Lōgik

[660] Lōgik (lat. logica, v. griech. logos, »Vernunft, Vernunftschluß«), Denklehre, d.h. die Wissenschaft, die sich mit der Erforschung der dem Denken innewohnenden und seine mannigfaltigen Betätigungen beherrschenden Gesetze beschäftigt. Daß es solche geben muß, ist insofern klar, als das Denken im Unterschiede von der sinnlichen Wahrnehmung nicht bloß Gegebenes passiv aufnimmt, sondern es aktiv verarbeitet und so die ihm eigentümlichen Erzeugnisse der Begriffe, Urteile und Schlüsse hervorbringt, deren Inhalt aus der Erfahrung, deren Form aber aus dem Denken stammt. Von der Psychologie unterscheidet sich die L. dadurch, daß jene die Gesetze zu ermitteln sucht, nach denen Vorstellungen im Geist entstehen und sich verbinden, ohne Rücksicht darauf, ob diese Verbindungen dem Zusammenhang der Vorstellungsobjekte entsprechen oder nicht, diese aber die Gesetze, nach denen die Vorstellungen verbunden werden müssen, um objektiv gültige Erkenntnis zu erzielen. Nicht unpassend hat man deshalb die L. eine Ethik des Denkens genannt; wie letztere ist auch die L. eine Normalwissenschaft, während die Psychologie eine Naturwissenschaft des innern Lebens ist, die nicht nach dem Sollen, sondern nach dem Sein fragt. Doch sind deswegen die logischen Normen (ebenso wie die sittlichen) keine Gebote einer über dem Denken stehenden fremden Autorität, sondern aus dem Denken (wie jene aus dem Willen) selbst geschöpft; das Denken befolgt seiner Natur nach die logischen Gesetze, welche die L. nur in abstracto formuliert. Daher kommt es auch, daß wir durch die L. eigentlich nichts (dem Stoffe nach) Neues, sondern lauter selbstverständliche Dinge lernen; selbstverständlich erscheint uns eben naturgemäß alles, was in den Gesetzen unsers eignen Denkens begründet ist. Von der Erkenntnistheorie unterscheidet sich die L. dadurch, daß jene wesentlich die Grundlagen der unmittelbaren (intuitiven) Erkenntnis untersucht, während diese sich mit der mittelbaren (diskursiven, abgeleiteten) beschäftigt. Dementsprechend bildet den Hauptteil der L. die Lehre vom Schließen, wie sie zuerst von Aristoteles (s. d.), dem Vater der L., in seinen »ersten Analytiken« systematisch aufgestellt wurde; als Ergänzung hat man später der Schlußlehre noch einige allgemeine Bestimmungen über die Urteile und ihre Unterschiede sowie über die Begriffe (Definition, Über- und Unterordnung der Begriffe etc.) beigefügt und das Ganze als logische Elementarlehre bezeichnet, der dann in der Regel die Vorschriften über die systematische Ordnung von Begriffen und Urteilen zu einem zusammenhängenden Ganzen (also über Einteilung der Begriffe, über die Führung von Beweisen etc.) unter dem Namen Methodenlehre als ein zweiter Hauptteil der L. an die Seite gestellt werden. Nach dem Gesagten bietet nun aber die Übereinstimmung unsrer Gedanken mit den logischen Normen noch keine Garantie für ihre Wahrheit, denn durch logisch richtiges Denken kann (wie durch richtiges Rechnen) doch ein falsches Resultat erhalten werden, wenn die Voraussetzungen, von denen es ausgeht, falsch waren; ebenso entsteht umgekehrt durch falsches Denken bisweilen doch ein (sachlich) richtiges Resultat; in der L. handelt es sich eben nur um die formale, nicht um die materiale Richtigkeit; über letztere kann vom Gesichtspunkte der L. aus nichts entschieden werden, man hat sie daher selbst eine formale Wissenschaft genannt. Es kommt dies daher, daß durch den Denkprozeß niemals ein neuer Inhalt unsers Wissens geschaffen, sondern nur dessen vorhandene Bestandteile in neue Beziehungen zueinander gebracht werden, wodurch es auch allein möglich ist, daß das Denken überhaupt a priori, d.h.[660] ohne sich Schritt für Schritt der Übereinstimmung mit dem Sein zu vergewissern, zu wahren Ergebnissen gelangen kann. Nur wer mit dem logischen Realismus (s. d.), wie er sich bei Platon, Aristoteles und den Scholastikern des Mittelalters findet, Begriff und Gegenstand oder mit Hegel Denken und Sein als identisch ansieht, kann die Meinung haben, daß das logisch richtige Denken nicht nur formal, sondern auch material richtige Resultate von sich aus zu erzeugen vermöge. So versuchte in der Tat Raimundus Lullus (s. d.) in seiner »Ars magna« eine Anweisung zu geben, wie man alles Wissen auf Grund einer Begriffstabelle durch rein logische Operationen entwickeln könne, und bei Hegel fällt die Metaphysik vollständig mit der L. zusammen. Bekanntlich entartete iedoch die scholastische Begriffswissenschaft zu unfruchtbaren Wortspielereien, und Hegel gelang es nur durch Erschleichungen, die Mannigfaltigkeit des Seins logisch aus den Denkgesetzen heraus zu entwickeln. In das entgegengesetzte Extrem verfallen diejenigen, welche (wie Baco, Mill und neuerdings Schuppe) die formale L. für wertlos erklären. Sie ist zwar kein Instrument, um materiell neue Wahrheiten zu produzieren, aber sie lehrt uns doch unsre Gedanken in richtige Verbindung untereinander zu bringen; ferner bilden avar im konkreten Denkprozeß Form und Inhalt immer ein unauflösliches Ganze, aber man kann doch von den Besonderheiten des Gedachten bis zu einem gewissen Grad abstrahieren, um nur auf die bei aller Verschiedenheit des Gedachten übereinstimmende Form der Verknüpfung zu achten. Immerhin hat die überlieferte formale L. nach verschiedenen Seiten hin unverkennbare Mängel. Erstens sind in ihr vielfach die grammatischen Formen des sprachlichen Ausdrucks mit den logischen Formen des Denkens verwechselt worden. Der Organismus der Sprache hat sich aber zwar in seinen Grundzügen, keineswegs jedoch in allen Einzelheiten nach rein logischen Gesichtspunkten entwickelt, weswegen den Verschiedenheiten des Ausdrucks nicht in allen Fällen Verschiedenheiten des Gedankens entsprechen und umgekehrt. Man hat deshalb versucht, die L. von der Sprache ganz unabhängig zu machen und die Begriffe und ihre logischen Beziehungen algebraisch zu symbolisieren (exakte, algebraische L.). Zweitens pflegt die gewöhnliche L. nach der Herkunft der Begriffe, aus denen Urteile und Schlüsse gebildet werden sollen, nicht zu fragen und deswegen auch alle Begriffe als gleichwertig zu betrachten und nach demselben Schema zu behandeln, während doch z. B. die Ding-, Eigenschafts-, Tätigkeitsbegriffe etc. eine sehr verschiedene Bedeutung haben. Die meisten neuern Logiker haben deshalb die Theorie des Ursprungs der Begriffe (der Abstraktion) und die erkenntnistheoretische Untersuchung ihres Gehaltes mit in das System der L. aufgenommen. Endlich hat sich in der Neuzeit immer mehr das Bedürfnis geltend gemacht, die L. in engere Beziehung zu der produktiven wissenschaftlichen Forschung zu bringen und für diese nutzbar zu machen, indem man nicht nur die formalen Operationen des Denkens, sondern auch den Prozeß der Gewinnung materiell neuen Wissens in ihr Bereich hineinzog. So suchte schon Bacon (s. d. 3) in seinem »Novum organum« an Stelle des unfruchtbaren Schematismus der scholastischen L. eine L. der Induktion zu setzen, welche die Regeln für die Ableitung allgemeiner Gesetze aus der Erfahrung enthalten sollte (eine Aufgabe, die allerdings erst Stuart Mill in klassischer Weise gelöst hat), und die meisten neuern Darstellungen der L. beschäftigen sich sehr eingehend mit den heuristischen Methoden. Da deren Kenntnis nur in den einzelnen Wissenschaften selbst zu gewinnen ist und sie auch in diesen je nach der Besonderheit des Gegenstandes verschiedene Gestalt annehmen, so muß aut diesem Gebiete die allgemeine L. sich auf spezielle, die Methoden der einzelnen Wissenschaften betreffende logische Forschungen stützen, die einen Hauptteil der logischen Arbeit in der Gegenwart bilden. Vgl. Drobisch, Neue Darstellung der L. nach ihren einfachsten Verhältnissen (5. Aufl., Hamb. 1887); Höfler, Grundlehren der L. (3. Aufl., Wien 1904); Lotze, Logik (2. Aufl., Leipz. 1881); Sigwart, Logik (3. Aufl., Tübing. 1904, 2 Bde.); Wundt, L., eine Untersuchung der Prinzipien der Erkenntnis (Stuttg. 1879–83, 2 Bde.; 2. Aufl. 1893–95); Erdmann, Logik (Halle 1892, Bd. 1); Schuppe, Erkenntnistheoretische L. (Bonn 1878) und Grundriß der Erkenntnistheorie und L. (Berl. 1894); Bergmann, Die Grundprobleme der L. (2. Aufl., das. 1895); Schröder, Vorlesungen über die Algebra der L. (s. Literatur im folgenden Artikel); Mill, A system of logic rationative and inductive (in vielen Ausgaben; deutsch von Schiel, 4. Aufl., Braunschweig 1877, und von Th. Gomperz, 2. Aufl., Leipz. 1884–87, 3 Bde.); Prantl, Geschichte der L. im Abendlande (Münch. 1855–70, 4 Bde.).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 12. Leipzig 1908, S. 660-661.
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