Hamburg

[136] Hamburg, das Venedig des Nordens, einst die Königin der Hansa und noch jetzt ein Welthandelsplatz und freie Stadt, hat gegen 150,000 Ew., liegt am rechten Elbufer, da wo sich die Alstar und Bille mit dieser vereinigen und hat einen Hafen, in welchem die Schiffe der Nordsee landen. Zu den merkwürdigsten Gebäuden der Stadt gehören die Michaeliskirche, die Bank, das Waisenhaus, welches 1100 Kinder versorgt und das Krankenhaus mit 5000 Betten. Die Straßen sind meist winkelig und krumm, werden zum Theil von Canälen durchschnitten, über welche 84 Brücken führen und bei hoher Fluth unter Wasser gesetzt; davon[136] ausgenommen ist der Jungfernstieg, mit seinen schönen Alleen, mit prächtigen Häusern auf der einen und dem Alsterbassin auf der andern Seite, Zu den besuchtesten Promenaden gehören die Bleichen, die Esplanade, der Wall mit der Elbhöhe, der Hafen und eine Menge sehr schöner Gärten. Hamburg ist der Hauptstapelplatz für alle Arten von Colonialwaaren; es besitzt selbst 300 Zuckersiedereien, große Tabaksfabriken, Fischbeinreißereien, Federpulfabriken und Manufakturen in künstlichen Blumen, Goldstickereien und Putzwaaren aller Art. Das Volk ist fleißig, liebt aber nach der Arbeit den materiellen Genuß, es strotz von Gesundheit, ist gutmüthig, aber derb in seinen Sitten. Die Matrosen suchen ihren Himmel auf dem hamburger Berg. Der Gebildete ist es im höchsten Grade. Die Frauen sind in der Regel wohlgestaltet, oft von auffallender Schönheit, sie kleiden sich elegant, fast zu prächtig. Eine eigene Klasse bilden die Grazien des Blumenmarktes, die Sträußermädchen und Früchteverkäuferinnen. Sie sind meist hübsch, naiv, kokett, zierlich gekleidet mit einem rothen oder grünen Mieder, dunkeln Bändern, einem Strohhute, violettem Oberkleide, und verstehen es recht wohl, ihre Persönlichkeit zu Gunsten ihrer Waaren geltend zu machen. Der rege Verkehr Hamburgs mit fast allen Ländern der Erde, der Zusammenfluß so verschiedenartiger Produkte und der Reichthum, welcher dadurch erworben wird, steigern dort den Genuß und Luxus in jeder Beziehung; Sitten und Gebräuche tragen dort nicht den monotonen Charakter einer Provinzialstadt, auch nicht das feste Gepräge der Hauptstadt eines großen Reiches, wohl aber die Vielseitigkeit, den Wechsel, und das Großartige einer Weltstadt.

J.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 5. [o.O.] 1835, S. 136-137.
Lizenz:
Faksimiles:
136 | 137
Kategorien: