Siebentes Kapitel.

Römer und Germanen im Gleichgewicht.

[155] Das Ergebnis der Teutoburger Schlacht und der Germanicus-Feldzüge war zwischen Römern und Germanen eine Art Gleichgewicht. Jene waren nicht imstande, die tapferen, freiheitsliebenden Barbaren-Stämme in ihren weiten wald-, berg- und sumpfreichen Gefilden an den Grenzen des Weltreiches zu unterwerfen, und diese wieder waren nicht fähig, es mit den Römern in einer offenen Feldschlacht aufzunehmen und offensiv gegen sie zu werden.

Die Expansion des Römerreiches war darum noch nicht zu Ende gekommen. Noch über ein Jahrhundert ist sie positiv fortgeschritten, und noch ein weiteres Jahrhundert hat sie Fortschritte ins Auge gefaßt und darum gekämpft. Waren die Germanen zu tapfer und ihr Land zu wenig zugänglich, so gelang doch die Unterwerfung des von Kelten bewohnten Britannien, und in den Ebenen nördlich der unteren Donau, in dem heutigen Ungarn und Rumänien, wurde eine große, neue Provinz, Dacien, begründet. Endlich wurde auch Anfang des zweiten Jahrhunderts im größten Stil der Kampf gegen die Parther wieder aufgenommen und Mesopotamien erobert.

Der Grund, weshalb die Römer anderthalb Jahrhunderte vergehen ließen, ehe sie die Niederlage des Crassus und den Mißerfolg des Antonius rächten, ist derselbe, wegen dessen sie endlich auf die Unterwerfung der Germanen verzichtet hatten. Man kann nicht annehmen, daß die Parther stark genug gewesen wären, einem groß angelegten Angriff des gesammelten römischen Reiches zu widerstehen. Aber zu dem neuen Alexanderzug gehörte auch ein neuer Alexander. Marcus Antonius hatte es sein wollen und war[155] es nicht geworden, nicht weil es ihm so völlig an den Eigenschaften dazu gefehlt hätte, oder weil es an sich unmöglich gewesen wäre, sondern weil der eine Anlauf, den er machte, nach einem besonderen Plan angelegt, durch widrige Umstände mißglückte und er auf einen neuen verzichtete. Man hätte auch versuchen können, schrittweise vorzugehen und zunächst sich auf die Eroberung Mesopotamiens zu beschränken. Auch das war schon ein so großes Unternehmen, daß nur der Kaiser selbst es in die Hand nehmen durfte. Es gehörte also ein Kaiser dazu, der, selbst ein großer unternehmungsfreudiger Kriegsmann, seiner monarchischen Würde so sicher war und das Reich im übrigen in solcher Ordnung und Verfassung hatte, daß er auf Jahre hinaus die Hauptstadt verlassen und sich ganz dem Kriege an dieser fernsten Grenze widmen konnte. Weder die Kaiser des julisch-claudischen noch des flavischen Hauses waren so geartet oder in solcher Lage. Erst in Trajan (98-117) war dem römischen Reich ein Haupt gegeben, in dem alle jene Bedingungen zusammentrafen. Trajan war Befehlshaber der römischen Legionen am Oberrhein, mit dem Hauptquartier in Mainz, als er seine Berufung auf den Sitz Cäsars durch Adoption erhielt. Man sollte meinen, es hätte für ihn, wenn er Krieg führen, den Ruhm des römischen Namens mehren und zukünftigen Gefährdungen des Reiches vorbeugen wollte, am nächsten gelegen, endlich die Unterwerfung der Germanen durchzuführen. Er hat sich nicht daran gewagt. Appian berichtet uns, daß die Römer das nördlichste Britannien nicht unterworfen hätte, weil das Land nichts eingebracht haben würde; dieser Grund mag auch mitgesprochen haben, wenn man im römischen Hauptquartier erwog, ob es ratsam und geboten sei, Germanien einzuverleiben. Auch Trajan hat lieber Dacien ins Auge gefaßt und sich endlich gegen die Parther gewandt. Er hat Armenien und Mesopotamien tatsächlich dem römischen Reichskörper angefügt, aber eben, indem er noch in diesem Kriege begriffen war, starb er, und sofort trat wieder die Wechselwirkung zwischen der inneren Verfassung des römischen Staates und der Kriegführung hervor: sein Nachfolger Hadrian, eines sicheren Rechtstitels zur Herrschaft entbehrend, war nicht in der Lage, den Krieg gegen die Parther weder selbst fortzuführen, noch ihn einem General anzuvertrauen. Er schloß Frieden und gab die Eroberung[156] Trajans wieder auf. Noch mehrfach sind wohl die Römer bis an und über den Tigris gekommen, haben ihn aber immer nur kurze Zeit behauptet.

Der Plan aber, die Elbe zur Reichsgrenze zu machen, ist überhaupt nicht wieder aufgenommen worden, und so ist die Abberufung des Germanicus durch Tiberius die entscheidende Wendung in der Weltgeschichte geblieben. Seit diesem Tage haben die Römer der großen Offensive gegen die Germanen entsagt und sich im wesentlichen auf die Wahrung und Verteidigung ihrer Grenze beschränkt. Diese Grenzverteidigung aber war eine in ihrer Art ganz neue der Kriegskunst gestellte Aufgabe.

Als Tiberius die Fortsetzung des Germanicus-Krieges inhibierte, sind die Legionen nicht gleich vollständig auf das linke Rheinufer zurückgekehrt, sondern haben auch auf dem rechten noch einige Landstriche und Plätze behauptet.62 Man ist auch noch einige Schritte weiter vorgerückt; der warme Winkel zwischen Rhein und Main und die Silberadern, die man an der Lahn entdeckte, lockten so sehr, daß man diese Landschaft endlich besetzte und besiedelte, obgleich man damit das große natürliche Bollwerk des Rheinstromes überschritt und nun einen künstlichen Grenzschutz zu schaffen hatte. Im vorspringenden Winkel wurde dann auch die Wetterau in dieses Gebiet hineingezogen und im Anschluß daran der Winkel zwischen dem Rhein und der Donau mit dem Odenwald und Schwarzwald.

Diese Grenze galt es zu hüten.

Waren die Germanen auch nicht in der Lage, das durch alle Zeit gefechtsbereite Legionen geschützte römische Reich anzugreifen, so waren sie darum doch keineswegs friedliche Nachbarn. Die[157] Römer bedurften eines stehenden Heeres, nicht nur um die Germanen in großen Feldschlachten niederkämpfen und zurückwerfen zu können, sondern um des täglichen Schutzes willen gegen räuberische Grenzverletzungen, gegen die barbarische Staaten völkerrechtliche Sicherungen nicht zu geben vermögen, selbst wenn sie es wollten, da sie ihre eigenen kriegerischen Mannschaften nicht genügend in der Gewalt haben.

Eine Grenze auf Hunderte von Meilen gegen einen stets kampfbereiten Feind zu hüten, ist überaus schwer. An jeder Stelle und an jedem Tage kann ein Einbruch stattfinden; sind die Grenztruppen allenthalben gleichmäßig verteilt, so sind sie allenthalben gleich schwach und können von einer gesammelten Macht überrannt werden; werden sie an einigen Punkten zusammengehalten, so sind lange Strecken unbewacht und offen.

Am Niederrhein schützten sich die Römer dadurch, daß sie mit den Germanen jenseits des Stromes, den Batavern, Caninefaten, Friesen in ein dauerndes Bundesverhältnis traten. Die Söhne dieser Völkerschaften traten in großen Massen in den römischen Dienst und empfingen den römischen Sold. Das gab eine Bürgschaft für das gute Verhalten auch ihrer Anverwandten, die zu Hause sitzen blieben. Einige schwere Störungen, die dies Verhältnis ein oder das andere Mal erfuhr sind doch wieder überwunden worden.

Weiter oberhalb, etwa entlang der heutigen preußischen Rheinprovinz, blieb der Strom die Grenze; die Römer aber sorgten dafür, daß ein breiter Strich Landes auf dem rechten Ufer unbewohnt blieb. Kein Germane durfte sich hier niederlassen. Wenn die Germanen erst einen Tagesmarsch durch diese Öde zu machen hatten, um dann den Rhein zu überschreiten, ehe sie in römisches Gebiet gelangten, so war bei einiger Aufmerksamkeit der römischen Patrouillen und Wachtposten ein solches Unternehmen nicht leicht ins Werk zu setzen. Besonders aufmerksam mußte natürlich das Rheinufer gegenüber der Mündung der von Osten kommenden Nebenflüsse gehütet werden, auf denen die Germanen plötzlich herangerudert kommen konnten.

Zwischen Bonn und Coblenz, etwas unterhalb von Neuwied, sprang die Grenze auf das rechte Rheinufer über und begann der[158] Limes, der, drei Meilen oberhalb Frankfurt über den Main setzend, bis zur Donau bei Kehlheim an der Altmühlmündung, oberhalb Regensburg führt, so daß der Winkel zwischen Rhein und Donau abgeschnitten und gedeckt wurde.

Die einzelnen Stücke dieses Limes sind zu verschiedenen Zeiten und in ziemlich verschiedener Art erbaut. Am Neckar ist auch für ein großes Stück noch eine ältere Linie erkennbar, der dann später eine neue, weiter hinaus, vorgelegt worden ist. Wo ein starker Wasserlauf, ein Bogen des Mains oder des Neckars die Grenze bildete und Schutz gewährte, setzt die Limesanlage aus.

Dank der Forschung der letzten Jahre können wir nicht nur den Lauf, sondern auch die Geschichte dieser noch heute zum Teil erhaltenen Grenzwarte, des Pfahls oder der Teufelsmauer, wie sie im Volksmunde heißt, ziemlich sicher verfolgen, so daß, nach dem Ausdruck eines der scharfäugigen Spürer, die monumentale Starrheit des großen Werkes sich löst und das Interesse, das überall mit der Entwicklung verbunden ist, lebendig wird.

Unter Tiberius und seinen nächsten Nachfolgern sind fortlaufende Befestigungen gegen die Germanen noch nicht angelegt worden. Vespasian ging am Oberrhein über den Schwarzwald bis an den Neckar vor, um die kürzere Verbindung zwischen dem Rhein und der Donau zu gewinnen. Die Besitznahme dieser Gebiete hatte keine Schwierigkeiten, da sie fast unbewohnt waren. Mit der Neckarlinie aber kam man auch hier in die Nähe der Germanen, und Vespasians Sohn Domitian okkupierte nach einem Kriege mit den Chatten die Wetterau. Jetzt also entstand das Bedürfnis des Schutzes einer langen Landgrenze, besonders erschwert durch die Form des ausspringenden Winkels, die die Grenzlinie in der Wetterau hatte.

Domitian, der dieses Gebiet in Besitz genommen, legte auch ein ganzes System von Kastellen zu seinem Schutz an, und vielleicht schon unter ihm, vielleicht etwas später, entstand das, was wir im engeren Sinne den Limes nennen, die fortlaufende Befestigung, die die Kastelle untereinander verband. Dieser erste limes war ein Flechtwerk (vineae):

Unter Hadrian trat an dessen Stelle eine Verpalissadierung, erst einige Generationen später ergänzte oder ersetzte man diese[159] durch Wall und Graben; wohl im Anfang des dritten Jahrhunderts trat dazu das letzte Stück, eine hohe Steinmauer auf der Strecke nördlich der Donau an der rätischen Grenze. Dabei zog man die Linie, die sich früher mehr an das Terrain angeschmiegt hatte, jetzt, um der besseren Fernsicht und Signalisierung willen, möglichst gerade. Die rätische Mauer war, wie an einigen Stellen noch hat festgestellt werden können, nicht weniger als 21/2 Meter hoch.

Man unterscheidet hiernach den oberrheinischen Limes, von Neuwied am Rhein, sich um die Wetterau herumziehend bis nach Lorch in Württemberg, östlich von Stuttgart, und den rätischen, von da in westöstlicher Richtung bis an die Donau, nicht weit von Regensburg.

So wie die Anlage dem Beschauer noch heute erkennbar ist, besteht der obergermanische Pfahl im allgemeinen aus einem Erdwall mit Graben; der rätische aus einer Mauer von übereinandergelegten Bruchsteinen. An jenem liegen in Entfernungen von etwa 5 Minuten kleine Wachttürme, und dicht hinter dem Pfahl, in Entfernungen von höchstens zwei Meilen von einander, feste Kastelle von verschiedener Größe, die mittleren geeignet für eine Besatzung von etwa einer Kohorte. Die Kastelle waren ursprünglich Erdkastelle, die Wachttürme von Holz. Dann ging man zu Steinbauten über.

An der rätischen Mauer liegen die Kastelle oft nicht unmittelbar dahinter, sondern 4-5 Kilometer rückwärts. So erheblich die Verschiedenheit zwischen dem obergermanischen und rätischen Limes sind, so ist es doch nicht berechtigt, daraus auf einen verschiedenen Zweck bei den Anlagen zu schließen. Die Verschiedenheiten sind vielmehr teils durch den Boden, der hier, erdig, Wall und Graben, dort, felsig, die Steinmauer empfahl, teils durch die subjektive Auffassung verschiedener Kommandierender über Zweckmäßigkeit zu erklären. Auch im obergermanischen Pfahl hat sich zuweilen statt des Wallgrabens ein Mauerrest gefunden.

Die Vorstellung, die man früher wohl hatte, daß der Pfahl zu unmittelbarer Verteidigung bestimmt gewesen sei, dürfte jetzt allgemein aufgegeben sein, da man eingesehen hat, daß eine Linie von über 70 Meilen Länge nicht zu besetzen, und überdies festgestellt worden ist, daß zuweilen statt des Walles ein Hügel abgeschrofft[160] ist, aber nicht nach der germanischen, sondern nach der römischen Seite zu,63 oder daß der Wall an der Außen-, nicht an der Innenseite eines Sumpfes aufgeschüttet ist. Wenn man nun aber wieder so weit gegangen ist, deshalb den militärischen Zweck der Anlage vollständig zu leugnen und nur eine Zollerhebungslinie darin zu sehen, so ist das zu weit gegangen. Unmöglich kann der Handel mit dem armen Germanien so groß gewesen sein, um eine solche Riesenanlage, wie diesen Pfahl, zu rechtfertigen. Es ist in der Tat eine militärische Anlage.

Zunächst war der Pfahl ein sehr wesentliches Hindernis für die besonders gefährlichen Eindringlinge zu Pferde. Des Weiteren dürfte, nach einem Ausdruck des Generals Gustav Schröder64, der Pfahl als ein Rückzugshindernis charakterisiert werden. Die Besatzungen der Warttürme, wohl meistens drei Mann, waren nicht imstande, den Einbruch räuberischer Germanenscharen in das römische Kulturgebiet zu verhindern. Aber sie beobachteten und signalisierten ihn. Die Warttürme sind alle so angelegt, daß das Vorgelände und mindestens einige hundert Meter von den Türmen überblickt werden konnte und nach rückwärts eine Verbindung mit den Kastellen möglich war. Auf der Trajanssäule sehen wir auch Türme abgebildet, auf denen eine Fackel, offenbar als Signal, aufgesteckt ist. Auf das Signal machte sich sofort ein Teil der Kastellbesatzung auf, die Eingedrungenen abzufangen, und hierbei konnte der Pfahl sehr nützlich sein, da er den Verfolgten auf der Flucht einen Aufenthalt bereitete, über den sie selbst nicht so rasch hinüberkamen und jedenfalls ihre Beute, Vieh oder Gefangene und Karren nicht so schnell hinüberbringen konnten65. Die Verfolger aber, wenn sie von verschiedenen Seiten kamen, werkten von vornherein dahin zusammen, die Eindringlinge an dieser Stelle zu fassen. Nicht anders bei größeren kriegerischen Einbrüchen, wo eine[161] Kastellbesatzung oder auch die Kastellbesatzungen zusammen nicht genügten, sondern von fern her, von den großen Standlagern, Legionen anrückten. Ihr Sieg konnte zur Vernichtung des Feindes führen, wenn es gelang, ihn an den Pfahl zu pressen.

Auch für den direkten Grenzschutz hat der Pfahl wohl insofern eine Bedeutung, als er den römischen Patrouillen auf ihren Gängen wie den Truppen eine gute Sicherung und eine Augendeckung gewährte. Die Germanen, die sich näherten, konnten nie wissen, ob nicht gerade an der Stelle, wo sie einsteigen wollten, zufällig ein römisches Kommando auf der Lauer lag.

Auf der ganzen Strecke vom Rhein bis zur Donau mögen gleichzeitig etwa 50 Kastelle besetzt gewesen sein. Eingeschlossen die Wächter auf den kleinen Warttürmen, werden höchstens 25000, vielleicht nur 15000 Mann, den Limes besetzt gehalten haben.66 Alle diese Truppen waren nicht römische Legionare, sondern Auxilien, also zum Teil selber Germanen in römischem Sold. Die Legionare lagen weiter rückwärts am Rhein, das Gros im Hauptquartier Mainz, ein anderer Teil in Straßburg, und anfangs (bis 105) in Windisch bei Zürich, Detachement vielleicht auch in einigen Zwischenkastellen. Die Legionen von Untergermanien standen in den Lagern von Bonn, Neuß, Nimwegen und namentlich Vetera-Xanten, das dauernd das Hauptquartier dieser Provinz blieb. Ober-wie Unter-Germanien waren im ganzen mit je 4 Legionen belegt, Rätien hatte keine Legionstruppen. Rechnen wir also[162] alles zusammen, die 8 Legionen und alle Auxilien, so hätten die Römer auf der Linie von der Nordsee, am Rhein, am Limes und an der Donau entlang bis nach Passau etwa 70000 Mann stehen.

Das System des Grenzschutzes, wie es die Römer eingerichtet hatten, beruht nicht auf der unmittelbaren und unbedingten Verteidigung der Grenzlinie selbst, sondern ist mittelbarer Art. Die Überschreitung der Grenze wurde nach Möglichkeit erschwert, indem man entweder bis an ein natürliches Hindernis vorging, einen Wasserlauf, oder ein künstliches schuf, den Pfahl, und davor eine Öde legte. Diese Hindernisse zu überschreiten, war für die Germanen nicht ganz ausgeschlossen, aber das wohlorganisierte System der Beobachtung und Benachrichtigung ermöglichte es den Römern, der Tat die Strafe stets auf dem Fuße folgen zu lassen. Die Germanen mußten lernen, daß sie wohl drüben vielleicht etwas verbeuten, die Beute aber, wie sich selbst, schwerlich heimbringen würden.

Bei einem wirklichen Kriege, gegen die Offensive eines großen Heeres, hatte der Pfahl nicht nur keinen Schutzwert, sondern war sogar gefährlich, da um seinetwillen die verfügbaren Truppen, weit auseinander gezerrt, in einer Kordonstellung zersplittert waren. Aber das war unvermeindlich, da die Grenze doch eben gehütet werden mußte. Im Hinblick auf diese Möglichkeit aber waren die Legionen nicht mit in die Kordonlinie hineingezogen, sondern standen weiter rückwärts als Generalreserve am Rhein.

Da, wie wir jetzt wissen, auch die Germanen sehr große Heere nicht so leicht zusammenbringen konnten und es den Römern an Verbindungen in Germanien nicht fehlte, die ihnen große Bewegungen anzeigten, so war man immer imstande, auch einer großen Invasion bald genug, indem die Legionen die nächsten Auxilien an sich zogen, mit einem genügenden Heer entgegenzutreten.

Gedeckt durch die grenzhütenden Legionen, konnten die Römer in der unmittelbaren Nachbarschaft des Urwaldes und der rauhen Wildnisse eines kraftstrotzenden Naturvolkes alle Blüten ihrer verfeinerten Kultur aufsprießen lassen; noch heute bewundern wir die Trümmer ihrer Bauten, namentlich in Trier.

Allmählich fühlten sich die Römer so sicher, daß um die Mitte des zweiten Jahrhunderts die Zahl der rheinischen Legionen von[163] acht auf vier, je zwei für das nieder- und oberrheinische Kommando, herabgesetzt werden konnte.

1. Die Darstellung, die Mommsen im fünften Bande der »Römischen Geschichte« 1885 vom Limes gab (S. 140 ff.), ist seitdem durch die systematische Forschung der vom Deutschen Reich eingesetzten Reichs-Limeskommission teils bestätigt, teils modifiziert und namentlich chronologisch zerlegt worden. Die Ergebnisse der Ausgrabungen und Forschungen der Kommission sind publiziert im »Limesblatt« und in einem seit 1894 jährlich erscheinenden vorzüglichen Bericht im »Archäologischen Anzeiger«, meist von Direktor HETTNER und Professor FABRICIUS.

In einem Vortrag, den HETTNER auf der Philologenversammlung in Köln 1895 gehalten und veröffentlicht hat (Trier bei Fr. Lintz), ist anschaulich zusammengefaßt, was bis dahin geleistet war.

In neuester Zeit sind noch besonders zu erwähnen eine Untersuchung von Prof. E. HERZOG, »Kritische Bemerkungen zu der Chronologie des Limes«, in den Bonner Jahrbüchern, Heft 105 (1900) und »Römische Straßen im Limesgebiet« von Generalleutnant v. SARWEY in der »Westd. Zeitschr. f. Gesch. u. Kunst«, Jahr. 18 (1899).

Weiter FABRICIUS' vorzügliche Zusammenfassung »Die Entstehung der Römischen Limesanlagen in Deutschland« (Trier, Lintz 1912 a.d. Wd. Ztschr.) und FABRICIUS' »Das römische Heer in Obergermanien und Raetien« (Histor. Ztschr., Bd. 98, 1906).

Meine im Text gegebene Darstellung beruht auf der knappen Zusammenfassung und kriegsgeschichtlichen Ausdeutung dieser Forschungen, wobei ich Einzelheiten und Zwischenstufen übergangen habe.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 155-164.
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