Delta [2]

[620] Delta (griech.), wenig über den Meeresspiegel sich erhebende Landstrecken und Inseln an Mündungen der Ströme, deren Arme sich zwischen ihnen hinziehen, um sich ms Meer (Meeresdelta) oder in einen See (Binnendelta) zu ergießen. Sie entstehen durch den von dem Fluß mitgeführten, hier abgelagerten Schlamm und Sand und haben mitunter eine dreieckige, also der Form des griechischen Buchstaben Delta (∆) ähnliche Gestalt; die Basis des Dreiecks ist dem Meer zugekehrt, die Spitze dem Land. Im weitern, rem genetischen Sinne werden alle Neubildungen von Festland an den Mündungen der Flüsse in das Meer oder in einen Binnensee ohne Rücksicht auf ihre Form als Deltas bezeichnet; auch die Schuttmassen (Schuttkegel), die da, wo Seitentäler oder Wasserrisse mit starkem Gefälle in ein schwach geneigtes, breiteres Tal einmünden, oft ziemlich weit in das Haupttal vorgeschoben sind, hat man Deltas genannt. Die Deltabildungen bestehen aus abwechselnden Sand-, Kies- und Lehmlagen mit eingeschwemmten Resten von Organismen und sind teils regelmäßig geschichtet (bei periodisch anschwellenden Strömen), teils verworren gelagert (bei den ab und zu Hochwasser führenden Flüssen). Die Sonderung des Gesteinsmaterials nach der Korngröße ist keine gleichmäßige, da sie abhängig ist von der bei niederm und hohem Wasserstande verschiedenen Stromgeschwindigkeit; bei Hochwasser werden leicht größere Geschiebe und grober Sand so weit in das Meer getrieben, als sonst nur der feinste Schlamm. Die Ursachen der Deltabildung sucht man ziemlich allgemein in dem Mangel an Ebbe und Flut in den betreffenden Meeresteilen, wobei man Reichtum der Flußläufe an mitgeführtem Material, langsamen Abfall des Meeresgrundes, Vorhandensein von Barren und Uferwällen im Meer vor der Einmündung der Flüsse, Trägheit der Bewegung im Unterlauf des Flusses, aber auch Hebung des Meeresbodens oder Senkung des Festlandes als die Deltabildung unterstützende Faktoren betrachtete. Viele Flüsse bilden kein D.; sie münden entweder ohne Erweiterung ihres Rinnsals (z. B. Duero, Guadiana) oder mit trichterförmiger Erweiterung (Ästuarium, s.d.; Elbe, Weser, Themse). Rud. Credner (»Die Deltas«, Ergänzungsheft zu »Petermanns Mitteilungen«, Gotha 1878) zählt 143 größere deltabildende Flüsse, die sich auf die Erdteile wie folgt verteilen:

Tabelle

Über die Flächenausdehnung der Deltas gibt folgende Tabelle Aufschluß:

Tabelle

Als zuverlässige Zahlen für die Mächtigkeit der Ablagerungen lassen sich angeben: Für das Nildelta im Mittel 10 m Mächtigkeit, mitunter 14–15 m, für den Rhein bis über 60 m, Rhone bis über 100 m, Po etwa 120 m, an einzelnen Stellen bis zu 172,5 m. Für die Mächtigkeit der Deltabildung des Mississippi lassen sich 9–16 m in der Gegend von New Orleans annehmen; seewärts vermehrt sich die Mächtigkeit schnell und bedeutend. Am Ganges wurden im Durchschnitt 18 m gemessen.

Am unzuverlässigsten sind die Angaben über den jährlichen Zuwachs der Deltabildungen. So schwanken die Angaben für das Mississippidelta beispielsweise zwischen 80 und 495 m jährlichen Zuwachses. Ziemlich zuverlässige Zahlen über das jährliche Wachstum enthält die folgende Tabelle:[620]

Tabelle

Häufig veranlassen die Deltabildungen eine Abschnürung einzelner Meeresteile vom offenen Meer; so würde das immer mehr sich vorschiebende D. des Gedis Tschai den Golf von Smyrna in einen Binnensee verwandelt haben, wenn man ihn nicht 1886 weiternach N. hin abgeleitet hätte. An andern Stellen werden Inseln durch Vorrücken der Deltas landfest, so im D. des Aspropotamos, Seen werden durch Deltas zerteilt, z. B. der Comersee durch das D. der Adda, andre Seen werden nach und nach durch die Deltabildungen ausgefüllt. Die Textfigur gibt das kartographische Bild einer Deltabildung, und zwar die Pomündung. Chedem mündete der Po bei Ravenna, das, wie Venedig in Lagunen gelegen, bis zum Mittelalter ein Seehafen war und jetzt über 7 km vom Meer entfernt liegt; erst im 12. Jahrh. hat der Po sich nördlicher gewendet. Schon damals aber war das alte Adria, im Altertum ebenfalls am Meer gelegen, etwa 12 km von diesem entfernt. Die Teilung des Flusses beginnt bereits 126 km vom Meer, indem zuerst die Forsetta links zum Tartaro abgeht, um, mit andern Gewässern vereint, als Canale Bianco dem Meer zuzuströmen.

Delta der Pomündung.
Delta der Pomündung.

Bei der zweiten Teilung geht rechts der Po di Volano (einst Hauptfluß) ab, der an Ferrara vorbeifließt (wo er den Po di Primaro nach S. entsendet) und nordöstlich von Comacchio das Meer erreicht. Bei der dritten Teilung geht der vielbefahrene Po di Goro rechts ab, und der Hauptarm, Po della Maestra, verzweigt sich weiterhin noch in verschiedene Abteilungen, die in 15 Mündungen ins Meer einfließen. Die Enden der von den zwei Hauptarmen des Po gebildeten Landzunge erstreckten sich vor der Ausgrabung des Taglio di Porto Viro (1600) im Mittel auf etwa 18,5 km jenseit Adria. Gegenwärtig liegt der äußerste Punkt der Küste 33,3 km von Adria entfernt. Eine lange zurückgelassene Dünenreihe bezeichnet die ehemalige Küste, über welche die neuern Ablagerungen, mit Seen untermischt, nach Osten vorspringen.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1906, S. 620-621.
Lizenz:
Faksimiles:
620 | 621
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Titan

Titan

Bereits 1792 beginnt Jean Paul die Arbeit an dem von ihm selbst als seinen »Kardinalroman« gesehenen »Titan« bis dieser schließlich 1800-1803 in vier Bänden erscheint und in strenger Anordnung den Werdegang des jungen Helden Albano de Cesara erzählt. Dabei prangert Jean Paul die Zuchtlosigkeit seiner Zeit an, wendet sich gegen Idealismus, Ästhetizismus und Pietismus gleichermaßen und fordert mit seinen Helden die Ausbildung »vielkräftiger«, statt »einkräftiger« Individuen.

546 Seiten, 18.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon