Ostsee

[239] Ostsee (Baltisches Meer), das große, im allgemeinen von SW. nach NO. gestreckte, in seinem nördlichen Teile gabelförmig gespaltene Meeresbecken im N. Europas, das durch den Sund, den Großen und Kleinen Belt mit dem Kattegat und der Nordsee zusammenhängt und von Dänemark, Deutschland, Rußland und Schweden umschlossen wird. Das Becken hat eine größte Länge von 1550 und zwischen Deutschland und Schweden eine Breite von 75–7:20 km und bedeckt ein Areal von ca. 430,000 qkm. Im Osten läuft das Meer in zwei große Meerbusen aus, nordwärts in den Bottnischen Meerbusen, der im S. durch die Ålandsinseln fast ganz geschlossen wird, ostwärts in den Finnischen Busen; südlicher liegt der Rigaische Meerbusen, von den Inseln Dagö und Ösel gedeckt. An der Südküste liegen drei Hasse: das Kurische Haff von der Kurischen Nehrung, das Frische Haff von der [239] Frischen Nehrung und das Stettiner Haff durch die Inseln Usedom und Wollin von der O. geschieden, sowie vier Buchten: die Danziger Bucht mit der Putziger Wiek, die Pommersche Bucht mit dem Greifswalder Bodden, die Neustädter Bucht vor Lübeck und die Kieler Bucht. Von den ca. 250 Flüssen, die sich in die O. ergießen, sind die namhaftesten: Trave, Oder, Persante, Wipper, Stolpe, Weichsel, Pregel und Memel (Niemen), aus Deutschland kommend; Windau, Düna, Narowa und Newa aus Rußland; Torneå, Luleå, Piteå, Umeå und Dalelf aus Schweden. Durch die Einmündung dieser Flüsse, von denen drei zu den Hauptströmen Europas gehören (Oder, Weichsel, Newa), steigt das Entwässerungsgebiet der O. auf ca. 1,66 Mill. qkm. Von den Inseln in der O. sind die bedeutendsten: im W. die unter dänischer Herrschaft stehenden, an den Straßen zum Kattegat liegenden: Seeland, Fünen, Falster, Laaland etc., weiter östlich Bornholm; ferner das preußische Rügen, die schwedischen Inseln Öland und Gotland, die russischen Ålandsinseln, Ösel und Dagö. Die Küsten Schwedens und Finnlands sind von zahllosen Klippeninseln, sogen. Schären (Skären), umsäumt, im übrigen sind die nördlichen Küsten der O. meist felsig und steil, während die südlichen fast durchgängig flach und sandig erscheinen. An der Küste von Schonen und Norddeutschland hat seit Jahrhunderten eine Senkung stattgefunden, während an der Küste von Finnland und der schwedischen Seite des Bottnischen Busens eine Hebung beobachtet ist. Die Tiefe ist im Mittel nur 67 m. Die tiefste Stelle befindet sich südlich von Stockholm; es wurde dort ungefähr 30 Seemeilen von letzterm Platz eine Tiefe von 427 m gefunden, und in derselben Gegend, östlich von Landsort, mit einer 463 m langen Leine der Grund noch nicht erreicht. In dem westlich von Bornholm gelegenen Teile der südlichen O. erreicht die Tiefe noch nicht 60 m, östlich von Bornholm hält sie sich unregelmäßig zwischen 60 und 100 m und erreicht dann weiter im NO. 130 bis 150 m, ja zwischen Gotland und Windau auch über 200 m. Verschiedene größere und kleinere Bänke, als die Möen-, Rönne-, Oder- und Stolpebank, bilden Unterbrechungen, die für die Ortsbestimmung eines Schiffes oft von großem Nutzen sind, zumal auch die Bodenbeschaffenheit dieser Bänke dem Seefahrer ein Mittel zur Orientierung bietet. Während nämlich auf den Tiefen, die mehr als 50 m betragen, in diesem Teile der O. der Meeresboden fast durchgehends aus braunem und grauem weichen Schlick oder hartem Ton besteht, setzt derselbe sich auf den genannten Bänken und bei Annäherung an die flache Küste fast überall aus seinem weißen, gelben oder braunen Sand mit kleinen Steinen zusammen. Wenn die Tiefe über solchen Bänken so gering ist, daß sie die Schiffahrt gefährdet, spricht man von Gründen; nördlich von der Einbuchtung zwischen Darßerort und Dornbusch liegt z. B. der Plantagenetgrund mit 7,5 m geringster Tiefe. Gefährlicher noch und für viele Schiffe verhängnisvoll geworden ist der halbwegs zwischen Rügen und Bornholm gelegene Adlergrund, über dem stellenweise nur 6 m Wasser sind; der Grund ist noch dazu mit Steingeröll und großen Steinblöcken bedeckt.

Im ganzen betrachtet, besteht die O. aus einer Reihe verschieden tiefer Becken; da diese durch Schwellen voneinander getrennt sind, kann das Wasser der Becken nur in beschränktem Grade von einem zum andern gelangen. Der tiefste Zugang zur O. öffnet sich im Großen Belt, wo die geringsten Tiefen eines westöstlichen Querschnittes nie weniger als 20 m betragen; im Kleinen Belt sind nur 8 m, im Sund (südlicher Teil, sogen. Flintrinne) auch nur 7–8 m Wasser über der seichtesten Schwelle. Das zwischen den Inseln Amager und Saltholm auf Kopenhagen zuführende Fahrwasser heißt Drogden; auf der Drogdenschwelle stehen auch nur 6,9 m Wasser im Höchstbetrag.

Die O. verhält sich infolge der geringen Verbindung mit dem offenen Meer und der zahlreichen in sie mündenden Flüsse nicht wie ein Teil des Weltmeeres, sondern hat fast die Eigenschaften eines großen Binnensees, ist daher auch hinsichtlich Temperatur und Salzgehalt von der Nordsee wesentlich verschieden. Die Wasserwärme der O. ist im Winter sehr gering (1–2°), im Sommer, zumal längs der Küsten, vergleichsweise hoch (bis 12°, ja 15° noch bei Haparanda). Die jährliche Schwankung ist also sehr erheblich. In den Ostseebädern (s. unten) führen ablandige starke Winde, für die deutsche Küste Süd- bis Südostwinde, oft eine außerordentlich störende und starke Wärmeabnahme durch Heraussaugen von kaltem Tiefenwasser herbei; so fiel z. B. bei Zoppot im Juni 1889 die Wassertemperatur von 20° in wenigen Stunden bis auf 8°. Der Salzgehalt der O. ist viel geringer als der der Nordsee; der hierdurch bedingte Unterschied in dem spezifischen Gewicht bildet, abgesehen von den Winden, die Hauptveranlassung zu den in der O. und den sie mit der Nordsee verbindenden Meeresstraßen vorkommenden Strömungen. Das schwerere, salzhaltigere Nordseewasser strömt im allgemeinen in den tiefern Schichten der O. zu, während an der Oberfläche ein aussetzender Strom das salzärmere Wasser vorzugsweise durch den Sund hinausführt. Demgemäß nimmt der Salzgehalt der O. von W. nach Osten und von der Tiefe nach der Oberfläche ab; es sinkt der Salzgehalt des Oberflächenwassers der Nordsee von 3,5 Proz. bereits im Skagerrak auf 3 Proz., im nördlichen Teil des Kattegat auf 2 Proz., im südlichen Teil desselben auf 1,75 Proz. Im Großen Belt beträgt der Salzgehalt bis zu Tiefen von 20 m 1 Proz.; nur wenig tiefer beginnt die von N. kommende Tiefenströmung, und in 28 m Tiefe wurde bereits ein Salzgehalt von 2,86 Proz., auf dem Grund in 66 m Tiefe von 3,08 Proz. gefunden. Das Vordringen des schweren Tiefen wassers von W. nach Osten ist infolge der Bodenform verschieden; in den westlichen Buchten ist der Salzgehalt daher noch verhältnismäßig groß, nimmt aber östlich von Bornholm sehr schnell ab. So beträgt er in der Kieler Bucht an der Oberfläche 1,59 Proz., in der Tiefe 2,05 Proz., bei Rügen 0,93 und 0,98 Proz., bei Hela 0,75 und 0,76 Proz.

Was die Eisverhältnisse der O. betrifft, so frieren die Bottnische Wiek, d.h. der nördliche Teil des Bottnischen Meerbusens, sowie die Meeresteile um die Ålandsinseln nahezu in jedem Winter völlig zu, so daß im Februar und März der Verkehr zwischen Schweden und Finnland auf dem Eise stattfindet. Das offene Meer bei Hangö ist 56, die innere Reede daselbst 86 Tage vom Eise geschlossen, der Hafen von Helsingfors ist 139, die Reede von Kronstadt 163 Tage vom Eise bedeckt. Von den östlichen Hafenplätzen sind in bezug auf Eisverhältnisse Baltischport, Libau und Memel besonders begünstigt; ersterer Hafen ist durchschnittlich an 33 Tagen im Jahre, Libau für Dampfer nie, für Segelschiffe nur an wenigen Tagen, Memel durchschnittlich 12 Tage lang vom Eise geschlossen. Bei heftigen Stürmen findet eine Zertrümmerung der[240] Eisdecke und Schollenbildung statt; die teilweise zu Eisbergen anwachsenden Schollen werden mit den vom Meeresgrund emporsteigenden Grundeismassen seewärts getrieben und durch den Frost verbunden. Hierdurch kommt auch öfters auf dem freien Meer über bedeutenden Tiefen eine Eisdecke zustande; in strengen Wintern häufen sich die Treibeismassen selbst in der breiten Straße zwischen Öland und Gotland, im Sund und den Belten dermaßen an, daß sie die Schiffahrt manchmal unmöglich machen. 1294 war das Kattegat so dick überfroren, daß man von Norwegen nach Jütland über das Eis reisen konnte. 1349 ging man von Stralsund nach Dänemark über das Eis. 1423 konnte man von Lübeck nach Danzig zu Fuß über das Meer kommen. 1658 ging die schwedische Armee von Jütland über das Eis der Belte nach Seeland. Auch in den strengen Wintern von 1657 und 1740 konnte man über das Eis des Sundes reisen. In den letzten 150 Jahren sind solche schwere Eisverhältnisse nie beobachtet worden.

Die Gezeitenerscheinungen sind im Kattegat und in den engen Straßen zwischen den dänischen Inseln noch regelmäßig wahrzunehmen; in der eigentlichen O. dagegen verschwinden sie für praktische Zwecke ganz. Im nördlichen Teil des Kattegat beträgt die Fluthöhe 0,3 m, bei Anholt nur noch 0,15 m; ungefähr ebensoviel in den Belten, etwas weniger im Sund. In der Kieler Bucht beträgt der Unterschied zwischen Niedrig- und Hochwasser nur 70 mm, in Swinemünde 11 mm, in Neufahrwasser, Pillau und Memel 7–5 mm. Einen größern Einfluß auf den Wasserstand haben die Winde, namentlich wenn sie längere Zeit aus einer Richtung wehen; die sogen. Sturmfluten, von denen die O., besonders der südwestliche Teil derselben, von Zeit zu Zeit heimgesucht wird, sind die Folgen solcher Winde, zumal der gefährlichen Nordoststürme. Bei der Sturmflut vom 12. und 13. Nov. 1872 stieg das Wasser in Lübeck 3,38 m über seinen gewöhnlichen Stand; fast alle niedrig an der Küste gelegenen Ortschaften und weite Strecken fruchtbaren Landes wurden überflutet und stark verwüstet. Ähnlich verheerende Sturmfluten fanden 1625, 1694 und 1784 statt.

In erdmagnetischen Beziehungen sind in der O. verschiedene Störungsgebiete bemerkbar, namentlich an den Küsten Südschwedens, im westlichen Teil des Finnischen Meerbusens bei der Insel Jussarö, wo Abweichungen der Magnetnadel bis zu +154° (!) vorkommen, und bei Bornholm (Abweichungen von -4° bis zu +2° gegen den Normalwert).

Die Flora der O. steht an Artenzahl der Algen und Seegräser hinter der der Nordsee zurück. Die mikroskopisch kleinen Pflanzen des Plankton treten dagegen in ganz ungeheuern Mengen, besonders zur Zeit der sogen. Wasserblüte, auf. In den Haffs wird das Wasser hierdurch intensiv grün gefärbt. – Die Tierwelt der O. ist an Arten wie an Individuen ärmer als die der Nordsee; der Reichtum an Tieren nimmt von W. nach Osten und NO. hin ab. Verschiedene Tierarten kommen nicht in der Nordsee, sondern nur in dem Nördlichen Eismeer sonst vor und sind wohl Zeugen einer frühern Verbindung der O. mit dem Eismeer. Die Fischerei erstreckt sich hauptsächlich auf Stör, Aal, Hering, Flunder, Lachs, im westlichen Teil auch auf Makrelen (vgl. V. Hensen, Über die Befischung der deutschen Küsten, in den »Jahresberichten der Kieler Kommission zur Untersuchung der Meere«, II u. III, Berl. 1875). An der hinterpommerschen und ostpreußischen Küste, zwischen Pillau und Großhubnicken, wird Bernstein gewonnen.

Die besuchtern Ostseebäder sind, in Ostpreußen: Schwarzort, Kranz, Neukuhren, Rauschen; in Westpreußen: Kahlberg, Westerplatte, Zoppot, Hela; in Pommern: Stolpmünde, Rügenwaldermünde, Kolberg, Deep, Horst, Dievenow, Misdroy, Swinemünde, Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin, Zinnowitz; auf Rügen: Göhren, Binz, Saßnitz, Lohme; auf der Halbinsel Zingst: Zingst, Prerow, Ahrenshoop; in Mecklenburg: Wustrow, Müritz, Warnemünde, Heiligendamm, Brunshaupten, Ahrendsee, Boltenhagen; an der Küste von Lübeck und Schleswig-Holstein: Travemünde, Niendorf a. d. O., Scharbeutz, Heiligenhafen, Düsternbrook, Eckernförde, Borby, Glücksburg; ferner auf Seeland: Klampenborg, Skodsborg, Marienlyst; an der Rigaer Bucht: Dubbeln und Pernau.

Verkehrsverhältnisse. Die Schiffahrt in der O. ist sehr lebhaft, beschränkt sich aber hauptsächlich auf die sogen. kleine Fahrt, d.h. Küstenfahrt innerhalb der Landeshoheit. Küstendampferfahrt mit zahlreichen Linien ist besonders stark in den dänischen und schwedischen Gewässern entwickelt. Über den Einfluß des Nordostseekanals auf die Ostseeschiffahrt s. unter Kaiser Wilhelm-Kanal. Die wichtigsten Ostseehäfen sind: Flensburg, Kiel, Lübeck, Stettin (mit Swinemünde), Danzig (mit Neufahrwasser), Königsberg (mit Pillau), Memel; Kopenhagen; Christiania, Göteborg, Helsingborg, Malmö, Karlskrona, Norrköping, Stockholm, Gefle; Libau, Riga, St. Petersburg (mit Kronstadt), Helsingfors. Dampferlinien von Kiel nach Göteborg, Korsör, Sonderburg, Fehmarn, Kopenhagen, Stettin, Danzig, Königsberg, Riga und St. Petersburg. Von Lübeck nach Kopenhagen, Stockholm, Helsingfors, Riga und Libau. Von Stettin nach Kopenhagen, Bornholm, Stockholm, Riga, St. Petersburg, Helsingfors, Danzig, Memel und Königsberg; für den Postverkehr sind die Dampferlinien Warnemünde-Gjedser und Saßnitz-Trelleborg bestimmt. Von Stockholm führen Dampferlinien längs der schwedischen Küste nach Wisby auf Gotland, nach Åbo, Helsingfors und St. Petersburg, nach Kopenhagen. Telegraphenkabel bestehen zwischen allen dänischen Inseln, mehrere von Seeland- nach Schweden; ferner eins von Stockholm über Ålandsinseln nach Finnland, eins von Libau über Bornholm nach Möen (Dänemark). – Über die Verhältnisse der Kriegsflotten in der O. s. die Karte »Seestreitkräfte und Flottenstützpunkte« (Karte 11) bei Artikel »Marine«. Vgl. v. Etzel, Die O. und ihre Küstenländer (3. Aufl., Leipz. 1874); Ackermann, Beiträge zur physikalischen Geographie der O. (Hamb. 1883); »Segelhandbuch für die O.«, 1. Abteilung (3. Aufl., Berl. 1906); die wichtigen »Jahresberichte der Kommission zur wissenschaftlichen Untersuchung der deutschen Meere in Kiel« mit vielen Beiträgen zur physischen Geographie der O.; Pettersson und Ekman, Hydrographie des Skageracks und Kattegats (Stockh. 1891) und Über Nordsee und O. (das. 1897); Knudsen in den »Annalen der Hydrographie«, 1900, S. 586; 1901, S. 83 und 226; »Deutsche Seewarte: Vierteljahrskarten für die Nordsee und O.« (Hamb., seit 1903); Marshall, Die deutschen Meere und ihre Bewohner (Leipz. 1897); Wegener, Deutsche Ostseeküste (Bielef. 1900); Meyers Reisebücher: »Ostseebäder« (3. Aufl., Leipz. 1906).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 239-241.
Lizenz:
Faksimiles:
239 | 240 | 241
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Liebelei. Schauspiel in drei Akten

Liebelei. Schauspiel in drei Akten

Die beiden betuchten Wiener Studenten Theodor und Fritz hegen klare Absichten, als sie mit Mizi und Christine einen Abend bei Kerzenlicht und Klaviermusik inszenieren. »Der Augenblich ist die einzige Ewigkeit, die wir verstehen können, die einzige, die uns gehört.« Das 1895 uraufgeführte Schauspiel ist Schnitzlers erster und größter Bühnenerfolg.

50 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon