Rhön

[886] Rhön (besser Rön), eins der vulkanischen Gebirge Mitteldeutschlands, erstreckt sich in beinahe nordsüdlicher Richtung, etwa aus der Gegend von Brückenau im bayr. Regbez. Unterfranken bis Vacha an der Werra in Sachsen-Weimar, mit nahezu 75 km Breite. Politisch gehört das Gebirge teils zum bayrischen Unterfranken,[886] teils zur preußischen Provinz Hessen-Nassau und zu Sachsen-Weimar. Buntsandstein mit seinen sanft sich wölbenden Bergrücken bildet die Basis des ganzen Gebirges, über der sich, nach NW. hin an Ausdehnung und Mächtigkeit zunehmend, der Muschelkalk mit steiler Böschung der Gehänge erhebt. Auch Keuper stellt sich hier und in grabenartigen Einsenkungen, die teils in südostnordwestlicher, teils in nordsüdlicher Richtung das Gebiet durchziehen, häufig ein. In höherm Niveau lagern dann die Tertiärschichten, vorherrschend sandig und tonig, mit Einlagerungen vulkanischer, meist basaltischer Tuffe und mit bis jetzt noch wenig ausgebeuteten Braunkohlen (Bischofsheim, Kaltennordheim, Fladungen, Sieblos). Die höchsten Rücken und Kuppen bestehen aus den vulkanischen Gesteinen selbst, die aber nicht selten schlot- und gangförmig auch die Triasunterlage durchsetzen. Während der mittlere Teil der östlichen R. östlich vom Ulstertal, die sogen. Lange oder Hohe R., sich als ein ausgedehntes Basaltplateau von annähernd 20 km Länge und 5–8 km Breite darstellt, reihen sich sowohl nach N. und S. als nach W. in der sogen. kuppenreichen R. eine Reihe hoher Kegelberge an, die meistens von Basalt oder Phonolith gekrönt werden. Die Beziehungen der verschiedenen vulkanischen Gesteine zueinander sind am besten zu erkennen am Pferdskopf und an der Eube, welch letztere beide wallartig eine große, früher als alter Vulkankrater gedeutete Vertiefung umfassen, sowie in der Gegend der Milseburg (s. Tafel »Bergformen I«, Fig. 3). Die Wasserscheide zwischen Weser- und Rheingebiet durchschneidet die R. der Quere nach. Ihr Süden sendet die Sinn, ihr Südosten die Brend und Streu zur Fränkischen Saale, während nach N. aus der innern R. die Felda und Ulster zur Werra abfließen und der Westen der Fulda mit der Haun angehört. Die südliche R., reichbewaldet, liegt fast ganz in Bayern und umfaßt das Gebiet der bei Brückenau vorbeifließenden Sinn mit nordöstlicher Richtung. Zu ihr gehören der 930 m hohe Kreuzberg (s. d. 1) bei Bischofsheim, das breite Dammersfeld (930 m) im NW. der Sinn und auf der bayrisch-preußischen Grenze und der Schwarze Berg bei Brückenau (849 m) als südlichster Punkt. Das Joch von Kothen verbindet diesen Teil des Gebirges im W. mit den Höhen von Schlüchtern und vermittelt durch den Landrücken (Breifirst, Distelrasen) in der Wasserscheide zwischen Wejer und Rhein (Fulda und Kinzig), zwischen Flieden und Schlüchtern, einen Zusammenhang mit dem Vogelsgebirge, während ihn das von der obersten Brend durchschnittene Plateau mit der Hohen R. in Verbindung setzt. Auf dem zusammenhängenden, 22 km langen, mit dem 814 m hohen Ellnbogen endenden Rücken finden sich große Torfmoore und liegen in muldenförmigen Einsenkungen zwei der höchstgelegenen Orte Mitteldeutschlands, Frankenheim und Birx. Durch das oberste Tal der Ulster von ihm getrennt, erhebt sich nördlich von Gersfeld die im S. mit ihm zusammen hängende Zentralmasse der Abtsröder Höhe, der interessanteste Teil der R., mit der Wasserkuppe (950 m) im N., dem Pferdskopf (876 m) im W. und der Eube (831 m) im S. Während die östlichen Vorhöhen einen nach N. und S. in einzelne basaltbedeckte Berge sich auslösenden Parallelrücken mit der 751 m hohen Geba bilden, löst sich der ganze Westen in ein Heer einzelner Kuppen auf, die sogen. kuppenreiche R. Hier erhebt sich die mit einer Kapelle gekrönte, sargartig geformte Milseburg, 833m hoch, 350 m schroff über Kleinsassen an ihrem Westfuß.

Auf den dem Wind ausgesetzten großen Hochflächen herrscht ein rauhes, unwirtliches Klima, während die Täler der Ost- und Westseite günstige Witterungsverhältnisse haben. Die Pflanzenwelt der R. ist von der Flora der deutschen Mittelgebirge nicht wesentlich verschieden; charakteristisch ist die reiche Moosflora, die ausgeprägt nordisch ist mit Anklängen an die alpine Moosflora. Die R. ist, mit andern deutschen Gebirgen verglichen, an Pflanzenarten arm, aber an Pflanzen individuen desto reicher. Die Waldungen sind durch schlechte Forstwirtschaft der frühern Jahrhunderte sehr gelichtet. Die ausgedehnten Hochflächen auf dem Plateau der Hohen R. sind fast kahl, der Wald bekleidet meist nur den Mantel der Berge. Im zentralen Teile des Gebirges, im preußischen Kreise Gersfeld, sind von 359 qkm Gesamtfläche 28 Proz. Ackerland, 28 Proz. Wiesen und 27 Proz. Wald, 17 Proz. Nichtkulturland (Felsen und Hutungen). Der Wald hat meist Buchen, besonders schöne Bestände (Hochwald) hat der südliche Teil des Gebirges, die waldgebirgige R. und der bayrische Bezirk Brückenau. Überall ist in der Neuzeit aufgeforstet worden, hauptsächlich mit Nadelholz. Am Neuberg bei Dermbach (Sachsen-Weimar) kommt im Buchenwald die Eibe (Taxus baccata) in uralten Stämmen in Masse (gegen 300) vor. Die Hochmoore der Hohen R. und die zahlreichen Felspartien, besonders die Milseburg, haben eine vorzügliche Kryptogamenflora. Die Tierwelt der R. unterscheidet sich wenig von der der angrenzenden Gebirge; am Südabhang der Berge bietet die Fauna viel Gemeinsames mit derjenigen des Maintals, während sie auf den kahlen und kalten Bergrücken wesentlich abweicht und nur recht dürftig ist. Der Wildstand ist mäßig, Hirsche und Wildschweine sind selten, Rehe und besonders Hasen (Rhönhasen von mehr als 9 Pfd.) gibt es genügend. Von jagdbaren Vögeln sind außer dem Rebhuhn Auer- und Birkwild zu erwähnen; das früher häufigere Haselhuhn scheint ganz zurückgegangen zu sein; auch Schnepfen und Kiebitze (auf den Hochmooren) kommen vor. Von Reptilien gehört Lacerta agilis den Vorbergen an, häufiger als diese ist in der R. L. vivipara; die Ringelnatter ist selten oder fehlt teilweise ganz, dagegen kommt Coronella austriaca vor und ebenso die Kreuzotter, diese aber nur auf Kal kund Sandsteinboden. Von Amphibien finden sich verschiedene Kröten, der braune Frosch, Triton taeniatus und alpestris sowie der gefleckte Erdsalamander. Die Flüsse beherbergen Forellen, Äschen, Aale, Hechte. Krebse, die Teiche Karpfen. Über die Mollusken der R. finden sich Angaben in Leydigs Arbeit über die Fauna des Rhöngebirges und des MaintalsVerhandlungen des Naturhistorischen Vereins von Rheinland und Westfalen«, 38. Jahrg.), wo auch die übrigen wirbellosen und Wirbeltiere behandelt sind. Die als Moore bezeichneten Wasseransammlungen enthalten Insektenlarven, kleine Wasserkäfer, Wasserwanzen, Zyklopiden, Daphniden und einige Ringelwürmer, dagegen fehlen die Fische und ebenso die Schnecken und Muscheln, die höchstens durch kleinere Formen, wie ein Pisidium, vertreten sind; dasselbe gilt für die größern Krebse, von denen auch Flohkrebse und Asseln nicht vorhanden sind.

Die R. ist ein armes Land; die Bewohner ernähren sich, außer durch Ackerbau (Getreide, Kartoffeln, Flachs) und Viehzucht, durch Leinweberei und Verarbeitung des Holzes zu Holzschuhen, Peitschenstielen, Sieben, durch Korbflechterei etc. In neuerer Zeit hat die Plüschweberei Eingang gefunden; auch sind Industrieschulen, unter anderm für Holzschnitzerei, gegründet worden. Die Braunkohlen fanden beim Mangel an Verbindungsstraßen[887] bisher wenig Absatz; auch die Torfmoore werden wenig ausgebeutet. Dagegen liefert die R. treffliche Tone für Krugbäckereien, woraus in Römershag die Krüge für Kissingen gefertigt werden, und für Fayencefabriken (Aschach etc.). Die Bergwiesen liefern auch Heu. Der Touristenverkehr ist erst in den letzten Jahrzehnten lebendiger geworden. Die Bemühungen des Rhönklubs durch Verbesserung von Wegen etc. und zahlreiche um und in das Gebirge führende Eisenbahnen haben auch dieses Gebirge in den allgemeinen Verkehr mehr hineingezogen. Vgl. Barth, Das Rhöngebirge (Fulda 1871); Schneider, Führer durch die R. (7. Aufl., Würzb. 1906); Spieß, Reisehandbuch durch die R. (6. Aufl., Meiningen 1897); Sandberger, Zur Naturgeschichte der R. (Würzb. 1881); Scheidtweiler, Die R. und ihre wirtschaftlichen Verhältnisse (Frankf. a. M. 1887); Goldschmidt, Die Flora des Rhöngebirges (Würzb. 1902–06, 5 Tle.); Karte des Rhöngebirges vom Rhönklub, 1:150,000 (das. 1886), Höhenschichtenkarte von Hoßfeld, 1:100,000 (3. Aufl., Eisen. 1905).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 886-888.
Lizenz:
Faksimiles:
886 | 887 | 888
Kategorien:

Buchempfehlung

Raabe, Wilhelm

Der Hungerpastor

Der Hungerpastor

In der Nachfolge Jean Pauls schreibt Wilhelm Raabe 1862 seinen bildungskritisch moralisierenden Roman »Der Hungerpastor«. »Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln, von dem, was er bedeutet, was er will und was er vermag.«

340 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon