Nordsee

[775] Nordsee (Deutsches Meer, im 16. und 17. Jahrh. im Gegensatz zur Ostsee auch Westsee genannt), das zwischen Schottland, England, Norwegen und Dänemark liegende, südlich von Deutschland, den Niederlanden. Belgien und Frankreich begrenzte Meer, wird gegen den offenen Atlantischen Ozean durch die Tiefenlinie von 200 m im Norden von Schottland und den Shetlandinseln abgegrenzt und hat dann einen Flächeninhalt von rund 550.000 qkm, gleich dem Areal von Deutschland. Die Verbindung mit der Ostsee wird von dem Skagerrak und Kattegat sowie dem Sund und den Belten hergestellt, die Verbindung mit dem Englischen Kanal durch die Straße von Dover. Die N. ist ein flaches Bassin, dessen Meeresboden von Norden nach S. allmählich ansteigt; nur längs der norwegischen Küste befindet sich eine tiefere Rinne, die Norwegische Rinne, in der Tiefen bis zu 678 m gelotet worden sind. Über die Mitte der N. breitet sich ein ausgedehntes submarines Plateau aus, die Doggerbank, mit von W. nach O. zunehmenden Tiefen von 13–35 m. Während die Tiefen nördlich dieser Bank bis zu 200 m reichen, kommen in dem südlichen Teile der N. nur einige schmale Rinnen mit Tiefen über 60 m vor. Vor den Südküsten lagert sich ein breiter Saum von Bänken (Watten), die, meist in der Richtung NS. verlaufend, die Annäherung an die Küste erschweren und die Schiffahrt gefährden. Die N. hat Ebbe und Flut, am stärksten an den Küsten der Niederlande und Englands. Eine atlantische Gezeitenwelle dringt von NW. nördlich von Schottland in die N. und schreitet an der Ostküste Schottlands und Englands nach S. fort; sie folgt dem tiefen Wasser, schwenkt zum Teil um die Doggerbank herum nach O. ab und ist im übrigen bis zur Themse nachweisbar. An der Küste des Kontinents wird diese Flutwelle von Norden her nicht bemerkt infolge einer zweiten aus dem Englischen Kanal in die N. eintretenden Welle, die sich namentlich über den südlichen Teil der N. ausbreitet und der Küste des Festlandes folgt. Interferenzerscheinungen zwischen beiden Flutwellen, verbunden mit der Bodenfiguration, machen die Gezeitenerscheinungen in dra sogen. Hoofden, den Gewässern zwischen Holland und England, sehr verwickelt. Das Fortschreiten der beiden Gezeitenwellen ist aus dem Fortschreiten der Hafenzeiten (s. Ebbe und Flut, S. 332), für die schottisch-englische Küste von Norden nach S., für die holländisch-deutsche Küste von SW. nach NO., ersichtlich. Den Gezeitenwellen entsprechend laufen auch die Gezeitenströmungen in der N.; an der schottisch-englischen Küste läuft meist die Flut nach S., die Ebbe nach Norden, an der holländisch-deutschen Küste meist die erstere nach NO., die letztere nach SW.; die Geschwindigkeit der Gezeitenströmungen überschreitet selten 2 Seemeilen. Durchschnittlich beträgt der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser 3.3 m; an der englischen Küste erreicht er bei Springzeit eine Höhe bis zu 7 m, bei Hull, an der holländischen und belgischen Küste 2–4,9 m (Ostende), an der deutschen Küste 2–3,5 m (bei Emden und Helgoland 2,8 m, Wilhelmshaven 3,5 m, Bremerhaven 3,3 m, Brunsbüttel 3 m, Hamburg 2 m), an der dänischen und norwegischen Küste 0,3–1,5 m. Bei Nordweststurm steigt die Flut an der Festlandsküste oft 7 m über die gewöhnliche Höhe und ist dann nicht selten von verheerendster Wirkung. Dergleichen sogen. Sturmfluten haben Tausenden von Menschen das Leben gekostet und an den flachen Küsten bedeutende Veränderungen hervorgerufen, indem das Meer Strecken festen Landes nach und nach verschlang (vgl. Dollart). Insgesamt berechnet man den Verlust an Marschland an der Süd- und Ostküste der N. seit dem Mittelalter auf 5055 qkm, wovon nur 2588 qkm durch Entwässerungsarbeiten wiedergewonnen sind. Seit dem 11. Jahrh. sind durch Sturmfluten und Flugsand 144 Ortschaften an der N. untergegangen. Selbständige, nicht mit den Gezeiten in Verbindung stehende Strömungen sind in der Norwegischen Rinne bemerkbar; es setzt ein aus dem Kattegat fließender Ostseestrom an der schwedischen Küste entlang bis zu den Kosterinseln, wendet sich hier gegen W. und folgt dann der norwegischen Küste nach Kap Lindesnäs; dieser Strom ist im Skagerrak am stärksten, wo er 2–3 Seemeilen von der norwegischen Küste eine Geschwindigkeit bis zu 4 Knoten erreicht. An der Nordküste von Jütland ist öfters ein östlich setzender Strom vorhanden. Der Salzgehalt der N. ist sehr viel beträchtlicher als der der Ostsee; er beträgt im Mittel 3,3 Proz. mit Abnahme nach den Küsten hin. In dem tiefen nördlichen Teil der N. beträgt der Salzgehalt meist 3,56–3,52 Proz. und ist dann gleich dem des Atlantischen Ozeans. Bei Borkum beträgt der Salzgehalt im Jahresmittel 3,28 Proz., bei List auf Sylt 3,08 Proz., vor der Wesermündung und bei Helgoland 3,28 Proz. Große unperiodische Schwankungen im Salzgehalte kommen besonders an der norwegischen Küste und im Skagerrak vor, sie scheinen für das Vorkommen von Nutzfischen, z. B. von Heringsschwärmen, bedeutungsvoll zu sein, da manche Fische besonders salzreiches, andre wieder weniger salziges Wasser zu bevorzugen scheinen. – Die Temperatur des Nordseewassers nimmt, wenn man auf einer Linie von der Elbmündung nach den Shetlandinseln in der Richtung von SO. nach NW. fortschreitet, im Winter von etwa 3 bis 7° zu, nimmt auf derselben Linie beim Fortschreiten in derselben Richtung zur Sommerszeit aber ab von etwa 18 bis auf 12°. Die Wärmeunterschiede des Tiefenwassers der N. sind gering; im Winter ist das Tiefenwasser bei 20–30 m etwa um 0,5° wärmer, im Sommer um 1–2° kälter als das Oberflächenwasser. Die N. gefriert nie wie die Ostsee, nur an den Küsten setzt sich Eis an. Die Zuflüsse der N. sind von S. her die Elbe, Weser, Ems, die Rheinmündungen und die Schelde, von W. die Themse, der Humber und Tay, von O. die Eider und die vielen kleinen Flüsse Schleswigs, Westjütlands und Norwegens. Die flachen Küsten mit[775] felsige in Grund, wie die Ostküste Englands, die Südwestküste Norwegens und die Küste Helgolands, sind sehr reich an Algen, während die holländischen und deutschen Küsten sehr arm an festsitzenden Algen sind. Ähnlich verteilt sich die Tierwelt, deren niedere Formen in ungeheurer Zahl die Tiefe bevölkern und zahlreichen Fischen (Kabeljau, Schollen, Heringe, Seezungen, Steinbutten) zur Nahrung dienen. Von größern Fischen kommen Haifische, von Seesäugetieren kleinere Wale und mehrere Arten von Seehunden vor; größere Wale verirren sich nur gelegentlich in die N. Helgoland liefert Hummern, die Südostküste Englands, Seeland und die Westküste Schleswigs Austern. – Die Schiffahrt auf der N. ist besonders wegen der vielen Sandbänke und Watten vor den Küsten Englands, Belgiens, der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks gefährlich. Zur Erleichterung der Schifffahrt sind längs der Küsten zahlreiche Leuchttürme errichtet, auch Feuerschiffe und Tonnen vor den Bänken ausgelegt (s. Karte »Leuchtfeuer an den deutschen Küsten«, im 11. Bd.). Die wichtigsten Häfen der N. sind in England: London, Yarmouth, Hull, Middlesbrough, Hartlepool, Sunderland, die Tynehäfen; in Schottland: Leith. Aberdeen, Dundee; in Frankreich: Dünkirchen; in Belgien: Ostende und Antwerpen; in den Niederlanden: Vlissingen, Bergen op Zoom, Rotterdam, Amsterdam und Harlingen; in Deutschland: Emden, Wilhelmshaven, Bremerhaven, Bremen, Hamburg, Altona, Kuxhaven, Tönning und Husum; in Norwegen: Bergen; in Dänemark: Esbjerg (s. die Karte beim Artikel »Dampfschiffahrt«). Vgl. auch Karte »Seestreitkräfte der Nord- und Ostsee« beim Artikel »Marine«. Dampferlinien innerhalb der N. von Hamburg nach Bremen, Emden, Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen, London, Harwich, Hull (Grimsby), Hartlepool, Newcastle, Leith, Christiania, Bergen, Drontheim, Esbjerg; außerdem nach den Seebädern Helgoland, Sylt und Föhr; von Bremen nach Antwerpen, London, Hull, Leith sowie nach den Seebädern Norderney und Borkum. Von Amsterdam und Rotterdam nach London und Hull; von Hoek van Holland nach Harwich; von Antwerpen nach London und Harwich; von Vlissingen nach Queensboro; von Göteborg, Christiania und Bergen nach Hull. – Telegraphenkabel führen von Borkum fünf durch die südliche N., davon zwei nach England; von Norderney eins nach England; eins von Kuxhaven nach Helgoland; eins von Sylt nach Arendal; zwei von Fanö nach Calais; außerdem mehrere Kabel von Norwegen, Schweden und Dänemark nach England. Die bekanntesten Seebäder der N. sind zu Boulogne, Ostende, Scheveningen, Borkum, Norderney, Wangeroog, Helgoland, Föhr und Sylt (Weiteres s. Artikel »Seebad«). Vgl. Jahresberichte der Kommission zur wissenschaftlichen Untersuchung der deutschen Meere in Kiel; »Segelhandbuch für die N.« (hrsg. vom Reichsmarineamt, 2. Aufl., Berl. 1903); »Die Ergebnisse der Untersuchungsfahrten S. M. Kanonenboot Drache in der N.« (das. 1886); Pettersson und Ekman, Skageracks hydografi (Stockh. 1891) und Hydografiska förändringarne inom Nordsjöns omräde (das. 1897); Deutsche Seewarte, Vierteljahrskarten der Nord- und Ostsee (Hamburg, seit 1903); Marshall, Die deutschen Meere und ihre Bewohner (Leipz. 1896, kleine Ausg. 1897); Haas, Deutsche Nordseeküste (Bielef. 1900); Meyers Reisebücher: »Nordseebäder« (2. Aufl., Leipz. 1904).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 14. Leipzig 1908, S. 775-776.
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