Friedrich Gottlieb Klopstock

[523] Friedrich Gottlieb Klopstock, für Deutschlands Dichtkunst gewiß einer der Merkwürdigsten des verflossenen Jahrhunderts, hatte Quedlinburg zu seinem Geburtsort (2. Jul. 1724.). Sein Vater, erst Quedlinburgscher Commissionsrath, ein sehr origineller Mann, der sich oft mit Ahndungen und sogar Teufelserscheinungen herumschlug, hatte nachher das Amt Friedeburg im Mansfeldischen gepachtet, wo denn unser Klopstock in seinem ländlichen Aufenthalte sein glückliches Knabenalter verbrachte, und dann zu Quedlinburg das Gymnasium besuchte. Im 16. Jahre kam er auf die Schulpforte (bei Naumburg), und hier entwickelte sich nun sein Charakter als Mensch und als Dichter. Unter dem hiesigen verdienten Rektor Freitag setzte er sich in den alten Sprachen fest, gewann immer mehr Vorliebe für die klassischen Schriftsteller, machte selbst mehrere poetische Versuche, und faßte schon hier den Entschluß, irgend ein großes episches Gedicht zu fertigen, obgleich er in der Wahl des Stoffes nicht mit sich einig werden konnte, und damals vorzüglich Kaiser Heinrich der Vogler immer ihm als ein würdiger Gegenstand einer Evopee vorschwebte. Im Jahr 1745 verließ er die Pforte, wo er besonders auch in seiner [523] Abschiedsrede jenen Entschluß über sein Gedicht eröffnete, ging dann nach Jena, studirte hier Theologie, und entwarf schon im Stillen die ersten Gesänge der Messiade. In Leipzig, wohin er schon im folgenden Jahre sich begab, machte er nun die anziehendsten Bekanntschaften mit Cramer, Schlegel, Rabener, Zachariä u. m. die sich besonders damals durch die Bremischen Beiträge bekannt machten, in welchen denn auch zuerst die drei Gesänge seines Messias erschienen. Bald wurde ihm nun aber der Aufenthalt zu Leipzig unangenehm, da mehrere seiner Freunde die Akademie verließen, und so ging auch er 1748 nach Langensalza, in das Haus eines Verwandten, Weiß, über dessen Kinder er die Aufsicht übernahm, und wo er Schmidts Schwester, die in seinen Oden so oft besungene Fanny, persönlich kennen lernte, die er mit der heißesten Zärtlichkeit liebte, aber die ihn – nicht wieder liebte; und nur erst nach mehreren Jahren, durch Reisen und Zerstreuungen konnte er sich von der schwermüthigen Stimmung wieder heilen, die ihn wegen jener nicht erwiederten Liebe so sehr befallen hatte. – Jetzt begann nun, da seine Messiade erschien, die Periode seines Ruhms: sie machte, wie das bei einem solchen Werke zu erwarten stand, außerordentliches Aufsehen, und erregte gleiche Bewunderung und gleichen Tadel. Ein Theil verehrte den Sänger des Messias wie einen heiligen Dichter oder Propheten des alten Bundes; man sah es als ein Religionsbuch an, und ihn nannte man nur mit Ehrfurcht. Andre, namentlich alte Theologen, glaubten, die Religion werde durch seine verwegenen Dichtungen ganz entweiht. Ja ein ehrlicher Dorfpfarrer kam ausdrücklich zu ihm und bat ihn in allem Ernste, um Gottes und um der Religion willen, er möchte den Abadonna (einen abgefallenen Engel) ja nicht selig werden lassen. Daß auch seichte Kritiken erschienen, war wohl um so weniger zu verwundern, je weniger gerade die Verfasser davon selbst ihn vielleicht richtig verstanden. Klopstocks Ruhm wurde dadurch nur noch mehr erhöht, und was Lessing in einem Epigramm auf einen gewissen Meyer sang, konnte auf mehrere seiner Tadler angewendet werden:


[524] Sein kritisch Lämpchen hat die Sonne selbst erhellet,

Und Klopstock, der schon stand, von neuem aufgestellet.


Den stärksten Eindruck hatte sein Gedicht in der Schweiz gemacht. Kein Wunder, daß ihm Bodmer und seine Freunde wiederholt anlagen, in die Schweiz zu kommen. Klopstock nahm es an und reiste mit Sulzer im Sommer 1750 nach Zürich, wo alles aufgeboten wurde, ihm seinen Aufenthalt höchst angenehm und wo möglich zu seinem immerwährenden Wohnort zu machen, und man bewunderte ihn hier allenthalben mit einer Art heiliger Ehrfurcht1. Auch Er fand es hier und in mehrern Kantonen, zu welchen er eine Lustreise machte, äußerst reizend, und auf schweizerischem Grund und Boden keimten jene großen Ideen von Vaterland, Freiheit und deren heldenmüthigem Vertheidiger Hermann. – Auch in Dänemark hatte man die 3 ersten Gesänge seines Messias, hauptsächlich durch den berühmten großen Bernstorf kennen lernen, und Klopstock wurde nach Copenhagen eingeladen. Dieser reiste 1751 ab, machte seine Reise über Braunschweig und Hamburg, und hier lernte er, durch einen Brief von Gärtner an eine eigentlich strenge Leserin seiner Gesänge empfohlen, in dieser selbst das geistreiche Mädchen, Meta (eigentlich Margaretha) Moller kennen, ward mit ihr näher bekannt und in drei Tagen schon völlig durch Liebe mit ihr einverstanden, die er, da häusliche Verhältnisse ihre Verbindung noch hinderten, jetzt noch durch Briefe fortsetzte, weil sein Reise nach Copenhagen vor allem beschleuniget werden mußte. Hier wurde er von Bernstorf mit Freundschaft und hoher Achtung aufgenommen; er blieb den Winter über hier, wurde dann in dem folgenden Sommer durch seinen Freund Moltke beim König Friedrich V. vorgestellt und da dieser im Sommer 1752 eine Reise nach Holstein machte, so benutzte Klopstock diese Gelegenheit, zu seiner geliebten Meta nach Hamburg zurückzukehren, wo er sich den ganzen Sommer aushielt, [525] zwar wieder nach Dänemark mit dem König zurückkehrte, auch das Jahr 1753 hier noch zubrachte, aber im Sommer 1754 wieder nach Hamburg reiste, und am 10. Juni sich mit seiner Meta verband. Leider genoß er das Glück der ehelichen Liebe nicht lange: der Tod entriß sie und ein noch ungebornes Kind dem Dichter, dem sie mit der reinsten innigsten Liebe anhing; er begrub sie in dem Dorfe Ottensen bei Hamburg, und setzte dort die einfache schöne Grabschrift:


Saat gesäet von Gott,

Am Tage der Garben zu reifen.


Von 1771 an wohnte er, mit dem Charakter eines königlich dänischen Legationsraths und markgräflich badeuschen Hofraths (welchen letztern ihm der nachherige Churfürst Friedrich von Baden nebst einem Jahrgehalte ertheilte), in Hamburg, lebte hier in der Stille fort, und fand im Winter sein höchstes Vergnügen an Schlittschuhlaufen, wo er aber selbst einmal in die höchste Lebensgefahr kam, indem er einbrach, aber selbst bei dem augenscheinlichsten Tode die Fassung so wenig verlor, daß er seinem Begleiter selbst die Maßregeln angab, ihn zu retten, und – er wurde gerettet. Darauf bezieht sich auch selbst eine Stelle am Schluß des Messias:


Du gabst mir Muth in der Nähe des Todes.


Klopstocks Ende war wie sein Leben. Mit voller religiöser Ueberzeugung, mit Ruhe und Ergebung starb er den glücklichen Tod des Gerechten und Guten, den er selbst im 12. Gesang seiner Messiade besungen hat, am 14. März 1803 sanft und ohne Schmerzen. Sein Leichenbegängniß, gewiß eins der feierlichsten, das einem Gelehrten Deutschlands zu Theil ward, zeigt die allgemeine Theilnahme seiner Mitbürger, die sie im Namen aller entfernten hohen und niedern Verehrer des Entschlafenen hier zu Tage legten. Die hier wohnenden Gesandten und Geschäftsträger, alle angesehene Bürger, Senatoren, Kaufleute, Kirchen- und Schullehrer, Künstler u. s. f. begleiteten in 126 Wagen die Leiche, welche unter einer Ehrenwache von 100 Mann zu Fuß und zu Pferde, unter dem großen volltönenden Geläute der 6 Hauptthürme[526] von Hamburg, durch Zuströmen vieler Tausende und unter mehrern der Sache angemessenen Feierlichkeiten, welche durch das Wehen der Trauerflaggen von den Schiffen im Hafen noch einen erhabnern Eindruck machten, an einem heitern Frühlingstage den 22. März zu Ottensen neben seiner Meta eingesenkt wurde, wo er sich schon bei ihrem Tode sein Grab bestellt hatte.

Klopstock war von Seiten seines Charakters munter und aufgeweckt; sein nicht sparsamer Scherz doch immer mit einer gewissen Würde verbunden, indem er sich nie bis zum Lustigmacher herabließ; sein Spott war nie bitter. Eine gewisse Geradheit hielt ihn von der nähern Bekanntschaft mit Vornehmeren zurück, denn die kalte Herablassung der Großen sah er mehr als Beschimpfung an. Er zog gern mit ganzen Familien seiner Freunde aufs Land. Immer freute er sich, von einem Kreise von Kindern umgeben zu sein. – Seiner freudigsten Beschäftigung im Winter ist oben schon Erwähnung gethan worden. An dem Wohl und dem häuslichen Glück seiner Freunde nahm er den innigsten Antheil, aber besonders angenehm war ihm die Rückerinnerung an seine Dichterfreunde, mit denen er in Leipzig vereint gewesen war, und von denen er immer Einen nach dem andern ins Grab sinken sah. Der Letzte, der aus diesem zarten Kreise seiner alten Freunde heraustrat, war Ebert: auch diesen überlebte er; mit Fassung und Standhaftigkeit vernahm er die Nachricht von seinem Tode. – Von den neuern Weltbegebenheiten vermied er absichtlich zu sprechen, und so sehr er auch Freiheit des menschlichen Geistes liebte, und überhaupt jede Tyrannei haßte, so ist doch die ihm zugeschriebene Revolutions-Ode an Rochefoucaulds Schatten als ganz untergeschoben zu betrachten.

So schwer es ist, Klopstock als Dichter und Gelehrten zu charakterisiren, und so wenig es hier der Ort ist, eine gänzlich gnügende Auseinandersetzung und Entwickelung der Schönheiten, die seine Werke so sehr auszeichnen, aufzuführen, so dürfte es doch vielen unserer Leser und Leserinnen, die gewiß Klopstock als einen der ersten Dichter der Deutschen verehren, nicht unangenehm sein, wenigstens hier einen[527] kleinen Ueberblick seiner hohen Verdienste, und worin er eigentlich groß und einzig genannt zu werden verdient, zu erhalten.

Als Oden-Dichter ist wohl Klopstock bestimmt unter den lyrischen Dichtern aller Zeiten der größte. Man kann ihn den Pindar der neuern Poesie nennen, aber er übertrifft diesen an Fülle und Tiefe der Empfindung, so wie die Seelenwelt, die er schildert, die von dem griechischen Dichter dargestellten Gegenstände aus der Sinnenwelt übertrifft. Seine geistlichen Oden (z. B. die Frühlingsfeier) nehmen den Schwung des Psalmisten, und zeigen selbst in der Freiheit des Metrums die Sicherheit seines lyrischen Geistes. Die ersten Oden an Fanny, Ebert sind wegen der darin herrschenden Melancholie und erhabenen Stimmung gewiß keinem gebildeten Leser unbekannt. Und selbst im Gefühle der Freude (z. B. in der Ode am Züricher See), selbst wenn er beinahe anakreontisch wird, wie in manchen kleinen Gedichten an Cidli, verläugnet er nie seine hohe Würde und die hohe platonische Richtung seiner Liebe. Die spätern Oden, wo er Theil an den Begebenheiten der Zeit und namentlich der französischen Revolution nimmt und worin Deutsches Vaterland und unsre Sprache die gefeierten Hauptgegenstände sind, zeichnen sich durch das Feuer des Patriotismus und die neuen schöpferischen Wendungen des Ausdrucks aus. Durch letztere, wie auch durch die gewählte nordische Mythologie wird er freilich mehrern Lesern oft dunkel; aber auch eben dieses – größere Publikum wird Klopstock als geistlichen Liederdichter verstehen und dankbar verehren, wenn es sich an die Lieder: Auferstehn, ja auferstehn wirst du etc. Wenn ich einst von jenem Schlummer etc. die sich besonders durch den von Klopstock sonst verbannten Reim unterscheiden, mit Rührung erinnert.

Den größten und schnellsten Ruf erwarb sich aber Klopstock durch seine Evopee, der Messias, deren erste Gesänge gleich bei ihrer Erscheinung durch den erhabenen Propheten-Schwung, durch die Pracht ihrer Schilderungen und durch den hohen ächt patriarchalischen [528] Idyllenton den glücklichen Nebenbuhler Miltons verkündigten. Wenn der Britte auch als epischer Dichter durch die Charaktere seiner Helden, besonders des Satan, und durch Klarheit des epischen Stils den Vorzug verdient, so übertrifft ihn auf der andern Seite Klopstock durch lyrischen Gehalt, musikalischen Wohllaut und den Glanz der Darstellung. Ein einziger Vers von Klopstock hat einen größern Schwung der Empfindungen, als Milton je hervorbringen kann; aber freilich ermüdet dann auch zuweilen der fortgesetzte Hymnenton.

Klopstocks Barditen sind mehr dramatisirtes Heldengedicht und lyrisch-theatralische Scenen, als ein Trauerspiel (die Form von letzterm hat mehr sein Tod Adams, wo er Jamben, mit Anapästen vermischt, braucht): die Chöre, von denen auch Gluck mehrere componirt hat, und welche zu des letztern meisterhaftesten Arbeiten gehörten, leider! aber, da sie Gluck mehr im Kopfe als aufm Papiere hatte, ganz für uns verloren sind, – sind von höchstem lyrischen Schmuck und athmen höchsten Patriotismus und Freiheitssinn. Er hat den deutschen Charakter idealisirt, wie keiner.

Um die Sprache hat Klopstock ein großes grammatisches Verdienst. Seine Fragmente über Sprache und Dichtkunst, seine Gelehrten-Republik und grammatischen Gespräche klärten viele Gegenstände der deutschen Grammatik und Poesie auf, wenn auch seine Neuerungen in der Orthographie, wo er alle überflüssigen Buchstaben wegwarf, nicht Beifall fanden.


Fußnoten

1 Ein paar Mädchen kamen ausdrücklich von Glarus her den See heruntergefahren, einzig in der Absicht, den Sänger des Messias zu sehen.

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 7. Amsterdam 1809, S. 523-529.
Lizenz:
Faksimiles:
523 | 524 | 525 | 526 | 527 | 528 | 529
Kategorien:

Buchempfehlung

Mickiewicz, Adam

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz erzählt die Geschichte des Dorfes Soplicowo im 1811 zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilten Polen. Im Streit um ein Schloß verfeinden sich zwei Adelsgeschlechter und Pan Tadeusz verliebt sich in Zosia. Das Nationalepos von Pan Tadeusz ist Pflichtlektüre in Polens Schulen und gilt nach der Bibel noch heute als meistgelesenes Buch.

266 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon