Campe

[726] Campe, 1) Joachim Heinrich (von), philanthropischer Pädagog und Schriftsteller, geb. 29. Juni 1746 in Deensen bei Holzminden, gest. 22. Okt. 1818 in Braunschweig, studierte seit 1765 in Helmstedt und Halle Theologie, lebte seit 1769 als Erzieher im Humboldtschen Hause zu Berlin und Tegel, erhielt 1773 eine Feldpredigerstelle in Potsdam, war 1774–75 Lehrer der Brüder Wilhelm und Alexander v. Humboldt, dann Prediger in Potsdam. Ergriffen von Basedows Idee einer philanthropischen Reform des Schulwesens, folgte er 1776 dem Ruf nach Dessau als Edukationsrat und Lehrer am dortigen Philanthropin, dessen Leitung er 1777 übernahm. Die Anstalt hob sich unter C.; doch bewogen ihn Streitigkeiten mit Basedow schon im Herbst 1777, Dessau zu verlassen und in Billwerder bei Hamburg selbst ein kleineres Erziehungsinstitut zu gründen. Hier entstanden seine ersten berühmten Jugendschriften. 1783 trat er seine Anstalt an Trapp ab und siedelte mit vier Zöglingen nach Trittau in Holstein über. Von da zog C. 1786 nach Braunschweig, wo er nach dem Wunsch des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand eine zeitgemäße Reorganisation des Schulwesens durchführen sollte. Der Herzog ernannte ihn 1787 zum Kanonikus, später (1805) zum Dechanten des Stiftes St. Cyriaci. Aber die Reform scheiterte am Widerspruch der kirchlichen und ständischen Körperschaften; C. gründete nun (1787) die braunschweigische Schulbuchhandlung und-Druckerei und lebte seitdem ganz der Schriftstellerei, später besonders der Ausarbeitung seines »Wörterbuchs der deutschen Sprache« und des »Wörterbuchs der Erklärung und Verdeutschung der unsrer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke« (Braunschw. 1801, 2. Aufl. 1813). Über eine Reise nach Paris in Begleitung W. v. Humboldts 1789 veröffentlichte er, hingerissen von den Ideen der Revolution, begeisterte Briefe, was ihm viele Angriffe zuzog. Warme Liebe zur Jugend, verbunden mit streng sittlicher, rationalistisch frommer Gesinnung, mit der Gabe beredter Darstellung und mit gleichmäßig würdevoller Haltung, machte ihn zum erfolgreichen Erzieher, zum gern gelesenen Schriftsteller und in weiten Kreisen zum Gegenstand hoher persönlicher Verehrung. Sein nüchterner, nur dem Nützlichen zugewandter Sinn schadete ihm bei der Mitwelt weniger als bei der Nachwelt. Seine »Sämtlichen Kinder- und Jugendschriften« (37 Bdchn.; 4. Aufl., Braunschw. 1832) haben ihrer Zeit weite Verbreitung und viel Nachahmung gefunden. Die bekanntesten, noch bis heute immer wieder neu ausgelegten sind: »Robinson Crusoe der jüngere« (115. Aufl., Braunschw. 1890) und die »Geschichte der Entdeckung von Amerika« (26. Aufl., das. 1881). Von bedeutendem Einfluß auf ihre Zeit waren auch Campes theoretische, pädagogische und populär-paränetische Schriften, besonders: »Theophron oder der erfahrene Ratgeber für die unerfahrene Jugend« (1783, 2 Tle.; 11. Aufl. 1843; neu bearbeitet von Krause, Berl. 1873) und »Väterlicher Rat an meine Tochter« (1789, 10. Aufl. 1832) sowie die unvollendete »Schulenzyklopädie« und das von 1785–91 als »Revision des gesamten Erziehungswesens« in 15 Bänden erschienene Sammelwerk, das außer Beiträgen namhafter deutscher Schulmänner auch Übersetzungen ausländischer Schriften enthält. Campes philosophische Schriften, wie: »Philosophische Gespräche über die unmittelbare Bekanntmachung der Religion und über einige unzulängliche Beweisarten derselben« (Berl. 1773), »Die Empfindungs- und Erkenntniskraft der menschlichen Seele« (Leipz. 1776), »Über Empfindsamkeit und Empfindelei« (Hamb. 1779), »Kleine Seelenlehre für Kinder« (das. 1780; 9. Aufl., Braunschw. 1830), »Moritz, ein Beitrag zur Erfahrungsseelenkunde« (das. 1789) u. a., vertreten den Standpunkt der sogen. Aufklärung. Um Reinigung der deutschen Sprache in redlichem Patriotismus bemüht, ermangelte C. der tiefern sprachgeschichtlichen Einsicht. Doch bleibt sein großes »Wörterbuch der deutschen Sprache« (Braunschweig 1807–12, 5 Bde.) eine beachtenswerte Leistung. Vgl. Hallier, J. H. Campes Leben und Wirken (2. Aufl., Soest 1862); Leyser, Joach. Heinr. C. (2. Aufl., Braunschw. 1896, 2 Bde.); Cassan, I. H. C. (Langensalza 1889, 2 Bde.); Lötze, I. H. C. als Pädagog (Leipz. 1890). Die Campesche Buchhandlung ging an den Gatten seiner einzigen Tochter, Fr. Vieweg (s.d.), über.

2) August, Buchhändler, Neffe des vorigen, geb. 28. Febr. 1773 in Deensen, gest. 22. Okt. 1836 in Hamburg, lernte in seines Oheims Schulbuchhandlung das Geschäft und gründete 1800 mit seinem Bruder Friedrich (s. unten) eine Buchhandlung in Hamburg, übernahm aber kurz darauf die Leitung der Buchhandlung seines Schwiegervaters Hoffmann, die, 1781 gegründet, nunmehr unter der Firma »Hoffmann u. Campe« ihre bereits bedeutenden Geschäfte immer mehr ausdehnte und namentlich im deutschen, französischen und englischen Sortiment viel leistete. 1823 trat er diese Handlung an seinen Bruder Julius ab, behielt sich jedoch sämtlichen Verlag vor, der aber 1851 an F. A. Brockhaus überging. – Seine geistig begabte Gattin Elisabeth, geborne Hoffmann, geb. 12. Juni 1786, gest. 27. Febr. 1873, nahm an den politischen Angelegenheiten lebhaften Anteil und war auch mehrfach (anonym) als Schriftstellerin tätig. Sie veröffentlichte unter anderm: »Zur Erinnerung an F. L. W. Meyer, den Biographen Schröders« (Braunschw. 1847, 2 Bde.).

3) Friedrich, Bruder des vorigen, geb. 1777 in Deensen, gest. 1846 in Nürnberg, erlernte ebenfalls in Braunschweig den Buchhandel, studierte dann in Königsberg und etablierte sich mit dem vorigen 1800 in Hamburg. Später gab er diese Geschäftsverbindung auf und gründete eine große Buch- und Kunsthandlung in Nürnberg. Er brachte den gesunkenen Nürnberger Bilder- und Landkartenhandel in neuen Schwung und kaufte viele wertvolle Gemälde auf, die teilweise noch jetzt eine Zierde Nürnbergs sind. Auch eine Druckerei brachte er an sich. 1825 gab er den Hauptanstoß zur Stiftung des Börsenvereins der deutschen Buchhändler, dessen erster Vorsteher er wurde. Er schrieb: »Reliquien von Albrecht Dürer« (Nürnb 1827) und ein »Malerlexikon« (das. 1833).

4) Julius, Bruder der vorigen, geb. 18. Febr. 1792, gest. 14. Nov. 1867, erlernte bei seinem Bruder August den Buchhandel und übernahm, nachdem er unter den Lützowschen Jägern den deutschen Befreiungskrieg mitgekämpft, sodann auch eine mehrjährige Reise durch Italien unternommen hatte, 1823 die Sortimentsbuchhandlung »Hoffmann u. Campe«, mit der er in der Folge einen starken Verlag vereinigte. Die Werke der ersten belletristisch-politisch-satirischen Talente, eines Heine, Wienbarg, Gutzkow, Börne, Anast. Grün, Hoffmann von Fallersleben etc., fanden an ihm einen Verleger; selbst Drohungen und Maßregeln von benachbarten Regierungen, wie 1841 das[726] Verbot Preußens gegen den gesamten Hoffmann-Campeschen Verlag etc., vermochten C. nicht einzuschüchtern. Daneben erschienen auch wissenschaftliche Werke unter seiner Firma. Nach seinem Tode ging die Firma an seinen Sohn Julius C. (geb. 18. Febr. 1846) über, der Verlag und Sortiment trennte und nur erstern selbst fortführte, während »Hoffmann u. C. Sortiment« in andre Hände überging.

5) Asche Burchhard Karl Ferdinand von, braunschweig. Minister, geb. 9. Okt. 1803 zu Wickensen im Herzogtum Braunschweig, gest. 14. Okt. 1874, stand seit 1827 mit kurzer Unterbrechung (1849–51), wo er privatisierte, im Justizdienst, zuletzt als Kreisgerichtsdirektor in Holzminden, trat 1856 als Chef des Justizdepartements in das Ministerium, wurde bald dessen Vorsitzender, übernahm auch das Auswärtige und ward 1862 zum Staatsminister ernannt. Geschickt überwand er die schwierige Lage des Jahres 1866 und wurde 1867 Bundesratsbevollmächtigter.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1905, S. 726-727.
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