Deutschland (Künste)

[137] Deutschland (Künste). (Künste) Welchen Einfluß das weibliche Geschlecht überhaupt auf die Kunst von jeher ausgeübt hat, und wie dessen Wirksamkeit bei einzelnen Völkern zu manchen Zeiten mehr oder minder entschieden hervorgetreten ist, diese Untersuchung ist eine der interessantesten in der Kunstgeschichte, aber sie bedarf zugleich einer tiefen Forschung in den Geist und Charakter der verschiedenen Völker und Zeiten. Gleichwie die Liebe die höchste Bestimmung alles Lebens, der Lenz des Erdenjahres ist, so war die Kunst von jeher in ihrem glücklichsten Wirken, wenn sie jenes Höchste zu verschönen, wenn sie dem eingebornen Ideale Gestalt, Ton oder Wort leihen konnte. Darum gelten die Venus, die den Griechen Praxiteles verewigt hat, darum die Madonnen, die Raphael nach dem Urbilde seiner Geliebten malte, darum die glühenden Lieder, die Petrarka seiner Laura sang, noch jetzt für die herrlichsten Werke dieser Meister, weil sich in ihnen der Geist ihrer erhabensten Bestimmung ausprägt. – Das Geschichtliche unserer vaterländischen Kunst anlangend, finden wir in Karl dem Großen, später in den Hohenstaufen (s. d. A.) thätige Beschützer derselben; jener erbaute den Dom zu Aachen und begründete in der Baukunst den gothischen Geschmack, in welchem wir noch heute die sonderbare[137] Vereinigung einer großartigen Erhabenheit und einer kleinlich sorgfältigen Ausschmückung bewundern, diese verpflanzten Gesang und Musik auf deutschen Boden. Deutsche Musik und deutsche Literatur (s. d. A.). Der eigentlich deutschen Baukunst ging die maurische voraus, deren Geschmack aber mit dem Zurückweichen der Araber aus Europa vom 11. Jahrhundert an allmälig verschwand, das Gute davon ist bei der höchsten Blüthe der deutschen Baukunst sichtbar, als im 13. Jahrhundert der Münster zu Straßburg, der Dom in Köln, die Stephanskirche in Wien und der Münster zu Freiburg im Breisgau entstanden, Kirchen, welche allgemein als die vorzüglichsten Werke deutscher Baukunst anerkannt sind. Die Eigenthümlichkeit derselben besteht namentlich in schlanken Pfeilern und Säulen, in Spitzbogen, reichen Portalen, gemalten Fenstern, hohen Thürmen und Dächern, mit durchbrochener Arbeit ausgeführt und den mannichfachsten Verzierungen geschmückt. In diesem Style, der bis zum Ende des 14. Jahrhunderts der herrschende war, und sich auch außerhalb Deutschlands verbreitete, wurden noch die Dome zu Magdeburg, Naumburg, Merseburg, Erfurt, Regensburg, Ulm, Nürnberg, Frankfurt und Prag aufgeführt, die Kathedrale zu Antwerpen, die zu Rheims, Amiens, Notre-Dame in Paris, mehrere in Spanien und Portugal sind um dieselbe Zeit und in dem nämlichen Geschmack erbaut, eben so ist England sehr reich an Werken deutscher Bauart. Die deutsche Malerkunst entstand aus der byzantinischen; Goldgrund, glänzender Heiligenschein mit tapetenartigen Blumen, vergoldetes Schnitzwerk sind Kennzeichen von Gemälden jener frühesten Zeit; Mainz, Trier und Köln waren die ersten Kunstsitze jener Periode; am letztgenannten Orte blühte im 13. und 14. Jahrhundert schon die älteste deutsche Malerschule. Das Altargemälde im Dome ist das berühmteste Kunst werk jener Zeit. Vom Niederrhein wandte sich das Kunstleben nach Nürnberg und Augsburg, wo die Fugger wirkten und tüchtige Kunstschulen emporstrebten. Einen Hauptabschnitt bildet die Zeit[138] Albrecht Dürer's (s. d.), der sich in Deutschland, Holland und Italien bildete, und dem eine Reihe trefflicher Künstler folgte, aus der wir nur die Holbein (s. d.), Lukas Cranach (s. d.), Lukas von Leyden, Adam Eltzheimer nennen. Vorzüglich den traurigen Einwirkungen des 30jährigen Krieges ist der bedauernswerthe Verfall der deutschen Malerkunst zuzuschreiben; sie fiel in einen tiefen Schlummer zurück, aus welchem nur vorübergehende Erscheinungen, wie die Familie Tischbein und Bemmel, hervortauchten, bis die Bemühungen Winckelmann's (s. d.), und später Mengs's (s. d.), namentlich durch die Würdigung der Antiken die Blüthen einer neuen Epoche wachriefen. Es wurde erkannt, daß nur das Studium der Vergangenheit die richtige Basis einer wahren Theorie der Kunst abzugeben vermöge, und unserer Zeit, einer Epoche, wo Koch und Rhoden, Overbeck, Cornelius, Schnorr, Schadow, Vogel, Lessing. Hildebrand, Sohn u. A. wirken, ist die erfreuliche Aussicht noch vorbehalten, wie in so vielem Andern das Zeitalter der Begründung einer neuen selbstständigen Aera zu werden. – Unter den deutschen Malerinnen steht Angelika Kaufmann (s. d.) noch unübertroffen da. Die Bildhauerkunst hatte schon vor Albrecht Dürer, der sich selbst gleichfalls als trefflicher Bildner gezeigt hat, in Deutschland Eingang gefunden; zahlreiche Kirchen, Rathhäuser und Brunnen, vor Allen die Nürnberger sprechen für diese Behauptung; unter den neuern Bildhauern sind Thorwaldsen (s. d.), der genialste unter allen, Dannecker (s. d.), Schadow, Schwanthaler und Eberhard, und von den ausgezeichneten Werken bildender Kunst, die unsre Zeit in's Leben gerufen hat, die Denkmale Blücher's und Scharnhorst's in Berlin, und das Luther's zu Wittenberg zu nennen. Auch die Kupferstecherkunst fand an Albrecht Dürer einen thätigen Beförderer, erhielt jedoch erst später durch französische Künstler ihre höhere Vollendung. Chodowiecki, Heß, Stöber, Jury, Müller, Fleischmann, Schwerdtgeburt, Meno Haas, Schüler, Wenk etc. sind die besten Kupferstecher der neuern Zeit. Die Fortschritte in[139] der Lithographie, welche ein Deutscher, Senefelder, erfunden hat, gehören größtentheils den Franzosen an, doch sind Hanfstängl und Zollner zu erwähnen. In der Holzschneidekunst, die in unsern Tagen wiederum mehr als früher gefördert wird, liefern Höfel und Gubitz wackere Arbeiten. Nächst den bildenden Künsten müssen die Tonkunst und Poesie besonders abgehandelt werden, auch die Leistungen der Schauspielkunst hier Platz finden. Die Anfänge des deutschen Schauspiels sind in klösterlichen Feierlichkeiten, in der Darstellung biblischer Stoffe zu suchen. Die ersten Dramen dichtete Hans Sachs; allein die hohe Bedeutung, welche diese Kunst gegenwärtig nicht nur in Deutschland, sondern durch ganz Europa behauptet, erhielt sie erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, als Eckhof, Iffland, Schröder, Fleck u. A. blühten. Gegenwärtig hat die Oper dem Schauspiele in vieler Hinsicht den Rang abgelaufen und besteht neben demselben fast in allen größern Städten. Wien, Berlin, München, Hamburg, Leipzig, Frankfurt a. M., Dresden, Stuttgart, Kassel, Karlsruhe, Prag, Hannover, Braunschweig, haben die besten Theater. Die vorzüglichsten Sängerinnen und Schauspielerinnen finden sich unter den betreffenden Artikeln, ebenso einige der ausgezeichneten Männer. Zu den Sängerinnen ersten Ranges gehören die Sonntag, die Schröder-Devrient, Heinefetter, Fischer Achten, die Schechner, Fischer Schwarzböck, Vespermann, Walker, Seidler, Hähnel, Pixis. Unter den Sängern sind zu nennen: Wild, Rauscher, Breiting, Eichberger, Bader, Hammermeister, Pöck, Hauser, Dobler. Bekannte Schauspielerinnen: die Damen Sophie Schröder, Wolf, Crelinger, Sophie Müller, Haizinger, Devrient, Genast, Hagen, Rettich, Peche, Fournier, Fries, Stubenrauch. Schauspieler: Ludwig Devrient, Wolf, Eßlair, Anschütz, Seidelmann, Rott, Emil Devrient, Löwe.

X.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 3. [o.O.] 1835, S. 137-140.
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