Gutzkow

[553] Gutzkow, Karl Ferdinand, Dichter und Schriftsteller, geb. 17. März 1811 in Berlin, gest. 16. Dez. 1878 in Sachsenhausen bei Frankfurt a. M., Sohn eines Bereiters des Prinzen Wilhelm, der später eine niedere Amtsstellung im Kriegsministerium bekleidete, studierte auf der Berliner Universität Philosophie und Theologie und widmete sich, ergriffen durch die Eindrücke der Julirevolution, frühzeitig der Publizistik. Er gewann die Teilnahme Wolfgang Menzels und wurde Mitarbeiter an dessen »Literaturblatt« (1832 bis 1834), weshalb er für einige Zeit nach Stuttgart übersiedelte. Auch mit umfangreichern selbständigen Arbeiten trat er bald hervor, zunächst mit novellenartigen Zeitbetrachtungen in den »Briefen eines Narren an eine Närrin« (Hamb. 1832), sodann mit einem nur wenig Zeitanspielungen enthaltenden Roman[553] »Maha-Guru, Geschichte eines Gottes« (Stuttg. 1833, 2 Bde.) und mit geistvollen politisch-literarischen Essays: den »Öffentlichen Charakteren« (Hamb. 1835). Obgleich G. in einzelnen seiner ersten »Novellen« (Hamb. 1834, 2 Bde.) und mit dem (unausführbaren) Drama »Nero« (Stuttg. 1835) poetisches Talent bekundete, so fühlte er sich doch in diesen Jahren (bis etwa 1839) mehr journalistisch als künstlerisch zu schaffen angeregt. Er wurde ungesucht einer der Stimmführer des Jungen Deutschland, das seit Beginn der 1830er Jahre die Aufgabe der neuen Literatur vornehmlich in der Weckung eines politischen Bewußtseins und in der Verbreitung liberaler Anschauungen erblickte; die Literatur sollte hinter der Zeit, in der sich gewaltige Umwälzungen auf materiellem und sozialem Gebiet vorbereiteten, nicht zurückbleiben. In diesem Sinne schrieb G., der inzwischen in Heidelberg und München Rechts- und Staatswissenschaften studiert und 1834 in Frankfurt a. M. die Leitung des »Literaturblattes« zum »Phönix« übernommen hatte, seine Vorrede zu Schleiermachers »Briefen über Schlegels Lucinde« (Hamb. 1835), seine »Soireen« (Frankf. a. M. 1835, 2 Bde.) und den Roman »Wally, die Zweiflerin« (Mannh. 1835; spätere Umarbeitung u. d. T.: »Vergangene Tage«, Frankf. 1852). Einige sinnliche Schilderungen und religiös freisinnige Betrachtungen des im ganzen wenig bedeutenden Romans boten Wolfgang Menzel erwünschte Gelegenheit zu gehässigen Anklagen gegen G., mit dem er sich inzwischen überworfen hatte, und diese Angriffe hatten den Erfolg, daß »Wally« konfisziert und G. in Baden zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, die er 1835 in Mannheim abbüßte. Zugleich wurde seine ganze Zukunft durch das bundestägliche Verbot aller seiner (wie der andern Jung-Deutschen) frühern und künftigen Schriften und durch die Entziehung des Rechtes, innerhalb des deutschen Bundesgebiets eine Redaktion zu übernehmen, in Frage gestellt. G. überwand zwar mit männlicher Energie und Überzeugungstreue den Schlag, den er durch diese (übrigens bald gemilderten) Maßnahmen des Bundestages erfuhr, aber das dadurch geweckte Mißtrauen gegen die Menschen, eine hochgradige Hypochondrie, die überall Verfolger und Feinde witterte, wirkte in seinem folgenden Leben verhängnisvoll nach. Seit 1836 verheiratet, siedelte er 1837 zur Leitung der von ihm begründeten Zeitschrift »Der Telegraph« nach Hamburg über, wo er bis 1842 verweilte, hauptsächlich gefesselt durch die Freundschaft der geistvollen Frau Therese v. Bacheracht, die er aber nach dem Tode seiner Gattin (1848) nicht heiratete. In diesen Jahren war G. literarisch-publizistisch überaus tätig; es erschienen die in der Hast zu Mannheim geschriebene Schrift: »Zur Philosophie der Geschichte« (Hamb. 1836; vgl. R. Fester, Eine vergessene Geschichtsphilosophie, das. 1890); »Zeitgenossen, ihre Tendenzen, ihre Schicksale, ihre großen Charaktere« (Stuttg. 1837, 2 Bde.); die gegen Görres gerichtete Broschüre: »Die rote Mütze und die Kapuze« (Hamb. 1838); »Götter, Helden und Don Quixote« (das. 1838); die gegen Menzel, den verblendeten Goethe-Hasser, gerichteten Aufsätze: »Goethe im Wendepunkt zweier Jahrhunderte« (Berl. 1836) und das panegyrische Werk. »Börnes Leben«, mit einem gegen Heine gerichteten Vorwort (Hamb. 1840). Doch nahm G. schon die Wendung zu mehr dichterischen Arbeiten im Roman »Seraphine« (Hamb. 1838), in der satirischen Zeitgeschichte in Arabesken: »Blasedow und seine Söhne« (Stuttg. 1838–39, 3 Bde.) und eröffnete mit dem Trauerspiel »Richard Savage« (1839) eine sehr fruchtbare und auch Werke von bleibendem Wert schaffende dramatische Periode, in der er eine große Popularität erreichte. 1842 vertauschte er Hamburg mit Frankfurt a. M., 1846 dieses wiederum mit Dresden, wo er in frischer und glücklicher Schaffenslust bis 1861 wohnte. 1847–49 war G. Dramaturg des Dresdener Hoftheaters, 1850 heiratete er zum zweitenmal, 1852–62 leitete er die von ihm begründete Zeitschrift: »Unterhaltungen am häuslichen Herd«. 1861 siedelte G. als Generalsekretär der Deutschen Schillerstiftung, um deren Zustandekommen er sich große Verdienste erworben hatte, nach Weimar über; doch legte er schon im November 1864 das Amt nieder: gekränkt, überreizt und so tief verstimmt, daß er im Februar 1865 in Friedberg einen Selbstmordversuch machte. Er wurde gerettet und nahm neugekräftigt seine literarische Tätigkeit wieder auf; 1868–73 lebte er in Berlin. Wiederkehrende Nervenleiden veranlaßten einen Winteraufenthalt (1873/74) in Italien, 1874–77 lebte er in Heidelberg. Zuletzt ließ sich der in seiner körperlichen Kraft Gebrochene, geistig mehr und mehr Isolierte in Sachsenhausen nieder. Zwischen seinen dichterischen Werken veröffentlichte G. indes noch immer halb journalistische Schriften, so die »Briefe aus Paris« (Leipz. 1842, 2 Bde.), »Deutschland am Vorabend seines Falles und seiner Größe« (Frankf. 1848), »Vor- und Nachmärzliches« (Leipz. 1850), »Lebensbilder« (Stuttg. 1870, 3 Bde.), eine Spruchsammlung: »Vom Baum der Erkenntnis« (das. 1873) und »In bunter Reihe«, Briefe und Skizzen (Berl. 1877). Seine letzte polemische Schrift: »Dionysius Longinus, oder über den ästhetischen Schwulst in der neuern deutschen Literatur« (Stuttg. 1878), war der Ausfluß der leidenschaftlichen Verbitterung, die sich in ihm angehäuft hatte, und die schon, wenn auch minder stark, in dem autobiographischen Buch »Rückblicke auf mein Leben« (Berl. 1875), der Fortsetzung seiner frisch-liebenswürdigen Aufzeichnungen: »Aus der Knabenzeit« (Frankf. a. M. 1852), sich äußerte. – Die bleibende Bedeutung Gutzkows in der deutschen Literatur beruht in den größern Dramen und Romanen, die er schuf. Er hat der deutschen Bühne einige Stücke gegeben, die sich noch heute auf dem Repertoire behaupten: das treffliche historische Lustspiel »Zopf und Schwert« (1844), ferner »Das Urbild des Tartüffe« (1847) und in demselben Jahre die in alle europäischen Sprachen übersetzte Tragödie der Gewissensfreiheit: »Uriel Acosta« (vgl. W. Volkmann, Uriel Acosta, Bresl. 1893). Viel Beifall fand auch das Lustspiel »Der Königsleutnant« (1849), doch ist hierin die Figur des jungen Goethe ganz verzeichnet, und der große Beifall, den das Stück fand, ist vor allem durch die von schauspielerischen Virtuosen gepflegte Paraderolle des Grafen Thorane zu erklären. Von andern Dramen Gutzkows, die trotz mancher Vorzüge weniger durchschlugen, z. T. aber auch ganz verfehlt sind, nennen wir: »Werner, oder Herz und Welt«, Schauspiel (1840), »Die Schule der Reichen«, Schauspiel (1841), »Patkul«, Trauerspiel (1842), »Der 13. November«, Trauerspiel (1842), »Ein weißes Blatt«, Schauspiel (1843), »Pugatscheff«, Tragödie (1846), »Jürgen Wullenweber«, Tragödie (1848), »Liesli«, Volkstrauerspiel (1852), »Philipp und Perez«, Tragödie (1853), »Ottfried«, Schauspiel (1854), »Lenz und Söhne, oder die Komödie der Besserungen«, Lustspiel (1855), »Ella Rosa«, Schauspiel (1856), »Lorbeer und Myrte«, Lustspiel (1856), »Der Gefangene von Metz«, Schauspiel[554] (1870), »Dschingischan«, Lustspiel (1876). Eine Sammlung seiner Stücke erschien u. d. T.: »Dramatische Werke« (Leipz. 1842–57, 9 Bde.; neue umgearbeitete Ausg. 1861–63, 20 Bdchn.; 4. Aufl., Jena 1880). Noch unmittelbarer an die Zeit schloß sich G. in den beiden großen Romanen an: »Die Ritter vom Geiste« (Leipz. 1850–52, 9 Bde.; 6. umgearbeitete Aufl., Berl. 1881, 4 Bde.) und »Der Zauberer von Rom« (Leipz. 1858–61, 9 Bde.; 4. völlig umgearbeitete Aufl., Berl. 1872, 4 Bde.), die bei ihrem Erscheinen außerordentliches Interesse erregten. »Die Ritter vom Geiste« schildern die Reaktionsepoche nach 1848 in scharf und geistvoll gezeichneten Typen, »Der Zauberer von Rom« die Ultramontanen und das katholische Deutschland, dessen politische Bedeutung G. früh erkannte. Außer kleinern Erzählungen schrieb G. noch mehrere große Romane: »Hohenschwangau« (Leipz. 1867–68, 5 Bde.; 3. umgearbeitete Aufl., Bresl. 1880), ein Bild der Reformationszeit; den Memoirenroman »Fritz Ellrodt« (Jena 1872, 3 Bde.); »Die Söhne Pestalozzis« (Berl. 1870, 3 Bde.); »Die neuen Serapionsbrüder« (Bresl. 1877, 3 Bde.; 2. Aufl. 1878), die jedoch bei vielen geistreichen Einzelheiten reizlos in der Form wurden. Eine Sammlung seiner »Schriften« hatte G. schon früh begonnen (Frankf. a. M. 1845–56, 13 Bde.); später erschien eine die gesamte Tätigkeit des Autors in sich fassende Ausgabe: »Gesammelte Werke« (Jena 1873–78, 12 Bde.; 2. Serie: »Dramatische Werke«, 20 Bdchn., davon die 4. Gesamtausgabe 1899 ff.); die »Meisterdramen« gab Eug. Wolff (Berl. 1902) mit Einleitung heraus. Vgl. Joh. Prölß, Das junge Deutschland (Stuttg. 1892); F. Wehl, Zeit und Menschen (Altona 1889); K. Frenzel, Erinnerungen und Strömungen (Leipz. 1890); Adolf Stern, Zur Literatur der Gegenwart (das. 1880); Houben, Studien über die Dramen K. Gutzkows (Jena 1899) und G.-Funde (Berl. 1901); Caplmann, K. Gutzkows Stellung zu den religiös-ethischen Problemen seiner Zeit (Augsb. 1900); F. Dresch, G. et la jeune Allemagne (Par. 1904).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 8. Leipzig 1907, S. 553-555.
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