Säule

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[49] Säule heißt jedes aufrecht stehende Stück Bauholz, welches zur Stütze eines Gebäudes oder zum Träger einzelner Theile desselben dient; im engern Sinne jede runde, senkrecht freistehende, zierliche, meist sich nach oben verdünnende Stütze der Bauwerke.

Der Ursprung der Säule schreibt sich wol von dem ersten stützenden Pfahle her, und ist daher sehr früh zu setzen. Absichtlicher bediente man sich ihrer aber wol zuerst bei Tempeln, deren weiterer Umfang und Vordach diese Vorrichtung nöthig machte, um vor dem Einsturze zu sichern. Hier wandelte man sie wol auch, die anfangs nur ein Bedürfniß war, zuerst in einen Schmuck um. In Griechenland nahm man dazu Baumstämme, deren Gestalt die Grundform der Säule blieb. In Ägypten dagegen, wo Mangel an Holz, aber Vorrath an Steinen war, bestanden die ersten Säulen aus rohen Steinblöcken. Diese ersten plumpen Grundformen, welche das Bedürfniß vorschrieb, bildete dann der Schönheitssinn des Menschen zu [49] immer gefälligerer Form aus und machte sie zu einer Zierde der Gebäude. – Die Säule besteht aus dem Fuße, dem Schafte und dem Knaufe oder Capitäle. Fuß nennt man den mehr plattenförmigen Untersatz nebst einigen daraufliegenden runden Gliedern, worauf die Säule steht, und welcher dazu dient, jene für das Auge vom Boden zu trennen. Der Schaft ist der mittlere walzenförmige Theil, die eigentliche Säule, welche von dem Knaufe oder Capitäle gekrönt wird, um das Ganze als ein zweckvoll und schön geordnetes abzuschließen. Die Säule wird nach obenzu etwas geschmälert oder verjüngt, nachdem man ihre Seiten bis zum dritten Theile der Höhe hat senkrecht parallel laufen lassen. Mit dem übrigen Bauwerke hängt sie zusammen nach unten durch das Postament oder Piedestal, der nächsten würfelartigen Erhöhung über der Basis, auch Säulenstuhl genannt; nach oben durch das Gebälk, welches aus dem Haupt- oder Unterbalken des Daches (Architrav), welcher unmittelbar auf dem Capitäle ruht und dem Borten oder Fries zwischen jenem in dem Karnies oder Kranze, der noch mit zu dem Gebälke gerechnet wird, besteht. Als Maßstab für die Höhe der Säule dient der Halbdurchmesser des Schaftes, welcher Modul heißt. Zuerst betrug diese Höhe sehr wenige solcher Durchmesser, weil die Säule sehr dick gemacht wurde; nach und nach aber, als sie zugleich immer mehr zur Zierde gereichen sollte, wurde die Säule immer schlanker, sodaß ihre Höhe zuletzt 18–20 Säulenhalbdurchmesser betrug. – Säulenordnung nennt man die verschiedenartige Anordnung der Verhältnisse der einzelnen Theile an einer Säule, durch welche dieselbe ein Ganzes von verschiedenem architektonischem Charakter wird. Die Entstehung dieser verschiedenen Anordnungsweisen stammt aus der Zeit, wo man die Säule nicht mehr als blos äußerlich nothwendiges Mittel, sondern schon mehr für sich als eine selbständige Zierde betrachtete. Gewöhnlich werden fünf Ordnungen angenommen. Die toscanische hat das Kennzeichen, daß sie im Verhältniß zu ihrem ziemlichen dicken Schafte eine geringe Höhe, sehr wenige und wenig zierliche Abtheilungen oder Glieder hat, und deswegen auch rustica (die simple, ungeschmückte) genannt wurde. Die dorische Ordnung hat zum unterscheidenden äußern Merkmale die Triglyphen oder Dreischlitze im Friese, welche die Köpfe der auf dem Architrave ruhenden Balken vorstellen und zwei prismatische Einkerbungen in der Mitte nebst zwei halben an jeder Seite haben. Die Zwischenräume zwischen den Triglyphen, welche wahrscheinlich früher offen geblieben, nachmals aber ausgemauert und entweder glatt gelassen oder mit Bildhauerarbeit verziert worden sind und etwas tiefer als die Triglyphen lagen, hießen Metopen. Die Dreischlitze mußten grade über die Mittellinie jeder Säule treffen und zwischen je zwei Säulen ungerader Zahl sein. Diese Ordnung trägt am meisten den Charakter einfacher und großartiger, weil am wenigsten durch seine Zierathen unterbrochener, Schönheit an sich. Die Höhe der Säule war anfangs nur 12 Modul, wurde endlich aber auf 16 bestimmt. Der Kranz oder das Karnies dieser Ordnung ist stark vorspringend, weshalb man ihr auch zur Unterstützung der Kranzleiste oberhalb der Dreischlitze die Dielenköpfe gegeben hat. Im Architrav unterhalb der Triglyphen, sowie oft längshin an der Unterfläche der Kranzleiste, brachte man sechs kleine kegelförmige Körperchen, Tropfen, an. In den höhern Säulenordnungen fallen die Triglyphen weg, weil man die Balkenköpfe verkleidet. Die ionische Ordnung hat zum Kennzeichen zwei an den beiden Seiten des Capitäls angebrachte Schnecken (Voluten), welche Verzierung bei den Alten durch die Neuern auf vier doppelseitige Schnecken an den vier Ecken des Capitäls vermehrt wurde. Anfangs hatte die Säule 16 Modul Höhe, die zuletzt auf 18 festgesetzt wurden. Bei dieser Säulenordnung findet schon größere Zierlichkeit statt. So wird deswegen bei ihr auch der Architrav oder Hauptbalken in drei Streifen abgetheilt; der Fries ist bald glatt, bald mit Bildwerk geschmückt, der Kranz erhält oft auf dem platten Gliede zwischen dem Fries und Karnies eine Verzierung von kleinen, in Zwischenräumen vorspringenden Körperchen, welche Zahnschnitte (Kälberzähne) genannt werden. Der Charakter dieser Ordnung ist weibliche Anmuth und Zierlichkeit. Der der nächstfolgenden, der korinthischen, Säulenordnung ist die zierreichste, und geschmachvollste Pracht. Das Capitäl besteht aus einem großen runden Gefäße, mit einem an den vier Ecken etwas nach unten eingerollten Deckel, der unten mit zwei Reihen von je acht Blättern umkränzt ist. Hinter diesen gehen vier Stiele in die Höhe, deren jeder zwei kleinere Blätter trägt, welche sich unter den vier größern Schnecken an den Ecken und den vier paar kleinern Einkrümmungen zurückbeugen. Diese kleinern Schnecken entspringen aus den Stielen und stützen so gleichsam den Deckel des Capitäls. Die zweimal acht großen Blätter, welche das Capitäl zu einem Napfe bilden, sind eine verschönernde Nachahmung von den Blättern des Akanthus, des Ölbaums und anderer Pflanzen. Der obere Überschlag derselben wird Lippen genannt. Die Höhe der Säule beträgt 20 Modul, wodurch sie ein schlankes Ansehen erhält, demgemäß sie auch das höchste Postament unter den Säulenordnungen hat. Angemessen dem reichen Zierath und der größern Zusammensetzung der Säulen dieser Ordnung, sind auch die damit zusammenhängenden Theile reicher ausgestattet. Zu den Streifen des Architravs kommt noch eine Kehlleiste am obern Rande hinzu, die noch mit einem Stabe eingefaßt wird; der Fries wird mit Bildhauerarbeit verziert; der Karnies wird unter der Kranzleiste mit zierlich geschweiften [50] Sparrenköpfen und am untern Theile mit Zahnschnitten versehen. Die römische oder zusammengesetzte Ordnung hat ein aus der ionischen und korinthischen zusammengesetztes Capitäl, nämlich die großen Voluten mit den Eierverzierungen dazwischen, von jener, und von dieser die zwei Hauptreihen von Blättern. Bei ihr sind die meisten Freiheiten in der Zusammensetzung und Menge der Glieder und in den Verzierungen gestattet; das Verhältniß der Höhe zur Dicke ist im Allgemeinen das der korinthischen. – Der echte, reine und schöne architektonische Kunstcharakter der Säulen läßt sich nach dem Dargestellten also auf die drei Ordnungen zurückführen, auf die dorische, ionische und korinthische. Die erste ist die stärkste, einfachste Säule, die letzte die gestreckteste, zierlichste und verzierteste. Nach diesem Verhältniß bestimmen sich auch die Höhe und die geringere oder größere Ausschmückung des Fußgestells und des Capitäls und die Menge der einzelnen Glieder. Die ionische liegt folglich in der Mitte zwischen jenen beiden. Oft wurden die Säulenschäfte auch cannelirt, d.h. der Länge nach mit Rinnen durchzogen, deren Höhlung einen Zirkelausschnitt beschrieb. Die dorische Säule hat 20 solcher Hohlkehlen, welche ziemlich flach sind und sich so eng berühren, daß jede Seite derselben mit der daranstoßenden eine scharfe Kante bildet. Die Cannetirungen der korinthischen sind tiefer, durch einen schmalen glatten Zwischenraum voneinander getrennt und an Zahl 24. Der sogenannte Säulenhals, welcher zwischen dem Schafte und Capitäle lag, wurde nur nach Belieben angebracht; war dies der Fall, so wurde auch er, wie alle übrige Glieder der Säule durch kleinere einfassende Glieder oder erhöhte Ringe begrenzt und dadurch fürs Auge als selbständig unterschieden und hervorgehoben. – Alle übrigen Arten von Säulen sind nur Zusammensetzungen oder willkürliche Abweichungen von den genannten, und daher geschieht es ohne Grund, eine sechste oder deutsche Säulenordnung anzunehmen, da sie nur aus der einfachen und schönen Form herausfallen und in einen geschmacklosen, überladenen oder verstümmelten Stil übergehen. So kommen denn auch hier die gleichdicken, vielseitigen und eckigen oder wie aus lauter Stäben zusammengesetzten Säulen der Ägypter, deren Capitäl einem Fasse glich, die sehr niedrigen und wellenartig gewundenen der Indier, die mit einem Capitäl von halber Säulenhöhe der Perser, und die maurischen und gothischen, von denen jene kurz, dick und pfeilerähnlich, diese schlank, hoch und mehre in eine verbunden waren, nicht in Betracht. – Die Säulenstellung besteht in dem richtigen Verhältniß der Stellung der Säulen untereinander und zu dem Gebäude, bei welchem sie angewandt werden, wonach sich die Säulenweite oder ihr Abstand von einander bestimmt. So werden oft zwei so nahe aneinandergestellt, daß sie auf Einem Säulenstuhle zu stehen kommen und sich ihre Basen und Capitäler berühren; diese nennt man dann gekuppelte Säulen. Bei sehr hohen Gebäuden setzt man bisweilen zwei oder drei Reihen Säulen übereinander und nennt dies Verdoppelung, Übereinanderstellung der Säulen. Dazu darf nie eine und dieselbe Ordnung gebraucht werden, weil sonst Einförmigkeit entstehen würde, sondern man sucht einen Wechsel des Eindrucks und eine Abstufung dadurch zu bewirken, daß man die korinthische oder römische über die ionische, diese aber über die dorische oder toscanische Ordnung stellt, sodaß die stärkere allemal die tragende ist. Die obere Säule darf dabei an der Basis blos so dick sein, als die untere am Halse; auch macht man die obere oft um ein Modul kürzer als die untere, und die Axen oder Mittellinien der übereinanderstehenden Säulen müssen in eine gerade Linie fallen. – Säulenhalle oder Säulengang (Porticus) nennt man eine auf zwei oder mehren Reihen von Säulen ruhende Galerie, die vorzüglich im Orient und in Griechenland beliebt war, und zum Lustwandeln oder zu öffentlichen Versammlungen diente. – Eine besondere Art Säulen sind die Ehrensäulen, welche freistehend gewöhnlich auf ihrem Capitäl irgend ein Monument, ein Sculpturwerk oder Standbild tragen. Sie stehen stets auf einem Postamente, werden auf das reichste verziert und sowol Säulenschaft als Postament mit Basreliefs und Inschriften versehen. Die berühmtesten Säulen der Art sind: die des Trajan in Rom und die Vendômesäule in Paris, welche die Thaten des Kaisers Trajan und Napoleon's (s. Bonaparte) darstellen. Die größte ist die 1832, nach dem Plane des Baumeisters Montferrand, in Petersburg errichtete Alexanderssäule. (S. Alexander I.)

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 49-51.
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