Auffodern

[141] Auffodern. Bei der Auffoderung zur Übergabe einer Festung haben von jeher gewisse Förmlichkeiten stattgefunden, die meist in der bei Unterhandlungen der Art zu beobachtenden Vorsicht ihren Grund haben. Die erste Auffoderung ergeht gewöhnlich, wenn der Belagerer gegen die Festung anrückt. Es wird ein Parlementair mit einem Trompeter abgesandt, welcher letztere in der Nähe der Festung Appell bläst. Der Belagerte schickt dem Parlementair einige Mann entgegen, die, nachdem sie demselben die Augen verbunden, ihn in die Festung führen. Nach genommener Rücksprache wird er ebenso vor die Festung zurückgebracht. Während der Belagerung kann jeder den Belagerten ungünstige Vorfall, z.B. der Sieg über ein Corps, das zum Entsatz sich näherte, geschossene Bresche, Mangel an Munition oder Lebensmitteln, ein Aufstand im Innern der Festung dem Befehlshaber der Belagerungstruppen Veranlassung geben, zur Übergabe aufzufodern, [141] wo dann auf ähnliche Weise verfahren wird. Der Tambour nämlich schlägt die Chamade (Appell); aus der Festung wird darauf geantwortet, alle Feindseligkeiten hören auf und der Tambour der Festung bezeichnet den Ort, von welchem aus der Parlementair zum Commandanten der Festung geführt werden soll. Auch im Felde ergehen zuweilen an Truppenabtheilungen, welche umringt oder sonst von aller Verbindung mit dem Hauptcorps abgeschnitten sind, Auffoderungen, sich zu ergeben. Bei allen Völkern, selbst den rohesten, wird die Person des Parlementairs für geheiligt erachtet und ihm durchaus kein Leid zugefügt.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1837., S. 141-142.
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