Thüringen

Thüringen

[424] Thüringen heißt jetzt eine Landschaft in der Mitte Deutschlands, welche vom Harz, von der Saale, dem Thüringerwalde und der Werra abgegrenzt wird, sich größtentheils durch Fruchtbarkeit auszeichnet und von niedrigen Hügelketten durchzogen wird, die nach dem Harz, dem Thüringerwalde und dem Eichsfelde zu immer höher werden. Die Bewohner sind ein fleißiger und biederer Stamm. Hauptstadt T.'s ist Erfurt, und andere bedeutende Städte sind: Eisenach, Gotha, Langensalza, Mühlhausen, Nordhausen, Frankenhausen, Sondershausen, Naumburg, Weißenfels, Eisleben, Jena, Weimar, Rudolstadt, Arnstadt, Saalfeld u.a. – Das alte, in der Geschichte Deutschlands berühmte thüringische Reich war beiweitem ausgedehnter; es erstreckte sich bis an die Elbe, an die Donau, bis in die magdeburger Gegend und bis tief in das nachmalige Franken hinein. Vegetius erwähnt die Thüringer um das I. 404 n. Chr. Über den Ursprung des Namens hat man verschiedene Behauptungen aufgestellt, namentlich wird behauptet, daß die Thüringer Nachkommen der Cherusker (s.d.) wären, welche schon zur Zeit des Tacitus Thoren hießen. Die Thüringer stritten in dem Heere des Attila und nach dessen Tode fielen sie bei Passau in das röm. Reich ein. Mit den Franken kämpften die Thüringer schon 491, doch schützte sie gegen jene nachher die Verbindung ihres Königs Herminfrid mit dem mächtigen Theodorich, dem Könige der Ostgothen, der seine Nichte Amalaberg mit Herminfrid vermählte. Durch seine Gemahlin ließ sich aber Herminfrid zum Brudermord verführen und nach Theodorich's Tode besiegten die Franken die Thüringer, tödteten den Herminfrid und machten sich zu Herren des Landes. Die Macht der Slawen breitet sich nun weiter aus und der Frankenkönig Dagobert I. mußte, um den Slawen einen Damm entgegenzusetzen, den Thüringern um 630 in Radulf einen Herzog geben. Dieser besiegte die Slawen mehrmals, empörte sich darauf gegen seinen Oberherrn und wußte seine Selbständigkeit zu behaupten. Unter seinen Nachfolgern ließ sich Goßbert in der zweiten Hälfte des 7. Jahrh. durch den h. Kilian taufen, aber schon durch Amalaberga war das Christenthum nach T. gekommen. Die Schwäche der nachfolgenden [424] Herzöge brachte das Land unter die Botmäßigkeit der Sachsen, welche sich in Nordthüringen bis zur Unstrut niederließen. Auch das Christenthum gerieth in Verfall, wurde jedoch durch den h. Bonifacius wiederhergestellt, welcher Erfurt zum Bischofssitz machte. Nach dem Tode Hedene's des Jüngern wurde T. wieder blos von Grafen regiert und hatte durch Karl's des Großen Feldzüge gegen die Sachsen, sowie durch die Slawen zu leiden, welche alles Land zwischen der Elbe und Saale an sich rissen. Eine 786 unternommene Verschwörung gegen Karl den Großen zog den Thüringern harte Züchtigung zu und der südl. Theil des alten T.'s erhielt wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit den Namen Franken, sodaß nun T. in seine jetzigen Grenzen zusammengedrängt wurde. Auch die Slawen wurden durch Karl den Großen gedemüthigt und dadurch T. vor dem weitern Vordringen derselben geschützt. Die Geschichte der thüring. Herzöge und Grafen in den nächsten Jahrhunderten ist verwirrt und dunkel. Die Thüringer geriethen mehrmals mit den Sachsen in Streitigkeiten, zogen dabei den Kürzern und litten durch die Einfälle der Ungarn. Als Heinrich, der Herzog von Sachsen, deutscher König wurde, hatte T. einige Zeit vor Ungarn und Slawen Ruhe, bis jene 932 wieder in T. einbrachen und nun von Sachsen und Thüringern in der Schlacht bei Sondershausen geschlagen wurden, worauf im folgenden Jahre der Sieg bei Keuschberg folgte. Nach dem Tode des Königs Heinrich folgte ihm sein Sohn Otto, welchem sein Bruder Heinrich, auf Sachsen und T. gestützt, die Krone streitig machte. Auch nachdem Heinrich überwunden worden war, unterstützten die Thüringer Otto's Sohn, Ludolf von Schwaben, in seinen Bestrebungen gegen die Macht seines Vaters, wurden aber dafür gezüchtigt. Otto übergab 960 seinem Sohne Wilhelm, welcher Erzbischof von Mainz war, die Regierung, der sich T.'s sehr annahm, und später wurde die Vertheidigung des Landes einem Günther übertragen, der als Markgraf von T. genannt wird, und nach diesem war sein Sohn Eckhard Markgraf von Meißen und Herzog von T. Überhaupt wurden in dieser Zeit die Markgrafen von Meißen Markgrafen von T. genannt, weil sie die Marken (Grenzgebiete) T.'s inne hatten. Graf Otto von Orlamünde, welcher 1062–67 Markgraf war, bewilligte dem Erzbischof von Mainz den Zehnten, welcher Veranlassung zu dem thüring. Zehntenkriege gab, den die Thüringer seit 1069 gegen König Heinrich IV. und den Erzbischof von Mainz führten. Mit jenen vereinigten sich die misvergnügten Sachsen. Um diese Zeit traten die Stammhäupter der nachmaligen Landgrafen von T. auf. Der Gaugraf Ludwig mit dem Barte, verwandt mit dem Kaiser Konrad II., dem Franken, wurde vom Kaiser 1039 mit einem Landstriche auf dem thüringer Walde belehnt, sodaß er nur dem Reiche unmittelbar unterworfen war. Sein Sohn, Ludwig der Springer, fuhr fort, an der Erweiterung der Macht seines Hauses zu arbeiten, war jedoch, verwickelt in den weimar. Erbfolgekrieg, unglücklich und starb 1128 als Mönch. Kaiser Lothar ernannte des Verstorbenen Sohn Ludwig 1130 zum Landgrafen von T. Ihm folgte 1142 sein Sohn Ludwig II. der Eiserne, und diesem 1172 Ludwig III. der Milde, der auf der Rückkehr von einer Kreuzfahrt 1190 starb und seinen Bruder Hermann I. zum Nachfolger hatte. Dieser machte sich hochberühmt durch die Gunst, welche er den deutschen Minnesängern zuwendete. Er versammelte um sich auf der Wartburg die ausgezeichnetsten Dichter, als Heinrich von Veldeck, Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide, Heinrich von Ofterdingen u. A. Hier wurde 1207 der bekannte Sängerkrieg auf der Wartburg (s.d.) gestritten, während das thüring. Land durch den Kampf zweier Gegenkönige verheert wurde. Ludwig der Heilige folgte seinem Vater 1217 und regierte bis 1227. Er war der Gemahl der h. Elisabeth (s.d.). Heinrich Raspe, welcher seinem Bruder folgte, wagte es, als Gegenkönig Friedrich II. sich entgegenzustellen. Hermann II., der Sohn Ludwig des Heiligen, wurde 1239 Landgraf, starb 1248 und Heinrich Raspe 1247, und mit diesen starb das Haus der ältern Landgrafen von T aus. Schon 1242 war Heinrich der Erlauchte aus dem Hause Wettin für den Fall des Aussterbens der Nachkommen Ludwig's mit dem Barte mit T. belehnt worden, und auf die Familiengüter machte Sophia, die Gemahlin Herzogs Heinrich von Brabant, die Tochter Ludwig's des Heiligen, Ansprüche, während auch noch der Graf Sigfried, der Sohn Heinrich's von Anhalt, Ansprüche auf die Erbfolge erhob. Diese verschiedenen Ansprüche hatten den thüring. Erbfolgekrieg zur Folge, an welchem die thüring. Grafen Theil nahmen und der sich zu Gunsten Heinrich's des Erlauchten entschied. Sophia's Sohn Heinrich nahm ohne Erfolg den Titel eines Landgrafen von T. an, und wurde endlich zur förmlichen Entsagung gezwungen. Noch bei Lebzeiten seines Vaters Heinrich ward Albrecht der Unartige zum Landgrafen von T. eingesetzt, welcher sich mit seinem Bruder und mit seinem Vater veruneinigte und seiner Gemahlin Margaretha sogar nach dem Leben trachtete, weil er mit Kunigunde von Eisenberg ein Liebesverhältniß hatte. Er wollte seine rechtmäßigen Söhne Friedrich den Gebissenen und Diezmann enterben, um dem Sohne Kunigunden's, Apitz genannt, T. zuzuwenden. Er kämpfte mit seinen Söhnen von 1279–86, versöhnte sich dann zwar mit denselben, fuhr aber fort, den Sohn Kunigunden's zu begünstigen und brachte das Land durch innere Fehden in noch größere Zerrüttung, welcher Kaiser Rudolf durch Zerstörung der Raubschlösser und Einsetzung eines Friedensgerichts entgegenzuwirken suchte. Endlich verkaufte Albrecht T. an den Kaiser Adolf von Nassau, doch seine Söhne und die Thüringer widersetzten sich diesem Verkauf, woraus sich eine schreckliche Fehde entspann, bis Adolf 1298 starb und T. an die rechtmäßigen Erben kam. Doch Adolf's Nachfolger, Albrecht von Östreich, erneuerte die Ansprüche auf T., konnte sie aber nicht durchsetzen. Friedrich wurde nach Diezmann's Ermordung 1308 alleiniger Regent von T., von Meißen und vom Osterlande, und nach Albrecht's Ermordung wurde er vom Kaiser Heinrich VII. im J. 1310 förmlich mit T. belehnt. Unruhen der übermüthigen Städte, eine Fehde mit Woldemar I. von Brandenburg machten ihm jedoch noch viel zu schaffen, bis ihm endlich 1316 die Herstellung der Ruhe gelang und er nun eifrig bemüht war, den Wohlstand seines Landes zu fördern. Als er 1329 starb, folgte ihm sein noch unmündiger Sohn Friedrich II., zunächst unter Vormundschaft des Grafen Heinrich von Schwarzburg, und als dieser starb, unter der Vormundschaft Heinrich's Reuß von Plauen, [425] welcher sich um T. große Verdienste erwarb. Friedrich lebte in steten Kämpfen mit den Herren und Rittern seines Landes, welche jedoch nicht zu seinem Vortheile ausschlugen. Nach Friedrich's 1349 erfolgtem Tode regierten seine Söhne Friedrich III., Balthasar und Wilhelm gemeinschaftlich; ihre Besitzungen erhielten ansehnliche Erweiterungen, bis Friedrich III. 1381 starb und drei Söhne, Friedrich, Wilhelm und Georg, hinterließ, mit denen ihre Oheime 1382 eine Theilung des Landes vornahmen, bei welcher T. an Balthasar kam. Balthasar starb 1406 und hinterließ T. seinem Sohne Friedrich dem Friedfertigen, einem schwachen Fürsten, der 1440, ohne Kinder zu hinterlassen, starb. Kurfürst Friedrich II. der Sanftmüthige und Herzog Wilhelm III. waren seine Erben, und der Letztere erhielt T. bei der Theilung 1445, die aber 1447 einen Bruderkrieg nach sich zog, bei welchem T. sehr verwüstet wurde. Der schwarzburg. Hauskrieg entflammte den Kampf aufs Neue. Nach Wilhelm's 1482 erfolgtem Tode theilten sich die Söhne Friedrich des Sanftmüthigen, Ernst und Albert, in T., welches seitdem nie wieder unter Einem Herrscher vereinigt worden ist. Ein bedeutender Theil T.'s kam später an Preußen und gehört jetzt zu dem preuß. Herzogthum Sachsen. Gegenwärtig ist T. vertheilt an: den König von Preußen, den Großherzog von Weimar, den Herzog von Koburg-Gotha und die Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg-Rudolstadt. Vergl. F. Wachter's: »Thüringische und obersächsische Geschichte« (3 Bde., Lpz. 1826–30); Herzog's »Geschichte des thüringischen Volkes, für das Volk und die Jugend« (Hamb. 1827); L. Bechstein's »Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerwaldes« (4 Bde., Hildburgh. 1835–38).

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 424-426.
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