Kairo

[431] Kairo (Cairo, hierzu der Stadtplan und Karte der Umgebung von Kairo), arab. Mas rel Kâhira (s. unten, Geschichte), auch kurzweg Masr, Misr, Hauptstadt Ägyptens, größte Stadt Afrikas und der arabischen Welt, unter 30°6' nördl. Br. und 31°26' östl. L., am rechten Ufer des Nils, 18 km oberhalb des »Kuhbauchs«, der Spaltung des Flusses in den Rosette- und Damiettearm, am Fuß des 210 m hohen Mokattamgebirges, mit dem die Arabische Wüste im O. und S. bis hart an die Stadt heranreicht (s. Tafel »Wüstenbildungen II«, Fig. 4), während im N. das üppige Fruchtland des Deltas beginnt, Ausgangspunkt der Eisenbahnen nach Alexandria, Damiette, Suez und Assuan sowie des Kanals nach Ismaïlia. K. hat ein sehr mildes Klima (Jahrestemperatur 21,3°, Januar 12,1°, Juli 29°) und wird daher von Brustleidenden im Winter viel aufgesucht. Die Stadt mißt von N. nach S. 5 km, von W. nach O. 2,5 km und hat in den letzten Jahren nach W. sich so ausgedehnt, daß sie bereits die Ufer des Nils berührt und die Vorstadt Bulak (s. d.), den Hafen der Stadt, fast in sich aufgenommen hat. Der ursprünglich rein arabische Charakter Kairos geht immer mehr verloren, nachdem auf Anregung Ismaïl Paschas nach dem Nil zu nach Pariser Muster die Neustadt (Ismailia) mit den Ministerien der Finanzen und des Innern, der Justiz, der öffentlichen Arbeiten, sonst aber unbedeutenden Bauten entstanden ist. Zwischen beiden liegt der achteckige, 8,25 Hektar große Ezbekiehgarten mit Cafés, Sommertheater und umgeben von fast allen großen Hotels Kairos, dem Opernhaus, Postgebäude, der Börse. In der Nähe beginnt die Hauptverkehrsstraße von K., die Muski, die mit ihrer Fortsetzung, der Rue[431] Neuve, die alte Stadt in ihrer ganzen Breite (1,5 km) durchzieht. Hier ist zwar das orientalische Verkehrsleben noch unverändert, doch sehen viele Läden schon ganz europäisch aus. Zu beiden Seiten liegen die arabischen Quartiere, ein wahres Labyrinth kreuz und quer laufender, winkliger Gäßchen. Einige Straßen werden nur von Handwerkern bewohnt und zwar gewöhnlich von Mitgliedern einer Zunft. Unter den Basaren ragt der Chan el Chalili, der Hassanên-Moschee gegenüber, hervor. Er besteht aus mehreren gedeckten Straßen und Höfen, in denen die verschiedensten orientalischen Waren in offenen Buden zum Verkauf ausliegen oder in Magazinen aufgestapelt sind. Neben ihm liegt der Basar der Gold- und Silberschmiede; Seiden- und Wollenstoffe werden im Basar El Ghurîye, Posamentierwaren im Basar Akkadim, Früchte und Zucker im Basar Sukkarîye, Waffen im Suz es Selah feilgehalten. Neben den Basaren erscheinen die Kaffeehäuser, zugleich Barbierstuben, und die öffentlichen Brunnen (Sebil), oft Meisterwerke arabischer Architektur, für die Physiognomie der Stadt bestimmend. Von den Märkten ist einer der bedeutendsten der Karameidan (Plusa Mehemed Ali) im S., wo Pferde, Esel und Kamele feilgeboten werden und oft Beduinen in ihren Zelten lagern. Eine noch breitere Straße als die Muski ist der mehr als 2 km lange Boulevard Mehemed Ali, der 1889 durch ein Gewirr von Gassen gebrochen wurde, wie jene vom Atabet el Kadra-Platz ausgeht und südöstlich zur Zitadelle führt. Sie wurde auf einem Vorsprung des Mokattam bereits 1166 von Jussuf Saladin erbaut, dann durch Mehemed Ali neu befestigt und durch mehrere Forts auf den überragenden Höhen verstärkt. Als größte Merkwürdigkeit der Zitadelle wird der 90 m tief in den Felsen gesprengte Josephsbrunnen, vielleicht ein Pharaonisches Werk, gezeigt; neben ihm liegt die mit schlanken Minaretts gekrönte Alabastermoschee Mehemed Alis mit dessen Grabmal, von deren Terrasse aus man die berühmte Aussicht auf K. hat, das wie eine Insel mitten in der Wüste daliegt. Von den 523 Moscheen, die nach dem Plan der heiligen Moschee in Mekka angelegt sind, sind viele gänzlich verfallen. Zu den berühmtesten gehören die Sultan Hassan-Moschee, wohl das bedeutendste Denkmal byzantinisch-arabischer Baukunst, 1356–59 errichtet, die Tulûn-Moschee, die älteste, schon 879 von Ahmed ibn Tulûn erbaut, nach der Sage auf dem Hügel, auf dem Abraham den Widder statt Isaaks opferte, seit 1891 restauriert (s. Tafel »Architektur VII«, Fig. 2 u. 5), die Moschee Hasanein, zu Ehren von Hassen und Hussen, den Mohammedanern besonders heilig, da sie den Kopf Hussens birgt, die Hakim-Moschee, seit 1879 restauriert, die Moschee Seiyide Zenab, die Azhar-Moschee, seit 988 zur Universität bestimmt und später vergrößert, deren Hauptlesesaal von 140 meist antiken Marmorsäulen getragen wird, und die noch vor 20 Jahren 7700 Studenten und 230 Professoren zählte, seit der englischen Herrschaft aber stark zurückgegangen ist. An der ganzen Ostseite der Stadt dehnen sich die sogen. Kalifen- und Mameluckengräber, die aber von den bahritischen und tscherkessischen Mameluckensultanen (1250–1380 und 1381 bis 1517) erbaut wurden, aus. Von den Kalifengräbern sind die bemerkenswertesten die Grabmoschee des Sultans Barkuk mit zwei prachtvoll leichten, kühnen Kuppeln und zwei schönen Minaretts, die von Bursbey mit schönen Mosaiken und durchbrochenen Gipsfenstern, die Kait Beis, die eleganteste von allen, ausgezeichnet durch ihre hohe Kuppel mit reichem bandartigen Ornament, wirkungsvolle Beleuchtung mittels 50 bunter Fenster und schlanke Minaretts mit zierlichen Galerien. Von den teils durch Ausbeutung als Steinbruch, teils durch Umgestaltung zu modernen Grabstätten weit mehr zerstörten Mameluckengräbern sind z. T. nur die Minaretts übrig. In der Nähe ließ Mehemed Ali sein Familiengrab errichten.

Von den alten Mauern, die Saladin zum Ersatz für die frühern Erdwälle um die Stadt ziehen ließ, ist nur ein kleiner Teil an der Nordseite erhalten, wo auch noch zwei schöne Stadttore, Bab el Futûch und Baben Nasr, vorhanden sind. Von den übrigen Toren ist noch das Bab Zulieh bei der Moschee El Môjed mitten in der Stadt vorhanden. Die Paläste Kairos sind meist unter europäischem Einfluß entstanden. Das vizekönigliche Palais liegt in der Zitadelle; das Schloß von Gesîreh (erbaut 1863–68), Bulak gegenüber, einst mit märchenhafter Pracht ausgestattet, wurde mit seinem großen Park von einer Aktiengesellschaft angekauft und in einen Gasthof umgewandelt. Am südlichen Ende von Bulak steht der Palast von Kasren Nil, und neben diesem befindet sich die neuerbaute eiserne Gitterbrücke über den Nil nach der Insel Gesîreh. Inmitten der Stadt endlich liegt der Palast Abdin, den der Chedive gewöhnlich bewohnt. Nur durch einen schmalen Arm des Nils vom Lande getrennt, liegt westlich von K. die Insel Roda, an deren Südspitze der berühmte Nilmesser (Mikyâs) steht.

Die Einwohnerzahl betrug 1897: 570,062 (Fellah, Kopten, Türken, Araber), darunter 35,385 Fremde (8670 Italiener, 9869 Griechen, 5124 Franzosen, 6727 Engländer, 2262 Österreicher, 487 Deutsche), 11,489 Juden, ferner Neger, Nordafrikaner, Beduinen, Syrer, Perser, Inder. Die männliche Bevölkerung zählte 302,857, die weibliche 267,205 Seelen, die englische Garnison 6000 Mann. Außer dem Islam, dessen Haupt der Großmufti ist, bestehen hier verschiedene Bekenntnisse, die alle Kirchen haben; so hat die römisch-katholische Konfession 3 Kirchen und ein Kloster, die koptisch-katholische unter einem Patriarchen und die koptisch-jakobitische 32, die deutsche protestantische und die anglikanische je eine Kirche, die Juden (Talmudisten und Koraïten) haben 13 Synagogen, meist im Judenviertel. Es besteht in K. eine amerikanische und eine anglikanische Mission. K. hat Hospitäler für Mohammedaner und Christen; drei europäische Krankenhäuser, Armenversorgungs- und Irrenanstalten. An Regierungsschulen besitzt K. ein Lyzeum, ein Polytechnisches Institut für Sprachen, Künste und Gewerbe, eine Normalschule, Schulen für Medizin, Pharmazie, Rechts- und Ingenieurwissenschaft, 772 Beduinenschulen, 7 nationale Schulen, als Wakufinstitute: eine Blinden- und Taubstummenanstalt, 4 Mädchenschulen und 40 andre, ein ägyptisches Institut sowie Schulen sämtlicher in K. vertretener Missionsgesellschaften (vgl. Ägypten, S. 187). Es bestehen ein Opernhaus, mehrere Theater, Klubs; seit 1875 hat K. auch eine Geographische Gesellschaft. Die vizekönigliche Bibliothek umfaßt 41,136 Bände, darunter 24,135 arabische, meist Manuskripte, und kostbare alte Exemplare des Koran. Bedeutend ist das arabische Museum; die große Sammlung ägyptischer Altertümer befindet sich jetzt in Gizeh (s. d.). Die Industrie ist schwach entwickelt, es bestehen eine große vizekönigliche Druckerei und Papierfabrik, eine Zuckerraffinerie, eine Bierbrauerei, Möbel- und Wagenfabriken; 1000 Webstühle für Baumwollenzeuge, 500 für halbseidene Stoffe. Dem Handel dienen fünf [432] Banken; das Telegraphenwesen besorgen die englische Eastern Telegraph Company und das ägyptische Telegraphenamt. K. ist Residenz des Khedive und Sitz der obersten Staatsbehörden, eines deutschen Generalkonsuls, eines internationalen Gerichtshofs. Die Stadt bildet ein besonderes Gouvernorat mit 15,7 qkm Kulturfläche und zerfällt in 12 Distrikte. – Im S. liegt Altkairo (Fostât oder Masr el Atîka), an der Stelle des ehemaligen Babylon, das Ramses II. (1400 v. Chr.) assyrischen Gefangenen zum Wohnsitz anwies, mit Überresten eines römischen Kastells, der koptischen Kirche Abu Serge und der Amru-Moschee (643 errichtet). Weiter oberhalb Militärgebäude und (22 km) die Bäder von Heluan (s. d.).

K. ist hervorgegangen aus Altkairo oder Fostât, das 640 n. Chr. von Amru, dem Eroberer Ägyptens, gegründet wurde; dieser ließ rings um sein bei der Belagerung von Babylon (s. oben) benutztes Zelt den neuen Ort entstehen, zu dem das benachbarte Memphis das beste Baumaterial lieferte. Nach einem verunglückten byzantinischen Wiedereroberungsversuch verlor es 645 seine Mauern. 969 gründete Dschauhar el-Kaïd, der Feldherr des Fatemiden Moizz ed-Dîn, nördlich von Fostât eine neue Stadt, die aus astrologischen Gründen Masr el-Kâhira (»siegreiche Hauptstadt«) genannt wurde. 1176 baute Saladin die Zitadelle, vergrößerte K. und umgab es mit Mauern, die teilweise noch erhalten sind. Seine Nachfolger ließen sich die weitere Verschönerung angelegen sein, wovon die Moscheen noch Zeugnis ablegen. Damals galt K. als zweite Hauptstadt der mohammedanischen Welt und als Stapelplatz des indoeuropäischen Verkehrs. Der Verfall beginnt mit der Eroberung durch die Türken 1517; er war am größten unter den Mamelucken Ende des 18. Jahrh. Nachdem K. 1798 bis 1801 unter französischer, dann unter englischer Botmäßigkeit gestanden, flößte ihm Mehemed Ali neues Leben ein. K. offenbart sich durch sein reges Treiben als eine Weltstadt; sie ist durch ihre Lage einer der begünstigtsten Plätze des ganzen Orients: der große Markt der aufgeschlossenen Nilländer, der politische und zivilisatorische Brennpunkt von Nordostafrika, der Berührungs- und Austauschpunkt für dieses und Europa. Vgl. Lane-Poole, Cairo, sketches of its history, monuments and social life (3. Aufl., Lond. 1897) und Story of Cairo (das. 1902); Lallemand, Le Caire (Prachtwerk, Par. 1894); Ball, The city of the caliphates (Lond. 1898); Reitemeyer, Beschreibung Ägyptens im Mittelalter (Leipz. 1903); Frau z-Pascha, K. (Bd. 21 der »Berühmten Kunststätten«, das. 1903); die Reisehandbücher über Ägypten von Meyer, Bädeker; Lokalführer von Ball (Lond.), Kemeid (8. Aufl., das. 1904) u. a.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 431-433.
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