite 527 od. 531; das dritte 589, wo der Übertritt der Westgothen zum Katholicismus publicirt, das Anathem über den Arianismus ausgesprochen u. die kirchliche Disciplin in 23 Capiteln geordnet wurde; 610 u. 611 wurden zwei Provinzialconcilien gehalten, wo T. als Metropolitansitz erklärt wurde. Der erste Erzbischof war Aurasius; ihm folgte 612 Helladius u. 632 Justus; unter ihm wurde 633 das vierte Nationalconcil gehalten, wo neue Disciplinarcapitel aufgestellt u. der König Sisenand gegen Swintila anerkannt wurde. Unter Justins Nachfolger, Eugenius I., 636–647, fand das fünfte Concil statt, auf welchem die Bestimmungen des vorigen erneuert wurden; das sechste, wo Sätze gegen die Duldung der Juden u. gegen die Majestätsverbrechen aufgestellt wurden, u. 646 das siebente, welches jene vier Canones de officiis archidiaconi, archipresbyteri, sacristae u. custodis aufstellte, die in das Corpus juris canonici übergegangen sind. Unter dem Erzbischof Eugenius II., 647–658, wurden wieder drei Synoden gehalten: 653 die achte: über Milderung der Strafe gegen Majestätsverbrecher u. das Verfahren bei der Königswahl, dagegen Einschärfung der Verordnungen gegen Juden u. Ketzer; das[662] neunte im Jahre 655 war ein bloßes Provinzialconcil; das 10. im Jahre 656 gab Verordnungen über die Feier des Festes Mariä Verkündigung. Auf Eugenius II. folgten 658–668 Ildefons, welcher bes. zur Verehrung der Heiligen Jungfrau in Spanien beitrug, u. bis 680 Quiritius; un ter ihm wurde 675 die 11. Synode, eine Provinzialsynode, gehalten, welche ein Bekenntniß der Spanischen Kirche gegen die Bonosianer aufsetzte. Des Quiritius Nachfolger, Julianus, 680–690, hatte dem König Erwig auf den Thron verholfen u. stand deshalb bei demselben in großem Ansehen; er galt als Primas des Reichs, doch nur tha tsächlich als der Erzbischof der Hauptstadt; unter ihm soll auch die neue Diöcesanein: heilung Spaniens gemacht worden sein u. auf der 12. Toletanischen Synode 680 wurde den versammelten Bischöfen die Prüfung u. Verbessernug der Staatsgesetze anbefohlen; daher sich auch das 13. Concil meist mit weltlichen Sachen bechäftigte; dagegen faßte das 14. vom Jahre 684 Beschtüsse gegen den Monotheletismus u. Apollinarismus u. constatirte auf den Wunsch des Papstes die Übereinstimmung der Spanischen Kirche mit den Glaubensbefehlüssen der drei ersten Ökumenischen Concilien; das 15., welches 688 gehalten wurde, nahm den im vorigen Concil besprochenen Gegenstand wieder auf, namentlich in Beziehung auf Julius' Schrift Apologia fidei, worin der Papst einige Stel (en rücksichtlich des Willens in Christo nicht für orthodox erklärt hatte, welche er abzuändern befahl: indeß das Concil weigerte sich dies zu thun. Julians Nachfolger als Erzbischof war 690 Sisebert: weil dieser sich an einer Verschwörung gegen den König betheiligt hatte, wurde er auf der 16., 693 gehaltenen Toletanischen Synode abgesetzt: auf derselben wurden übrigens mehre Bestimmungen über unkirchliches Leben festgesetzt. An Sisoberts Stelle wurde nun Felix zum Primas des Reichs gewählt; unter ihm fand 694 das 17. Generalconcil in T. statt, wo vor allem der geistliche Charakter der Concilien geltend gemacht u. bestimmt wurde, daß vor weltlichen Bestimmungen erst die kirchlichen abgemacht werden sollten; bes. harte Gesetze wurden gegen Juden erlassen, welche sich nur zum Schein hatten taufen lassen. Nach Felix wurde 700 Gunderich Erzbischof von T., unter welchem um 701 die 18. u. letzte Toletanische Kirchenversammlung gehalten wurde, von deren Verhandlungen nichts bekannt ist, da die Acten verloren gegangen sind Gunderich st. 707; sein Nachfolger Sindered lag lange mit Oppas, Erzbischof von Sevilla, im Strei wegen des Primates u. floh 712 bei der Eroberung Spaniens durch die Mauren nach Rom. Erst nach der Vertreibung der Mauren aus Spanien fing die Wirksamkeit der Prälaten, auch die des Erzbischofs von T. wieder an; der jetzige Erzbischof ist der Cardinal Cyrill de la Alameda y Brea 3) (Montes de T.), ein bis 4500 Fuß ansteigendes Gebirge in der spanischen Provinz T., mit der Sierra de Guadalupe westlich u. der Sierra de Yevenes zusammenhängend.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 17. Altenburg 1863, S. 662-663.
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