Passau [1]

[482] Passau, ehemaliges Bistum und Fürstentum, wurde 738 von Bonifatius ins Leben gerufen; ein Zusammenhang mit dem ältern Bistum in Lorch (Laureacum), etwa durch Verlegung des Sitzes nach P., besteht nicht und wurde nur später behauptet, um dem Bistum den Schein höhern Alters zu verleihen. Der Sprengel umfaßte das Land zu beiden Seiten der Donau von Niederaltaich bis zur Enns, doch schon im 9. Jahrh. dehnte sich die Diözese, über die Salzburg Metropolitanrechte in Anspruch nahm, über die ganze Ostmark (das spätere Erzherzogtum Österreich) aus und behielt diesen Umfang bis zur Errichtung der Bistümer Wien und Wiener-Neustadt (1468). Ein zusammenhängendes bischöfliches Territorium entstand erst 1207 durch die Erwerbung der Grafschaft im Ilzgau nebst Windberg und der Herrschaft Viechtenstein 1227. Bischof Otto von Lonsdorf löste 1262 das Bistum aus der Schirmvogtei der bayrischen Herzoge und erwarb damit die Reichsunmittelbarkeit. Als[482] Reichsfürst hatte der Bischof Sitz und Stimme auf dem Reichstag und seit Maximilians I. Kreiseinteilung auf dem bayrischen Kreistag. Das Domkapitel bestand aus 24 Domherren, Landstände gab es nicht. Das bischöfliche Wappen war ein springender roter Wolf im silbernen Felde. Von Passaus Bischöfen sind bekannt: Piligrim (971–981), der als Kolonisator und Christianisator auftrat, und Altmann (1065–91), der im Investiturstreit zum Papst hielt und von Gregor VII. zum apostolischen Legaten für ganz Deutschland ernannt wurde. 1387 ward das Hochstift durch eine dreispaltige Wahl zerrissen. Der Domdechant Hermann trat bald zurück; aber Rupert und Georg bekämpften einander drei Jahre lang, bis letzterer die Oberhand behielt. Der gelehrte Leonhard von Layming (1424–51) verschönerte die Stadt, die Residenz und die Passau beherrschenden Schlösser nach den Feuersbrünsten von 1435 und 1437 und sorgte für Handel und Schiffahrt. Unter Ulrich von Nußdorf fand 1478 in P. eine heftige Judenverfolgung statt. Urban von Trennbach (1561–98) vertrieb alle Evangelischen aus P. und wirkte bei der Gegenreformation Rudolfs II. in Österreich ob und unter der Enns mit. Zu den bedeutendern Passauer Fürstbischöfen gehörten zwei Leopold, Erzherzoge von Österreich, der eine Bruder (s. Leopold 22), der andre, Leopold Wilhelm, ein Sohn Kaiser Ferdinands II. (s. Leopold 23). Unter Kardinalbischof Joseph I. von Lamberg (1723–61) ward der jahrhundertelange Streit mit Salzburg dadurch beendet, daß Papst Benedikt XIII. 1728 das Bistum P. direkt dem päpstlichen Stuhl unterordnete. Durch die Erhebung des Bistums Wien zum Erzbistum ward die Diözese P. abermals verkleinert, und 1783 trennte Kaiser Joseph II. das ganze Land ob der Enns und das Innviertel vom Passauer Sprengel und unterstellte es 1785 den neuerrichteten Bistümern Linz und St. Pölten. Durch den Reichsdeputationshauptschluß wurde das Bistum 1803 säkularisiert; Stadt und Festung nebst dem westlichen Teil kamen an Bayern, der größere östliche Teil an den Großherzog von Toskana, nachherigen Kurfürsten von Salzburg, und erst 1805 kam Bayern in den Besitz des ganzen Fürstentums, das bei der Säkularisation 991 qkm (18 QM.) mit über 52,000 Einw. und über 430,000 Gulden reinen Einkünften umfaßte. Das gegenwärtige Bistum P., gegründet durch das Konkordat von 1817 und der Erzdiözese München-Freising überwiesen, umfaßt den Regbez. Niederbayern. Das Domkapitel besteht aus zehn Mitgliedern. Vgl. Schöller, Die Bischöfe von P. (Pass. 1844); Schrödl, Passavia sacra. Geschichte des Bistums P. (das. 1879, Nachträge 1888); Dümmler, Piligrim von P. und das Erzbistum Lorch (Leipz. 1854); Wiedemann, Altmann, Bischof zu P. (Augsb. 1851); U. Schmid, Otto von Lonsdorf, Bischof zu P. 1254–1265 (Würzb. 1903); Reichenberger, Wolfgang von Salm, Bischof von P. 1540–1555 (Freiburg 1902) u. die »Geschichtskarte von Bayern«.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 482-483.
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