Viehzucht

[562] Viehzucht, ist die Nachzucht, Behandlung u. Nutzung der landwirthschaftlichen Hausthiere. Die allgemeine V. umfaßt die Züchtung, Ernährung, Mästung, Pflege der landwirthschaftlichen Hausthiere u. die Behandlung der erkrankten Stücken; die specielle V. dagegen hat es mit der Züchtung, Fütterung, Pflege u. Benutzung der einzelnen Arten der landwirthschaftlichen Hausthiere zu thun. I. Wichtigkeit der V. Früher schätzte man die landwirtschaftlichen Hausthiere nur als Düngermaschinen u. hielt deshalb nur so viel Vieh, als zur Erzielung des erforderlichen Düngers nöthig war, weil das Vieh das verzehrte Futter zu einem sehr geringen Preise verwerthete. In der neueren u. neuesten Zeit ist dieses wesentlich anders geworden; einerseits haben Chemie u. Physiologie Licht verbreitet über Werth, Zusammensetzung, Mischung u. Bereitung des Futters u. rationelle Fütterung selbst; andererseits haben die gestiegene Bevölkerung u. die erleichterte u. beschleunigte Communication den Absatz der Producte der V. nach entfernten Gegenden ermöglicht u. dadurch die Preise derselben wesentlich gesteigert. In Folge dessen ist die V. zu einem der einträglichsten Zweige der Landwirthschaft geworden.

II. Arten, Gattungen, Racen etc. Unter Art versteht man die im Anfang geschaffene Form, so sind z.B. Pferd u. Esel, Rind u. Bussel, Schaf u. Ziege je zwei Arten einer Gattung ob. eines Geschlechts. Da die Eigenschaften der Thiere mannigfach abändern, je nachdem äußere Einflüsse auf dieselben einwirken, je nachdem sie auf hohen Bergen od. in Niederungen leben, reichlich od. kärglich ernährt werden etc., u. da der Züchter selbst durch die Auswahl der Zuchtthiere Einfluß auf die Eigenschaften derselben ausüben kann, so sind verschiedene Racen einer Thierart entstanden. Eine Race begreift eine Anzahl Thiere derselben Art in sich, welche durch eigenthümliche Körperformen, Färbung des Haares etc. einander sehr ähnlich sind u. sich von den übrigen Thieren derselben Art unterscheiden. Man kann deshalb als Racethiere alle die Thiere bezeichnen, welche als die Producte örtlicher u. zonischer Lage zu betrachten sind. Die Bildung einer Race bezweckt die Forterhaltung, weitere Vervollkommnung u. Befestigung schätzbarer gewünschter Körperformen u. Eigenschaften der Thiere gleicher Art u. der gesammten Nachkommen. Thierstämme sind neue Bildungen, hervorgegangen durch das Paaren verschiedener Gattungen od. verschiedener Stämme derselben Art. Die Race wird erst aus der Familie herausgebildet. Stamm ist der nächste Ausfluß der Familie; er muß einzelne Merkmale besitzen, welche neben dem allgemeinen Charakter u. Ausdruck der Race wesentlich an die besondere Familie innerhalb der Race erinnert. Sobald jedes Thier dieselben charakteristischen Eigenschaften derselben Familie od. Race an sich trägt, hat sich durch das Fortpaaren in der Familie ein eigener Stamm gebildet. Unter Schlag[562] versteht man Thiere derselben Race od. desselben Stammes, welche sich durch besondere, weniger entscheidende Eigenthümlichkeiten, z.B. Körpergröße, Farbe, Eigenschaften, auszeichnen. Unter Reinzucht versteht man das Paaren solcher Thiere, welche sowohl in ihrer Organisation als in ihren charakteristischen Eigenschaften gleichartig sind. Solche Thiere werden mehre Generationen hindurch nur in derselben Familie fortgepaart u. fortgezüchtet. Ist die dauerndste u. treueste Vererbungsfähigkeit erworben, so hat man das Ziel erreicht. Vollblut nennt man solche Thiere, deren Vorfahren od. Nachzucht sich durch Leistungen ausgezeichnet haben, od. die Producte gewerblich überlegter Züchtung, meist entstanden aus der Mischung des Blutes von Thieren verschiedener Gattungen derselben Art, sobald solche eine erblich gesicherte Formvollendung besitzen, welche durch eine bestimmte Leistung verwerthbar ist. Besitzen die Thiere noch nicht einen solchen Blutantheil, welcher die höchste Formvollendung u. die sicherste Vererbung verbürgt, so nennt man solche Thiere Dreiviertel-, Halbblut etc. Besitzen die in besonderen eigenthümlichen Eigenschaften u. Körperformen einander ähnlichen Thiere einer u. derselben Art die Eigenschaft ihren Nachkommen jene Eigenschaften u. Körperformen sicher anzuerben, so nennt man solche Thiere constant. In je höherem Grade eine solche Vererbung stattfindet, je weniger die Nachkommen andere Eigenschaften u. Körperformen haben als ihre Eltern od. überhaupt als die Thiere derselben Race, desto constanter ist die Race. Die Constanz ist das Endziel der Zucht. Ist die Zucht noch nicht rein od. selbständig, vererben sich Formen u. Eigenschaften der Voreltern von väterlicher u. mütterlicher Seite, so entstehen Rückschläge. Durch das Paaren der verschiedenen Arten einer u. derselben Gattung entstehen Bastarde. Diese setzen über immer voraus, daß sie von der einen od. anderen Art der gepaarten Individuen so viel an sich tragen, daß sie nicht nur verschieden von jeder als Art, sondern daß sie meist auch nicht fähig sind ähnliche od. gleiche Producte unter sich wieder hervorzubringen od. doch nur Spielarten erzeugen; selten sind sie fruchtbar. Spielarten nennt man Thiere mit Abweichungen von dem Normaltypus der Voreltern; sie zeichnen sich Meist durch ungewöhnliche od. gar niedrige Formen aus, dürfen aber keine Bildungsfehler haben. So entsteht z.B. durch Vermischung eines Eselhengstes mit einer Pferdestute ein Bastard, das Maulthier, u. durch das Paaren eines Pferdehengstes mit einer Eselstute der Maulesel. Thiere, welche aus zwei verschiedenen Stämmen, Familien od. Racen einer Art hervorgegangen, sind nur gemischte Producte, Mestizen. Halbschlägigkeit ist das Product von Thieren derselben Art, aber zweier verschiedener Stämme. Die Halbschlägigkeit unterscheidet sich deshalb sowohl von der einen, als von der anderen Seite seiner Eltern theils in Formen, theils in Eigenschaften. Durch fortgesetzte Inzucht können aus solchen halbschlägigen Thieren wieder selbständige Stämme erzeugt werden, was bei den Bastarden nicht möglich ist. Wenn Producte von Thieren aus einer ersten Mischung edler Thiere mit gemeinen eine bes. hervorstechende Ähnlichkeit in Formen od. Eigenschaften der einen od. anderen Abkunft andeuten, so nennt man diese Blendlinge.

III. Züchtung. Unter Züchtung versteht man die selbständige Erzeugung u. Aufzucht der verschiedenen Thierarten entweder nur zum Bedarf für die eigene Wirthschaft, od. noch über diesen Bedarf hinaus zum Verkauf. Der Züchter muß sich die Eigenschaften vergegenwärtigen, welche er mittelst seiner Zucht zu erzielen beabsichtigt; deshalb muß er vorzugsweise die Thiere zur Zucht verwenden, welche sich diesem Ziele am meisten nähern, die Eigenschaften selbst mögen sein, welche sie wollen, z.B. bei dem Pferde Größe, Kraft, Breite, Tiefe, Schwere, Ausdauer; beim Rind Milchergiebigkeit od. Fleischansatz od. Arbeitsfähigkeit; beim Schaf Wollfeinheit od. Wollmenge u. Fleischergiebigkeit. Nie darf man bei einem Stamme einer Thierart verschiedenartige Leistungsfähigkeiten hervorbringen wollen, vielmehr muß man die Leistungsfähigkeiten von einander trennen, so zwar, daß man z.B. beim Rind die Zucht von Milch-, Arbeits-, Fleischthieren insoweit abgesondert betreibt, als es zur Erreichung größerer Vollkommenheit in einer Richtung neben möglichster Erhaltung einer der anderen Eigenschaften nothwendig erscheint. Je vollständiger eine Zucht den zu gewissen Zwecken an sie zu stellenden Anforderungen in Formen u. Leistungen genügt, desto mehr eignet sie sich auch dazu, als eine besondere Race bezeichnet zu werden. A) Paarung; sie ist der Act der Begattung u. besteht darin, daß man ein weibliches Thier von einem männlichen Thiere behufs der Befruchtung u. Fortpflanzung begatten läßt. Man unterscheidet freiwilliges u. bedingtes od. beschränktes Paaren. a) Das freiwillige Paaren besteht darin, daß man männliche Thiere mit weiblichen Thieren in einer Heerde leben od. derselben angehören u. die ersten darin vorkommenden brünstigen weiblichen Thiere, wenn sie sich dazu verstehen, mit dm männlichen Thieren begatten läßt. So geschieht es in den Rudelzuchten, in den Steppen- u. Ortsheerden, Einer solchen Heerde werden nur so viel männliche Thiere desselben. Stammes gelassen, als zum Begatten u. Befruchten der weiblichen Thiere dieser Heerde nöthig sind. Indeß bleibt es hier schon nicht immer bei der Stammzucht, sondern man theilt einer Heerde, einem Thierstamme, einer Ortsheerde zuweilen solche männlichen Thiere von einem anderen Stamme zu, welche den beabsichtigten Gebrauchszwecken in der Nachkommenschaft entsprechen sollen. Dadurch wird aber stets eine Veränderung in dem Stamme der weiblichen Thiere bewirkt, u. diese Veränderung kann nur nach u. nach wieder ausgeglichen. gewissermaßen ein neuer Stamm gebildet werden. b) Bedingtes od. beschränktes Paaren (individuelle Paarung od. Sprung aus der Hand) ist ein Paaren, bei welchem das brünstige weibliche Thier dem männlichen, ob, umgekehrt zur Begattung zugeführt; ob. wo das brünstige weibliche Thier mit dem männlichen in einen Raum zusammengelassen wird. Zuweilen werden hierbei auch noch Zwangs- u. Vorsichtsmaßregeln angewendet, damit sich das weibliche Thier von dem männlichen begatten lassen muß u. ersteres das letztere nicht verletzen kann. Das Paaren geschieht entweder um einen vorhandenen Thierstamm in derselben Art u. Reinheit sowohl in Formen als Eigenschaften zu erhalten, u. zwar geschieht es dann nur Unter Thieren derselben Art, desselben Stammes; od. um eine Veränderung, gleichviel ob Verbesserung od. Veredlung, eines Thierstammes herbeizuführen. Im[563] ersteren Fall darf man nur die Thiere eines Stammes (Race) unter sich paaren lassen, um gleiche od. gleichartige Producte zu erhalten, u. man muß dabei sowohl den Schlag, als auch die besonderen Eigenschaften der zu paarenden Thiere des Stammes einer Thierart in Betracht ziehen. Für den bloßen Act der Begattung ist es nöthig nur Thiere mit einander zu paaren, welche brünstig sind. Die Brunst, od. der erwachte Geschlechtstrieb, wird bei jeder Thierart durch eigene Symptome angedeutet, welche das Verlangen des einen Geschlechtes nach dem anderen zu erkennen geben. Vorzugsweise ist die Gegenwart der Brunst bei dem weiblichen Thiere nöthig, um eine erfolgreiche Begattung zu bewirken. B) Die Züchtungsgrundsätze beruhen auf dem Act der Züchtung u. einem vorgesteckten Ziele, um gewisse Zwecke zu erreichen. Diese Zwecke bestehen entweder darin, das Vorhandene (den gegenwärtigen Thierstamm) in seinen Formen u. Eigenschaften zu erhalten, u. dieses Erhalten geschieht durch Inzucht, Reinzucht, Blutverwandtschaftszucht, Stammzucht; od. das Vorhandene in einen Formen u. Eigenschaften durch das Zuführen besserer od. edler männlicher Zuchtthiere zu verbessern od. zu veredeln (Kreuzung); od. darin, daß, wenn der vorhandene Stamm durch Kreuzen noch nicht zur Selbständigkeit gelangt ist, die Zuchtthiere aber, durch welche diese bewirkt werden sollte, zur Zucht untauglich geworden od. gestorben sind, ein erneutes Zuführen von Zuchtthieren nöthig wird, um den Stamm selbständig zu machen (Blutauffrischen); od. um mit den durch Inzucht gezüchteten Thieren eine Thiercolonie zu bilden u. dadurch einen beabsichtigten Zweck, Nutzen zum Ertrag zu erreichen. a) Zur Erhaltung eines Thierstammes dient: aa) die Inzucht, d.h. die Zucht unter Thieren desselben Stammes, derselben Familie, also der nächsten Verwandten unter sich. Die Inzucht geschieht, indem der Vater mit seiner Tochter, seiner Enkelin, Urenkelin u. wo möglich noch weiter, od. der Bruder mit der Schwester u. mit den Geschwisterkindern, od. die Mutter mit dem Sohne etc. gepaart wird. Die Verwandtschaftspaarung darf aber nicht zu weit gehen; man darf nicht die nächsten Verwandten, wenigstens nicht fortgesetzt, mit einander paaren, weil sonst die betreffenden Thierstämme in ihren Körperformen u. Eigenschaften zurückgehen. Die durch Inzucht erzielte Veredlung ist eine um so vollkommnere, je ähnlicher die zu paarenden Thiere in ihren wesentlichen Eigenschaften sich selbst u. ihren Voreltern sind, also je mehr Ähnlichkeit u. Konstanz vorhanden ist, u. die Erzielung bestimmt vorgezeichneter Eigenschaften u. deren Befestigung im Stamme wird entschieden beschleunigt u. erleichtert. Da aber bei der Inzucht neben den Vorzügen auch die Fehler des Stammes vererbt werden, so muß eine strenge Auswahl der Zuchtthiere getroffen werden; es darf nur das Beste mit dem Besten gepaart, alles Unreife, Schwache, Fehlerhafte muß vermieden werden. bb) Die Reinzucht, d.i. das Paaren solcher Thiere, welche sowohl in ihrer Organisation als in ihren charakteristischen Eigenschaften gleichartig sind u. welche mehre od. viele Generationen hindurch immer in derselben Familie fortgepaart u. fortgezüchtet, nicht mit Thieren aus anderen Familien vermischt worden sind. Ist eine Thierfamilie zur Selbständigkeit u. möglichsten Gleichartigkeit ihrer Glieder gelangt, so nennt man die fernere Zucht cc) Stammzucht; dieselbe schließt also die Verwandtschafts-, In- u. Reinzucht in sich. Reinzucht kann zwar mit reingezogen als gleichbedeutend angenommen werden, doch verbindet man mit reingezogen noch den Begriff, daß reingezogene Thiere nur von den edelsten Racen od. edelsten Unterstämmen, welche nach den Gesetzen der Rein- od. Stammzucht fortgezüchtet worden sind, abstammen. Alle Thiere sind reingezogen, welche aus einem zur Selbständigkeit gelangten Stamme entsprossen sind, indem es für den Begriff gleich bleibt, ob der Stamm ein ganz edler od. ein gemeiner ist; nur müssen seine Glieder gleichartig u. der Stamm überhaupt muß selbständig sein. Wenn durch das Paaren einer edeln constanten Race mit einer geringeren, aber ebenfalls constanten Race Producte entstehen, welche folgerecht immer wieder mit der edelsten Race gepaart u. durch acht Generationen so fortgezüchtet werden u. bis zur Güte u. dem Werthe der edelsten Race gelangen, von welcher die Veredlung ausging, so nennt man die Producte der achten Generation Vollblut, u. dieses Vollblut kann gleichfalls wieder zur Zucht, Verbesserung, Veredlung anderer geringerer Racen mit Erfolg verwendet werden. Das Princip, mit dem edelsten Vollblut zu züchten, hat sich in der Pferdezucht allenthalben bewahrt, wo gute Vollbluthengste zur Zucht verwendet u. die mit ihnen gepaarten Stuten eines selbständigen Stammes den Gebrauchszwecken entsprechend gewählt worden sind. Es ist nicht allein die intensive Kraft, welche aus der Organisation edlerer od. besserer Thiere hervorgeht u. dieselben im Werthe höher stellt als gemeinere od. geringere Thiere, sondern es ist auch der edlere, gefälligere u., was bes. bei Zuchtthieren wichtig ist, der regelmäßigere Bau des Körpers; vgl. Pferd S. 951. Auch bei der Schafzucht hat sich das Princip der Vollblutzucht überall bewährt, s.u. Schaf S. 61 f. b) Die Kreuzung, d.h. die Paarung von Thieren einer Art zweier verschiedener Stämme od. Racen. Hauptzwecke der Kreuzung sind: aa) Abänderung mangelhafter Formen u. Eigenschaften eines Stammes; dieses geschieht in der Regel durch eine analoge Kreuzung. bb) Bildung eines vollständig neuen Thierstammes behufs der Erreichung bestimmter gewerblicher Zwecke in voraus überlegter Richtung. Bei dieser Art Kreuzung kommt es auf die geeignete Vereinigung der verschiedenen Eigenschaften verschiedener Thierstämme derselben Art an, welche bereits die Grundlage zu der Neubildung besitzen müssen. Diese Kreuzung muß mehre Generationen fortgesetzt werden, ehe man zu dem vorgestellten Ziele gelangt. cc) Einmischung fremden Blutes in einen Thierstamm, um erbliche Fehler u-Krankheitsformen desselben zu heben, od. auch um constant gewordenes Stammblut behufs späterer Umänderung der Form u. Eigenschaften zu überwinden. Für beide Zwecke ist nur die Verwendung von Halbblutthieren zweckmäßig. Wie lange die Kreuzung fortzusetzen ist, hängt lediglich von den Zwecken der Züchtung u. dem Bedürfniß fortgesetzter Zufuhr fremden Blutes od. noch nicht befestigter Eigenschaften ab. In vielen Fällen findet das Maß der Zufuhr fremden Blutes darin seine Grenze, daß die gewünschte neue Eigenschaft zur Genüge in den Stamm eingemengt ist; denn mit der längeren Fortsetzung der Kreuzung könnten leicht andere nicht erwünschte Eigenschaften eingeführt weiden u. nachtheilig Wirten. Die weitere Befestigung[564] eingeführten neuen Eigenschaft geschieht am erfolgreichsten durch Inzucht, nur dann, wenn sich wieder Fehler einschleichen sollten, od. wenn eine neue Eigenschaft in dem Stamme gewünscht wird, ist c) eine wiederholte Kreuzung, Blutauffrischung, nothwendig. Wenn die aus der Kreuzung hervorgegangenen Nachkommen in der größten Mehrzahl deren Vätern gut nacharten, so kann man gewiß sein, daß man den beabsichtigten Zweck der Kreuzung sicher erreichen wird; wenn aber die Nachkommen gar nicht nach dem Vater arten, so darf man denselben nicht weiter zur Zucht verwenden. Bei der Kreuzung ist man allerdings weit häufiger der Unannehmlichkeit ausgesetzt, Rückschläge in der Nachkommenschaft zu erhalten, als bei der Inzucht; aber diese Rückschläge können zum größten Theil vermieden werden, wenn man mir solche Thiere verwendet, deren Abkunft u. Eigenschaften bekannt sind, wenn die männlichen Zuchtthiere rein gezogenen, selbständigen Stämmen angehören, welche die gewünschten Körperformen u. Eigenschaften besitzen, u. wenn man die aus der Kreuzung hervorgegangenen männlichen Thiere nicht eher zur Nachzucht benutzt, bis dieselben völlig ausgeglichen sind. Wenn eine Anzahl männlicher u. weiblicher, in gehörigem Verhältniß zu einander stehender Thiere eines selbständigen Stammes von dem Ort, wo sie gezüchtet wurden, in eine andere Gegend, in ein anderes Land versetzt werden, um mit ihnen nach den Gesetzen der Inzucht Auf- u. Nachzucht zu betreiben u. dadurch einen beabsichtigten Zweck zu erreichen, so ist dieses eine Thiercolonie. Bei dieser Übersiedelung muß man sich genau mit der Pflege u. Fütterung der Thiere bekannt machen, sie so halten u. ernähren, wie sie es an ihrem früheren Aufenthaltsorte gewohnt waren. Auf eine wirkliche Acclimatisirung kann man erst bei der Nachzucht rechnen, doch darf auch bei dieser passende Fütterung u. Pflege nicht aus den Augen gesetzt werden. C) Trächtigkeit u. Geburt. Sobald ein Thier trächtig geworden ist, muß es angemessen gefüttert u. behandelt werden. Das Futter darf weder zu reichlich noch zu knapp gereicht werden, weder zu nährend noch zu mager sein. Die trächtigen Thiere dürfen nicht mißhandelt u. müssen vor allen Verletzungen bewahrt werden. Der Stall muß eine angemessene Temperatur haben u. mit hoher, weicher Streu versehen sein. Die Geburt wird eingetheilt in rechtzeitige, zu frühzeitige od. Verwerfen (s.d.) u. überzeitige, welche später als die rechtzeitige erfolgt. Der Zeitpunkt der rechtzeitigen Geburt hängt ab von dem Tage der Begattung u. der natürlichen Tragzeit Die Zeit der Geburt tritt vom Tage der Begattung an gerechnet ein: frühestens in 110, spätestens in 120 Tagen beim Schweine, frühestens in 140, spätestens in 150 Tagen beim Schaf, frühestens in 140, spätestens in 150 Tagen bei der Ziege, frühestens in 240, spätestens in 280 Tagen bei der Kuh, frühestens in 325, spätestens in 340 Tagen beim Pferde. Naht die Geburt heran, so müssen die Mutterthiere einen geräumigen, gut u. reichlich gestreuten Stall mit Verschlag in demselben erhalten, aus welchem alle Gegenstände entfernt sein müssen, an denen sich Mutter u. Junge verletzen können. Erstlinge verlangen stete Aufsicht, damit sie ihre Jungen nicht verletzen od. tödten. Die rechtzeitigen Geburten theilt man ein in natürliche, welche ohne Kunsthütte u. ohne Gefahr für Mutter u. Junge vorübergehen, u. in widernatürliche, wo Kunsthütte nothwendig ist. Das Neugeborene muß der Mutter sogleich zum Belecken vorgelegt werden, man kann dazu die Mutter durch Bestreuen der Jungen mit Kleie od. Salz vermögen. Die erste Muttermilch darf nie abgemolken werden, sondern man muß sie den Neugeborenen genießen lassen, weil sie das naturgemäßeste Mittel zur Entfernung der Darmgicht aus dem Körper der Jungen ist. Nach der Geburt erfordern die Mutterthiere längere Zeit Schonung u. gutes, aber weder reizendes noch stark nährendes Futter in kleinen Portionen u. sonstige gute Pflege. D) Aufzucht. Von der jungen Nachzucht soll man nur die Thiere absetzen u. aufziehen, welche in jeder Hinsicht etwas Tüchtiges versprechen. Die zur Aufzucht bestimmten Jungen müssen namentlich im ersten Jahr gut gefüttert u. gepflegt werden, indem sie im ersten Lebensjahre am stärksten wachsen. Die angemessenste Saugzeit bei der Aufzucht ist durchschnittlich: 7 Wochen bei dem Schweine, 8 Wochen bei der Ziege, 10 Wochen bei der Kuh, 15 Wochen bei dem Pferde, 17 Wochen bei dem Schafe. Nach u. nach sind die Jungen an das Fressen zu gewöhnen; je zeitiger dieses geschieht, desto mehr werden die Mutterthiere geschont u. desto besser gedeiht die junge Nachzucht. Das Futter besteht in seinem süßem Heu u. gebrochenen Körnern. Je mehr die jungen Thiere von der Muttermilch entwöhnt werden, je mehr sie im Wachsthum vorschreiten, desto mehr muß man die Futtergaben verstärken. Die Fütterung muß täglich vier bis fünf Mal geschehen. Sehr zuträglich ist den jungen Thieren eine nahe, gesunde, mit angemessenen Pflanzen bestandene Weide; fehlt diese, so muß der Hofraum od. Grasgarten die nöthige Bewegung darbieten. Der Stall muß hell, trocken, geräumig sein, u. die jungen Thiere dürfen im ersten Jahre nicht angebunden werden. Reichliche, trockene Streu u. Reinhaltung des Körpers sind nicht außer Acht zu lassen. Das Entwöhnen von der Muttermilch darf nur allmälig geschehen. Will man männliche Thiere nicht zu Samenthieren überhalten, so müssen sie rechtzeitig verschnitten werden, s. Castration.

IV. Ernährung. A) Beschaffung des nöthigen Futters. An der Spitze einer rationellen Ernährung steht die Forderung für jede Thierart so viel ihr zusagendes Futter zu beschaffen, daß sie das ganze Jahr hindurch gleichmäßig reichlich ernährt werben kann. Deshalb ist die Ausdehnung des Futterbaues nach der Größe des Viehstandes zu regeln. Es ist aber auch für Mannigfaltigkeit des Futters zu sorgen, weil dabei die Thiere besser gedeihen u. mehr Nutzen geben. In den meisten Wirtschaften besteht die Einrichtung, daß alljährlich das gesammte Futter durch das vorhandene od. zu diesem Zweck noch bes. aufgestellte Vieh verbraucht u. daß wenigstens so viel Stroh eingestreut wird, als mit Nutzen verwendet werden kann. Die Folge davon ist, daß auch in reichen Futterjahren die Wintervorräthe bis zum Frühjahr aufgezehrt sind, u. wenn geringe Futterernten eintreten, welche man nicht im Voraus berechnen konnte, so ist man, wenn man nicht theueres Futter kaufen od. das Vieh leiden lassen will, zur Verminderung des Viehstandes genöthigt. Wer in letzterem Fall dann seinen Viehstand wieder ergänzen will, muß gewöhnlich zu hohen Preisen einkaufen, u. hatte man einen guten Viehstamm, so wird man selten wieder gleiches[565] kaufen können. Endlich wird in Jahren des Futtermangels junges Vieh nicht aufgestellt od. das. aufgestellte so knapp ernährt, daß dasselbe nicht zu völliger Ausbildung gelangen kann. Dadurch tritt aber eine Lücke in der V. ein, welche nicht leicht wieder ausgefüllt wird. Die Folgen des Futtermangels werden demnach mehre Jahre empfindlich gespürt. Man muß deshalb in reichen Futterjahren Futter sparen, um in knappen Jahren einen angemessenen Futtervorrath zu haben. Hiermit hängt zusammen. B) die Berechnung u. Eintheilung des Winterfutters. Was zunächst die Ermittelung der Menge des Winterfutters betrifft, so hat dieselbe bei Kartoffeln u. Rüben keine Schwierigkeiten, indem sich die Scheffelzahl gleich bei der Ernte durch die Zahl der Säcke od. der ausgemessenen Kastenwagen genau bestimmen läßt u. die zur Winterfütterung bestimmten Knollen- u. Wurzelgewächse gleich bes. aufbewahrt u. unter Verschluß gehalten werden können. Das Heu u. Grummet wird nach der Zahl der Fuder in Rechnung gebracht u. bei der Ernte eine vorläufige Vertheilung nach Fuder an die verschiedenen Vieharten gemacht. Bis zum Eintritt der Winterfütterung ist übrigens eine feste Futtervertheilung nicht möglich. Sobald aber die Winterfütterung beginnt, wird der Bestand des Futters auf den Böden gründlich ermittelt. Zu diesem Zweck wird der cubische Gehalt nach dem Grade der Festigkeit des Rauhfutters berechnet. Es genügt hierbei in der Regel, wenn zwei verschiedene Sätze angenommen werden, der höhere Satz für das Rauhfutter auf den Schafställen (weil das Rauhfutter für das Schaf in der Regel seiner ist u. die Schäfer das Bausen besser verstehen), u. der niedere Satz für das übrige Rauhfutter. Auf den Cubikfuß kann man 4–5 Pfund Heu rechnen. Da es aber nicht allein auf die Menge des Rauhfutters, sondern auch auf dessen Qualität ankommt, so sucht man auch die verschiedenen Sorten bes. zu ermitteln. Ebenso werben die Strohvorräthe berechnet. Was das Gewicht des Strohes betrifft, so kann man den Cubikfuß langes Winterstroh zu 33/4 Pfund, krummes Winterstroh zu 3 Pfund, Gerstestroh zu 21/2 Pfund, Haferstroh zu 31/4 Pfund, Erbsenstroh zu 3 Pfund annehmen. Alles Rauhfutter u. Stroh muß gut gelegt werden. Hierauf wird das Stroh berechnet, welches von dem noch in den Scheunen vorhandenen Getreide gewonnen wird. Dieses Stroh u. die Vorräthe von Rauhfutter, Stroh, Knollen- u. Wurzelgewächsen bilden die Grundlage des Futteretats In diesem wird die Winterfütterung nach ihrer längsten Dauer, nach Klima u. Örtlichkeit angenommen u. berechnet, Wie viel jede Viehart u. wie viel der ganze Viehstand täglich erhalten soll. Bei dem Rauhfutter wird, wenn die Aufbewahrungsräume nicht ausgemessen sind, die Zahl der Bunde u. ihr Gewicht, bei den Knollen- u. Wurzelgewächsen die Zahl der Scheffel, beim Stroh nur die Zahl der Bunde, das Gewicht derselben aber durch die Festsetzung bestimmt, daß die Drescher eine gewisse Anzahl Bunde vom Schock Getreide aufbinden müssen. Ist hiernach der tägliche Bedarf an Stroh besannt, so wird, wenn mit dem Flegel gedroschen wird u. wenn keine anderen Gründe zum Dreschen vorhanden sind, dieses für den ganzen Winter so angewendet, daß dieser Bedarf an Stroh erreicht wird. Im anderen Fall muß das Stroh so aufbewahrt u. gelegt werden, daß die Vorräthe stets untersucht werden können. C) Menge u. Umfang des Futters. Bei der Fütterung ist zu unterscheiden a) rücksichtlich der Menge das Conservations- u. Productionsfutter. aa) Das Conservations- od. Erhaltungsfutter ist dasjenige Quantum des Futters, welches zur Erhaltung der Thiere in ihrem Statu quo erforderlich ist. Das Quantum desselben ist verschieden nach der Masse des Thieres, welches am Leben bleiben soll, d.h. nach dessen lebendigem Gewicht, u. beträgt auf 100 Pfund lebendigen Gewichts täglich 12/3 Pfund Heuwerth od. 1/60 vom lebendigen Gewicht des Thieres. Was über dieses Quantum hinaus verabreicht wird, ist erst bb) das Productionsfutter, d.h. das Futter, aus welchem Milch, Wolle, Fleisch, Fett etc. gebildet wird. Erhält ein Thier nur das Conservationsfutter, so kann es nichts produciren, od. gewährt wenigstens durch seine Productionen keinen Nutzen. Dieser Annahme Weckherlins hält aber Heubner entgegen, daß es keinen Maßstab gebe, um das Futter zu bestimmen, welches erforderlich sei zur bloßen Erhaltung des Lebens, d.h. um das Sterben zu verhindern. Es sei also die Bestimmung des Erhaltungsfutters als desjenigen Futters, welches zur Erhaltung des Lebens erforderlich sei, an u. für sich schon gar nicht zu gebrauchen, am allerwenigsten aber gleichzusetzen mit der Erhaltung der Thiere in ihrem Statu quo. Um das Quantum des Erhaltungsfutters zu bestimmen, sei der einzige richtige Weg nur der, die Masse der Thiere als Grundlage zu wählen, welche ernährt u. erhalten werden soll. Hier habe man einen festen u. unwandelbaren Maßstab, welcher sich durch Gewichtsgrößen ausdrücken lasse; dabei sei von allen Nebenbeziehungen ganz abzusehen, gleichviel ob es gesundheitliche, ökonomische od. andere seien. Der Begriff von Erhaltungs- od. (wie er es nennt) Beharrungsfutter, läßt sich sonach nur bestimmen als das Futterquantum, welches ein Thier zur Erhaltung seiner Körpermasse bedarf, d.h. um andauernd in gleichem Zustande, in gleicher Körperschwere zu verharren, bei Schafen bes. noch, um Wolle zu erzeugen; das Productionsfutter dagegen ist das Futter, welches nach Abzug des Beharrungsfutters zur Erzeugung von Milch, Fleisch, Fett dient. b) Was den Umfang der Futtermittel anlangt, so unterscheidet man Magenfüllungs- u. Kraftfutter u. rechnet zu jenem Halm- u. Blattfutter, Knollen u. Wurzeln, zu diesem aber Körner u. Ölkuchen, s. Futter 2). D) Zusammensetzung u. Mischung des Futters. Die Bestandtheile der Futtermittel zerfallen in stickstofffreie, stickstoffreiche u. mineralische. In den stickstoffarmen Futtermitteln, welche man auch Respirationsmittel, Kohlenhydrate, Wärme- od. Fettbilder nennt, herrschen die stickstofffreien Bestandtheile vor. Ihnen ist theils in Folge des eine langsame Verbrennung darstellenden Athmungsprocesses die Entstehung der thierischen Wärme, theils namentlich bei reichlichem Genuß derselben, die Erzeugung des Fettes ob. Talges im Thierköiper zuzuschreiben. Zu den stickstofffreien Futtermitteln, welche hauptsächlich Stärke, Zucker, Dextrin, Öl enthalten, gehören alle älteren Pflanzentheile, mit Ausnahme der Samen, als Stroh, strohiges Heu, Kaff, Kartoffeln, Rüben. In den stickstoffreichen Futtermitteln, welche man auch plastische od. proteïnreiche, Blut-, Fleisch-, Knochenbilder nennt, herrschen die stickstoffreichen Bestandtheile: Kleber, Eiweiß, Caseïn, Phosphor[566] vor. Zu ihnen gehören von den Pflanzentheilen bes. die Samen, sowie die Blätter u. Stängel der Pflanzen im jungen Zustande. Mit dem Blute gehen die aufgenommenen stickstoffreichen Bestandtheile der Futtermittel in alle Theile des Körpers über u. werden in Fleisch, Zellen, Knorpel, Hörn, Federn, Knochen umgebildet. Sie sind es, welche in reichlicher Menge genossen, bes. den Fleisch- u. Fettansatz u. die Zugkraft erzeugen, weshalb man sie auch mit Recht Kraftfutter nennen kann. Zu einer vollständigen Ernährung sind sowohl die stickstofffreien als die stickstoffreichen Futtermittel gleich nothwendig für das Bestehen u. die Nutzung der Thiere, u. sobald einer dieser Stoffe gar nicht od. nicht in genügender Menge gereicht wird, schlägt die innere Thätigkeit des thierischen Organismus eine verderbliche Richtung ein. Aber auch die mineralischen Bestandtheile sind für die Ernährung der Thiere von hoher Bedeutung. Eine bloße Berücksichtigung der stickstofffreien u. stickstoffreichen Nährstoffe läßt sich nur dann rechtfertigen, wenn die Thiere das jugendliche Alter überschritten haben u. wenn sie neben den stickstofflosen Futtermitteln zur Genüge stickstoffreiche erhalten, weil in letzteren gleichzeitig auch die zum Bau des Knochengerüstes nothwendige Menge mineralischer Nährstoffe enthalten sind. In der Säuglingsperiode dagegen, wo die Ausbildung des Knochengerüstes in den Vordergrund tritt, müssen die entsprechenden Mengen Mineralstoffe in den Körper gebracht werden, wenn die Ausbildung des Knochengerüstes regelrecht vorschreiten soll. Bes. sind es Kalk, Magnesia u. Phosphorsäure, welche die Stoffe zur Bildung des Knochengerüstes u. der Zellen liefern u. deshalb im Verhältniß zu den anderen Nährstoffen in größerer Menge für den Körper erforderlich sind. Aber auch in späteren Jahren sind mineralische Nährstoffe nothwendig, weil stets ein Theil der alten Knochen abgestoßen, verbraucht u. dafür ein Theil neu gebaut wird. Von besonderer Wichtigkeit ist eine richtige Mischung nach dem Bedarf an stickstoffreichen, stickstofffreien u. mineralischen Bestandtheilen des Futters, sowie die richtige Abwägung der Menge Trockenstoff, welchen ein Thier nach seinen verschiedenen Nahrungszwecken verlangt, um den höchsten Nutzen zu gewähren; denn von dem richtigen Verhältniß zwischen den stickstofffreien u. stickstoffreichen Nährbestandtheilen hängt es vorzugsweise ab, ob die ganze Menge der vorhandenen löslichen u. der assimilirbaren Nährstoffe auch wirklich zur Lösung u. Assimilation, ob das gereichte Futter zur vollständigen Ausnutzung gelangt. Ein Überschuß von dem einen, wie von dem anderen bleibt unverdaut u. in Folge dessen unausgenutzt. Je mehr Leistung von einem Thier, sei es im Zug, in Milch, Fleisch, Wollerzeugung, verlangt wird, desto stickstoffreicher muß die Futtermischung sein. Im Durchschnitt läßt sich das richtige Verhältniß zwischen den stickstoffreichen u. stickstofflosen Bestandtheilen des Futters feststellen auf 1 Thl. Stickstoff zu 6–7 Thln. stickstoffloser Stoffe für das Erhaltungsfutter, auf 1 Thl, Stickstoff zu 5 Thln. stickstoffloser Futterstoffe für das gewöhnliche Productionsfutter, auf 1 Thl. Stickstoff zu 3 Thln. stickstoffloser Futterstoffe für das Mastfutter. Zur Erreichung eines vollkommenen Effectes bei der thierischen Verdauung u. Assimilation ist auch die Anwesenheit einer gewissen Menge alkalischer Salze, bes. des Kochsalzes, in den Futterstoffen nothwendig. Die Bedeutung des Kochsalzes für den thierischen Organismus liegt zunächst in dessen Nothwendigkeit für die Bildung des Blutes u. der Galle. Die Mengen von Galle, welche in den Körpern der verschiedenen Thierarten gebildet werden, sind aber nicht gleich, u. deshalb ist auch der Bedarf an Natron verschieden. Bei den gras- u. körnerfressenden Thieren genügt der Natrongehalt des Blutes nicht, u. deshalb müssen sie, wenn in dem Futter nicht schon von Natur viel Salz enthalten ist, besondere Salzgaben künstlich erhalten. Am besten verwendet man Steinsalz in der Art, daß man dasselbe den Thieren so herstellt, daß sie nach Belieben davon lecken können. E) Werth der verschiedenen Futtermittel. Um die verschiedenen Futtermittel nach ihren Nährstoffen kennen zu lernen, hat man dieselben analysirt. Gewöhnlich legt man behufs der Vergleichung des Futterwerthes der verschiedenen Futtermittel das Wiesenheu zu Grunde, diese Verhältnisse s.u. Futter 2). F) Verdorbene u. giftige Futtermittel. Alle Futtermittel dürfen nur in gutem, unverdorbenem Zustande zur Verfütterung kommen. Schimmliches u. fauliges Futter gibt bei den Wiederkäuern Veranlassung zu fauligen Lungen- u. Leberleiden, bei Pferden zu Rotz, Wurm u. Lungenschwindsucht. Wirkt gleichzeitig schlechtes Wasser ein, od. gibt man das verdorbene Futter im Frühherbst, so tritt leicht Milzbrand ein. Auch das befallene Futter wirkt schädlich auf das Leben der damit genährten Thiere ein, u. man sollte deshalb solche Futterstoffe entweder gar nicht zur Verfütterung verwenden od., wenn sie nur in geringem Grade befallen sind, sie vor der Verfütterung rein abwaschen u. wieder trocknen. Ebenso schädlich ist verschlammtes Futter; man muß dasselbe vor der Verfütterung auf der Tenne tüchtig abdreschen u. es dann gut ausschütteln. Alles nicht vollkommen gut eingebrachte Rauhfutter sollte man zu Häcksel schneiden, mit Wurzelwerk vermengen u. dem gelten Vieh füttern. Mutterthiere dürfen es nicht bekommen, da es bei diesen leicht Verwerfen veranlassen kann. Verdorbenes Futter kann auch durch einen Zusatz von Kochsalz od. durch Einsalzen nicht unschädlich gemacht werden. Manche Futtermittel sind auch von Natur für gewisse Gattungen der Hausthiere giftig, so die Bucheckern u. die Blatter des Sadebaumes für die Pferde, die Blätter des Eiben- od. Taxusbaumes, Wurzeln des Wasserschierlings, die Mohnköpfe u. Mohnpflanzen für das Rindvieh, verschimmeltes Brod für alles Vieh etc. Solche Futtermittel sind deshalb möglichst zu vermeiden. G) Zubereitung des Futters, s.u. Futter 2). H) Fütterung. Die Fütterung zerfällt in Sommer- u. in Winterfütterung. Die Sommerfütterung ist entweder Stallfütterung od. Weide, die Winterfütterung nur Stallfütterung. Die Stallfütterung zerfallt in die Sommerfütterung u. in die Winterfütterung Die Sommerstallfütterung unterscheidet man wieder in die ganze u. in die halbe; die ganze besteht darin, daß die Thiere stets auf dem Stalle gefüttert werden, die halbe darin, daß man die Thiere zeitweise weidet, wozu man hauptsächlich die Stoppeln der Körnerfrüchte u. des Klees u. die abgeernteten Wiesen benutzt. Die Sommerstallfütterung kommt in der Regel nur bei dem Rindvieh, selten bei den Schafen in Anwendung. Ausgenommen in den Gebirgs- u. Alpengegenden u. da, wo Fettweiden vorkommen, verdient in wirthschaftlicher Hinsicht die Sommerstallfütterung[567] den Vorzug vor dem Weidegänge, s.u. Weide. Bei der Stallfütterung hat man folgende Regeln zu beobachten: a) man halte die Thiere angemessen warm, weil sie dann nicht blos weniger Futter brauchen, sondern auch die Fleisch- u. Fettbildung befördert wird; b) man gestatte den Nutzthieren nicht zu viel Bewegung, denn je mehr sich ein Thier bewegt, beste schneller athmet es u. desto mehr stickstoffarmes Futter verlangt dasselbe; c) man halte zu viel Licht von den Ställen ab, weil durch zu viel Licht die Thiere aufgeregt werden u. mehr Futter bedürfen; d) man sorge für die Zuführung frischer Luft, damit der belebende Sauerstoff in die Ställe eindringt u. die Kohlensäure, verdrängt wird; e) Thiere, welche zum Zug bestimmt sind, dürfen nicht viel öliges Futter erhalten, denn sie werden sonst zu fett u. in ihren Muskeln zu schwach; f) dem Zugvieh darf man nicht unmittelbar nach der Arbeit Futter geben, weil der Körper noch zu sehr angegriffen u. die inneren Theile noch erhitzt sind; das Vieh frißt begierig u. kann das Futter nicht gehörig verdauen, dasselbe geht vielmehr unverdaut ins Blut, was Ursache zu mancherlei Krankheiten gibt; g) man darf dem Vieh das Futter nicht auf einmal vorgeben, denn beim Fressen mischt es Schaum u. Speichel unter das Futter u. erwärmt dasselbe mit seinem Athem, wodurch es ihm zum Ekel u. von ihm verschmäht wird; h) die Fütterung muß stets zu einer festgesetzten Zeit geschehen, die Futtergaben sollen sich stets gleich bleiben, auch sollen die Futtergeräthe vor jeder neuen Fütterung sorgfältig gereinigt werden. i) Besondere Vorsicht ist hinsichtlich der Fütterung in nassen Jahrgängen nothwendig. Das Einführen des Grünfutters darf dann nur in den Tagesstunden geschehen, wo dasselbe möglichst abgetrocknet ist. Zu Hause muß es gehörig vertheilt werden, so daß es sich nicht im geringsten erhitzt. Ist das Grünfutter doch noch sehr feucht, so soll man als erste Futtergabe früh Trockenfutter geben od. wenigstens davon etwas mit Grünfutter mischen. Da ferner in Nässe aufgewachsenes Futter weniger nährt, als trocken aufgewachsenes, so ist es gut, wenn man neben dem in Nässe aufgewachsenen Grünfutter noch ein Kraftfutter u. einstweilen eine Gabe Wachholderbeeren od. Salz reicht. k) Bei sehr starker Arbeit muß man dem Vieh auch kräftiges Futter geben; zur Zeit der Ruhe darf man ihm aber auch nicht zu viel am Futter abbrechen, damit es nicht entkräftet ist, wenn man es wieder zur Arbeit brauchen will. l) Man füttere stets gleichmäßig, d.h. gebe den Thieren das ganze Jahr hindurch ein derartig zusammengesetztes Futter, als zu ihrer vollkommenen Ernährung nothwendig ist; durch ungleichmäßige Fütterung gehen die Thiere in den Körperformen u. in der Nutzung zurück. m) Man gehe von einer Futterart zur anderen u. von einer Fütterungsweise zur anderen nur ganz allmälig über, weil sonst ein Rückgang in der Nutzung u. Krankheiten entstehen würden. Ganz bes. vorsichtig muß man sein bei dem Übergange von der Stallfütterung zur Weide u. umgekehrt, sowie bei dem Übergange der Grünfütterung zur Trockenfütterung u. umgekehrt. I) Tränken. Durch die Tränke soll das angemessene Verhältniß zwischen den trockenen u. wässerigen Theilen der Futterstoffe hergestellt werden. Man muß dabei Rücksicht nehmen auf die Beschaffenheit des Futters, auf die Eigenthümlichkeit des Organismus der Thiere, auf den Nutzungszweck, auf das Alter der Thiere, auf die Witterungsbeschaffenheit u. auf die Temperatur des Wassers. Man hat deshalb beim Tränken folgende Regeln zu beobachten: In je größerem Volumen die Thiere ihren Nahrungsbedarf zu sich nehmen, desto mehr Wasser brauchen sie zur Erweichung desselben, u. zwar um so mehr, in je größerem Übergewicht die trockenen Theile der Futterstoffe zu den wässerigen stehen. Nach der Verschiedenheit des Organismus der Thiere ist auch der Bedarf der Tränke verschieden. Das Verhältniß der wässerigen Theile der Nahrung, mit Einschluß der Tränke, zu den trockenen ist im Sommer u. bei der Grünfütterung bei den Schafen wie 3 zu 1, bei den Pferden wie 4 zu 1, bei dem Rindvieh wie 5 zu 1, bei den Schweinen wie 6 zu 1. Im Winter u. bei Trockenfutter erweitert sich der Bedarf an Tränke um die Hälfte. Die Tränke wirkt vorzüglich auf reichliche Milchabsonderung, daher sowohl dem Milchvieh als überhaupt allen trächtigen u. solchen Mutterthieren, an welchen die Jungen noch saugen, möglichst viel Tränke gereicht werden soll. In der Jugend der Thiere wird die größte Masse von Säften bereitet, deren übermäßige Verdünnung durch Tränke zu vermeiden ist. Mit dem fortschreitenden Alter, bes. aber bei der Abnahme der Lebensthätigkeit, muß dagegen die Tränke vermehrt werden, weil in alten Thieren die Säfte abnehmen u. die Organe starrer werden, also theils durch kräftige, theils durch flüssige Nahrungsmittel der geminderte Kreislauf unterstützt werden muß. Alle Thiere nehmen bei feuchter u. kalter Atmosphäre eine geringere, bei Trockenheit u. Wärme dagegen eine größere Menge Wasser zu sich. Gesunde Thiere trinken nur, um den Durst zu befriedigen; deshalb ist ihr Instinct ein sicherer Führer. Man darf sie nie zwingen, mehr Wasser zu sich zu nehmen, als für eine gute Verdauung nützlich ist, indem man dem Saufwasser Stoffe beimengt, welche den Thieren munden u. sie reizen über Bedarf zu saufen, weil die Verdauungskanäle durch übermäßiges Sausen erschlafft werden u. das Thier nur einen geringen Theil der Nahrung in nützliche Erzeugnisse umwandeln kann. Thiere, welche eben von der Arbeit kommen, überhaupt in erhitztem Zustande sind, dürfen nicht sogleich getränkt werden, u. gut ist es in diesem Falle in das Saufwasser etwas Heu zu legen. Bei der Grünfütterung müssen die Thiere vor dem Füttern getränkt werden; geschähe es nach dem Füttern, so würden die Thiere der Gefahr des Auslaufens ausgesetzt sein. Alles unreine Wasser ist zum Tränken zu vermeiden, bes. sollen die Thiere nicht aus Pfützen u. anderen stehenden fauligen Wassern getränkt werden. Warme Tränke ist den jungen vollsaftigen u. lebenslustigen Thieren nachtheilig, den älteren Thieren dagegen zuträglich; sie befördert die Milchabsonderung u. Fettbildung, verkürzt aber die Nutzungsdauer. Die beste Tränke zum Stillen des Durstes ist frisches, weder zu kaltes noch zu sehr abgestandenes Wasser.

V. Mastung, s.d.

VI. Pflege u. Behandlung. Um schöne Körperformen u. ausgezeichnete Eigenschaften bei den Thieren zu erzielen, müssen dieselben auch gut gepflegt werden. Zu einer guten Pflege gehören vor Allem zweckmäßig gebaute u. eingerichtete Ställe, s. Pferdestall, Rindviehstall, Schafstall. Was die Behandlung der Hausthiere anlangt, so sind dieselben[568] in der Regel von Natur nicht bösartig, u. eine freundliche, sanfte Behandlung in der frühesten Jugend hat einen mächtigen Einfluß auf ihren Charakter. Aber auch im späteren Alter zeigt sich der Einfluß der Behandlung auf das körperliche Gedeihen der Thiere. Pferde, welche roh behandelt werden, arbeiten nicht mit Lust u. thun ihre Schuldigkeit nur so lange, als sie die Peitsche fühlen; auch werden sie bei demselben Futter u. bei derselben Arbeit entkräftet werden u. ein krankhaftes Aussehen bekommen, während gut behandelte Pferde gern arbeiten u. bestens gedeihen. Mit sanfter Behandlung ist bei allen Thieren mehr auszurichten, als durch Gewaltthätigkeit, welche stets Verschlechterung zur Folge hat. Freundliche Behandlung befördert auch das Gedeihen des Mastviehes. Nächst guter Behandlung verlangen die Thiere zum Gedeihen Reinlichkeit sowohl der Haut als der Stallungen u. Futtergeräthe. Durch Striegeln, Bürsten, Reiben soll bei den stark ausdünstenden u. viel arbeitenden od. weidenden Thieren alltäglich der Staub u. der durch die Verdichtung der Ausdünstungsstoffe etc. hervorgehende Schmutz hinweggeschafft werden. Dadurch wird die Hautthätigkeit befördert u. der gesammte Lebensproceß gesteigert. Das Thier bekommt ein glattes, glänzendes, das ungereinigte Thier dagegen ein rauhes, mehr wolliges Haar u. ist muthlos u. niedergeschlagen. Außer für die Reinlichkeit der Thiere hat aber der Viehhalter auch für Reinhaltung der Ställe zu sorgen, durch den gehörigen Abfluß des Harnes, durch Entfernung des zu viel ammoniakalische Dünste entwickelnden Mistes, durch hinlängliche u. trockene Streu. Futter u. Futtergeräthe müssen ebenfalls reinlich sein u. reinlich gehalten werden; die Thiere geben das Verlangen nach Reinlichkeit des Futters u. der Futtergeräthe selbst sehr deutlich zu erkennen, indem sie nur gezwungen den allernöthigsten Bedarf von Futter u. Getränk aus unreinen Geräthen zu sich nehmen. Sie magern deshalb bei unreinlicher Fütterung über kurz od. lang ab. Sehr nützlich kann den Hausthieren das Begießen, Waschen, Schwemmen u. Baden mit reinem kalten Wasser werden, vorausgesetzt, daß die Thiere nicht erhitzt u. nicht krank sind, obschon für manche Krankheiten gerade das Begießen mit kaltem Wasser u. Schwemmen in demselben sehr nützlich ist, namentlich bei großer Schwäche einzelner Körpertheile. Das Baden u. Schwemmen in Teichen od. Flüssen ist nur dann von Nutzen, wenn es nach Regeln u. mit Vorsicht geschieht. Um Thiere zu erfrischen u. im Sommer, wo die große Hitze sehr erschlafft, auch zu stärken, ist Schwemmen in kaltem Wasser vortrefflich; nur muß dabei der ganze Körper gleichmäßig naß gemacht werden; das Baden muß ferner bei den Arbeitsthieren früh vor dem Füttern, jedoch nach dem Putzen, soll aber nicht am Abend, wo die Arbeitsthiere noch erhitzt sind, geschehen; am gefährlichsten ist aber das Baden gleich nach der Fütterung. Was die Dauer des Bades anlangt, so sind 8 Minuten hinreichend. Während dem Baden müssen die Thiere im Wasser hin- u. hergeführt od. getrieben, u. nach dem Baden dürfen sie nicht gejagt werden. Sie sind alsbald abzutrocknen u. zu füttern. Das wärmere Teichwasser behauptet vorzüglich für steife u. mit Geschwülsten behaftete Thiere den Vorzug vor dem kälteren Flußwasser; vortheilhaft erweisen sich namentlich für Zugthiere, welche sehr angestrengt wurden, u. für alte steife Thiere warme Fußbäder, bes. vor der Fütterung. Man muß ferner die Thiere so viel als möglich gegen Ungeziefer schützen. Für alles Großvieh ist die Bremse im Sommer eine wahre Plage; um dieselbe abzuhalten, bestreicht man die Stellen, wohin sich dieses Ungeziefer am liebsten setzt, mit Bremsenöl od. Fischthran. Endlich muß man auch die Hausthiere, u. ganz bes. die trächtigen, vor Beschädigungen durch Drängen bewahren u., sobald sich Zeichen irgend einer Krankheit äußern, sofort die nöthigen Verfahrungsarten u. Mittel zur Heilung anwenden. Vgl. von Weckherlin, Die landwirthschaftliche Thierproduction, 3. Ausg. Stuttg. 1857; Papst, Thierproductionslehre, 4. Aufl. Darmst. 1855; W. Lobe, Allgemeine V. Berl. 1863; Körber, Ernährung, Wartung u. Pflege der Hausthiere, Glogau 1856.

VII. (Antiq.). Die V. bildet mit dem Ackerbau die älteste Beschäftigung der Menschen, sie wurde im Alterthum theils allein, u. zwar entweder von umherziehenden Stämmen (Nomaden), od. von Ansässigen, theils in Verbindung mit dem Ackerbau betrieben. Daß die Einen die V. vor dem Ackerbau wählten, lag wohl in der Neigung zur leichteren, arbeitsloseren, ungebundeneren Beschäftigung, vorzüglich aber in, der Cultur widerstehender Bodenbeschaffenheit des Landes, in welchem sie saßen. Die Ergebnisse der V. dienten theils den Züchtern zur Befriedigung der eigenen Lebensbedürfnisse, zur Nahrung u. Kleidung, dann als Zug- u. Lastthiere, theils als Handelsgegenstände, in despotischen Staaten auch als Steuermittel. Unter den gezüchteten Thieren waren bei weitem die allgemeinsten die beweglichern Schafe u. Ziegen, erst in zweiter Reihe das Rind u. Schwein, dann Pferd, Maulthier, Esel u.a. landesthümliche Zug- u. Lastthiere, z.B. Kameele, Rennthiere. Ägypten war ringsum zu Lande von arabischen, äthiopischen u. libyschen Hirtenvölkern umgeben (vgl. Hyksos); auch in dem Lande selbst, u. zwar in der östlichen Hälfte zwischen dem Nilthal u. dem Arabischen Meerbusen, namentlich in dem steinichten, für den Ackerbau untauglichen Gebirgsstrich, sowie in den sumpfigen Gegenden des Delta, streiften theils Nomaden, theils trieben die ansässig gewordenen Stämme die V. entweder allein od. mit dem Ackerbau verbunden. Die Letzteren bildeten die Kaste der Rinderhirten; zu ihnen gehörten die bes. Schafzucht treibenden nomadischen Stämme nicht, welche Barbaren u. von den Ägyptiern verachtet waren; wahrscheinlich fremde, aber den Pharaonen unterworfene Stämme waren die Schweinehirten, welche nicht eine Kaste, sondern eine für unrein geachtete u. gleich den indischen Parias verachtete Abtheilung des Volkes ausmachten. In Asien waren bes. die Gebirgsländer, Steppen u. Salzebenen die Plätze, wo V. getrieben wurde. In den Gebirgen Nord-Indiens war die V. vorzugsweise Beschäftigung der Bewohner, bes. hielten sie Schafe u. Ziegen, welche ihnen bei ihrer Größe auch als Lastthiere dienten; dagegen gaben auch die Wüsten Arabiens treffliche Weideplätze für Schafe. Von den Ländern des Persischen Reiches wurden in Persien selbst auf den terrassenartigen Erhebungen des Landes viele Weideplätze mit zahlreichen Heerden neben Fruchtfeldern, in dem nördlichen gebirgigen Theile aber nur Nomaden u. Hirten gefunden; in dem Gebirgslande Armenien war V. von jeher die Hauptbeschäftigung der Einwohner; einen Theil ihres Viehes, bes. Maulthiere u. Pferde, verhandelten sie[569] den phönicischen Städten u. 20,000 Stück der letzteren mußten sie dem Perserkönig als Tribut entrichten; die schönsten Pferde wurden in Medien gezüchtet, u. derselben mußten die Meder ebenfalls eine große Zahl, neben Mauleseln u. Schafen, dem König liefern; in Aria, um das j. Herat, wurden ebenfalls Pferde u. außerdem Kameele gehalten, wogegen Karmanien, wo nördlich sich eine große Salzebene ausdehnte, sich bes. gut zum Schafzucht eignete, daher die Bewohner viel Wolle nach den babylonischen u. persischen Teppichwebereien absetzten. Von den Provinzen diesseit des Euphrat trieben die in Phrygien u. Bithynien neben dem Ackerbau Vieh-, bes. Schaf- auch Ziegenzucht, von welchen letzteren sie ebenfalls seine Wolle erzielten; Paphlagonien eignete sich zur Pferdezucht, die großen Steppen Kappadociens boten gute Weiden für zahlreiche Schafheerden; auch in den zum Landbau nicht geeigneten Theilen Syriens streiften Nomaden mit ihren Vieh-, bes. Schafheerden. Die Hebräer waren Anfangs Nomaden, welche neben dem Kleinvieh auch Rindvieh u. Esel, selbst Kameele hielten. Die Hirtenfürsten, wie Abraham, Lot, Isaak, Jakob, Hiob etc. ließen ihre Heerden von einzelnen Hirten, welche unter einem Oberhirten standen, weiden. Sie folgten denselben von Weideplatz zu Weideplatz, wo sie unter Zelten od. Laubhütten ihre Wohnung nahmen, während die Heerden unter freiem Himmel in Hürden eingeschlossen übernachteten. Anders wurde es nach der Rückkehr aus Ägypten nach Kanaan; dort hatten sie den Ackerbau kennen gelernt u. mit der V. verbunden, u. nun blieben nur die Stämme Rüben, Gab u. Manasse vorzugsweise Hirten u. trieben jenseit des Jordan ausgedehnte V., bes. mit Rindern, Schafen u. Ziegen, doch nicht ganz nach Nomadenweise, denn sie bewohnten auch Städte. Ihre Weideplätze erstreckten sich östlich in die Arabische Wüste hinein U. auch diesseit des Jordan fanden sie sich hier u. da. Feine Wolle wurde bes. auf den dürren Bergen Juda's gewonnen; Rinderheerden fand man bes. in der Ebene Saron u. Sephela Das Vieh blieb bis November im Freien, von da bis zum Passah wurde es in bedeckten Ställen gehalten. Einen starken Viehstand verlangte bes. die Ausdehnung des Festwesens u. Opfercultus (es sollen alljährlich 250,000 Stück Opferlämmer geschlachtet worden sein), daher beschäftigten sich auch namentlich die Leviten mit der V.; auch Könige waren im Besitz großer Viehheerden. Außer zu Opfern diente das Fleisch von Groß- u. Kleinvieh zur Nahrung, das Fell zur Bekleidung; die Rinder bes. noch zu landwirtschaftlichen Geschäften. Schweine wurden von Hebräern nicht gezüchtet, wenn Schweineheerden im N. T. vorkommen, so gehörten diese gewiß heidnischen Besitzern an.

Die den Nordwesten Asiens u. den Nordosten Europas bewohnenden Stämme, Skythen u. Sarmaten, waren vorzugsweise Viehzüchter, namentlich Nomaden, ihr ganzer Reichthum bestand in Heerden, bes. in Pferden u. Rindern, doch hielten sie auch Schafe, deren Wolle sie zu Decken verarbeiteten. Auch die Germanen waren, als sie aus Asien nach Skandinavien einwanderten, überwiegend ein Hirtenvolk, u. nach der Beschaffenheit des Landes blieben sie es noch lange u. mußten es in manchen Strichen immer bleiben. Nach einer gewissen, den Ständen der Menschen nachgebildeten Rangordnung, unterschied man das Pferd als das Thier der Edeln, Rind u. Schaf als das Vieh der freien Bauern, Ziege u. Schwein als das der Knechte. Der Hauptreichthum bestand in den Rinder- u. Schafheerden, diese schweiften auf den Bergweiden umher u. waren gegen Entwendung u. Beschädigung durch Gesetze geschützt, u. es gab besondere Verordnungen bezüglich der Weide, Sprungzeit u. Bezeichnung der Eigenthümer. Dieselben Bestimmungen bestanden auch für die Ziegen, eine zwar für das lange u. felsenreiche Skandinavien wichtige Thierart, welche aber doch in so geringer Achtung stand, daß Einer, welcher blos Ziegen hielt, den Bettlern gleichgestellt wurde. Die Verachtung des Schweines u. seiner Hirten war eigentlich blos in Norwegen heimisch, während in Dänemark u. dem südlichen Schweden eine schwunghafte Schweinezucht betrieben wurde, welche hier auch nicht für unehrlich galt. Neben diesen Heerdethieren erhielten die im nördlichen Theile Schwedens u. Norwegens angesiedelten Germanen von den Lappen das Rennthier, welches den Lappen u. Finnen immer einziges Zug-, Milch- u. Schlachtthier blieb, eigentlich skandinavisches Heerdethier aber nicht wurde, weshalb es auch in den Eddaliedern fast nicht vorkommt. Der skandinavische Hausvater führte selbst die Aussicht über sein Vieh u. zog mit demselben hinaus auf die Weide; die eigentliche Besorgung aber war Knechten u. freien Dienstleuten übergeben; s.u. Skandinavien S. 155. Auch in Germanien betrieben die germanischen Stämme noch zu Cäsars Zeit mehr die V. als den Ackerbau, u. erst mit der fortschreitenden Cultur kamen, wo es sonst das Land gestattete, Ackerbau u. V. mehr ins Gleichgewicht. Gezüchtet wurde bes. Rindvieh, welches indeß hier unansehnlich war, es gab Butter u. Käse zur Nahrung, Leder zu allerhand Gebrauch u. diente als Ackervieh; dann Schafe, deren Milch u. Fleisch genossen u. die Wolle zu warmer Kleidung verarbeitet wurde; das Schwein, dessen Fleisch die Lieblingsspeise des Germanen war, gedieh vortrefflich durch die Mast in den ausgedehnten Eichen- u. Buchenwäldern West- u. Norddeutschlands, u. selbst den Römern galten die Schinken aus dem Marserlande als Leckerei; das Pferd war auch hier ein edles Thier u. wurde früh schon gezüchtet, die deutsche Race war indeß mehr durch Dauerhaftigkeit u. Schnelligkeit als durch Schönheit ausgezeichnet. In Griechenland wurde in der Heroischen Zeit der Reichthum ebenfalls nach dem Heerdenbesitze geschätzt; die Edeln hatten Heerden von Rindern, Ziegen, Schweinen, über deren einzelne besondere Hirten, über diese wahrscheinlich ein Oberhirt gesetzt war; als Zugthiere dienten Pferde, Esel u. Maulthiere. In Attika war die V. nicht unbedeutend; hier wurde ursprünglich das Ziegenvieh gezüchtet, denn einer der ältesten Stämme war darnach genannt (Ägikoreis); daneben Schafe, zu deren Vermehrung ein uraltes Gesetz befahl, eins nicht eher zu schlachten, als bis es gelammt hätte od. geschoren worden wäre; indeß war dies Gesetz zur Zeit Solons vergessen, doch dieser Gesetzgeber schützte die Zucht dieses Kleinviehes durch eine Verordnung, welche Preise auf die Tödtung von Wölfen, als den Feinden dieses Viehes, setzte. Auch Schweine wurden gehalten u. von größerem Vieh Esel u. Maulthiere, wogegen in ältester Zeit Pferde u. Rindvieh sehr selten waren (letzteres durste nach einem alten Gesetz nicht geschlachtet[570] werden), später aber boten die Euböischen Triften Gelegenheit Hornvieh u. Pferde zu halten. Überhaupt war es eine Aufmunterung zur V., daß dieselbe nicht, wie in despotisch regierten Staaten, mit Abgaben belastet war. In Italien war die V. auch uralt, u. die Römer schlugen ihren Werth schon deshalb hoch an, weil der Gründer ihres Staates, Romulus, von einem latinischen Hirten gerettet u. erzogen worden war u. weil viele edle Geschlechter ihre Namen u. Familien ihre Beinamen von Thieren erhalten hatten, durch deren Zucht sie sich ausgezeichnet. Auch widmeten die ökonomischen Schriftsteller, sowohl Prosaiker (Varro, Cato, Calumella) als Dichter (Virgilius), der V. besondere Theile ihrer Schriften. Sie unterschieden die Pastio agrestis, die Zucht der Feldthiere, u. Pastio villatica, die Zucht der innerhalb der Villen gehaltenen Thiere; die erstere erstreckte sich auf Pferde, Rinder, Esel als Groß-, Schafe, Ziegen, Schweine als Kleinvieh, dazu Maulthiere u. Hunde. Varro stellt zwei Hauptgesichtspunkte auf, wornach eine rationelle V. zu betreiben ist, die Anschaffung u. Erhaltung des Viehes; bei der Anschaffung ist zu berücksichtigen das Alter, die Gestalt, die Race, der Kauf, bei der Erhaltung die Weide, die Trächtigkeit, die Fütterung u. der Gesundheitsstand; dazu kommt noch die gehörige Erwägung über die Zahl des Viehstandes, sowohl rücksichtlich der Stücke, als auch der Geschlechter. Bei den celtischen Völkern stand, wie bei den germanischen, auch die V. dem Ackerbau vor; in Gallien wurde schon in ältester Zeit viel Rindviehzucht auf den Alpen betrieben, die Rinder waren zwar klein, aber sie konnten tüchtig arbeiten u. gaben viel Milch, der gallische Käse war in Rom gesucht; auch von Schafen u. Schweinen wurden so große Heerden gehalten, daß von Gallien aus ein großer Theil Italiens mit gesalzenem Fleisch od. Schinken u. Wollgeweben versehen werden konnte; das Pferd wurde als Reit- u. Zugthier im Kriege gebraucht. Auch aus Lusitanien u. dem südlichen Hispanien werden zur Zeit der römischen Herrschaft die Heerden erwähnt, berühmt waren bes. in Bätica die Schafe, welche nicht allein Wolle zur Ausfuhr lieferten, sondern auch Widder wurden schon damals ausgeführt zur Veredelung anderer Heerden; gesucht waren die Schinken aus dem Lande der Cerretaner u. Cantabrer; die spanischen Pferde wurden als schnell u. ausdauernd gerühmt, die Esel aus Celtiberien u. die Maulesel von den Balearen standen in hohem Preise; merkwürdig ist, daß nichts von der Rindviehzucht in Spanien erwähnt wird, obgleich schon damals Stiergefechte gegeben wurden.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 18. Altenburg 1864, S. 562-571.
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