Krause

[603] Krause, 1) Karl Christian Friedrich, Philosoph, geb. 6. Mai 1781 zu Eisenberg im Altenburgischen, gest. 27. Sept. 1832 in München, studierte in Jena unter Fichte und Schelling Philosophie, habilitierte sich 1802 daselbst als Privatdozent, wurde 1805 Lehrer an der Ingenieurakademie in Dresden, habilitierte sich wiederum 1814 nach Fichtes Tod in Berlin, ließ sich 1824 in Göttingen als Privatdozent nieder, ohne es aber zu einer Professur bringen zu können, und siedelte 1831 nach München über, erreichte aber auch dort seinen Zweck, eine Professur zu erhalten, nicht. Als Schriftsteller war er außerordentlich fruchtbar, obwohl er häufig mit Nahrungssorgen bei zahlreicher Familie zu kämpfen hatte. Er ist Begründer eines eignen philosophischen Systems, das er im Gegensatz zu dem Schelling-Hegelschen Pantheismus (All-Gott-Lehre) als Panentheismus (All-in-Gott-Lehre) und als die höhere Vereinigung sowohl des (Schelling-Hegelschen) Absolutismus als des (Kant-Fichteschen) Subjektivismus bezeichnet. Seine Philosophie ist vornehmlich »Wesenlehre«, d. h. Lehre vom Absoluten, das erkannt werden kann. Einen doppelten Lehrgang gibt es, diese Wissenschaft zu entwickeln: den aufsteigenden, analytischen, und den absteigenden, synthetischen. Der erstere geht aus von dem Selbstbewußtsein, der Selbstschauung Ich, das ein Vereinwesen von Leib und Geist ist. Über dem Vereinwesen Natur und Geist steht das höhere: »Gott oder Wesen«, das Unendliche, alles Umfassende, das nicht bewiesen werden kann, sondern dessen Schauung an sich gewiß ist. Der zweite Lehrgang setzt mit der Schauung »Wesen« ein, entwickelt aus ihm die Kategorien und stellt die Welt als Offenbarung Gottes dar. Gott ist »seiner selbst urinne im Selbstbewußtsein«, er ist die absolute Urmacht, die auf die beiden Reihen, Natur und Geist, nach deren Gesetzen einwirkt. Die Aufgabe der Menschheit geht dahin, einen allgemeinen Menschheitsbund zu begründen, der als Abbild des organisch gegliederten Weltalls und Geisterreichs in Gott einen organischen »Gliedbau« der Menschheit als eines in allen einzelnen Teilen gleichförmig vollendeten und harmonisch lebenden Ganzen darstellt. Die Anfänge dieser Idee, die sich mit dem sozialen Problem einer Organisation der Gesellschaft nahe berührte, glaubte K. im Freimaurerbund zu finden, dem er 1805 beitrat, und in dessen Interesse er eine Reihe von Schriften verfaßte (»Die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft«, Dresd. u. Freiberg 1810; 2. Aufl. 1820–21, 2 Bde.; »Höhere Vergeistigung der echt überlieferten Grundsymbole der Freimaurerei«, 3. Aufl., Dresd. 1820; »Urbild der Menschheit«, das. 1811, 3. Aufl. 1903). Nach einigen Jahren geriet er jedoch mit dem Bund in Streitigkeiten, die seinen Austritt und nach seiner und seiner Schüler Meinung sein weltliches Mißgeschick herbeiführten. Die Ethik Krauses, die sehr an die Kantische erinnert, stellt als höchstes Gesetz auf: »Wolle du selbst und tue das Gute als das Gute«. Auf die Sittenlehre baut sich die Rechtslehre Krauses auf, die sich einer besondern Schätzung, auch bei solchen, die K. sonst ferner stehen, erfreut. Die Lektüre seiner im edelsten Geiste der Humanität abgefaßten Schriften, die einen außerordentlichen Reichtum freilich zum Teil phantastischer Gedanken und tiefen sittlichen Ernst zeigen, wird durch seine puristisch-deutsche Terminologie, die häufig unverständlich ist, sehr erschwert. Seine Schüler, zu denen Ahrens, v. Leonhardi, Lindemann, Roeder u. a. gehörten, haben seine Philosophie nach Belgien (Tiberghien), Spanien (del Rio) und Südamerika verpflanzt. Der Verbreitung seiner Philosophie war auch die von Leonhardi herausgegebene Zeitschrift »Die neue Zeit« (Prag 1869–75, 4 Bde.) gewidmet. Von seinen philosophischen Schriften sind besonders anzuführen: »Abriß des Systems der Logik als philosophischer Wissenschaft« (Götting. 1828); »Vorlesungen über das System der Philosophie« (das. 1828; 2. Aufl., Prag 1869); »Abriß des Systems der Philosophie des Rechts« (Götting. 1828); »Vorlesungen über die Grundwahrheiten der Wissenschaft« (das. 1829; 2. Aufl., mit Benutzung des Nachlasses, u. d. T.: »Erneute Vernunftkritik«, Prag 1868). Seinen handschriftlichen, außerordentlich reichhaltigen Nachlaß und seine Vorlesungen gaben Leonhardi, Leutbecher u. a. (Götting. 1834–48, in mehreren Abteilungen), RöderSystem der Rechtsphilosophie«, Leipz. 1874) und in neuester Zeit Hohlfeld, Wünsche und Vetter (das. 1882–1904) in zahlreichen Bänden heraus, den »Briefwechsel« Krauses 1903. Vgl. Hohlfeld, Die Krausesche Philosophie (Jena 1879); Procksch, K. Chr. F. K., ein Lebensbild nach seinen Briefen (Leipz. 1880); Eucken, Zur Erinnerung an K. (das. 1881); Martin, K. Chr. F. Krauses Leben, Lehre und Bedeutung (das. 1881); v. Leonhardi, K. Chr. Friedr. Krauses Leben und Lehre (das. 1902) und K. Chr. F. K. als philosophischer Denker gewürdigt (das. 1905); Köhler, Der Philosoph K. als Geograph (das. 1904).

2) Wilhelm, Maler, geb. 27. Febr. 1803 in Dessau, gest. 8. Jan. 1864 in Berlin, widmete sich 1821–24 in Dresden, dann in Berlin bei Wach der Malerei, wirkte jedoch daneben fünf Jahre lang als Sänger beim Königsstädtischen Theater. Er entnahm die Motive für seine Gemälde fast ausschließlich der See, namentlich seit er 1830 und 1831 Norwegen und 1834 Holland bereist hatte. 1836 besuchte er auch die Normandie und später das Mittelländische Meer. Schon vorher war er zum Mitglied der Akademie in Berlin erwählt worden. Als Marinemaler hat K. deshalb eine hervorragende Stellung, weil er diesen Zweig der Malerei zuerst in Berlin kultiviert und eine Schule der Marinemalerei begründet hat, der unter andern E. Hildebrandt und H. Eschke angehören.[603] Seine Marinen wurden mit großem Beifall aufgenommen, vermögen sich aber wegen ihrer glatten Technik neben den Schöpfungen der modernen Schule nicht zu halten. Drei charakteristische Werke von ihm (Seesturm, pommersche Küste, schottische Küste bei Sturm) besitzt die Berliner Nationalgalerie.

3) Gottlieb, Geschichtsforscher, geb. 26. Juni 1804 in Gustau bei Quaritz in Schlesien, gest. 25. Febr. 1888 in Naumburg, war Erzieher der Prinzen von Schönaich-Karolath in Saabor, wurde vom Herzog Heinrich von Anhalt-Köthen als Rat nach Köthen berufen und mit der Verwaltung der herzoglichen Bibliothek und der Naumannschen Sammlungen, später auch des Archivs betraut; 1879 trat er in den Ruhestand. Er veröffentlichte: »Der Fruchtbringenden Gesellschaft ältester Ertzschrein. Briefe, Devisen und anderweitige Schriftstücke hervorragender Männer« (Leipz. 1855); »Tagebuch Christians des Jüngern, Fürsten von Anhalt« (das. 1858); »Urkunden, Aktenstücke und Briefe zur Geschichte der anhaltischen Lande und ihrer Fürsten unter dem Druck des Dreißigjährigen Krieges« (das. 1861–66, 5 Bde.); »Wolfgang Ratichius oder Ratke im Lichte seiner und der Zeitgenossen Briefe und als Didaktikus in Köthen und Magdeburg« (das. 1872); »Ludwig, Fürst zu Anhalt-Köthen, und sein Land vor und während des Dreißigjährigen Krieges« (Neusalz a. O. 1877–79, 3 Bde.).

4) Heinrich, Theolog, Führer des kirchlichen Liberalismus in Preußen, geb. 2. Juni 1816 in Weißensee bei Berlin, gest. daselbst 8. Juni 1868, beteiligte sich 1848 bei Gründung des die Schleiermachersche Linke umfassenden und auf Organisation der Kirche im Sinne des Gemeindeprinzips hinarbeitenden Unionsvereins in Berlin, 1864 auch bei Gründung des Deutschen Protestantenvereins. Seit 1854 gab er die »Protestantische Kirchenzeitung für das evangelische Deutschland« heraus. Vgl. Späth, Leben und Wirken des Dr. Heinrich K. (Berl. 1873).

5) Ernst Eduard von, preuß. General, geb. 28. Juni 1828 in Northeim, gest. 1. Febr. 1886 in Magdeburg, studierte seit 1846 Theologie, trat im Mai 1848 in das hannoversche Heer und nahm an den Feldzügen nach Schleswig-Holstein 1848 und 1849 teil. 1857 in den Generalstab versetzt und 1858 Hauptmann geworden, war K. während des Feldzugs von 1866 Generalstabsoffizier bei der Generaladjutantur der hannoverschen Armee, verfaßte nach dem Frieden die Denkschrift, in der die Bedingungen enthalten sind, unter denen die hannoverschen Offiziere in preußische Dienste zu treten bereit waren, schrieb auch im Auftrage des Königs Georg den offiziellen Bericht über die Kriegsereignisse auf hannoverscher Seite, erhielt 1867 den erbetenen Abschied und trat in das preußische Heer über. Als Mitglied des Großen Generalstabs studierte K. fortan die französische Armee, unternahm 1868 eine Dienstreise nach den Niederlanden und England und weilte 1870 in Frankreich, um den französischen Truppenübungen beizuwohnen, als der Krieg ausbrach. Wegen seiner besondern Kenntnis der französischen Armee dem Generalstab im Großen Hauptquartier zugeteilt, verfaßte K. die ordre de bataille der gesamten französischen Streitkräfte und vereinigte während des ganzen Feldzugs das gesamte Nachrichtenwesen in seiner Hand, wodurch er die Entschließungen der obersten Heeresleitung stark beeinflußte. K. nahm an der Kaiserproklamation teil, wurde 1871 Bataillonskommandeur und war 1872–81 als Oberstleutnant und dann als Oberst Chef der dritten Abteilung des Großen Generalstabs. Nach einer Wirksamkeit als Brigadekommandeur wurde er 1885 zum Generalleutnant und Kommandeur von Spandau ernannt, konnte aber, herzkrank, den ruhigen Posten nicht mehr übernehmen. 1880 erhielt K. den Adel mit dem Eisernen Kreuz im Wappen verliehen. Seine Briefe und Tagebücher gab seine Tochter Hedwig von Grolmann u. d. T.: »Ernst Eduard von K., ein deutsches Soldatenleben« (Berl. 1902) heraus.

6) Ernst Ludwig, unter dem Namen Carus Sterne bekannter Schriftsteller, geb. 22. Nov. 1839 in Zielenzig, gest. 24. Aug. 1903, widmete sich der Pharmazie, nach dem Staatsexamen aber natur- und kulturgeschichtlichen Studien. Seit 1886 in Berlin lebend, förderte er die Ausbreitung der neuern, durch Darwin ins Leben geführten Weltanschauung, namentlich durch seine in Verbindung mit Darwin und Haeckel herausgegebene Monatsschrift »Kosmos« (Leipz. 1877–82). Er schrieb zahlreiche Zeitungs- und Journalartikel, die oft sehr anregend wirkten und weitere Untersuchungen veranlaßten, wie die über den Farbensinn der Naturvölker. Seine historischen Studien ließen ihn als den eigentlichen Begründer der Deszendenztheorie den Großvater Ch. Darwins, den englischen Arzt und Dichter Erasmus Darwin, erkennen, aus dessen Schriften Lamarck wahrscheinlich geschöpft hat. Die betreffende Abhandlung wurde auf Betreiben Darwins ins Englische übersetzt und durch eine ausführliche Biographie des Großvaters von Ch. Darwin ergänzt (Lond. 1879; deutsch: »Erasmus Darwin und seine Stellung in der Geschichte der Deszendenztheorie«, Leipz. 1880). Er schrieb noch: »Werden und Vergehen. Eine Entwickelungsgeschichte des Naturganzen« (Berl. 1876; 6. Aufl. von Bölsche, 1905); »Sommerblumen« (Leipz. 1884); »Herbst- und Winterblumen« (das. 1885); »Die Krone der Schöpfung« (Teschen 1884); »Ch. Darwin und sein Verhältnis zu Deutschland« (Leipz. 1885); »Plaudereien aus dem Paradiese. Der Naturzustand des Menschen« (Teschen 1886); »Die allgemeine Weltanschauung in ihrer historischen Entwickelung« (Stuttgart 1889); »Natur und Kunst« (Berl. 1891); »Tuiskoland« (Glogau 1891); »Die Trojaburgen Nordeuropas« (das. 1893); »Die nordische Herkunft der Trojasage« (das. 1893); »Geschichte der biologischen Wissenschaften im 19. Jahrhundert« (Berl. 1901). Auch gab er »Gesammelte kleinere Schriften von Ch. Darwin« (Leipz. 1886) heraus.

7) Aurel und Artur, Reisende, als Brüder geboren zu Polnisch-Konopath bei Schwetz, der erstere 30. Dez. 1848, der zweite 25. Jan. 1851, studierten in Berlin Naturwissenschaften und unternahmen 1881 bis 1882 im Auftrag der Geographischen Gesellschaft in Bremen eine Forschungsreise nach der Beringstraße und der Nordwestküste Nordamerikas, über die sie im Organ der Gesellschaft, den »Deutschen geographischen Blättern«, Bd. 4 und 5, berichteten. Auch schrieb Aurel K.: »Die Tlinkitindianer« (Jena 1885).

8) Georg, Chemiker, Sohn von K. 3), geb. 21. Juni 1849 in Köthen, widmete sich zunächst der Pharmazie, später der Chemie und ging nach zurückgelegtem Studium zur chemischen Praxis (Leopoldshall) über; 1875 war er Assistent von Hampe in Klausthal. Er arbeitete über chemisch-pharmazeutische und chemisch-technische Gegenstände und entdeckte den Reichardtit. K. schrieb: »Über das Vorkommen und die Verwendung des Staßfurtits« (Köthen 1876); »Internationale Tabelle der chemischen Elemente und ihrer Eigenschaften« (das. 1876, 3. vermehrte Auflage 1882); »Die Industrie von Staßfurt und Leopoldshall[604] und die dortigen Bergwerke« (1870); »Chemiker-Kalender« (1881); »Auszug aus dem Zolltarife der Hauptstaaten für Produkte der chemischen und verwandten Industrie« (1884, 3. Aufl. 1888); »Les quatres Conjugaisons régulières« (1891); »Alchymistische Studien« (1892); »Beschreibung von Cöthen« (1894); »Die chemische Industrie und die ihr verwandten Gebiete am Ende des 19. Jahrhunderts« (1900). Seit 1876 gibt er die von ihm gegründete »Chemiker-Zeitung« heraus, in der er viele Artikel, namentlich volkswirtschaftlicher Richtung, ferner Abhandlungen zur Hebung der Standesinteressen der Chemiker, über Eigentumsrecht der Erfindungen, gewerblichen Rechtsschutz u. dgl. veröffentlichte.

9) Paul Georg Christoph, preuß. Parlamentarier, geb. 4. April 1852 zu Karlowo in Westpreußen, studierte 1870–73 in Leipzig, Heidelberg und Berlin die Rechte, stand bis 1880 im Staatsjustizdienst und wurde dann Rechtsanwalt in Berlin. Seit 1888 Mitglied des Abgeordnetenhauses, ist er seit 1895 dessen zweiter Vizepräsident.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 11. Leipzig 1907, S. 603-605.
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