Haifische

[629] Haifische (Selachii, Elasmobranchii, Quermäuler, Plagiostomen), Ordnung der Knorpelfische (s. Fische, S. 606), mit Knorpelskelett, weitem Maul an der Unterseite des Kopfes und sackförmigen Kiemen. Die Haut ist mit kleinen Knochenplatten und Fähnchen (Plakoidschuppen, Hautzähne) bedeckt, rauh (Chagrin). Die großen Brustflossen hängen frei herab (Haie) oder sind horizontal ausgebreitet und geben, indem sie vorn bis zur Schnauze, hinten bis zu den Bauchflossen reichen, dem Körper die Gestalt einer Scheibe (Rochen). Die Bauchflossen liegen[629] in der Nähe des Afters, beim Männchen zeigen sie Anhänge, die zur Begattung dienen. Die beiden Rückenflossen, eine Schwanzflosse und eine Afterflosse sind unpaar. Die Zähne sind den Hautzähnen sehr ähnlich und bekleiden die ganze Mundhöhle bis zum Anfang der Speiseröhre, nie stecken sie in den Kiefern; sie sind dolch- oder sägeförmig (Haie) oder pflasterförmig (Rochen). Die Kiemen sitzen in 5 (selten 6 oder 7) Paar Kiemensäcken, von denen jeder eine Öffnung nach außen hat. Kiemendeckel fehlen; vor den echten Kiemen liegt gewöhnlich noch ein Paar sogen. Spritzkiemen, deren äußere Öffnungen Spritzlöcher heißen. Eine Schwimmblase fehlt. Der Darmkanal ist kurz; der Dünndarm enthält die sogen. Spiralklappe, d. h. eine wie eine Wendeltreppe im Innern verlaufende Falte, die den Durchgang der Nahrungsstoffe verlangsamt und zugleich die Oberfläche der Darmhaut vergrößert. Das Gehirn ist groß; die Augen sind durch Lider und Nickhaut verschließbar, die Nasenöffnungen werden von Hautlappen überdeckt, ein äußeres Ohr fehlt. Die Eier werden im Körper der Mutter befruchtet und später entweder abgelegt und dann oft mittels Schnüren an Seepflanzen befestigt, oder innerhalb des zu einem Uterus erweiterten Eileiters entwickelt. Im letztern Fall wird der Embryo von der Mutter, z. T. durch eine Art Placenta, ernährt. Die Embryonen haben eine Zeitlang äußere Kiemen in Gestalt verzweigter Fäden, die aus den Kiemenspalten hervorragen (s. Tafel »Entwickelungsgeschichte I«, Fig. 7 u. 8). Die H. leben im Meer und ernähren sich von Fischen, Muscheln oder Krebsen. Einige besitzen elektrische Organe (s. Zitterfische). Die H. gehören zu den ältesten Fischen; viele Familien von ihnen sind ausgestorben. Schon im obern Silur treten sie auf (Hybodonten, nur fossil, bis zur Kreidezeit), lassen sich dann in der Gruppe der Cestracionten (die schmalen Kiefer sind dicht mit Mahlzähnen besetzt; hierher Cochliodus und Tristychius, s. Tafel »Steinkohlenformation II«, Fig. 10 u. 5; Ptychodus oder Faltenzahn, s. Tafel »Kreideformation II«, Fig. 8) vom Kohlengebirge bis zur Gegenwart verfolgen (lebend noch die Gattung Cestracion in den ostindischen Meeren) und erlangen als echte Haie im Zechstein, in der Kreide (Otodus, s. Tafel »Kreideformation II«, Fig. 12) und im Tertiär (Carcharodon, Notidanus, Myliobatis, Lamna, s. Tafel »Tertiärformation II«, Fig. 6, 2, 3) große Verbreitung. Meist sind nur Zähne und Rückenstacheln (Ichthyodorulithen) erhalten, weshalb die Unterscheidung oft unsicher ist (z. B. bei Tristychius, s. Tafel »Steinkohlenformation II«, Fig. 11). – Man unterscheidet Haie (s. unten) und Rochen (s. d.), jene sind im allgemeinen lang und schmal, diese breit und scheibenförmig. S. Tafel »Fische I«, Fig. 1, 2, 5 u. 6, u. Tafel »Aquarium I«, Fig. 7, 25 u. 35.

Die Haie haben einen langgestreckten, spindelförmigen Körper, weit nach hinten gerückte, quere Mundöffnung, seitliche Kiemenlöcher, mehr oder minder senkrecht stehende Brustflossen und starken, fleischigen, an der Spitze aufwärts gebogenen Schwanz. Die Bezahnung besteht aus vielen Reihen spitzer, dolchförmiger Zähne. Sie gebären lebendige Junge oder legen Eier in Form von vierzipfeligen Hornkapseln, die an den Zipfeln mit rankenartigen Hornfäden versehen sind (Seemäuse, s. Tafel »Eier von Fischen etc.«, Fig. 1). Die Menschenhaie (Carcharidae) besitzen eine Afterflosse, zwei Rückenflossen und eine Nickhaut. Der Kopf ist flach, der vordere Teil der Schnauze sehr vorgezogen. Spritzlöcher fehlen, wenigstens bei den alten Tieren. Die Zähne sind dreieckig, glatt, mit schneidenden oder gesägten Rändern und stehen in mehreren Reihen in dem weiten Rachen. Diese großen Tiere sind kühn, raubgierig, der Schrecken der Schiffer und Küstenbewohner. Der Blauhai (Carcharias glaucus Cuv., s. Taf. »Fische I«, Fig. 6), 3–4 m lang, mit sehr spitzer Schnauze, langen, sichelförmigen Brustflossen, schlanker Schwanzflosse, oben schieferblau, unten weiß, bewohnt das Mittelmeer, die südlichen Meere und den Atlantischen Ozean nördlich bis England und Skandinavien. Der Jonashai (C. verus L.), bis 9 m lang, mit rauher, höckeriger Haut, oben gräulichbraun, unten grauweiß, findet sich ebenfalls im Mittelmeer. Diese und andre Arten leben besonders an den Küsten, schwimmen sehr schnell, wenn auch nicht so gewandt wie andre Fische, sind ungemein gefräßig, nähren sich von allen Seetieren und verfolgen die Schiffe, oft begleitet vom Lotsenfisch oder Pilot, um alles zu verschlingen, was über Bord fällt. Die 30–50 Jungen werden als reife, ernährungsfähige Wesen geboren, sollen aber eine Zeitlang von der Mutter geführt und geschützt werden. Man angelt sie mit starken, mit Speck geköderten Angeln an einer Kette, benutzt die Leber zur Tranbereitung und die Haut als Schleifmittel und Chagrin; das Fleisch ist hart, geschmacklos. Hierher gehört auch der Hammerfisch (s. d.). Der Sternhai (Mustelus vulgaris M. Hle.), 1–1,5 m lang, mit kielförmigen Flossen, kleinen, stumpfen Zähnen und Spritzlöchern, auf dem gräulichen Rücken oft sternartig weiß gefleckt, findet sich in allen europäischen Meeren, lebt gesellig, ist träge, harmlos, hält sich meist am Grund auf und nährt sich von Krustentieren. Das Weibchen wirft etwa zwölf Junge. Er kommt auf die italienischen Fischmärkte und wird von ärmern Leuten gegessen. Der Glatthai (M. laevis Risso), 1 m lang, einfarbig grau oder schwarz gefleckt, lebt im Mittelmeer und Atlantischen Ozean. Schon Aristoteles wußte, daß die Embryonen durch eine Art Mutterkuchen ernährt werden. – Die Riesenhaie (Lamnidae) stimmen hinsichtlich der Flossenstellung mit der vorigen Familie überein und haben keine oder sehr kleine Spritzlöcher; eine Nickhaut fehlt. Der Riesenhai (Selache maxima Cuv.), bis 12 m lang und 8000 kg schwer, mit kurzer, stumpfer Schnauze, kleinen Spritzlöchern, sehr großen Kiemenspalten, kleinen Zähnen und mit vielen Spitzen bedeckten Hautschuppen, bräunlich schwarzblau, unten weißlich, lebt im Eismeer, geht südlich bis England und Frankreich, nährt sich in den Tiefen des Meeres von kleinen Seetieren, frißt auch Aas, ist harmlos, träge, dumm und wird wegen der großen, tranreichen Leber gejagt. – Zur Familie der Hundshaie (Scyllidae), mit kurzer, stumpfer Schnauze, Spritzlöchern und fünf Kiemenöffnungen, in der Mitte scharf gespitzten, seitlich gesägten Zähnen, zwei weit nach hinten stehenden Rückenflossen, entwickelter Afterflosse, langgestreckter, abgestutzter Schwanzflosse, gehören der Hundshai (Scyllium canicula Cuv.), bis 70 cm lang, oben auf rötlichem Grunde braun gefleckt, unten weiß, und der Katzenhai (S. catulus L.), 1 m lang, mit bedeutend größern und spärlichern Flecken. Beide leben in wärmern Meeren, aber auch noch in der Nordsee, gewöhnlich nahe dem Grund, nähren sich von Fischen, Krebsen, Weichtieren und tun besonders dem Heringsfang großen Abbruch. Die blaß horngelben, 6,5 cm langen Eier (10–20) werden zwischen Seepflanzen abgelegt. Das Fleisch ist hart, lederartig und wird nur im Notfall gegessen; die Leber gibt trefflichen Tran, ihr Genuß[630] hat aber bisweilen üble Folgen; die Haut dient zum Glätten von Holzarbeiten. – Die Dornhaie (Spinacidae) haben zwei Rückenflossen und vor jeder derselben einen Stachel, Spritzlöcher, aber keine Afterflosse und Nickhaut. Der Dornhai (Acanthias vulgaris Risso), 1 m lang, 10 kg schwer, mit keilförmigem, vorn schmalem, an der Spitze abgerundetem Kopf, drei Reihen langer, spitzer, am Rande wenig gesägter Zähne, ist oben schiefergrau, unten gelblichweiß, findet sich überall und sehr häufig in den europäischen Meeren, erscheint oft in großen Scharen, verfolgt die Heringe, Makrelen, Dorsche etc., schneidet die Angeln der Fischer ab und wird häufig gefangen, wobei er sich seiner Dornen als Waffe bedient. Sein Fleisch wird in Schottland getrocknet und gegessen, Leber und Haut finden die gewöhnliche Verwendung. Sehr schmackhaft sind die in Entwickelung begriffenen Eier und das Fleisch der Jungen, von denen das Weibchen bis 20 zur Welt bringt. – Der die Familie der Rhinidae repräsentierende Meerengel (Engelfisch, Rhina squatina Dum.) stimmt hinsichtlich der Flossen, Spritzlöcher und Nickhaut mit den Dornhaien überein, hat aber einen platten, rochenähnlichen Körper, runden Kopf, nach vorn gerichtete, sehr große Brust- und Bauchflossen, ein mit kegelförmigen, in mehrere Reihen geordneten Zähnen bewehrtes Maul quer unter der Schnauze und eine rauhe Haut mit kegelförmig zugespitzten Schuppen. Er wird 2–3 m lang, ist oben schokoladebraun, schwarz gefleckt, unten gelblichweiß, mit einer Reihe kurzer Dornen auf der Mittellinie des Leibes. Er bewohnt die tropischen und subtropischen Meere, das Mittelmeer, den Atlantischen Ozean und die Nordsee, ist sehr häufig, hält sich meist am Grund auf und jagt besonders Rochen und Schollen. Das Weibchen gebiert etwa 20 Junge; er wird nur der Haut wegen gejagt; früher benutzte man mehrere Teile des Tieres arzneilich.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 8. Leipzig 1907, S. 629-631.
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