Kolumbĭen

[308] Kolumbĭen (República de Colombia, vormals Neugranada, s. Karte »Peru, Ecuador, Kolumbien und Venezuela« bei Artikel »Peru«), Republik im nordwestlichen Teil Südamerikas, zwischen 12°30' nördl. und 2°40' südl. Br. und 69–79° westl. L., grenzt nördlich an Panamá und das Karibische Meer, östlich an Venezuela und Brasilien, südlich an Perú und Ecuador, westlich an den Stillen Ozean und hat einen Flächenraum von 1,248,275 qkm (nach planimetrischer Ausmessung in Gotha: 1,206,200 qkm), mit den Erwerbungen am Orinoko, bei Cúcuta und auf der Halbinsel Goajira (Schiedsspruch der Königin Christine von Spanien vom Jahre 1891); doch beansprucht Ecuador einen breiten Streifen des ganzen Südens, Perú die Südostecke.

[Physische Geographie.] Die Küstenbildung ist, wenigstens im N., sehr vorteilhaft. Am Karibischen Meer liegen an der Westseite der Halbinsel von Goajira die Bahia Honda, Bahia Portete, die Bai oder Lagune von Santa Marta und weiter westlich der herrliche Hafen von Cartagena. Am tief ins Land hineinragenden Golf von Urabá (Darien) sind auf der Ost- und Südseite mehrere sichere Ankerplätze. An der sonst ziemlich einförmigen pazifischen Küste liegen die Baien von Cupica und San Francisco Solano, die kleine Bai von Palmar an der Südseite des hohen Kaps Corrientes, die Bai von Chocó oder Buenaventura und die Ensenada de Tumaco. Unter den Inseln sind der aus zehn Inseln bestehende Perlenarchipel im Golf von Panama und die 518 qkm große Insel Coiba die bedeutendsten. Die Kordilleren von K. weisen vier Teile auf: 1) die noch wenig bekannte, am Golf von Buenaventura beginnende Küstenkordillere, 2) die von Ecuador gegen N. sich fort setzende Westkordillere im W. des Cáucatales, 3) die Zentralkordillere zwischen dem Rio Cáuca und Rio Magdalena, die Fortsetzung der Ostkordillere von Ecuador, die sich im N. zu Hochländern verbreitert, und 4) die Ostkordillere oder die Kordillere von Bogotá, die im O. des Magdalena sich hinzieht und sich im N. von Bogotá in mehrere Züge gabelt (die östlichste derselben setzt sich in die Kordillere von Menda nach Venezuela fort). In der Zentralkordillere herrschen kristallinische Schiefer und Granit vor, wie auch in der wohl als ihre Fortsetzung anzusehenden Sierra Nevada de Santa Marta ganz im N., sonst überwiegen jüngere Sedimentgesteine meist cretazeïschen Alters. West- und Zentralkordillere weisen besonders im S. mächtige, teilweise noch tätige vulkanische Dome und Kegel auf, die aus andesitischen und trachytischen Laven, Tuffen und Sanden bestehen. Tertiäre und quartäre Bildungen erfüllen die ebenen Landstriche am Magdalenenstrom und im Südosten des Landes. In der Sierra Nevada und an den hohen Schneebergen des Südens sind Spuren früherer ausgedehnter Vergletscherung nachgewiesen. Unter den Mineralien nimmt Gold, das als Waschgold fast in allen Departements, aber auch mehrfach auf primärer Lagerstätte, z. B. in Antioquia, vorhanden ist, den obersten Rang ein. Bis 1720 sowie von 1800–20 war K. das reichste Goldland der Erde, es lieferte im ganzen etwa 1 Mill. kg Gold (von 1520–1820). Neuerdings haben namentlich englische Bergbaugesellschaften die Gold- und Silberproduktion wieder erheblich gesteigert, die Vorräte von Quecksilber, Kupfer, Eisen werden im ganzen noch wenig ausgebeutet. Mächtige Steinsalzlager finden sich auf dem Plateau von Bogotá bei Zipaquirá; Braunkohlen werden bei Rio Hacha gewonnen und kommen außerdem bei Cartagena, Bogotá und in Panamá vor; reiche Asphaltlager gibt es im Quindiugebirge und in Ocaña, Schwefel an verschiedenen Stellen, sehr schöne Smaragde bei Muzo. Die tätigen Vulkan e, die, wie oben erwähnt, vorwiegend auf der mittlern Kette liegen, gruppieren sich um den Cumbal (4790 m), Pasto (2544 m) und Tolima (5525 m); auch Erdbeben sind nicht selten, doch treten sie in der Regel nicht so zerstörend auf wie in Zentralamerika. Der ganze östliche Teil der Republik ist Tiefland, wo sich die Becken der großen Zuflüsse des Amazonenstroms (Guainia, Yapura, Iça, Napo) und des Orinoko (Meta, Guaviare) ausbreiten. Überhaupt ist die Bewässerung des Landes sehr reich. Die Hauptader bildet der Rio Magdalena, der, nach N. strömend, viele wasserreiche Zuflüsse empfängt (darunter den ihm parallel laufenden, fast gleich großen Rio Cáuca mit seinem schiffbaren Zufluß, dem Rio Nechí) und sich unterhalb Barranquilla in das Karibische Meer ergießt. Nächst ihm ist der gleichfalls für Dampfer schiffbare Rio Atrato (zum Golf von Darien fließend) zu erwähnen, während der Rio San Juan und Rio Patía, die beide in den Stillen Ozean münden, für den Verkehr von geringerer Bedeutung sind. Das Klima ist hauptsächlich durch die jeweilige Erhebung über den Meeresspiegel beeinflußt. In die Region des ewigen Schnees, dessen untere Grenzlinie etwa in Monte Rosa-Höhe (4600 m) liegt, ragen nur die höchsten Spitzen des Gebirges hinaus. Ihr zunächst folgt die Region der Páramos (rauhe, windige, unbewohnte Bergeinöden zwischen 3000 und 4500 m Meereshöhe); hier beträgt die mittlere Temperatur kaum je über 10°, Nebel sind häufig, nicht selten fällt auch Schnee. Die boraartigen Winde steigern sich oft zum heftigen Sturme, namentlich an warmen, sonnigen Tagen, unterhalb der Schnee- und Firnregion. Die dritte Region, die Tierra fria (2000–3000 m), nimmt einen großen Teil der Hochländer ein, und eine noch[308] größere Ausdehnung hat die mildere Tierra templada (zwischen 600 und 2000 m Höhe), zu der die untern Stufen der Kordilleren gehören. Der bei weitem größte Flächenraum gehört aber der Tierra caliente an, die sich über die Küstenebenen, die untern Täler des Cauca und Magdalena und das ungeheure Tiefland im O. erstreckt. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt hier etwa 25–27°, in der Tierra templada 20–25°, in der Tierra fria 12–18° (z. B. in Bogotá, 2660 m ü. M., 14,4°). Nächst der Temperatur ist namentlich die Verteilung der Niederschläge von der größten Bedeutung. Diese bestimmen bei dem geringen Temperaturschwanken vornehmlich die Jahreszeiten: »Sommer« (verano) und »Winter« (invierno) bedeuten Trocken- und Regenzeit. Letztere währt z. B. in Cartagena von Mai bis November, nur mit einer kurzen Unterbrechung im Juni. Letztere nimmt gegen S. zu, so daß hier zwei Trocken- und zwei Regenzeiten vorhanden sind. Der Gesundheit verderblich sind namentlich die sumpfigen, feuchten Küstenniederungen mit ihrem übermäßig heißen Klima. Die Pflanzenwelt vermittelt die Vegetation von Ecuador mit derjenigen von Mittelamerika. Die tiefern Teile bei etwa 1200 m sind die hauptsächlichen Träger der rein tropischen Flora mit vielen Palmenarten, unter ihnen die hier vielleicht ursprünglich heimische Kokospalme, die Königspalme (Oreodoxa regia), ferner die Steinnüsse liefernde palmenähnliche Phytelephas sowie hohe Bambusdickichte und viele dikotyle Baumarten, wie namentlich der Ceiba (Bombax) und zahlreiche tropische Fruchtbäume. Von 1300 m an beginnt der Bergwald mit den zierlichen Baumfarnen und mehreren Arten von Fieberrindenbäumen (Cinchona). Von 2800–3000 m Höhe an herrscht die sehr eigenartige Vegetation der Páramos mit Espeletien und andern Pflanzen. Die Fauna Kolumbiens gleicht vielfach der von Zentralamerika, mit dem es als ein Teil der zur neotropischen Region gehörigen mexikanischen Subregion betrachtet werden darf, mit Affen, Gürteltieren, Beutelratten, dem amerikanischen Tapir, Jaguar, Puma und kleinern Raubtieren. In der Páramoregion leben die Bergtapire sowie Hirsche, Hasen und Kaninchen. Die Vogelwelt Kolumbiens enthält die für die Subregion charakteristischen Formen. Sehr reich vertreten sind die Reptilien und Amphibien und besonders die Gliedertiere. In den zum Teil mit üppigem Graswuchs bedeckten Ebenen (Llanos) des Ostens ist das Tierleben am reichsten entfaltet.

[Bevölkerung.] Neuere Zählungen fehlen. Der Gothaische Hofkalender von 1905 gibt die Bevölkerung wie folgt an:

Tabelle

Somit ergeben sich etwa 4 Mill. Einw. für das Land von der zweieinhalbfacben Größe des Deutschen Reiches. Zur Zeit der spanischen Eroberung soll die Bevölkerung jedoch doppelt so zahlreich gewesen sein. In der Kolonialzeit war sie sehr tief gesunken, seit der Befreiung vom spanischen Mutterland hat sie aber bereits wesentlich zugenommen (Mosquera schätzte sie 1810 nur auf 800,000 Köpfe). Auf die Weißen kommen etwa 10 Proz., auf die Indianer 40 Proz., auf die seit dem 16. Jahrh. eingeführten Neger 5 Proz., das übrige sind Mischlinge, vorwiegend Cholos (aus Weißen und Indianern) und Sambos (aus Negern und Indianern), also 45 Proz. Die Zahl der unabhängigen Indianer (Indios bravos) wird auf 200,000 geschätzt; sie leben größtenteils in den Llanos, zum kleinern Teil in der Kordillere von Bogotá und Perija, in der Sierra Nevada und den Urwäldern des Westens (Chocó) in zahlreichen einzelnen Stämmen. Ehemals bewohnten die Chibchas die Hochebene von Bogotá und deren Umgebung und hatten hier eine gewisse Kulturhöhe erreicht. Die Zahl der Ausländer ist verhältnismäßig gering. Das stärkste, aber am wenigsten angesehene Kontingent stellen die Italiener; die Zahl der Deutschen und Engländer beträgt etwa je 200, erstere als Kaufleute, Uhrmacher, Bergleute, letztere namentlich als Angestellte der englischen Gesellschaften gehörigen Bergwerke. Franzosen leben in größern Städten als Friseure, Modisten u. dgl.

Staatsreligion war bis 1886 die römisch-katholische. Früher überaus reich und mächtig, ist die Kirche seit Losreißung des Landes von Spanien an Besitz und Ansehen gesunken. Es bestehen zurzeit noch ein Erzbistum (in Bogotá) und neun Bistümer: zu Antioquia, Cartagena, Medellin, Pamplona, Pasto, Popayan, Santa Maria, Tunja. Anhänger andrer Glaubensbekenntnisse erfreuen sich vollkommener Duldung. Von höhern Unterrichtsanstalten gibt es die 1867 gegründete Nationaluniversität in Bogotá, Hochschulen in Cartagena, Medellin und Popayan sowie eine Anzahl von Colegios und Priesterseminaren. Für das Volksschulwesen ist seit den 1870er Jahren viel geschehen, am meisten im Departement Antioquia, deren Bewohner sich durch regen Handelssinn und Interesse für höhere Bildung auszeichnen.

[Erwerbszweige.] Die Bodenkultur steht vielfach noch auf sehr niedriger Stufe. Obschon die Kulturpflanzen aller Zonen vorzüglich gedeihen, wird von den meisten doch kaum genug für den eignen Bedarf gebaut und selbst dies mit sehr geringer Sorgfalt. Als Hauptnahrungsmittel dienen Mais, Maniok und Bananen. Reis wird wenig (im Cáucatal), Weizen nur in der Tierra fria gebaut; auch der Anbau von Kakao und Zuckerrohr könnte viel ausgedehnter sein. In steigendem Maße wird der Anbau des Kaffees betrieben, besonders im Osten des Landes, neuerdings auch in der Zentralkordillere (Antioquia). Die früher besonders in Ambalema am Magdalena schwungvoll betriebene Tabakkultur ist sehr zurückgegangen. Die Faser einer Agave (Fourcroya gigantea) wird zu Säcken, Tauwerk, Hängematten etc. verwendet. Zucker wird ziemlich viel in den liefern Tälern gebaut, dient aber nur dem einheimischen Verbrauch. Viehzucht bildet in einigen Landesteilen die Hauptbeschäftigung der Einwohner, besonders Rinder- und Maultierzucht, in andern der Bergbau auf Salz, Kohlen und Edelmetalle (s. oben). Dazu liefern die Küsten Perlen, Muscheln, Perlmutter, Schildkrot und Korallen. In Beziehung auf industrielle Tätigkeit verdient nur das Flechten der sogen. Panamahüte aus dem Baste der Carludovica palmata, die Anfertigung von Hängematten, Alpargatas (Sandalen), Säcken, Tauwerk und das Weben von groben Hosen-, Hemden- und Kleiderstoffen und Ponchos Beachtung. Die Branntweinbrennerei (aus Zucker) ist Monopol und meist an[309] Ausländer verpachtet. Seitdem die Dampfschiffahrt auf dem Magdalenenstrom freigegeben worden ist, wird auch Schiffbau betrieben. Wie der Industrie, so steht auch dem Aufschwung des Handels vor allem die Schwierigkeit des Verkehrs zwischen dem Innern und den Seehäfen hindernd im Wege. Auf dem Magdalenenstrom reicht der Dampfschiffverkehr von Barranquilla bis in die Gegend von Honda (etwa 1000 km) flußaufwärts. Vor dem in den Jahren 1899–1902 herrschenden Bürgerkrieg waren 6 Gesellschaften mit etwa 30 Dampfern vorhanden. Auch der Cáuca Nechí, Atrato, San Juan und Patía wurden befahren. Fahrstraßen gibt es bloß auf den Hochebenen von Bogotá und bei Medellin, im übrigen nur Reit- und Fußpfade, Eisenbahnen waren 1901: 661 km in Betrieb, meist kurze Strecken ohne größere Bedeutung, wie z. B. die Bolivarbahn (28 km) von Salgar nach Barranquilla, die schmalspurige Bahn von Jirardot nach La Mesa, die Cúcutabahn von Villamizar nach Agua Blanca (39 km), die Antioquiabahn von Puerto Berrio auf dem linken Ufer des Magdalenenstromes nach Caracoli (35 km), die Bogotábahn bei Honda (25 km) und ein Stück von der Cáucabahn Buenaventura-Cali. Das Innere durchkreuzen Maultierpfade in allen Richtungen, an den Hauptverkehrsstraßen sind auch Brücken gebaut worden. Die Einfuhr (Baumwollen-, Wollen- und Leinenstoffe, Metallwaren, Nahrungsmittel, geistige Getränke etc.) wertete 1898: 11,083,028 Pesos Gold (à 4 Mk.), die Ausfuhr (Kaffee, Edelmetalle, Tabak, Häute, Erze, Kautschuk, Baumwolle, vegetabilisches Elfenbein, Kakao etc.) 19,157,788 Pesos. Die lange Dauer des Bürgerkriegs hat K. sehr zurückgebracht. Die Handelsstatistik läßt zurzeit fast alles zu wünschen übrig. Am Handel sind in erster Linie beteiligt England und Nordamerika, dann Frankreich und Deutschland. Englische, französische, deutsche und amerikanische Linien verkehren in Salgar (Sabanilla) und Cartagena. In Salgar liefen 1900: 228 Schiffe mit 394,584 Ton. ein, in Cartagena 197 Schiffe mit 338,320 T. Die Post beförderte 1896–97: Briefe, Postkarten und amtliche Schreiben 2,794,069, Drucksachen, Muster, Geschäftspapiere 1,233,313. Die Telegraphen hatten 1898: 13,840 km Länge mit 448 Stationen. Nachdem 1853 der amtliche Gebrauch metrischer Maße und Gewichte vorgeschrieben war, sind diesen die ältern Benennungen teilweise anbequemt worden, wie die Carga von 10 und der Quintal von 4 Arrobas zu 25 Libras, mit letzterer = 500 g, die Fanega Mais = 112 Libras, die Vara = 800 statt 848 mm. Neben dieser bedient man sich des englischen Yard, setzt auch die Cántara = 5 engl. Weingallonen, zu 3,785 Lit. Das Gesetz vom 18. Juli 1857 führte zwar Doppel währung nach französischem Muster ein; aber die ohnehin schwache Ausmünzung des Peso fuerte oder Colombiano von 10 Reales zu 10 Centavos = 4,05 Mark der Talerwährung ist eingestellt, und statt der geringern Münze mit 835 Tausendstel Feinheit nach dem Gesetze vom 24. Okt. 1867 wurden gemäß Verordnung vom 24. März 1885 halbe Pesos zu nur 500 Tausendstel Feinsilber geprägt. Seit 1886 besteht die eigentliche Währung in Noten der Nationalbank mit Zwangskurs, der den Rückgang des Pesos Papier auf 12 deutsche Pfennig Wert nicht verhindert hat. Kupfermünzen der Vereinigten Staaten werden nach ihrem Nennwert, amtlich bis zu 50 Centavos, angenommen. Die Regierung ließ 1903 in Philadelphia Silbermünzen zu 50 Centavos = 187,785 und zu 5 Centavos = 15,985 Pfennig der Talerwährung herstellen. Viele Nickelmünzen laufen um.

[Staatsverfassuug.] Nach der Konstit uti on vom 5. Aug. 1886 besteht eine auf Volkssouveränität begründete repräsentative Volksregierung aus drei Gewalten: der gesetzgebenden, der vollziehenden und der rechtsprechenden. Die gesetzgebende Gewalt (Kongreß) ruht bei dem Senat und der Repräsentantenkammer. Jener besteht aus 27 (je drei von einem Departement) indirekt auf sechs Jahre, das Repräsentantenhaus aus 68 (je einer für 50,000) direkt auf vier Jahre gewählten Mitgliedern. Senatoren müssen über 30, Mitglieder des Repräsentantenhauses über 25, Wähler über 21 Jahre alt sein. Die letztern müssen lesen und schreiben können oder ein jährliches Einkommen von 500 oder Grundeigentum im Werte von 1500 Pesos besitzen. Beide Häuser tagen alle zwei Jahre. Die vollziehende Gewalt besteht aus einem Präsidenten, der auf je sechs Jahre gewählt wird und dessen Amtsantritt mit 7. Aug. erfolgt, und 8 Staatssekretären (Ministern). Ihm zur Seite steht ein Staatsrat aus 6 Mitgliedern, dessen Entscheidungen bei Kompetenzstreitigkeiten endgültig sind. Das Obergericht zu Bogotá besteht aus 7 Mitgliedern, die der Präsident auf Lebenszeit ernennt, dem Generalprokurator und einem Generalschatzmeister. Die Departements stehen unter Gouverneuren, die der Präsident ernennt. Die Finanzen befinden sich in ganz erbärmlichem Zustande. Das letzte Budget (1903/04) betrug für die Einnahmen 426,031,000, für die Ausgaben 451,557,930 Papierpesos (1 Peso = ca. 4 Pfennig). Die auswärtige Schuld betrug 31. Mai 1903: 2,805,502 Pfd. Sterl.; Papiergeld 1903: 700,508,865 Pesos. Heerwesen: Seit 1897 ist die allgemeine Dienstpflicht vom 21.–41. Jahr Gesetz, die Nichteingestellten zahlen Kriegssteuer nach Vermögen. Friedensstärke gegen 10,000 Mann (hierzu über 4000 Offiziere!) in 5 Divisionen und 5 Militärkommandos, mit zusammen 25 Infanterie- (Jäger-, Schützen-) Bataillonen zu 300–600 Mann, 3 Halbbataillonen, 3 Freikompanien, 1 Artilleriebataillon zu 5 Batterien. 2 früher bestehende Kavallerieregimenter wurden der Geländeverhältnisse wegen aufgelöst. Die Verwaltung hat das Kriegsministerium (zu drei Sektionen), das Oberkommando der Chef der Armee, dem der Generalstab zur Seite steht. Die Infanterie ist mit 7 mm-Mauser-Gewehren (eignes Fabrikat) bewaffnet, die Artillerie mit Kruppschen Geschützen. Eine französische Militärkommission ist mit dem Ausbau der Organisation beschäftigt. Es existiert eine Kriegsschule, eine Heeresbibliothek, eine Zeitschrift für die Armee. Befestigt ist nur Cartagena. Die Bevölkerung ist für militärische Leistungen gut veranlagt, doch ist die Organisation zurzeit noch zu wenig gefestigt und ganz unverhältnismäßig teuer. – Hauptstadt ist Bogotá im Departement Cundinamarca. Das zweimal quergeteilte Wappen (s. Tafel »Wappen III«, Fig. 15) zeigt oben einen goldenen Granatapfel zwischen zwei goldenen Füllhörnern in Blau (Neugranada), in der Mitte eine rote Freiheitsmütze auf goldener Pike in Silber, unten eine grüne Landenge, oben und unten begleitet von je einem Schiff auf blauem Meere. Die Handelsflagge (s. Tafel »Flaggen I«) zeigt drei Horizontalstreifen, der oberste gelb und so breit wie die folgenden (blau und rot) zusammen, inmitten des Tuches eine blaue, rotgeränderte Ellipse mit einem weißen achtstrahligen Stern. Die Kriegsflagge zeigt an Stelle der blauen Ellipse das Wappen des Staates.[310]

Geschichte.

Die Küsten von K. wurden zuerst im äußersten Osten, am Cabo de la Vela, 1499 von Hojeda und Vespucci berührt. 1501 fuhr Bastidas von dort bis zum Golf von Darien, und 1502 landete Kolumbus im äußersten Norden, in Veragua. Besiedelt wurden zuerst die Gebiete in der Nähe des Isthmus durch Nicuesa und Hojeda, die den Golf von Urabá zur Grenze ihrer Provinzen bestimmten. Ausgangspunkt für die Eroberung des eigentlichen Neugranada ist die 1525 von Rodrigo de Bastidas begründete Provinz Santa Marta gewesen; von dort ist im Auftrage des Hernando de Lugo 1526 Gonzalo Jimenez de Quesada in das Innere vorgedrungen, hat die alten Kulturstaaten der Chibchas: Bogotá, Hunsa, Guatabita und Sogamoso, entdeckt und unterworfen, während Nik. Federmann von Osten her und Sebastian de Benalcazar von Quito aus, gleichem Ziele zustrebend, das Kulturgebiet erst erreichten, nachdem die Besitzergreifung ziemlich vollendet war. 1547 wurde Neugranada als Generalkapitanie organisiert, 1550 die Audiencia von Bogotá begründet; 1718, resp. definitiv 1739, wurde es zu einem Vizekönigreich erhoben, das zeitweilig auch Guayana, Venezuela und Quito umfaßte. Dieses Gebiet zählte um 1800 etwa 2 Mill. Einwohner. Nachdem schon 1806 der General Miranda mit englischer Hilfe in Venezuela den Versuch gemacht hatte, die Provinz zum Abfall von Spanien aufzuwiegeln, wurde 20. Juli 1810 bei einem Volkstumult der Vizekönig vertrieben und die höchste Gewalt einer Junta übertragen, die aber zunächst noch im Namen Ferdinands VII. regierte, obwohl sie gleichzeitig dem Lande den offiziellen Namen Republik von Cundinamarca gab. Erst 1813 wurde die Unabhängigkeit von Spanien proklamiert; gleichzeitig aber brach das Vizekönigreich in zahlreiche kleine Staaten auseinander. Für die nächsten Jahre ist die Geschichte Kolumbiens aufs engste verknüpft mit der Person des Simon Bolivar (s. d.). Dieser hatte von Cartagena aus die Spanier aus Venezuela verdrängt, und zwang nun 1814 Cundinamarca, dem von ihm begründeten Bunde von Neugranada beizutreten. Jedoch unterwarf 1815–16 General Pablo Morillo Neugranada wieder der spanischen Herrschaft und züchtigte es mit eiserner Strenge. Erst 1819 begann Bolivar, nachdem er in Venezuela die Spanier besiegt hatte, nach seinem berühmten Zug über die Anden mit seinem Sieg bei der Brücke des Boyaca 7. Aug. die Wiederbefreiung des Landes, das er durch die Verfassung vom 17. Dez. 1819 mit Venezuela und Quito zu der Republik K. vereinigte; das bisherige Neugranada bildete in derselben das Departement Cundinamarca. Im November 1821 räumten die Spanier Neugranada, und auch Panama schloß sich dem neuen Staat an. Im Mai trat der konstituierende Kongreß desselben zu San Rosario de Cucuta zusammen, der nach dem Muster der nordamerikanischen Verfassung ein ausführliches Grundgesetz ausarbeitete und 1. Okt. 1821 Bolivar zum Präsidenten, Santander zum Vizepräsidenten erwählte; doch ließ sich ersterer auf die Zeit des Krieges diktatorische Gewalt erteilen und trug durch seine imperialistischen Neigungen selbst am meisten zur Auflösung der kolumbischen Republik bei. In seiner Abwesenheit trat 1827 in Ocaña eine Bundesversammlung zusammen, in der die Föderalisten die Mehrheit bildeten. Als darauf Bolivar wieder die Diktatur ergriff, wuchs der Widerstand gegen ihn allerorten; 1830 mußte er seine Würden niederlegen und in die Verbannung gehen. Bolivia war schon 1825 abgefallen, 1830 löste sich Venezuela von der kolumbischen Republik, 1831 konstituierten sich die mittlern Provinzen unter Joaquin Mosquera als Republik Neugranada; die neue Verfassung wurde 29. Febr. 1832 verkündet. Präsident wurde General Santander, der Führer der Liberalen, dem 1837–45 Konservative, Marques, Herran und Mosquera, 1849 wieder ein Liberaler, Lopez, folgten. Der Wechsel der Parteien war einer gedeihlichen Entwickelung des Staates nicht förderlich. Die Unterliegenden versuchten wiederholt das Glück der Waffen und rächten sich an ihren Gegnern, sobald sie wieder zur Macht gelangten. Der Systemwechsel erstreckte sich auch auf die Verwaltung und schuf eine Beunruhigung, die viele an sich gute Maßregeln, wie die Befreiung der Sklaven, Trennung von Staat und Kirche, nicht zu voller Wirkung gelangen ließ. 1853 brachen nach der Verkündigung einer neuen ultraliberalen Verfassung wieder Unruhen aus, infolge deren sich 1858 die Republik in acht nur locker verbundene Staaten auflöste. Und als der Präsident Ospina mit dem Kongreß sich dieser Zersplitterung entgegensetzte, erhoben sich 1860 die Liberalen in Cauca unter Mosquera, eroberten 1861 Bogotá und erließen, nachdem sie bis 1863 die letzten ihrer Gegner unterworfen hatten, eine neue Verfassung, deren föderalistischer Charakter sich schon darin bekundete, daß der Staat den Namen »Vereinigte Staaten von K.« annahm. Eine Reihe tüchtiger Präsidenten machte sich besonders um Hebung des Schulwesens verdient; dagegen gelang es niemals, Ordnung in das Finanzwesen zu bringen, und Revolutionen in den Einzelstaaten oder in der Union kehrten ununterbrochen wieder. Der föderale Charakter wurde so streng gewahrt, daß die Union jede de facto-Regierung in den Einzelstaaten anerkannte, so daß z. B. Antioquia fast ununterbrochen von konservativen Regenten geleitet wurde. Dieser Staat war es auch, der 1876 das Signal zu einer allgemeinen Erhebung der Konservativen gab, die zwar zunächst blutig unterdrückt wurde, dann aber zu einer Spaltung der liberalen Partei führte, deren gemäßigte Richtung 1880 Rafael Nuñez zur Herrschaft verhalf, der besonders nach seiner Wiederwahl 1884 vollkommen in das konservativ-ultramontane Lager überging. Nachdem eine Erhebung der Liberalen ihm Gelegenheit geboten, sich als Verteidiger der Ordnung aufzuspielen, berief er 1886 einen Nationalrat, der die Einführung einer neuen zentralisierten Verfassung beschloß. Durch dieselbe, die am 5. Aug. 1886 verkündet wurde, ist K. in einen Einheitsstaat, der in neun Departements, die frühern Einzelstaaten, zerfällt, verwandelt und der Staat Cundinamarca, in dem Bogotá liegt, für Bundesland (Distrito Federal) erklärt worden. Nuñez wurde auf sechs Jahre wieder zum Präsidenten gewählt. In dem Grenzstreit mit Venezuela übte im Namen König Alfons' XIII. von Spanien die Regentschaft das jenem übertragene Schiedsgericht aus und bestimmte Mitte 1891 die neuen Grenzen. Nach dem Tode des Präsidenten Nuñez folgte ihm 1894 der bisherige Vizepräsident Caro. Bis jetzt hat sich die konservativ-klerikale Partei am Ruder behauptet, obwohl mehrfach jahrelang andauernde Revolutionen den Staat zerrüttet haben. Der Kongreß, der seit 1898 wegen der Unruhen nicht berufen wurde, ist 1903 wieder zusammengetreten, beging aber den verhängnisvollen Schritt, dem mit den Vereinigten Staaten vereinbarten Panamakanal die Anerkennung zu verweigern, was die Losreißung der Republik Panama[311] (s. d.) von K. zur Folge hatte. Präsident ist seit 1904 Rafael Reyes.

[Literatur.] Vgl. Esquerra, Diccionario geográfico de los Estados unidos de Colombia (Bogotá 1879); Pereira, Les États unis de Colombie (Par. 1883); Restrepo, Gold and silver mines of Columbia (New York 1886); Sievers, Reise in der Sierra Nevada de Santa Marta (Leipz. 1887); Hettner, Reisen in den kolumbianischen Anden (das. 1888) und Die Kordillere von Bogotá (Ergänzungsheft 104 von »Petermanns Mitteilungen«, Gotha 1892); Nuñez und Jalhay, La république de Colombie. Géographie, histoire, etc. (2. Aufl., Brüssel 1898); Reiß und Stübel, Reisen in Südamerika. Geologische Studien in der Republik Columbia (Berl. 1892 ff.); Röthlisberger, El Dorado. Reise- und Kulturbilder aus K. (Bern 1898); Regel, Kolumbien (Berl. 1899); Scruggs, The Colombian and Venezuelan republics (neue Ausg., Boston 1905); O. Bürger, Reisen eines Naturforschers im tropischen Südamerika (Leipz. 1900); Dawson, The South American republics, Bd. 2 (New York 1904); Atlas de la República de Colombia (Par. 1889). Zur Geschichte: Vic. Restrepo, Los Chibchas (Bogotá 1895); J. M. Restrepo, Historia de la revolucion de la República de Colombia (Par. 1827; 2. Aufl., Bogotá 1858, 10 Bde.); Groot, Historia eclesiastica y civil de Nueva Granada (Bogotá 1868–71, 3 Bde.); Acosta, Compendio histórico del descubrimiento y colonizacion de la Nueva Granadaen el siglo XVI (Par. 1848); Quijano Oteros, Compendio sobre la historia de Colombia (1882).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 11. Leipzig 1907, S. 308-312.
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