Amazonenstrom

[411] Amazonenstrom (Rio de las Amazonas), der mächtigste Strom Südamerikas, mit dem größten Flußgebiet (7 Mill. qkm) der Erde, wovon über die Hälfte Brasilien, der Rest Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivia angehört (s. die Karten »Peru«, »Brasilien«, »Guayana«). Der A. entsteht aus der Vereinigung von Ucayali und Marañon. Letzterer entspringt in Peru auf dem Tafelland von Pasco aus dem See Llauricocha (3653 m, 10°30´ südl. Br., 76°30´ westl. L.) und fließt anfangs als Tunguragua im Oberlauf (etwa 670 km) durch das die beiden Abteilungen der Kordilleren trennende tiefe Engkal gegen NNW., bis er bei Cumba seine Richtung ändert und im kurzen Mittellauf (450 km) erst nach NO., später nach O. sich wendet und in zahlreichen Stromschnellen (Pongos), von denen die letzte, der Pongo de Manseriche, die bedeutendste ist, die östliche Kordillere durchbricht. Von da beginnt der mit vielen Krümmungen ostwärts gerichtete Unterlauf durch die Hyläa Brasiliens (s. unten), dem die riesenhaften Nebenströme angehören, die er aus den Kordilleren und dem brasilischen Gebirgsland empfängt. Gleich nach dem Eintritt ins Tiefland nimmt er von N. den Pastaza, von S. den Huallaga auf. Nachdem er sich bei Nauta mit dem zweiten Quellarm, dem Ucayali (s. d.), zum A. vereinigt und bei Tabatinga das brasilische Gebiet betreten hat, fließen ihm links Napo, Putumayo (Iça), Yapura und Rio Negro, rechts Jurua, Purus, Madeira, Tapajoz und Xingu zu. Die meisten dieser Nebenströme teilen sich unweit ihrer Mündung in vielfach verästelte Arme und bilden ein deltaartiges Gewirr von Inseln. Im ganzen nimmt der A., die Ostabhänge der Kordilleren von 3° nördl. Br. bis 20° südl. Br. entwässernd, mehr als 200 Nebenflüsse, darunter 100 schiffbare, 17 ersten Ranges, auf und mündet in zwei durch die Inseln Caviana und Mixiana getrennten Mündungen, Canal do Norte und Canal do Sul, in den Atlantischen Ozean. Kurz vor der Mündung führt der natürliche Kanal Tajipuru, die Insel Marajó abtrennend, in den Mündungstrichter des Tokantins (Rio Para). Trotz seines Sedimentreichtums bildet der A. kein Delta; die vorgelagerten Inseln sind ältern Ursprungs. Die Länge des ganzen Stromlaufs beträgt (ohne die Krümmungen) 5340 km. Beim Eintritt in den untern Lauf liegt sein Bett noch 180, bei Tabatinga 56, bei Manaos 26, bei Santarem an der Mündung des Tapajoz 16 m hoch. Seine Breite beträgt schon oberhalb der Mündung des Madeira mehrere Kilometer, unterhalb Santarem 15, bei Porto de Moz gegen 80 km, und selbst in der Enge von Obidos oberhalb Santarem, bis zu welcher Ebbe und Flut wirksam sind, noch 1910 m. Ebenso bedeutend ist die Tiefe, die im Unterlauf auf weite Strecken über 100 m beträgt. Nach Martius' Schätzung soll der A. 5 Mill. Kubikfuß Wasser in der Sekunde ergießen, so daß das schlammige Flußwasser das Salzwasser des Meeres mehrere hundert Kilometer weit in den Ozean hinaus überflutet. Die Anschwellungen des Stromes haben ihresgleichen nirgends auf der Erde, sie betragen im Maximum 17 m über den mittlern Stand. Im Januar beginnend und im Juni den höchsten Punkt erreichend, fallen sie mit der Regenzeit der südlichen Zuflüsse zusammen, während die dann wasserarmen nördlichen Zuflüsse durch die Anschwellung des Hauptstromes aufgestaut, ja zu rückwärts gerichtetem Laufe gezwungen werden. Während des Hochwassers ist das Land meilenweit überflutet. Kehrt die Flut 6–8 Wochen nach dem höchsten Wasserstand in ihr Bett zurück, so wühlt sie neue Kanäle aus, zerstört alte Inseln und baut neue an andern Stellen auf. Unzählige solcher Inseln liegen im Unterlauf, die größte von ihnen ist die fast 15,000 qkm große Ilha dos Tumbiuambaranas an der Mündung des Madeira. Eigentümlich sind auch die vielen größern und kleinern Uferseen, die gewöhnlich mit dem Fluß in Verbindung stehen und bei den Schwellen einen Teil des überflüssigen Wassers aufnehmen. Die Ufer des Flusses sind niedrig, nur hier und da sind sie von Hügelketten begrenzt. In die sich trichterförmig verengernde Mündungsbai des Amazonenstroms dringt die Flut während der Zeit des Neu- und Vollmondes mit furchtbarem Getöse und verheerender Mächtigkeit in Gestalt einer reißenden Welle, der Pororoca, ein. Wo sie auf Untiefen stößt, erhebt sie sich 4–5 m hoch; an sehr tiefen Stellen verschwindet sie dagegen fast gänzlich, um an andern Stellen wieder aufzutauchen. Hinter sich läßt die Pororoca die Gewässer in demselben Zustande der Ruhe zurück, in dem sie sich vorher befanden. Das ganze ungeheure Becken des Unterlaufs (an Umfang fast Europa gleich) ist vorherrschend eine steinlose Waldebene. Der von Schlingpflanzen und Klettergewächsen durchzogene Urwald, die Hyläa Brasiliens, ist von N. nach S. 500–3000 km, von O. nach W. 4500 km breit, so daß keine andre Waldregion der Erde die des Amazonenstroms an Ausdehnung übertrifft. Unvergleichlich ist auch der Reichtum des Stromes an Wassertieren. Delphine und andre Waltiere, Alligatoren, Flußschildkröten, namentlich aber Fische, von denen Agassiz über 2000 Arten fand, also fast doppelt so viel, wie man im ganzen Atlantischen Ozean kennt, bilden den Gegenstand ausgedehnter Jagd und ergiebigen Fanges. Von Schildkröteneiern, die man zur Bereitung von Öl verwendet, sollen jährlich 40 Mill.[411] Stück erbeutet werden. Der größte im A. vorkommende Fisch ist der bis 3 m lange und bis 200 kg schwere Pirarucu. Schlangen, darunter Riesen- und Giftschlangen, sind in großer Menge vertreten. Bewohnt sind die Ufer noch größtenteils von Indianern und Mischlingen derselben, da namentlich die klimatischen Verhältnisse der Kolonisation große Schwierigkeiten entgegenstellen.

Die Schiffahrt auf dem A. ist, da östliche Luftströmungen durch die ganze Länge des Tales aufwärts vorherrschen, selbst für Segelschiffe nicht beschwerlich; für Dampfboote ist kein andrer Strom der Erde so wohlgeeignet wie der A., der bis zu den Kordilleren hinauf eine genügende Fahrtiefe besitzt und auch in seinen Nebenflüssen auf weite Strecken hinauf für große Schiffe fahrbar ist. 1851 machten sich Brasilien und Peru zur Unterstützung einer Dampfschifffahrtsgesellschaft auf dem A. verbindlich, und 1867 wurde von Brasilien die Schiffahrt bis zur peruanischen Grenze für die Handelsflaggen aller Nationen freigegeben. Bolivia, Peru und Kolumbien haben bereits begonnen, ihre Verkehrslinien mit dem Amazonenstromsystem in Verbindung zu setzen; Landstraßen und Eisenbahnen sind im Bau oder schon ausgeführt, um die Stromschnellen und Katarakte der Zuflüsse zu umgehen, ihren meist schiffbaren Oberlauf mit dem Unterlauf zu verbinden und so Handelswege bis ins Herz jener Weststaaten hinein zu eröffnen. Infolgedessen hat sich der Verkehr bedeutend gehoben, doch bilden gegenwärtig noch Waldprodukte, besonders Brasilnüsse, Kautschuk, Sassaparille und Schildkrötenöl, neben Erträgnissen des Fischfanges und der Jagd die wichtigsten Ausfuhrartikel. Hauptausfuhrhafen ist Pará an der Mündung des Rio Pará (Tokantins). Die brasilische Regierung unterhält acht Dampfer, die monatlich zwischen Pará und Manaos, Pará und Obidos, Manaos und Tabatinga fahren. Von Tabatinga fährt ein peruanischer Dampfer den A. und Huallaga aufwärts bis Yurimaguas, von wo eine Straße über Moyobamba nach Trujillo am Stillen Ozean geht. Die Länge der von brasilischen Dampfern befahrenen Wasserwege betrug 1873 bereits 9900 km.

Der A., von Orellana so benannt, weil er ihn von den Indianern am Parastrom Amassona (»Bootzerstörer«) nennen hörte und daraus auf das Vorhandensein von Amazonen in dieser Gegend schloß, wurde 1499 von Vincent Pinzon an seiner Mündung, 1535 von den Spaniern an seiner Quelle entdeckt, 1540 von Orellana ganz befahren. 1740 befanden sich an den Ufern des Stromes 40 Missionen mit 12,800 Bewohnern; bald nachher wurden die Jesuiten nach 130jähriger Arbeit aus Südamerika vertrieben, und die Früchte ihrer Bemühungen gingen gänzlich verloren. Die erste Beschiffung des Stromes, die auch ein wissenschaftliches Ergebnis hatte, war die von La Condamine (1743–44). Epochemachend waren Humboldts Fahrt (1799) und die Reise von Spix und Martius (1819–20); die Namen Maw (1829), Pöppig (1831–32), Prinz Adalbert von Preußen (1842), Graf Castelnau (1846), Herndon (1850), Wallace (1852), Avé-Lallemant (1858), Markham (1859), Bates (1861), Marcoy (1866), Agassiz (1866–67), Orton (1867–76) schließen sich ruhmwürdig an. 1862–64 ließ die brasilische Regierung eine vollständige Stromaufnahme ausführen. Auch die Erforschung der Seitenströme geht rastlos fort (durch Hartte, Chandleß, Abendroth, von den Steinen, Herrmann Meyer). Vgl. außer den bei »Brasilien« angeführten Reisewerken. Terjeira, Nuevo descubrimiento del gran Rio de las Amazonas (Madr. 1641, 4 Bde.); Herndon, Exploration of the valley of the Amazon (Washingt. 1853); Maury, The Amazon and the Atlantic slopes of South America (das. 1853); die Reiseberichte der oben genannten Forscher, besonders die von Wallace (Lond. 1853 u. ö.), Bates (deutsch, Leipz. 1866), Markham (Lond. 1859), Avé-Lallemant (Leipz. 1860, 2 Bde.), Marcoy (Par. 1869), Agassiz (Boston 1866 u. ö.), Orton (3. Aufl., Lond. 1877); Keller-Leuzinger, Vom A. und Madeira (Stuttg. 1874); Mathew, Up the Amazon and Madeira rivers (Lond. 1879); v. Schütz-Holzhausen, Der Amazonas. Wanderbilder (2. Aufl., Freiburg 1895); Pinkas, Commissão de estudos da estrade de ferro do Madeira e Mamore (Rio de Janeiro 1885); von den Steinen, Durch Zentralbrasilien (Leipz. 1886) und dessen weitere Werke; Guillaume, The Amazon provinces of Peru for European emigrants (Lond. 1888); Schichtel, Der A., Versuche einer Hydrographie (Straßb. 1893).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1905, S. 411-412.
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