Hanf

[959] Hanf, 1) die als Cannabis sativa bekannte Pflanze (s.u. Cannabis); 2) das aus dem Bast der Stängel derselben gewonnene Handelsproduct. Die Benutzung der Pflanze hierzu ist sehr alt; nach Herodot wurde sie schon zu seiner Zeit in Thracien angebaut u. der davon gewonnene H. zu Kleidern verarbeitet, welche den leinenen gleich kamen; die Griechen verfertigten Säcke, die Römer auch Segeltücher daraus. Ursprünglich ist der H. in Persien einheimisch. Durch Cultur haben sich mehrere Abarten gebildet, z.B. der Bolognesische, Rhein-H., der Sibirische u. Nordamerikanische. Zu Folge der dichteren od. dünneren Aussaat erhält man Schleiß-H., der nicht unter 10 Zoll hoch wird u. zu großen Seilen u. Segeltüchern verwendet wird, u. Spinn- od. Brech-H., der nicht so hoch u. dünner als jener ist u. zu Leinwand versponnen wird. Man unterscheidet weißen H., welcher durch Wasserröste gewonnen wird u. den feinsten Spinn-H. gibt; u. schwarzen Brech-H., welcher durch Thauröste gewonnen wird u. gewöhnliche Leinwand u. Seile gibt. Bast-H. ist der gebrochene H., wie ihn die Seiler kaufen, weder geschwungen, noch gehechelt. Rein-H., aller H., welcher schon geschwungen od. gehechelt ist. Man unterscheidet dabei mittel-, halb- u. ganzreinen, kurzen u. langen, Strähn- u. Spinn-H.; Badstuben-H. ist ein Reinhanf, der seinen Namen von den Badstuben der russischen Bauern erhalten hat; Badstuben pater noster ist eine rigaische Hanfsorte; die Enden werden mit Bindfaden befestigt u. mit dem folgenden Bund zusammengehängt. Kürzere, in einander verwirrte Hanffasern nennt man Torfe, Heede, Codille, Werg. In Deutschland wird der beste H. im Großherzogthum Baden, am Oberrhein u. bes. im Breisgau erzeugt u. unter dem Namen Rheinischer H. verschickt. Die beste Sorte davon heißt Schufter-H., weniger weiß ist der rheinische Spinn-H., aus dem der Schleiß-H. sortirt wird. Auch in Westfalen, Hannover, Thüringen, Schwaben etc. wird guter H. erbaut, aber gleich am Orte versponnen u. zu Leinwand verarbeitet. 3) Amerikanischer H. (Apocynum cannabinum), in Virginien etc., mit queckenartig, kriechender, gewundener, als Radix apocyni cannabini in Amerika officineller, röthlicher; widerlich bitterer, unangenehm riechender Wurzel, die als Brechmittel u. als Diureticum angewendet wird. Der Milchsaft der Pflanze enthält Kautschuk, aus dem Baste dieser u. verwandter Arten läßt sich ein seines seidenartiges Gewebe verfertigen; die Samenwolle dient zum Ausstopfen der Polster. 4) Arracanischer H., so v.w. Corchorus. 5) Indischer H. (Cannabis indica, Hadschisch, in Indien Bandschie, in Afrika Teriaki, im Glücklichen Arabien Madschund genannt), dem europäischen H. ähnlich, jedoch erreicht er nicht dieselbe Höhe; wird zur Bereitung eines Stoffes benutzt, den die Orientalen wie das Opium als Aufregungsmittel brauchen, u. welcher ebenfalls die Gesundheit zerstört. Die Spitzen der frischen Pflanze in Butter mit ein wenig Wasser gesotten, liefern ein fettes Extract, welches mit Zucker u. verschiedenen wohlriechenden Pflanzen vermischt, in einer Gabe von 15,20 u. 30 Gramm, in einer Oblate od. in einer Tasse Kaffee genommen wird. Die Wirkung ist eine Trunkenheit der Sinne mit phantastischen Gebilden aller Art. Bei fortgesetztem Gebrauche erschlaffen alle geistigen Kräfte, bes. die Willenskraft, weshalb selbst orientalische Regierungen Verbote dagegen gegeben haben. Die aufregenden Eigenschaften des H-es waren schon den alten Ägyptiern bekannt. 6) Ostindischer Riesen-H., eine in Deutschland erst in neuester Zeit bekannt gewordene Varietät, zeither nur in Gärten als Zierpflanze gezogen; die Stängel sind 6–7 Ellen lang u. 3/4 Zoll dick, wächst auf geringem Boden, erzeugt viel Samen u. liefert viel Gespinnststoff u. Brennmaterial. 7) Hundertjähriger H., in China unter dem 31° u. 34° u. Br. einheimisch, ganz verschieden von dem gewöhnlichen H. Man säet ihn nicht, sondern pflanzt ihn ungefähr so wie das Zuckerrohr, u. ein einmal bepflanztes u. gut unterhaltenes Feld liefert 100 Jahre lang Ertrag. Der 7–8 Fuß hohe Stängel ist hohl, das herzförmige Blatt sehr fest u. handgroß, innerlich grün, nach Außen weiß u. mit einer zarten Wolle umzogen. Man schneidet die Pflanze, nimmt von ihr die aus zwei Theilen bestehende Rinde von unten nach oben ab u. benutzt nun den weißlichen[959] Theil der Rinde od. den eigentlichen H. Dieser H. gibt jährlich drei Ernten, im Juni, August u. September; er ist von besserer Qualität, fester u. liefert bessere Leinwand als der gewöhnliche H., er trägt wohl Samen, dieser soll aber unfruchtbar sein.

Der geeignetste Boden für den H. ist ein humusreicher, sandiger Lehmboden von solcher Lage, daß weder auf dem Acker selbst noch in den Furchen das Wasser stehen bleibt. Nach Klee gewinnt man den stärksten, nach Raps, Weizen u. Bohnen den feinsten H.; nach dem H. folgt Raps od. Weizen. Auf reichem, tiefgrundigem Boden gedeiht der H. 10–12 Jahre hintereinander auf dem nämlichen Acker sehr gut. Die Bearbeitung muß bei trockener Witterung geschehen, so daß der Acker vollkommen mürbe, klar u. rein von Unkraut wird; gewalzt wird nicht. Ein zweimaliges Pflügen u. Eggen im Herbst ist nothwendig. Den Dünger bringt man halb im Herbst, halb im Frühjahr unter. Der Schleiß-H. erfordert mehr Dünger als der Brech-H. Im Frühjahr wird wiederholt 2–4 Mal gepflügt, das letzte Mal in großer Tiefe. Die Zeit der Aussaat ist von Anfang bis Ende Mai. Zu Samen (Hanfsamen) wird vollkommener reifer Samen vom vorigen Jahre erfordert. Der männliche H. (tauber H., Hanfhahn), ist kleiner u. schwächer, u. reist 4–6 Wochen eher als der weibliche. Wenn der Schleiß-H. 4–6 Zoll hoch ist, wird er mit kleinen breiten Hacken behackt u. sobald der Blüthenstaub größtentheils abgefallen ist, wird der H. ausgezogen u. in Bündel zum Austrocknen an die Sonne gelegt. Der weibliche H. (Fimmel, Bästling, gewöhnlich Bast, Haushenne), größer u. stärker, darf nur dann, wenn man Samen zur Fortpflanzung von ihm gewinnen will, bis zuvölliger Reise stehen bleiben; gewöhnlich wird er, wenn die Stängel etwas grün u. die Samen gelb sind, ausgerauft, in Bündel gebunden u. in Haufen zusammengestellt (gestaucht), so daß die Knospen in die Höhe kommen. Diese Haufen (Böcke) bleiben (mit Stroh wegen der Vögel bedeckt) einige Zeit auf den Feldern stehen, damit die Körner trocknen u. die äußere Rinde gelb wird. Hierauf werden die Haufen in Strohseile gebunden u. eingefahren; der Same wird dann abgedroschen. Übrigens geschieht die Ernte des männlichen u. weiblichen H-es in guten Bastgegenden gleichzeitig. Die übrige Behandlung der Stängel, um durch Rösten, Dörren, Brechen, Schwingen, Hecheln u. Spinnen Fäden aus ihm zu gewinnen, die dann weiter verarbeitet werden, entspricht der des Flachses, s.u. Flachs. Verschieden ist die Entbastung der vom Samenhanf gewonnenen Stängel. Dieselben werden in kegelförmigen, mit Stroh bedeckten Haufen abgewaschen, geriffelt, geröstet u. mittelst Abziehen vom Baste befreit. Der Flachs hat vor dem H. das voraus, daß er sich leichter u. seiner spinnen läßt; dagegen mißräth der H. nicht so leicht, u. die daraus verfertigten Taue, Seile, Stricke, Netze, Sack- u. Packtücher sind viel dauerhafter. Auch ist es ein Vortheil des H-es, daß die Abfälle beim Brechen der Stängel ziemlich viel Brennmaterial liefern; 100 Centner Hanfstängel liefern 70 Centner holzige Abfälle, was von einem Joch Landes mehr als 10 Klaftern Brennholz beträgt. Man benutzt den H. zu einer festen Leinwand (Hansleinwand), zu Segeln, Packtüchern, auch zu Feueraimern u. Spritzenschläuchen; der Samen wird in den Apotheken zu Emulsionen u. in kleinen Handmühlen zwischen zwei hölzernen Walzen (Hanfmühlen, Hanfbrechmühlen) etwas zerquetscht zum Vogelfutter, in Ölmühlen zerstampft zu Öl (s. Hanföl) angewendet. Ein Nebenproduct ist das Werg (s.d.). Der meiste H. wird in Siebenbürgen, Galizien, Ungarn u. Nebenländern gebaut, In den deutschen Zollvereinsstaaten wird hauptsächlich in Baden, Rheinpreußen, Westfalen, Thüringen, Oldenburg u. Hannover H., jedoch bei weitem nicht zum Bedarf, gebaut. Ansehnlich stärker ist der Hanfbau in Frankreich, Holland u. Belgien, auch in England u. Irland wird etwas H. gebaut. Das Hauptland des Hanfbaues ist aber Rußland; dasselbe führt jährlich circa 1 Million Centner aus, davon allein 61 Proc. nach England. Den stärksten Handel mit H. treiben Danzig, Königsberg, Libau, Riga, Narwa, Petersburg u. Archangel, von wo er nach anderen Ländern verfahren wird. Vgl. G. Engelhard, H.- u. Flachsbau, Osterode 1840; Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Karlsr. 1840; J. E. von Reider, Die verbesserte praktische Lehre des H.- u. Flachsbaues, Augsb. 1840.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 7. Altenburg 1859, S. 959-960.
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