Junges Deutschland

[368] Junges Deutschland (hierzu die Porträttafel »Hauptvertreter des Jungen Deutschland«), Bezeichnung einer literarischen Schule, die in den 30er Jahren des 19. Jahrh. bestimmend in den Gang der deutschen Literatur eingriff und als Rückschlag gegen die Romantik aufzufassen ist. Ihr Name fand allgemeine Verbreitung durch die dem »jungen Deutschland« gewidmete Vorrede von Wienbargs »Ästhetischen Feldzügen« (1834), doch war Wienbarg durch seinen Verleger J. Campe (Hoffmann u. Campe) zu dieser Widmung angeregt worden, und Campe verdankte das Schlagwort vielleicht K. Gutzkow, der es bereits im November 1833 in einem Brief an Cotta gebrauchte; es lag indessen gleichsam in der Luft; und wie es von Mazzinis »Jungem Europa« (s. Junges Europa) auch einen deutschen Zweigverein politischen Charakters unter dem Namen J. D. gab (der übrigens zu dem literarischen Jungen Deutschland gar keine Beziehung hatte), so lag es wohl manchem nahe, die jugendlich aufstrebende, den modernen Ideen huldigende Literatur auf denselben Namen zu taufen. Sanktioniert wurde dieser vollends durch das auf Grund von Menzels heftigen Angriffen gegen die Führer der Schule gerichtete Bundestagsverbot vom 10. Dez. 1835. – Die charakteristischen Ziele des Jungen Deutschland lagen in einer eigentümlichen Verquickung literarischer und politischer Bestrebungen. Man wollte die Literatur wieder mit dem Leben verbinden, man wollte sie, die wirklichkeitsfremd in mondbeglänzten Zaubernächten geschwärmt und geschwelgt hatte, sich wieder stärken und erfrischen lassen durch die innigste Berührung mit dem aufstrebenden Geiste der Zeit. So bildete die neue Schule eine gesunde und berechtigte Reaktion gegen die romantische und zum Teil auch gegen die klassische Richtung der deutschen Literatur. Aber das beste Leben der Zeit war in der Restaurationsepoche geknebelt und niedergehalten durch das Metternichsche, alle deutschen Regierungen beherrschende Unterdrückungssystem, und daher wurden die national gesinnten Geister, die einem gesunden Fortschritt huldigten, samt und sonders in das Lager der Opposition getrieben. Die jungdeutschen Schriftsteller stellten sich, meist mit leidenschaftlichem Eifer, in den Dienst der modernen liberalen Ideen; sie huldigten der Tendenz; sie wollten nicht sowohl Kunstwerke von ästhetischem Werte schaffen, als vielmehr zum praktischen Handeln anregen, das stockende Leben der Zeit in Bewegung setzen und zu einer Umgestaltung der bestehenden Zustände anfeuern. Diese Tendenzschriftstellerei, diese Verquickung von Literatur und Politik, war ästhetisch von Übel, war eine bedauerliche Preisgebung der bisher so glänzend verteidigten Selbstherrlichkeit der Kunst; aber sie war vielleicht ein notwendiger Übergang zur tendenzfreien Poesie der Wirklichkeit, die dem Jungen Deutschland folgte. Die Romantik hatte abgewirtschaftet; es ging nicht länger so weiter. Das Gute der jungdeutschen Bewegung läßt sich daher erst ganz aus der ihr folgenden Literatur ermessen, die zum nicht geringen Teil durch die Werke derselben Männer (Gutzkow, Laube) ihre Signatur erhielt, die vorher Führer jener Bewegung gewesen waren. Aber an künstlerischen Leistungen von dauern dem Wert hat das Junge Deutschland selbst fast nichts zutage gefördert. Die Tendenzschriftstellerei erschöpfte sich in Darlegungen des Programms. Mit den Mitteln des Journalismus suchte man die neuen Ideen zu verbreiten, und daher ist es leicht verständlich, daß man durch Esprit, Witz (erst das Junge Deutschland brachte die jetzige Bedeutung dieses Wortes zu allgemeiner Anerkennung) und geistreiche Pointen die abstrakten Forderungen herauszuputzen und künstlerisch wirksam zu machen bestrebt war. Das Junge Deutschland hat erst das moderne Feuilleton in Deutschland geschaffen. Mit Unrecht hat man noch andre Bestrebungen als charakteristisch für die ganze Richtung hingestellt: nämlich die antinationale Liebäugelei mit Frankreich und die sogen. Emanzipation des Fleisches. Jene Hinwendung zu Frankreich erklärt sich zum größten Teil dadurch, daß Paris nach der Julirevolution in der Tat das Mekka des Liberalismus war, wohin die meisten, welche die modernen Ideen hochhielten, einmal wallfahrteten; die meisten Jungdeutschen waren, wie z. B. Gutzkow, echt nationale Männer, und Laubes sowie andrer mutiges Eintreten für das gewaltsam unterdrückte Polen lag in der Zeit. Die sogen. Emanzipation des Fleisches, die am ungeniertesten Heine zu Anfang der 1830er Jahre unter dem Einfluß des Saint-Simonismus verkündigte, gehörte keineswegs zu den Programmpunkten der ganzen Schule, deren meiste Vertreter sich vielmehr als tugendhafte Ehemänner bewährten. Vorbereitet wurde das Junge Deutschland bereits in den 1820er Jahren durch Börne und Heine. Namentlich die »Reisebilder« des letztern tragen schon überwiegend das Gepräge der neuen Schule. Aber zum vollen Durchbruch kam diese erst nach der Julirevolution. Ein Zusammenschluß der gleichstrebenden Genossen wurde jedoch erst 1834 angebahnt, als der ehrgeizige und überaus regsame junge Gutzkow die Führerschaft der neuen Schule zu gewinnen hoffte, deren Organ eine große »Deutsche Revue« (vgl. »Die Deutsche Revue von K. Gutzkow u. L. Wienbarg«, hrsg. von J. Dresch, Berl. 1904) werden sollte. Der bedeutendste Theoretiker des Jungen Deutschland war Ludolf Wienbarg, der Verfasser der geistvollen »Ästhetischen Feldzüge«, in denen die »schöne Tat« als das letzte Ziel poetischer Darstellung verfochten wird. Seine Begeisterung[368] für Goethe wurde von Heine, Laube, bald auch von Gutzkow geteilt, und die Börne-Menzelschen Angriffe gegen den Meister fanden bald unbedingten Widerspruch unter den jungen Geistern. Mit Wärme erklärte sich Laube für das moderne Prinzip der Schule, und in ähnlicher Richtung betätigten sich Th. Mundt und G. Kühne, welch letzterer jedoch nur halb zum Jungen Deutschland gehört. Von Frauen zählt man meist Rahel Varnhagen, Bettina von Arnim und Charlotte Stieglitz zu dieser literarischen Gruppe hinzu, weil sie alle drei die jungdeutschen Geister beeinflußten und zum Teil mit ihnen in gleicher Richtung wirkten. Der Bestand des Jungen Deutschland als einigermaßen geschlossener Schule war von überaus kurzer Dauer: durch den Bundestagsbeschluß vom 10. Dez. 1835 wurden nicht nur alle bisherigen, sondern auch alle künftigen Werke der Schriftsteller dieser Gruppe verboten, und die Folge war, daß sich die meisten bald in andrer Richtung als zuvor betätigten, was ihnen in ästhetischer Hinsicht nicht zum Schaden gereichte. Überdies zerfielen sie bald untereinander und fochten bittere Fehden aus. Die Bildnisse der Hauptvertreter des Jungen Deutschland zeigt beifolgende Tafel. Vgl. J. Proelß, Das junge Deutschland (Stuttg. 1892; wertvoll durch reiches Material); G. Brandes, Das junge Deutschland (Leipz. 1891 u. ö.); Wehl, Das junge Deutschland (Hamb. 1886); L. Geiger, Das junge Deutschland und die preußische Zensur (Berl. 1900); H. Bloesch, Das junge Deutschland in seinen Beziehungen zu Frankreich (Bern 1903). – Ungefähr 50 Jahre später kam eine dem Jungen Deutschland verwandte literarische Strömung zum Durchbruch, die aber keine politischen, sondern bloß ästhetische Motive und Ziele hatte. Der Ausdruck jüngstes Deutschland galt als Bezeichnung für jene Gruppe von Dichtern, die nach ausländischen, zumal französischen Mustern auf Grundlage der naturalistischen Ästhetik eine Verjüngung der in konventionellen Formen versunkenen Poesie anstrebten; auch das »jüngste Deutschland«, zu dessen Führern Otto Brahm, M. G. Conrad, die Brüder Hart, Arno Holz, Wilhelm Bölsche, Hermann Bahr u. a. als Kritiker, H. Sudermann und Gerhart Hauptmann als Dichter gehörten, sprach die Losung der »Moderne« aus, forderte eine Erfüllung der Kunst mit neuem Zeitinhalt, mit den Lehren der neuesten Naturwissenschaft und äußerte sich sehr feindlich über die ältern Vertreter der Poesie. Mit der allgemein durchdringenden Erkenntnis von der Unhaltbarkeit der naturalistischen Kunstlehren schwand auch die Macht dieser jüngstdeutschen Gruppe, die sich in ihre einzelnen Glieder auflöste. Hauptorgane dieser literarischen Schule waren die Zeitschriften: »Freie Bühne« (Berl. 1890 ff.; später »Neue deutsche Rundschau«; seit 1903 »Die neue Rundschau«) und »Die Gesellschaft« (Leipz. 1885 ff.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 368-369.
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