Sechstes Kapitel.

Höhepunkte des Krieges und Abschluß.

[110] Wir haben gesehen, welche Bedeutung das Kastell Aliso für die Kriegführung der Römer hatte. Arminius eröffnete den nächsten Feldzug i. J. 16 mit einem Versuch, es wegzunehmen, aber als Germanicus mit sechs Legionen angerückt kam, ließ er es nicht auf eine Schlacht ankommen, sondern gab die Belagerung auf, zog sich zurück und überließ die Initiative abermals den Römern.

Der Bericht des Tacitus über den Feldzug dieses Jahres ist noch viel unsicherer, als der eben geschilderte, ja, er enthält einen so starken inneren Widerspruch, daß er ohne eine durchgreifende Korrektur schlechthin unverständlich bleiben muß. Tacitus erzählt uns zunächst ganz einleuchtend, wie Germanicus die strategische Situation beurteilt habe: in der rangierten Schlacht und im freien Felde schlage er die Germanen; diese würden unterstützt durch ihre Wälder und Sümpfe, den kurzen Sommer und frühen Winter. Der römische Soldat gehe weniger durch Wunden, als durch die Märsche und den Materialverlust zugrunde; Gallien sei der Pferdelieferungen müde. Die endlosen Trainkolonnen böten die Gelegenheit zum Hinterhalt und seien schwer zu verteidigen. Wenn man aber zu Wasser komme, so sei man plötzlich und unvermutet zur Stelle; man könne den Krieg früher beginnen, Legionen und Lebensmittel zusammen fortbringen; Reiter und Rosse könnten auf diesem Wege mit frischen Kräften mitten in Germanien erscheinen. Alles dies erwogen, ließ Germanicus eine Flotte von 1000 Schiffen46 bauen und fuhr, nach Tacitus, ganz wie das[110] vorige Mal die Ems hinauf und zog zu Lande den langen Weg von der Ems zur Weser. Der ganze Unterschied gegen den vorigen Feldzug wäre hiernach, daß nicht das halbe, sondern das ganze Heer auf die Schiffe gesetzt wurde. Gewinn aber hätte das römische Heer von dieser Änderung nicht haben können, da die Vereinigung auf einem Fleck die Bewegungen noch viel unbehilflicher machen mußte als im Vorjahr, wo sich die Heereshälfte des Caecina auf die Lippe basierte; ja, das Verfahren des Germanicus wird völlig unbegreiflich, wenn man sich erinnert, daß er vorher bereits mit sechs Legionen bei Aliso stand. Von hier bis an die Weser hätte er nicht mehr als vier Tagemärsche gehabt – da soll er zurückgegangen sein, sich auf die Flotte gesetzt haben, um in die Ems zu fahren, von wo er, nördlich des Gebirges, wenigstens 8 bis 10 Märsche an die Weser hatte? Das wäre eine merkwürdige Art gewesen, Pferde zu sparen und die Truppen frisch in die Mitte Germaniens zu bringen.

Zu alledem kommt, daß Tacitus von dem Marsch von der Ems zur Weser überhaupt nichts erzählt, sondern das Heer, unmittelbar nachdem es angeblich am Emsufer ans Land gestiegen, an der Weser auftreten läßt.

Es gibt nur eine Korrektur, die Vernunft in diese Wirrnis bringt: daß Tacitus nämlich die Namen der Ems und Weser verwechselt hat. Wir wissen, daß schon Drusus und Tiberius in die Weser und Elbe eingefahren sind; wir wissen, daß die Chauken an der Mündung der Weser zu den Römern hielten und daß bei ihnen selbst nach der Varianischen Niederlage, bis zum Jahre 14, eine römische Besatzung blieb. In einer Rede, die Tacitus später den Armin an seine Landsleute halten läßt, läßt er ihn sagen, die Römer hätten den Umweg über den Ozean gewählt, damit niemand sie sofort bei der Ankunft bekämpfen, geschlagen, sie nicht verfolgen könne. Diese Rede wäre unverständlich, wenn die Römer den großen Landmarsch von der Ems her gemacht hätten. Wir haben oben schon eine andere Stelle angeführt, wo sich zeigt, daß Tacitus von dem geographischen Verhältnis der germanischen Flüsse keine Vorstellung hat, da er ein Heer, das von der Ems zum Rhein marschiert, an die Weser kommen läßt. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß auch[111] hier eine Verwechslung untergelaufen und Germanicus nicht in die Ems, sondern in die Weser eingelaufen und hier, unmittelbar an der Grenze des Cheruskerlandes, ausgeschifft ist. Sicherlich ist es aber auch nicht das ganze römische Heer gewesen, das diese Flottenexpedition machte, sondern nur ein Teil, seien es vier, seien es sogar nur zwei Legionen. Zwei Legionen scheint etwas wenig, aber es ist fast notwendig, da es eine schwer verständliche Kraftverschwendung gewesen wäre, von den sechs Legionen bei Aliso auch nur einen Teil den Rückmarsch an den Rhein und dann die Seefahrt machen zu lassen, um sie durch die Weser an die Porta zu bringen.47 Für Tacitus, dessen ganze Aufmerksamkeit der Person des Germanicus zugewandt ist, ist es gar nicht so unnatürlich, daß er den nicht von ihm geführten Heerteil, der freilich der erheblich größere war, bei dem aber nichts Erzählenswertes vorging, zu erwähnen unterläßt. Dem Feldherrncharakter des Germanicus gereicht es zum Zeugnis und zur Ehre, daß er selbst die Führung der Flotte, als des schwierigsten und wichtigsten Stückes des Feldzuges, übernommen hatte, obgleich nur der kleinere Teil des Heeres diesen Zug nahm.

Der ganze Zweck der Seeexpedition war die Heranschaffung eines schwimmenden Proviantmagazins auf der Weser. Die Truppen dabei waren nur nötig als Bedeckung. Waren es wirklich nur zwei Legionen, so ist ja möglich, daß gerade diese beiden Legionen komplett waren und nur die 6 andern die nötigen Garnisontruppen für die Kastelle und die Rheingrenze zurückgelassen hatten, und daß sie ferner ein besonders starkes Kontingent von Auxilien, zu denen an der Weser noch die Chauken stießen, bei sich hatten. Für die Rückfahrt berichtet es Tacitus nachher ausdrücklich (II, 23), daß Germanicus einen Teil seines Heeres zu Lande in die Winterquartiere geschickt habe.[112]

Ich nehme also an, daß, während Germanicus mit einem größeren oder kleineren Teil seines Heeres die Weser hinauffuhr, der andere Teil ihm auf der Straße Aliso-Dörenschlucht entgegenzog und daß beide Heerteile irgendwo an der mittleren Weser, etwa bei Minden miteinander in Fühlung traten.

Die lange Zeit, wo das Gros des Heeres bei Aliso lag und wartete, bis die Flotte in der Weser erschien, wurde so benutzt, diese Gegend mit dem Rhein durch eine feste, durchgehende Straße zu verbinden und dadurch zu sichern.48

Haben wir durch unsere Korrektur eine durchsichtige und einleuchtende strategische Grundidee für den Feldzug gefunden, so ist der weitere Verlauf darum doch noch keineswegs deutlich erkennbar. Tacitus berichtet, daß Germanicus die Germanen in zwei großen Schlachten auf dem Idisiavisofelde an der Weser und an dem Wall, der die Angrivarier von den Cheruskern schied, geschlagen habe. Obgleich damit ja sehr gute topgraphische Anhaltspunkte gegeben scheinen, so ist doch der innere Zusammenhang der Bewegungen so wenig deutlich, daß die Forscher nicht wissen, ob sie die Schlachten auf dem rechten oder linken Weserufer, die zweite Schlacht im weiteren Vorrücken oder bereits auf dem Rückmarsch der Römer ansetzen sollen. Die großen Erfolge, die die Römer davongetragen haben wollen, erscheinen äußerst fragwürdig, da sie keinerlei Früchte gebracht haben und, nach der eigenen späteren Darstellung des Tacitus, in seinem Kampfe gegen Marbod Armin nicht als ein Mann erscheint, der von den Römern besiegt sei, sondern sie besiegt habe. Die Einzelheiten der Schlachtschilderung sind nicht nur unklar und widerspruchsvoll, sondern auch taktisch geradezu unmöglich. Ich werde das unten im einzelnen behandeln. Die Schlachten verlieren aber das allgemeine Interesse, da ich von vornherein ihre ganze Existenz bestreiten zu müssen glaube.

Wie in aller Welt soll Arminius dazu gekommen sein, sich der römischen Gesamtmacht zu einer rangierten Schlacht zu stellen? Wir haben den Cheruskerfürsten bisher als einen Mann kennen gelernt, der die Stärke und Schwäche der Römer sehr richtig beurteilte;[113] er vermied die Feldschlacht und lauerte auf die Gelegenheit zum Überfall. Diese Erwägung bleibt bestehen, auch wenn wir annehmen, daß Arminius seine Eidgenossenschaft mittlerweile durch diplomatische Mittel sehr erweitert und ein viel größeres Heer zur Verfügung hatte als im Vorjahr. Die Römer hatten in diesem Jahre nicht den übergroßen Troß der Proviantkolonnen, der den Germanen den Überfall erleichterte. Wenn die Cherusker ihnen auswichen, so konnten die Römer auch jetzt nichts anderes tun, als durch ihr Land zu ziehen, um es auszurauben und zu verwüsten. Um das einigermaßen ausgiebig vollführen zu können, mußten sie sich teilen. Unter allen Umständen hätten sich hierbei für die Germanen günstigere Gelegenheiten zum Schlagen ergeben als in einer Defensive gegen die römische Gesamtmacht, die mit ihrer großen, wahrscheinlich gewaltigen numerischen Überlegenheit die Germanen, wo es auch war, hätte umgehen und dann vielleicht vernichten können.

Daß die Römer wirklich große, entscheidende Siege erfochten haben, ist ausgeschlossen durch den weiteren Verlauf der Dinge, der nichts von solchen Siegen zeigt, und durch die eigene weitere Erzählung des Tacitus, in der Arminius immer als ein Unbesiegter auftritt.49 Daß die Römer geschlagen worden sind, ist ebenfalls ausgeschlossen, da dann nicht viele von ihnen an den Rhein zurückgekehrt sein würden. Daß zwei große Schlachten geschlagen, aber beide unentschieden geblieben sind, ist ebenfalls ausgeschlossen, denn erstens sind unentschiedene Schlachten, wenn anders es wirkliche, große Schlachten gewesen sind, notwendig sehr verlustreich, so verlustreich, daß das notwendig auch in einer ganz einseitigen Darstellung, wie die des Tacitus, irgend einmal durchscheinen müßte, und zweitens wäre eine wirklich große Schlacht, in der die Römer nicht siegten, für sie schon gleichbedeutend mit einer völligen strategischen Niederlage gewesen. Sie hatten ihre ganze Macht zur Stelle, und daß sie mit dieser in der rangierten Schlacht des Sieges unbedingt sicher seien, das war das Fundament nicht nur ihrer Kriegführung, sondern ihrer ganzen politischen Stellung, nicht nur bei den Germanen, sondern, man möchte sagen, in der Welt.[114]

Ich verweise daher die beiden großen Schlachten von Idisiaviso und am Angrivarier-Wall in das Reich der Fabel. Die römische Erzählung genügt nicht, sie uns glaubwürdig zu bezeugen, da die Folgen sie nicht bestätigten und alle sachlichen Erwägungen dagegen sprechen. Es mögen kleine Gefechte gewesen sein. Man hat die Vermutung ausgesprochen, daß die direkte oder indirekte Quelle des Tacitus für diese Germanicus-Feldzüge ein Gedicht gewesen sei, und ich gestehe, daß diese Vermutung für mich sehr viel Wahrscheinlichkeit hat.50 Die Erzählung ist voller Abenteuerlichkeiten und ausgemalter Szenen, wie sie so recht dem Dichter eines Kriegsepos anstehen: das Gespräch zwischen Arminius und seinem Bruder Flavus über den Fluß hinüber; die nächtliche Wanderung des Germanicus durch das Lager, wo er die Soldaten belauscht und sein Lob aus ihrem Munde hört; die Odysseus-Geschichten auf der Rückfahrt über den Ozean. Dagegen ist der strategische und geographische Zusammenhang auf eine Weise vernachlässigt, wie sie bei einem Prosa-Berichterstatter fast unmöglich erscheint.

Ich sehe also von allen Einzelheiten ab, glaube aber, daß es nicht unmöglich ist, den strategischen Zusammenhang trotz allem zu erraten und aus der allgemeinen Sachlage zu rekonstruieren.

Wir haben es ja nicht mit einem improvisierten Coup zu tun, der auf falsche Meldungen hin unüberlegt unternommen worden wäre, sondern mit einem Feldzugsplan, der von weit her in allen seinen Einzelheiten von den kundigsten und bewährtesten Männern erwogen und festgestellt war. Wenn auch Germanicus ein junger Mann war, dessen persönliche Tüchtigkeit unsere Quellen übertreiben mögen, so ist doch kein Zweifel, saß Augustus und Tiberius, die beide Menschenkenner waren, ihm einen Generalstab der bewährtesten Offiziere an die Seite gestellt haben, und es kann weiter kein Zweifel sein, daß der Kriegsplan nicht nur hier gebilligt, sondern auch dem Tiberius zur Bestätigung vorgelegt worden ist. Tiberius aber war ein so hervorragender General und ein so guter Kenner Germaniens, daß wir einen anderen Kriegsplan als einen klug und rationell durchdachten nicht annehmen dürfen. Ergeben sich auf Grund der sicher überlieferten Tatsachen verschiedene[115] solche Möglichkeiten, so können wir eine Entscheidung nicht treffen. So viel ich aber sehe und so viel in der bisherigen Literatur zu Tage getreten ist, gibt es nur eine Möglichkeit, um den Zusammenhang unter der Voraussetzung einer durchdachten Strategie zu erklären. An diese also haben wir uns zu halten.

Als Segest zu den Römern überging, hat er ihnen, nach dem Bericht des Tacitus (ann. I, 58), in Aussicht gestellt, zwischen ihnen und seinen Landsleuten zu vermitteln.

Auch wenn wir nicht diese positive Nachricht hätten, müßten wir annehmen, daß Segest diese Sprache geführt hat. Es ist die Illusion, in der die Emigranten leben, wo wir sie auch immer in der Geschichte finden; von Hippias, dem Tyrannen von Athen, an bis zu den französischen Edelleuten in der Revolution und den deutschen Republikanern im Jahre 1848 haben sie in der Verbannung stets in dem Gedanken gelebt, daß zu Hause eine große Anhängerschaft nur ihrer Rückkehr harre, um sich ihnen anzuschließen. Nach Segest war Ende 15 auch sein Bruder Segimer zu den Römern übergegangen; wir dürfen glauben, daß diese cheruskischen Fürsten dem Germanicus vorgetragen haben: wenn er nur mit einem imponierenden Heere an der Weser erschiene, so stünden die dafür ein, daß die Cherusker den Arminius verlassen und zu ihnen und den Römern übertreten würden – ja, wir dürfen nicht bloß, sondern wir müssen annehmen, daß ein derartiges Motiv bei dem Feldzugsplan des Germanicus mitgespielt hat. Wäre dem nicht so gewesen, so wäre die Versetzung des Kriegsschauplatzes zu den Cheruskern für die Römer ein offenbarer Fehler gewesen. In den Jahren 14 und 15 hatten die Römer die Marsen, Bructerer und Chatten, vermutlich auch die dazwischen sitzenden kleineren Völkerschaften, auf das härteste heimgesucht. Man sieht kaum, wie die Bructerer eine solche Durchmusterung ihres Landes, wie im Jahre 15, haben überstehen können. Hätten die Römer diese Züge mehrere Jahre hintereinander wiederholt, so mußten die betroffenen Völkerschaften verhungern oder auswandern – oder sich unterwerfen. So wären die Römer etappenweise vom Rhein an die Weser vorgerückt. Indem sie nun diese Völker sich wieder etwas erholen ließen und mit den Cheruskern anbanden, machten sie an beiden Stellen halbe Arbeit – ausgenommen, wenn sie Aussicht hatten,[116] die Cherusker in einem Feldzug zur Unterwerfung zu bringen. Daß dies durch große Schlachten geschehen könne, war nicht anzunehmen. So wenig, wie im Jahre 15, war Germanicus in der Lage, den Arminius dazu zu zwingen, und es haben auch sicherlich keine großen Schlachten stattgefunden. Aber im Gefolge des Germanicus war Flavus, der Bruder, und, wie wir annehmen dürfen, wennschon Tacitus es nicht meldet, auch Segest, der Schwiegervater des Arminius, und dessen Bruder Segimer. Gelang es diesen drei cheruskischen Fürsten, eine Spaltung in ihrem Volk hervorzubringen und auch nur einen Teil auf die Seite der Römer hinüberzuführen, so konnte Armin sich sicherlich nicht behaupten. Er wäre endlich ausgeliefert worden oder hätte sich über die Elbe geflüchtet; die Cherusker unter anderen Führern wären von den Römern zu Gnaden angenommen worden, und dieser Erfolg hätte sicherlich auch über die Völker zwischen Weser und Rhein entschieden. Mit einem Schlage wäre die römische Herrschaft bis zur Elbe hergestellt gewesen.

Einen Niederschlag dieser Politik mögen wir in dem angeblichen Gespräch zwischen Armin und seinem Bruder Flavus über die Weser herüber erblicken. Daß dazu Arminus die Initiative ergriffen haben soll, darf uns nicht beirren; es ist psychologisch so unwahrscheinlich wie möglich. Ist das ganze Gespräch nicht reine Fiktion, so ist es die tendenziös-dichterische Ausgestaltung der Tatsache, daß nicht bloß Krieg geführt, sondern auch verhandelt worden ist. Wie weit es mit diesen Verhandlungen gekommen ist, wissen wir nicht, aber daß Segest überhaupt keinen Versuch gemacht haben sollte, sein Versprechen der Vermittlung, die ihn selbst wieder in sein heimisches Fürstentum eingesetzt haben würde, auszuführen, werden wir als unmöglich hinstellen dürfen. Sonst wäre dies Wort in die römische Erzählung sicherlich gar nicht hineingekommen.

Es mag kühn erscheinen, auf diese Weise in einen Feldzug einen Gedanken einzufügen, von dem unsere Quelle direkt kein Wort berichtet. Wer will, mag es nur für eine Hypothese halten; als Tatsache aber darf man es hinstellen, daß erst durch Einschmelzung eines solchen Momentes der sonst handgreifliche Fehler des Germanicus, die Cherusker anzugreifen, ehe er mit den Marsern und Bructerern fertig war, schwindet, und daß wir nun umgekehrt sagen[117] dürfen: ein auf große Taten angelegter und ausgehender römischer Feldherr konnte kaum anders handeln, als es Germanicus getan hat. Aber da die politische Voraussetzung, auf die sein Feldzugsplan aufgebaut war, versagte, so mußte auch das große Unternehmen scheitern. Die Cherusker müssen in nicht geringe Not und Versuchung gekommen sein, aber Arminius' Persönlichkeit war groß genug, sie fest um sich zu scharen und trotz des Abfalls so vieler Edlen ihren Mut aufrecht zu erhalten. Es ist ein Vorgang analog dem Feldzug des Antonius gegen die Parther. Die römischen Heere haben sich glücklich an der Weser, an der Porta, vereinigt und sind auch wohl tiefer ins cheruskische Land eingedrungen, vielleicht bis über die Leine oder gar bis an die Aller, auf welchen Flüssen ihr schwimmendes Magazin wieder an das Heer herankonnte, aber da die römische Partei unter den Cheruskern sich nicht zeigte oder nichts ausrichtete, ja sogar die Angrivarier, an der mittleren Weser zwischen Chauken und Cheruskern, sich wieder erhoben, so mußten sie wieder zurück. Tacitus gibt als Motiv des Rückzuges nur an, daß der Sommer zu Ende gegangen sei. Man hat dies Motiv angezweifelt, da Germanicus, wie Tacitus weiter berichtet, noch in demselben Herbst eine große Doppelexpedition gegen die Chatten und Marser unternahm, und wäre er wirklich auf der Ems, wie man bisher geglaubt, zurückgefahren, so wäre das Bedenken berechtigt. Versetzen wir aber die ganze Expedition an die Weser, so rückt sich auch dies zurecht: unmöglich konnte der römische Feldherr es darauf ankommen lassen, mit seiner riesigen Transportflotte auf der Nordsee in die Hebsttürme zu geraten. Da er dennoch ein Unwetter auszustehen gehabt hat, dürfen wir vermuten, daß er für den weiten Weg eher schon etwas zu lange, etwa bis in den September, im Cheruskerlande geweilt hat, immer noch in der Hoffnung, die Germanen mürbe zu ma chen. War er nun auch erst Ende September wieder am Rhein, so konnte er sehr gut im Oktober noch die beiden Expeditionen gegen die Grenzvölker machen.

Daß Tacitus uns von dem politischen Moment in der stragegischen Idee des Feldzuges nichts sagt, erscheint natürlich, wenn wir als seine Quelle ein Kriegsepos annehmen, dem eine derartige prosaische Berechnung von vornherein widerstrebt. Aber auch wenn diese Hypothese unbegründet sein sollte, so erklärt sich die Omission[118] genügend aus der Tendenz der Verherrlichung des Germanicus. Mit der Angabe jenes Planes hätte man ja auch das Scheitern zugestehen müssen. Der Krieg sollte aber als ein Erfolg erscheinen, und es ist dem Autor ja auch gelungen, diesen Eindruck hervorzubringen: die Cherusker werden in zwei großen Schlachten bis zur Vernichtung geschlagen, und die Römer kehren an den Rhein zurück nur in Rücksicht auf die Jahreszeit, die ja notorisch den Aufenthalt im inneren Germanien für ein römisches Heer ausschloß.

Wir unsererseits erkennen hier noch einmal, was es für ein römisches Heer bedeutete, im Innern Germaniens Stellung zu nehmen: nicht einmal jetzt nach zwei in militärischem Sinne siegreichen Feldzügen konnte Germanicus es wagen, etwa bei Aliso, ganz abgesehen vom Wesergebiet, zu überwintern, sondern mußte an den Rhein zurück. So lange die Bructerer und Marsen nördlich und südlich der Lippe sich nicht unterworfen und die Herrschaft der Römer anerkannt hatten, brachte ein Winterlager an den Lippe-Quellen so viel Gefahren, Unbequemlichkeiten und Verluste im Kleinen mit sich, daß der Erfolg den Aufwand nicht lohnte.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 110-119.
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