Zweites Kapitel.

Die Revolutionsheere.

[457] Erst nach Abwehr der Invasion bildete sich allmählich in Frankreich das neue Kriegswesen auf Grund der neuen politischen Ideen und Zustände.

Man hatte zunächst das überlieferte Söldnerheer verstärkt durch Bataillone von Freiwilligen. Bei der Abwehr der Invasion haben diese noch nicht wesentlich mitgewirkt. Als aber Dumouriez nach dem Rückzug der Preußen sich gegen die Österreicher in Belgien wandte, gewann er durch diese Freiwilligen eine so erhebliche Verstärkung, daß er ein österreichisches Korps von knapp 14000 Mann bei Jemappes in der Nähe von Mons mit dreifacher Überlegenheit und gewaltiger Artillerie angreifen konnte (6. November 1792). Trotzdem gingen die Franzosen nur sehr zaghaft ins Feuer und wurden von den Österreichern anfänglich zurückgeschlagen, aber ihre Überzahl war doch zu groß, als daß die Österreicher ihren Erfolg hätten ausnützen können. Sie räumten das Schlachtfeld und mußten schließlich ganz Belgien den Franzosen preisgeben475.

Nach vier Monaten erfolgte der Rückschlag. Die Franzosen wurden von den Österreichern bei Neerwinden geschlagen (18. März 1793) und über die Grenze zurückgetrieben. Eben in dem dem Augenblick aber hatte der Konvent bereits beschlossen (24. Februar), von der freiwilligen Werbung zur zwangsweisen Aushebung überzugehen und zunächst 300000 Mann aufgerufen. Sie sollten von den Gemeinden bestimmt oder ausgelost werden. Das[457] Gesetz kam also der allgemeinen Wehrpflicht schon ziemlich nahe, wurde aber von der Mehrzahl des französischen Volkes mit heftigstem Widerstreben aufgenommen und zurückgewiesen. Bei der Hinrichtung des Königs war die Vendee noch ruhig geblieben, aber als nun die Bauernsöhne gar für die kirchenfeindliche Republik fechten sollten, erhob sich die ganze Landschaft und bald folgten die großen Provinzialstädte, Lyon, Marseille, Bordeaux und über 60 Departements von im ganzen 83. Nur das Seinebecken mit Paris und die Landschaften des Kriegsschauplatzes blieben im Gehorsam des Konvents. Während an den Grenzen österreichische, englische, preußische, piemontesische, spanische Heere Frankreich bedrohten, war es im Innern erfüllt von einem mit fürchterlicher Grausamkeit geführten Bürgerkriege. Die Republik aber behauptete sich nach außen, weil die Gegner untereinander haderten, und siegte im Innern, weil die demokratisierte Armee mit den 1791 und 1792 gebildeten Freiwilligen-Bataillonen zu ihr hielt. Der großen Rekrutierung im Frühjahr konnte man im September die prinzipielle allgemeine Wehrpflicht, die levée en masse, folgen lassen (23. August 1793). Ausgehoben wurden alle unverheirateten Diensttauglichen vom 18. bis 25. Jahr ohne Stellvertretung. Bis zum 1. Januar 1794 wurde damit die Armee, zwar nicht auf 1000000 Streiter, wie die Tradition wollte, aber doch nach einer Berechnung des Herzogs von Aumale auf 770000 Mann gebracht, wovon gegen den äußeren Feind etwa eine halbe Million in Waffen standen476.

Das gab eine gewaltige Übermacht über die Söldnerheere der alten Mächte und bei Handschoten (8. September 1793) und Wattignies (16. Oktober 1793) konnten die Franzosen mit angeblich 50000 gegen 15000 und 45000 gegen 18000 Vorteile erfechten. Eine wirkliche Überlegenheit aber gewannen sie noch nicht, da die terroristische Regierung unfähig war, die große Masse in Form zu bringen. Von den 9000 Offizieren der alten Armee hatten Zweidrittel, etwa 6000, die Fahnen verlassen; von den alten Generalen blieben nur drei, Custine, Beauharnais, Biron, die alle drei guillotiniert wurden. Es mußte also von unten auf[458] ein neues Offizierkorps gebildet werden. Besonders hinderlich war dabei, daß der Konvent noch lange vom Argwohn gegen die ehemals königliche Armee erfüllt blieb und deshalb auf die selbständigen Freiwilligen-Bataillone nicht verzichten wollte. Als der General Custine, der Eroberer von Mainz, in einem Tagesbefehl Ausreißern, Meuterern und Aufwieglern Erschießen androhte, erteilte ihm der Kriegsminister Bouchotte einen Tadel, da der freie Mann seinen Befehl nicht durch Schrecken, sondern durch Vertrauen bei seinen Brüdern durchsetze. Custine antwortete, er sei ein zu guter Republikaner, um einen Dummkopf, auch wenn er Minister sei, für einen Gott zu halten. Custine wurde darauf guillotiniert. Der Abgeordnete Carnot aber, ein ehemaliger Hauptmann, den der Wohlfahrts-Ausschuß zum Kriegsminister berief (August 1793), setzte die Verschmelzung der alten Linien-Regimenter mit den Freiwilligen-Bataillonen durch, baute wieder ein brauchbares Offizierkorps auf und gelangte so weit, die Unordnung, Vergeudung und Unterschlagung einigermaßen einzuschränken. Die ganz unbrauchbaren Elemente verliefen sich wieder und, so zu sagen, der Krieg selbst bildete im dritten Kriegsjahr, 1794, den Franzosen ein neues Kriegswesen. In der Übergangszeit finden wir nebeneinander entgegengesetzte Eigenschaften und Erscheinungen. Der General Elie berichtet einmal von den neuen Bataillonen, sie seien mit »vive la république«, »vive la montagne«, »ça ira« in den Kampf gezogen, bei den ersten Kugeln aber hätte die Losung gelautet »nous sommes perdus« und beim Angriff des Feindes »sauve qui peut«. Carnot mußte nach Übernahme des Ministeriums 23000 Offiziere entlassen, da die meisten von denen, die überhaupt bei der Fahne geblieben waren, hatten nicht Gemeine, sondern Offiziere sein wollen. Umgekehrt aber, in kleineren Verhältnissen, wo gerade tüchtige Männer an der Spitze standen, haben auch die Revolutions-Truppen schon im Jahre 1793 sich gut geschlagen, so z.B. bei der Belagerung von Toulon, wo dem ausgezeichneten Kommandeur der Belagerungstruppen, dem General Dugommier, als Konvents-Kommissar der zynische, aber tapfere und tätige Barras und als Chef der Artillerie der Leutnant Bonaparte zur Seite standen477.[459] Ganz ähnliche Bilder zeigt der Bürgerkrieg in der Vendee und zwar auf beiden Seiten, sowohl bei den aufständischen Bauern, wie bei den republikanischen Nationalgarden. In dem vortrefflichen Buche des Generals v. Boguslawski über diesen Krieg (Berlin 1894) kann man sich allseitig und zuverlässig unterrichten, was diese Volksaufgebote geleistet haben und was sie nicht leisten konnten.

Je länger der Krieg nun dauerte, desto mehr wurden die Schwächen überwunden und es kristallierten sich wieder festere militärische Formen heraus, in denen doch der Geist der Revolution weiterlebte.

Der sächsische Leutnant, spätere General Thielmann, schrieb schon aus dem Revolutionskrieg nach Hause (1796): »Nahe sind wir dem Zeitpunkt, wo die große Nation, die wir bekriegen, uns Gesetze vorschreiben und den Frieden befehlen wird. Man kann nicht anders, als diese Nation bewundern; ich habe gestern einen Hujarenoffizier gefangen, dessen Betragen so edel war, daß man verzweifeln möchte, es bei uns so zu finden478«. Und 1808 in einer Denkschrift bezeugte er, »der deutsche Soldat ist religiöser als der französische, aber der französische ist sittlicher, insofern, das Prinzip der Ehre ohne Vergleich mehr auf ihn wirkt, als auf den deutschen.«

Die Demokratisierung der Armee in der neuen Kriegsverfassung brachte noch einen besonderen Vorteil durch die Herabsetzung der Ansprüche des Offizierkorps. Der Train konnte ganz wesentlich vermindert werden, weil man den Offizieren nur noch das Notwendigste an Bagage zugestand. Die Überlieferung übertreibt wohl einigermaßen in den Erzählungen von den Kommoditäten, die die Offiziere der alten Armee bis herab zu den Leutnants mit ins Feld geschleppt hätte, immerhin liegt es in der Natur der Dinge, daß mit der Annäherung zwischen Offizierkorps und Mannschaft jenes genötigt war, sich im äußerlichen Luxus nicht gar zu sehr über diese zu erheben. In Preußen hatte jeder Leutnant sein Reitpferd und sein Packpferd479, die Kapitäns drei bis fünf Packpferde, und ganze Reihen von Wagen und Karren pflegten den Truppen[460] noch über das Reglementsmäßige hinaus nachzuziehen. Die französischen Offiziere, sagte man in Preußen, hätten eine solche Ausstattung allerdings nicht nötig, da sie ja sozial nichts anderes als Unteroffiziere seien, die preußischen Offiziere aber seien Edelleute und würden, wenn man sie dem gemeinen Mann gleichsetzte, sich gekränkt und gedemütigt und unter ihren Stand herabgewürdigt fühlen480.

Nicht bloß die französischen Offiziere, auch die Mannschaften mußten sich im Dienste der Vaterlandsverteidigung Entbehrungen auferlegen, die die Söldner der alten Zeit nicht auf sich genommen hätten. Die Zelte wurden abgeschafft und man biwackierte unter freiem Himmel, während jedem preußischen Infanterie-Regiment nicht weniger als 60 Packpferde folgten, die die Zelte trugen481.

Die neue Kriegsverfassung gebar auch eine neue Taktik.

Die Heere des 18. Jahrhunderts bestanden ziemlich gleichartig, wenn schon mit gewissen Variationen, aus Berufssoldaten, dem Offizierkorps, das lebte in dem übernommenen ritterlichen Ehr- und Treubegriff, und der Mannschaft, die als mehr oder weniger indifferent angesehen wurde. Die Disziplin schmiedete sie zu festen taktischen Körpern zusammen und je fester diese Formationen waren, desto höher wurden sie geschätzt. Der vollkommenste Typus ist die in drei Gliedern vorrückende, Salven feuernde Linie. Die neueren republikanischen Heere sind nicht mehr Söldnerheere im Dienste eines Herrn, sondern sie sind erfüllt von einer eigenen Idee, von einer neuen Weltanschauung, von Freiheit und Gleichheit, von der Verteidigung des Vaterlandes. Diese Ideen verloren nichts an ihrer Kraft dadurch, daß die ursprüngliche Freiwilligkeit ersetzt wurde durch eine gesetzliche Wehrpflicht und ergaben ein Soldaten-Material, das, grundverschieden von dem alten Söldnertum, sich zu hervorragenden kriegerischen Eigenschaften erziehn ließ. Es ist dabei aber nicht zu übersehn, daß in den französischen National-Regimentern auch vor der Revolution schon ein gewisser Nationalgeist lebte, der freilich militärisch noch nicht wirksam wurde, in der Revolution sogar dazu beigetragen hat, die Disziplin und damit die alte Armee aufzulösen, dann aber in den neuen Geist überleitete[461] und den Übergang erleichterte. So ist es auch mit der neuen Taktik482.

Die neuen republikanischen Heere versuchten sich natürlich zunächst in den überlieferten Formen zu bewegen. Aber sie konnten nicht leisten, was da verlangt wurde. Für das Avancieren in Linie und Salverschießen fehlte ihnen die Disziplin und das Exerzitium. Da man in den dünnen Linien die Mannschaften nicht zusammenhalten und bewegen konnte, faßte man sie in tiefen Kolonnen zusammen und gab diesen Kolonnen Feuerkraft, indem man ausgewählte Leute oder ganze Truppenteile als Schützen oder Tirailleure vorauf und nebenhergehen ließ.

Diese Fechtart war nicht etwas durchaus Neues. Nicht nur die Kroaten und Panduren hatten schon in den Friderizianischen Kriegen mit großem Erfolg das Schützengefecht gepflegt, sondern auch die Preußen hatten zu demselben Zweck Freibataillone errichtet. Auch die Franzosen fügten schon im österreichischen Erbfolgekriege den Linien-Infanterie-Regimentern einzelne Kompagnien leichter Infanterie bei. Aber alle diese Formationen waren nicht sowohl zur Unterstützung der Linien-Infanterie im Gefecht, als für die sekundären Zwecke des Krieges, Aufklärung, Patrouillen, Razzias bestimmt, wofür die Schlachten-Infanterie weniger geeignet war. Die Erfahrungen des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, wo die Volksaufgebote mit den regulären Truppen in englischem Solde fertig geworden waren, führten ein Stück weiter. Man errichtete eigene Bataillone leichter Infanterie, die Füsiliere (neben den Musketieren) und gab jeder Kompagnie eine Anzahl Schützen mit gezogenen Gewehren bei. Das gezogene Gewehr, die Büchse, die schon im 15. Jahrhundert erfunden worden ist, hat den Vorzug des sicheren Schusses, das glatte Gewehr den des schnelleren Ladens; es ist ein ähnlicher Unterschied wie zwischen Bogen und Armbrust. Viele Theoretiker aber hielten den Vorzug des schnelleren Ladens für den wichtigeren, weil in der Aufregung des Gefechts doch nicht scharf gezielt werde und mehrere nur beiläufig gezielte Schüsse des Gewehrs, namentlich in der Masse stärker[462] wirkten, als die vereinzelten, wenn schon leidlich gezielte Schüsse aus der Büchse.

Den Tirailleurs der französischen Revolutionsheere folgten als Reserve und zu dem schließlichen, entscheidenden Stoß die Kolonnen. Wie das Schützengefecht, so hat auch die Kolonnen-Taktik der Revolutionskriege ihre Vorläufer. Während aber jenes aus der Praxis geboren wurde, so diese aus der Theorie. Die Entwickelung der Infanterie-Taktik hatte dahin geführt, daß, um der vermehrten Feuerwirkung willen, die Aufstellung immer flacher geworden war. Die dünne Linie sollte aber schließlich doch nicht bloß schießen, sondern auch stoßen. Bei der Schwierigkeit des Feuerns in der Bewegung hätten die Preußen sogar zeitweilig den Stoß ohne Feuer machen wollen. Das hatte man bald wieder aufgegeben, aber es waren Theoretiker aufgetreten, namentlich der Franzose Folard, die darauf hingewiesen hatten, daß die tiefere Kolonne eine ganz andere Stoßwirkung habe, als die dünne Linie. Die Kolonne müßte die Linie notwendig durchbrechen und zerreißen. Man wollte ihr sogar statt der Bajonettflinte wieder die Pike in die Hand geben. Graf Lippe, der Kriegsherr und Lehrer Scharnhorsts vertrat diesen Standpunkt und der junge Scharnhorst stimmte ihm zu (1784)483. Es wird auch von einem französischen Manöver berichtet (1778) unter dem Herzog von Broglie, einem der fähigsten französischen Generale dieser Epoche, wo die Verbindung vorbereitenden Feuergefechts mit schließlichem Angriff in Kolonnen die neue Kampfweise vorzeichnete484; ja schon im Siebenjährigen Kriege, in der Schlacht bei Bergen (13. April 1759) hatte Broglie seine Infanterie in dieser Art fechten lassen. In dem ganzen Menschenalter zwischen dem Siebenjährigen Kriege und den Revolutionskriegen war theoretisch über die Vorzüge der Linie und der Kolonne debattiert worden, und wenn auch die Verteidiger der Linie dabei im allgemeinen die Oberhand behalten hatten, so hatte doch das französische Exerzier-Reglement von 1791, also schon in der Revolution, aber noch unberührt von ihrem Geist, neben der Linie[463] auch mehrere Kolonnen-Formationen vorgesehn, darunter auch eine Bataillons-Kolonne nach der Mitte. Das Reglement selbst zieht daraus keine weiteren Konsequenzen; es ist durchaus im Geiste der Linear-Taktik gehalten. Die Kolonnen scheinen nur äußerlich angereiht, aber nicht organisch der Fechtweise der Infanterie eingefügt485. Die Praxis der Revolutionsheere aber ließ nun fallen, was ihr nicht zusagte, die langen, ausgerichteten Linien, und benutzte die auch ohne peinliche Ordnung immer noch brauchbare Kolonnen-Formation, indem sie sie mit dem ja auch schon früher bekannten, aber jetzt sehr verstärktem Schützengefecht kombinierte. Die Kolonnen hatten nicht nur den Vorzug des stärkeren Stoßes, sondern konnten sich auch im Gelände mit viel größerer Leichtigkeit bewegen, als die langen Linien und fanden leicht eine Deckung, die sie dem Auge und der Geschützwirkung des Feindes entzog.

Man könnte die neue Fechtweise so charakterisieren, daß die Taktik der alten Linien- und leichten Infanterie untereinander verschmolzen und aus der Theorie die Kolonne hinzugefügt worden sei. Aber das würde die Nebenvorstellung erwecken, als ob es sich um eine bewußte Neuschöpfung handle, und das wäre unrichtig. Nirgends ist mir in der Überlieferung aufgestoßen, daß man in dem Bewußtsein gelebt habe, hier, wie in der Staatsordnung etwas neues, besseres zu schaffen und schaffen zu wollen, sondern man gebrauchte von den überlieferten Formen, was man anzuwenden vermochte und ließ das Unverwendbare fallen. So entstand eine ganz neue Fechtweise, indem doch jedes einzelne Moment an etwas Überliefertes, Vorhandenes anknüpfte486.

Auch als die Disziplin wieder hergestellt und die Armee wieder in festere Formen gebracht war, hat eine systematische Neuordnung nicht stattgefunden. Napoleon hat ein neues Exerzier-Reglement[464] nicht gegeben, sondern bis zum Jahre 1831 ist die französische Armee nach dem Reglement von 1791 ausgebildet worden. Die Revolution knüpfte also auf dem Gebiete der Taktik nicht nur direkt an Überliefertes an, sondern nahm auch in ihrem Fortgang Momente aus der Überlieferung, die schon verloren gegangen waren, wieder auf. Das gilt im besonderen von der Disziplin. Die Generale, die in den Revolutionskriegen emporkamen, waren fast sämtlich (hauptsächlich Moreau ausgenommen) schon vor der Revolution Soldaten gewesen, die meisten von ihnen junge Leutnants, wie Bonaparte, und die Einsicht, daß die Frucht des Exerzierens die Disziplin sei und daß die Leistungsfähigkeit im Kriege auf der Disziplin beruhe, war auch in alten Wirren und Wehen der Revolution erhalten geblieben. Sobald die neuen Generale die Armee wieder in der Hand hatten, wurde mit Eifer und Strenge in diesem Sinne gearbeitet. Bonaparte befahl sofort nach Abschluß des Friedens 1797, daß die Reglements studiert würden, daß morgens Einzelexerzieren, abends Bataillonsexerzieren, zweimal wöchentlich Regimentsexerzieren gehalten werde. Er inspizierte persönlich so eifrig, »wie ein Kasernen-Troupier«487. Als er erst Herr geworden war, ließ er die Rekruten nicht eher in die Regimenter einstellen, ehe sie nicht nur äußerlich abgerichtet, sondern auch innerlich in die militärische Ordnung eingewöhnt waren488.

Ein bizarres Zeugnis, wie Altes und Neues, Militarismus und nationaler Geist sich in der neuen französischen Armee mischten, ist ein Befehl Napoleons über Einstellung von Negern. Als er in Ägypten, von der Heimat abgeschnitten, seine Armee zusammenschmelzen sah, schrieb er den General Desaix (22. Juni 1799): »Bürger-General, ich möchte 2000 oder 3000 Neger über 16 Jahre alt ankaufen und etwa 100 davon in jedes Bataillon stecken«.

So lange das Tiraillieren ein bloßer Notbehelf war, war immer die Gefahr gewesen, daß es zu weit ausgedehnt wurde und für den eigentlichen Angriffsstoß nicht genügend Truppen in der Hand der Führung blieben. Als also die Ordnung sich wieder durchsetzte,[465] suchte man das Tiraillieren wieder zu beschränken. Schützengefecht, Linear-Aufstellung und Kolonnen wurden je nach Bedarf gleichzeitig und abwechselnd angewandt. Der fundamentale Gegensatz zwischen der neuen und der alten Taktik fiel daher dem äußeren Beobachter nicht so sehr in die Augen, wie man meinen möchte, und die Zeitgenossen, namentlich die Franzosen selber sind sich der Abwandlung, die sich vor ihren Augen vollzog, kaum bewußt geworden und aus mancherlei Zeugnissen ist zu erkennen, wie wenig man an systematischen Ausbau der neuen Formen dachte. Zum Schützengefecht gehört naturgemäß Ausbildung des Mannes im Schießen; dafür aber geschah so wenig, daß der Stabschef Bonapartes, Berthier, noch im Jahre 1800 ein paar Tage vor dem Abmarsch über den großen St. Bernhard befehlen mußte: »Von morgen an soll man die Konskribierten ein paar Gewehrschüsse abgeben lassen: man soll sie unterweisen, wie man mit richtigem Augenmaß das Gewehr anlegt, um zu zielen und endlich, wie man das Gewehr ladet.« In eben diesem Jahr (1800) erschien in Deutschland die schon erwähnte, vortreffliche »Geschichte der Kriegskunst« von Hoyer. Hier fragt der Verfasser (II, 891): »Hat wohl die Kriegskunst durch diesen Krieg (seit 1792) an Ausbildung gewonnen?« »Unmöglich könne man, meint er, diese Frage ohne Einschränkung mit ja oder nein beantworten«. Dann werden aufgezählt: Vervielfältigung des Gebrauchs der Artillerie, die glückliche Anwendung der Tirailleurs im Gebirgskriege; der Gebrauch der Luftbälle zum Rekognoszieren: »Es läßt sich aus diesem Grunde allerdings behaupten, daß die Kriegskunst überhaupt durch diesen, wie durch jeden Krieg mehr erweitert worden sei, daß keineswegs aber die Taktik einen gänzlichen Umsturz erlitten habe.« An einer Stelle (II, 958) spricht er von dem Schützengefecht in der Vendee. Die Kolonnen sind ihm, was ja äußerlich zutrifft, bloße regellose Haufen. In keinem Kriege, meint er (S. 1017), »ward wohl die Feldverschanzungskunst so häufig angewendet, als in dem gegenwärtigen«. Wieder an anderer Stelle (Bd. I, Vorrede) spricht er von der Verbesserung der Gewehre, den stärkeren Pulver, den Signal-Telegraphen, die man erfunden habe. Endlich (S. 886) meint er, diejenigen Revolutions-Generale hätten gesiegt, die die von den alten französischen Generalen in den Grenzgegenden[466] gefundenen und im Kriegsministerium verzeichneten Stellungen herausgefunden, die Karten zu lesen verstanden, und sich zu Nutzen gemacht hätten.

Wir, die wir die Entwickelung in ihrem Fortgang überblicken, sehen die kriegsgeschichtliche Bedeutung der Revolutionskriege nicht in der Verbesserung des Pulvers und der Gewehre; was da geschah, erscheint uns so unbedeutend, daß wir sogar sagen, die Kriege Friedrichs und Napoleons seien mit demselben Gewehr ausgefochten worden. Auch was damals die Beobachtung aus dem Luftballon geleistet hat, scheint es uns kaum mehr als ein Kuriosum. Niemand sieht eine wesentliche Eigenschaft der Revolutionskriege in dem Gebrauch der Feldbefestigungen oder leitet gar die Siege der Revolutionsgenerale daraus ab, daß sie aus den Karten, die von früheren Generalen herausgefundenen guten Stellungen abzulesen verstanden. Das einzig Entscheidende ist uns die neue Armee-Verfas sung, die erst eine neue Taktik gebar und aus der dann auch eine neue Strategie erblühen wird. Hoyer, dieser kluge, fachmäßig gebildete Beobachter, sieht die neue Taktik nur im Gebirgskrieg und in der Vendee und von der neuen Strategie ahnt er nichts.

Als der allgemeine Krieg herannahte, haben die Franzosen den Oberbefehl über ihr Heer dem Herzog Ferdinand von Braunschweig angetragen, demselben, der dann das Heer der Koalition gegen sie führte und 1806 bei Auerstädt besiegt wurde. Friedrich der Große hatte den tapferen Prinzen so hoch gestellt und mit solchen Lobsprüchen bedacht, daß man ihn für den größten lebenden General hielt. So trugen einst die Goten dem gegnerischen Feldherrn Belisar die Krone an489, und wie dieser naive Gotenplan uns als Beweis dient, daß irgend ein politischer Gedanke ihrem Kriegertum fremd war, so darf jene französische Idee als ein Zeugnis verwertet werden, daß die Franzosen ohne jede Ahnung davon gewesen sind, daß ihre Revolution auch eine ganz neue Epoche des Kriegswesens heraufzuführen im Begriff sei.

Bei der neuen Fechtweise waren die Verluste erheblich geringer, als in der Linear-Taktik, wo die geschlossenen Truppenteile ins Kartätsch-Feuer kamen oder sich gegenseitig mit ihren[467] Salven überschütteten. Das ist schon von Zeitgenossen bemerkt worden. Scharnhorst führte 1803 gelegentlich der Rezension eines französischen Buches aus490, daß in den Revolutionskriegen wenig höhere Generale gefallen seien. Ganz anders war es bei der preußischen Armee im siebenjährigen Kriege. Gleich in den ersten Jahren verlor diese nur sehr kleine Armee ihre beiden Feldmarschälle – Schwerin und Keith – außerdem noch Winterfeld und andere der berühmtesten und ältesten Generale. Aber auch in einer Schlacht dieses Krieges (z.B. Prag, Zorndorf, Kunersdorf, Torgau) blieben mehr Menschen auf der Stelle, wie in einem ganzen Feldzuge des Revolutionskrieges (d.i. in mehr als vier bis zehn Schlachten) selbst den in Italien unter Bonaparte nicht ausgenommen.

Auch 1813 ist, so weit ich mich erinnere, Scharnhorst selbst der einzige preußische General geblieben, der gefallen ist. Im allgemeinen aber sind die Verluste im Verlauf der Napoleonischen Kriege wieder sehr gestiegen491.

Bei den alten Mächten sah man in der neuen französischen Fechtweise nichts als eine Entartung und lehnte sie selbstbewußt ab. Der österreichische Feldmarschalleutnant und Generalquartiermeister MACK verfaßte im Oktober 1796, also als Bonaparte in Italien gesiegt hatte, Jourdan und Moreau aber aus Deutschland wieder hatten zurückweichen müssen, eine Denkschrift, in der er die Vorzüge der alten Fechtweise darlegt. Auch die österreichische Armee habe sich in Flandern, wo das koupierte Terrain den Angriff in geschlossener Front nicht möglich mache, den »Angriff en Tirailleurs« angewöhnt. Auch ohne angeordnet zu sein, arte der Infanterie-Angriff dazu aus, sobald die Hitze des Gefechts die erste Ordnung im Anrücken verschwinden mache. Diesem Mißbrauch müsse man entgegentreten, weil er den Nachdruck des Angriffs schwächt, bei einem unerwarteten Widerstande des Feindes die ersten Vorteile aus den Händen winden kann und im Falle[468] des Erscheinens einiger feindlicher Kavallerie den Untergang der zerstreuten siegestrunkenen Truppe unvermeidlich macht. »... Eine reguläre, abgerichtete und solide Infanterie kann, wenn sie mit geschlossener Front in gestreckten Schritten mutvoll unter Protektion ihres Artillerie-Feuers avanciert, von zerstreuten Plänklern in ihren Fortschritten gar nicht aufgehalten werden, muß es daher verachten, sich weder mit Plänkeln noch mit Abteilungfeuer aufhalten, und ihrem Gegner mit möglichster Geschwindigkeit bei stets anhaltender größter Ordnung zu Leibe gehen. ... Diese Methode ist die wahre Menschenschonung; alles Schießen und Plänkeln kostet Leute und entscheidet nichts.«

In Preußen dachte man natürlich ebenso. Sehr anschaulich sind diese Gedankengänge dargelegt in einer Denkschrift, wohl aus dem Jahre 1800, die General von FRANSECKY in einer Arbeit über Gneisenau 1856 (Beih. z. Milit. Wochenbl. S. 63) veröffentlicht hat. Hier heißt es: ›Das Tiraillieren ist unter allen Fechtarten die natürlichste, d.h. sie entspricht dem Erhaltungsinstinkt in uns am allermeisten; daraus folgt keineswegs, daß sie die zweckmäßigste sei, wie Einige haben beweisen wollen. Der Krieg selbst ist ja der menschlichen Natur entgegen, ihn derselben übereinstimmender machen, heißt, ihn unkriegerisch machen, und das kann wenigstens kein Gegenstand der Kriegskunst sein. Es sagte einst Jemand sehr wahr: »das Tiraillieren nährt den natürlichen Hundsfott, der, wenn wir aufrichtig sein wollen, doch in uns allen steckt; und diesen muß man zu unterdrücken suchen.‹ Hier hören wir eine Menge Stimmen verwirrt sich durch einander gegen uns erheben. Die Großthaten der Französischen Armee! ruft man uns entgegen; die Verwegenheit ihrer Tirailleurs; ihre Stürme in geschlossener Kolonne in den Schlachten Italiens! beweisen alle diese nicht das Gegentheil? Wir antworten darauf ganz gelassen: für uns nicht. Wie viele Hochachtung wir auch für die Erfahrung haben, so halten wir doch viel zu wenig von dergleichen allgemeinen Citationen, um dabei unsere gesunde Vernunft gefangen zu nehmen. Diese aber lehrt uns, daß ein Mensch, der gewohnt ist, immer irgend eines Schutzes gegen die Gefahr zu genießen, furchtsam sein wird, wenn er, dieses Schutzes beraubt, ihr entgegen gehen soll. Wir wollen doch das Gewirr dieser Stimmen[469] zu entwirren suchen, um zu sehen, was wir darauf zu antworten haben. Die, welche uns die französischen Großthaten entgegenrufen, wollen wir daran erinnern, daß die Franzosen in dem Feldzug von 93 eben so gut als 94, und in dem von 99 eben so gut als 1800 und daß sie aus Schwaben sich eben so gut heraus als hineintiraillirt haben. Man muß dergleichen Trivialitäten sagen, wenn man sieht, daß man diese Fakta nicht mehr denkt oder nicht mehr denken will. Über die Verwegenheit der Französischen Tirailleurs, wenn es anders eine wirkliche Verwegenheit ist, wollen wir folgendes bemerken. Jede Art von Gefahr hat ihre eigene Art von Muth. Der Holländer kann nicht begreifen, wie man seine Gebeine dem ungezähmten Mut eines wilden Rosses anvertrauen könne, dagegen befährt er mit der größten Gelassenheit die stürmischen Wellen des Ozeans. Ein in Reih und Glied zu stehen gewöhnter Mann wird sich ganz gewiß nicht so keck unter die Kanonen einer Festung heranschleichen, wie ein französischer Tirailleur, er wird sich besonders vor der Gefahr, gefangen genommen, oder von Kavallerie niedergehauen und geritten zu werden, fürchten; dagegen wird ein Tirailleur, des gewohnten Schutzes seiner Hecken, Gräben, Löcher usw. beraubt, meinen, es sei nichts anderes zu thun, als davon zu laufen, und jenen Schutz zu suchen.«

»Allein dieser Mangel an Muth, welcher aus gegenseitiger Unbekanntschaft mit der Gefahr entspringt, würde noch nicht beweisen, was wir oben behauptet haben, daß das Tiraillieren den Muth überhaupt, oder vielmehr die Verachtung der Gefahr schwächt. Um hiervon zu überzeugen, geben wir folgendes zu bedenken. Wenn der Tirailleur immer dreister wird, so kommt dies daher, weil er einsehen lernt, die Gefahr ist nicht so groß als er sich gedacht hat; und weil er täglich listiger und reicher mit Hilfsmitteln wird. Es wächst also nicht seine Verachtung der Gefahr, sondern er lernt sie bloß geschickt bekämpfen. Da, wo er dies nicht kann, wo er ihr nichts als die Verachtung derselben entgegenstellen kann, da wird es sich zeigen, wie sehr der natürliche Hundsfott indeß in ihm genährt und gewachsen ist.«

»Was endlich die Italienischen Schlachten betrifft, in denen die Franzosen unsern eben gemachten Folgerungen so ganz entgegen,[470] mit außerordentlicher Verachtung der Gefahr, in geschlossenen Angriffen unbedeckt dem Tode entgegen gingen, so ist darauf folgendes zu antworten. Erstens, kennen wir diese Gefahren viel zu wenig, um zu wissen, welchen Grad von Muth und Tapferkeit die Franzosen dabei gezeigt, und welchen Widerstand sie zu überwinden gehabt haben. Alle Beschreibungen dieser Gefechte sind reich an pomphaften Tiraden und arm an Detail. Im allgemeinen muß man den Muth, welchen die Truppen gegenseitig im Gefecht bewiesen haben, nach der Anzahl der Todten und Verwundeten abmessen, und da ist nach sehr bekannten Resultaten der Französische Revolutionskrieg in keine Vergleichung mit dem siebenjährigen Kriege zu stellen. Zweitens, es ist hier nicht von jenem ungestümen Muth die Rede, der die Menschen beim Chock wie eine Art von Leidenschaft beseelt, und der eine natürliche Aussteuer der Franzosen ist, weil sie lebhafter sind, als andere Nationen: sondern von der kalten Verachtung der Todesgefahr, die im anhaltenden Gefechte Ordnung und Ausdauer erhält, und die wir bei den alten Spanischen Banden in der Schlacht von Rocroy, und bei dem von Leopolds Geist gebildeten Preußischen Heere bei Mollwitz in einem so ausgezeichneten Grade finden. Unser Resultat steht daher fest.«

»Der Tirailleur verliert durch die Gewohnheit seiner Fechtart den Muth, welcher zum geschlossenen Gefecht erfordert wird. Hieraus folgt, daß Linieninfanterie nie tirailliren muß, wenn sie nicht von ihrer Brauchbarkeit als Linieninfanterie verlieren soll.«

»Diejenigen, welche das Tirailliren einführen wollen, behaupten, man könne in einem durchschnittenen Terrain nicht anders als tiraillirend fechten. Hier liegt ein Hauptirrtum zum Grunde.«

»Wenn man mit einem Bataillon, welches nie tiraillirt hat, sondern sklavisch an seine Rotten hält, durch ein Holz, es sei so dicht als möglich, geht, um den Feind durch den Anlauf anzugreifen, so kann man nicht in Reih und Glied marschiren, wie sich das von selbst versteht, sondern müssen beide sich etwas öffnen, und die Leute einzeln durchgehen. Heißt das nun tiraillieren? – Keineswegs! Will man denn in diesem Augenblick tirailliren? Noch viel weniger? Geht denn hier das Wesen des geschlossenen[471] Angriffs verloren? Auch nicht! – Man will auf den Feind anlaufen und ihn umrennen, wie dies eigentlich bei allen Angriffen der Fall ist. Ein Bataillon, welches in der schönsten Ebene eine Batterie stürmt, wird wahrhaftig nicht bis auf den letzten Augenblick in Reih und Glied bleiben, darum bleibt doch der Geist des geschlossenen Angriffs.

Muß man mit Linien-Infanterie nicht tirailliren, so braucht man derselben das Tirailliren auch im Frieden nicht zu lehren, ja man muß es ihr nicht lehren, aus eben dem Grunde, warum man es im Kriege da nicht erlauben muß, wo es, als Maßregel betrachtet, wenigstens unschädlich sein könnte.«

»Es ist wahrlich kein Wunder, wenn die französischen Tirailleurs, so wie sie zu Hunderttausenden sich aus dem Innern des Reichs ergossen, unter alten Grundsätze mit hinweggeschwemmt haben. Allein man darf wohl vor so einer Erscheinung erschrecken und ein wenig den Kopf verlieren, man muß doch aber zu sich selbst kommen, wenn man ein Mann heißen will.«

Nach ihren Niederlagen kamen auch die alten Mächte zu besserer Einsicht und nahmen die neufranzösische Fechtweise an. Auch bei ihnen hatte es ja schon in den leichten Truppen und den den Kompagnien zugeteilten Büchsenschützen Ansätze dazu gegeben und hier vollzog sich nun die Fortbildung naturgemäß auf dem Wege neuer, reformierter Reglements, zuerst bei den Österreichern, 1806, dann in Preußen 1809 und 1812. Wären zufällig nur die französischen und preußischen Exerzier-Reglements erhalten, so würde man glauben, den urkundlichen Beweis in Händen zu haben, daß die Tirailleur-Taktik im Jahre 1812 von den Preußen erfunden worden sei; und man würde das um so eher glauben, wenn jemand aufspürte, daß schon im Jahre 1770 Friedrich der Große in seiner Schrift »Eléments de castrametrie et de tactique« vorgeschrieben hat, daß beim Angriff der ersten Staffel der Linie ein Tirailleur-Treffen von Freibataillonen vorangehen solle, und daß der große König noch kurz vor seinem Tode die Errichtung von Bataillonen leichter Infanterie verfügt hat. In Wirklichkeit sind diese Freibataillone nicht bestimmt, positiv zu wirken, sondern nur das feindliche Feuer auf sich abzulenken und die leichte Infanterie haben wir kennen gelernt nicht als eine[472] reformierte Infanterie, sondern als eine Nebenwaffe. Um die neue Taktik zu schaffen, dazu gehörte der neue Staat. Die zufällig erhaltenen Einzelnachrichten können immer dann erst als beglaubigt angesehen werden und ein richtiges Bild geben, wenn man feststellen kann, daß sie sachlich mit der Gesamtrichtung der Entwickelung in Übereinstimmung sind. Auf dem Gebiete der Geschichte der Kriegskunst ist diese Methode der Kritik von besonderer Bedeutung. Was ist die Forschung hier genarrt worden durch jene Angabe bei Livius (VIII, 8), daß die Römer schon in uralter Zeit verstanden hätten, sich in ganz kleinen taktischen Körpern zu bewegen und zu fechten, oder durch jene zufällig erhaltenen Kapitularien aus den letzten Jahren Karls des Großen, aus denen man schließen zu müssen glaubte, daß damals das Lehnswesen eingeführt worden sei! Auch umgekehrt, negativ kann man diese Analogien anrufen. Die tiefgreifende Abwandlung, die die antike Taktik erfahren hat, war der Übergang von dem Massendruck der Phalanx in die Treffenaufstellung im Fortgang des zweiten punischen Krieges. Aber Polybius, der Zeitgenosse der Scipionen, erzählt uns davon so wenig, wie Hoyer, der Zeitgenosse Bonapartes, von der Umwandlung der Linear-Taktik in die Tirailleur-Taktik, obgleich wir den einen wie den andern als fachmännisch gebildeten Beobachter von hohem Range anerkennen müssen. Auch über den Ursprung des Lehnswesens entbehren wir einer quellenmäßigen Erzählung. Mit dem Übergang der römischen Legionen im dritten Jahrhundert der Kaiserzeit ist es nicht anders. So grundstürzend derartige Abwandlungen sind, so vollziehen sie sich doch in gewissen Übergängen, die sie den Augen der Zeitgenossen verbergen und die Zufälle bei der fragmentarischen Erhaltung der Traditionen oder Mißverständnisse eines fachunkundigen Erzählers (wie Livius) bringen dann Wirrnisse hervor, die die Kritik erst in der Arbeit von Generationen aufzuräumen vermag.

Alle Kriegskunst bewegt sich, wie wir uns im Beginn dieses Werkes klargemacht haben, zwischen den beiden Polen oder Grundkräften, der Tapferkeit und Tüchtigkeit des einzelnen Mannes und dem Zusammenhalten, der Festigkeit des taktischen Körpers. Die beiden Extreme sind auf der einen Seite der Ritter, der ganz auf die individuelle Leistung eingestellt ist, und das salvenfeuernde Infanterie-Bataillon[473] Friedrichs des Großen, wo der einzelne in dem Grade als Glied in die Maschine gepreßt ist, daß sogar widerwillige Elemente eingestellt und nutzbar gemacht werden können. Das regulierte und von oben geleitete Tiraillengefecht will die Vorteile des taktischen Körpers mit den Vorteilen des guten Willens des einzelnen Mannes vereinigen. Voraussetzung für diese Abwandlung ist also ein Soldatenmaterial, von dem anzunehmen ist, daß es einen guten Willen mitbringt. Einen solchen guten Willen hatten die alten Söldner gehabt, die sich freiwillig anwerben ließen. Diese Heere konnten aber immer nur klein sein. Die wachsende Größe der Heere hatte das schlechtere Material gebracht. Die neue Idee der Vaterlandsverteidigung brachte nicht nur eine abermalige Vergrößerung, sondern auch in dieser Masse einen so viel besseren Willen, daß aus ihm die neue Taktik entwickelt werden konnte.

In der Artillerie war die Konstruktion der Geschütze noch in den letzten Jahren der alten Monarchie durch Gribeauval wesentlich verbessert worden. Man hatte mehr und mehr herausgefunden, wo an Metall und Gewicht zu sparen war, ohne die Solidarität der Geschütze zu beeinträchtigen. Bisher waren die schweren Geschütze vor Beginn der Schlacht an den Stellen, die dafür bestimmt wurden, aufgefahren und hatten ihren Platz dann gewöhnlich nicht mehr verändert. Man hatte deshalb damit auskommen können, sie von Bauern fahren zu lassen. Die vorgehenden Truppen aber wurden von den ganz leichten Bataillonsgeschützen begleitet, die von Mannschaften gezogen wurden. Gribeauval erleichterte nun die Feldgeschütze so weit, daß sie auf dem Schlachtfelde von den Soldaten selbst gezogen werden konnten, die er zu dem Zweck mit ledernen Gurten ausstattete. Die Revolution führte reitende Artillerie nach Art der preußischen ein. Napoleon verbesserte gleich bei Beginn seines Kommandos diesen Zustand dadurch, daß er das Fahrpersonal militarisierte. Die Bauernknechte waren nur zu sehr geneigt gewesen, wenn sie in den Bereich des feindlichen Feuers kamen, mit den Pferden davonzugehn. Mit dem methodisch geschulten Personal und Pferden konnte die Artillerie jetzt der Infanterie auch auf dem Schlachtfelde nach Bedürfnis folgen und die von den Mannschaften gezogenen leichten Geschütze wurden dafür abgeschafft. Gewann die Artillerie auf diese Weise durch[474] ihre größere Beweglichkeit sehr an Bedeutung, so trat ihre Bedeutung ebenso wie die der Kavallerie zurück, weil das zahlenmäßige Wachsen der Heere ausschließlich der Infanterie zugute kam. Während Friedrich der Große zuletzt 7 Geschütze auf 1000 Mann Infanterie mit sich geführt hatte, sank das Verhältnis in den Revolutionskriegen auf 2, ja bis auf 1 Geschütz auf 1000 Mann, um dann unter dem Kaiserreich allmählich wieder zu steigen. Bei Wagram hatte Napoleon etwas über zwei geschütze auf 1000 Mann (395 auf 180000), 1812 ungefähr drei492. Die größere Beweglichkeit dieser Artillerie aber ermöglichte die Aufstellung eines neuen taktischen Grundsatzes für ihre Verwendung. Man konzentrierte die Feuerwirkung auf einen bestimmten Punkt, den man dadurch für den Eindruck der Infanterie reif machte. Das konnte um so leichter erreicht werden, wenn es gelang, den Feind damit zu überraschen. Auch diese Idee war bereits vor der Revolution in der französischen Armee aufgetreten und gelehrt worden493.

Die alten Armeen hatten als höchste dauernde Einheit das Regiment, und für jedes Gefecht wurden besondere ordres de bataille ausgegeben, die das Kommando der Treffen oder Treffenteile an die Generale verteilten. Das Tirailleur-Gefecht, das auf längere Dauer berechnet und oft auf gegenseitige Unterstützung der verschiedenen Waffengattungen angewiesen war, machte dauernde Verbände wünschenswert. Die Franzosen schufen deshalb die Divisionen und später die Armeekorps. Das scheint eine bloß äußerliche Anordnung, ist aber der Exponent eines ganz anderen Geistes in der Gefechtsführung. Die Friderizianische Schlacht war angelegt auf einen vom Oberfeldherrn selbst angesetzten, einheitlichen Gewaltstoß, der sehr schnell zur Entscheidung führen sollte und mußte. Jetzt zerfiel eine Schlacht in getrennte, vielleicht sogar zahlreiche getrennte Akte, in denen der Divisions- oder auch der Korps-Kommandeur über seine verschiedenen Waffen, seine Tirailleurs, seine geschlossene Infanterie, seine bewegliche Artillerie, nach eigenem Ermessen verfügte und der Feldherr erst in der Entwickelung[475] des Gefechts und je nach den Umständen den Entschluß faßte über den Stoß, der die Entscheidung bringen sollte.

Die treffenweise Aufstellung wurde zwar nicht aufgegeben, trat aber zurück. Statt dessen wurde immer bedeutsamer für den Verlauf der Schlacht die Zurückhaltung und Verwendung einer Reserve. Das Gefecht war nicht mehr angelegt auf die Entscheidung durch den ersten Stoß, sondern wurde zunächst eingeleitet und dann aus der Tiefe genährt, hingehalten oder gesteigert. »Die Schlachten werden nur gewonnen, indem man die Linie in einem kritischen Augenblick verstärkt«, schrieb der Marschall St. Cyr.

Man kann den Unterschied zwischen einer Friderizianischen und einer Napoleonischen Schlacht, wenn man die einzelnen Ausdrücke nicht gar zu sehr preßt, schematisch etwa in folgender Weise einander gegenüberstellen494.


FriderizianischNapoleonisch.


Die Armee bildetDie Armee zerfällt

einen einzigen,in Korps und

einheitlichen Körper.Divisionen.


Die Führer der TreffenDie mittleren Führer

oder Treffenteile habenHaben selbständige

keine andere Funktion,Aufgaben und Gelegenheit,

als das Kommando des ihre militärische

Feldherrn weiterzugebenErfahrung und ihr

und Voranreitende denFachkundiges Urteil in

Truppen ein BeispielAnwendung zu bringen.

der Todesverachtung

zu geben.


Der Feldherr läßt nachDer Feldherr läßt die

einer bestimmten Idee Schlacht an der ganzen

Aufmarschieren undFront beginnen und

angreifen.entscheidet von Moment

zu Moment,wo und wie er

sie fortsetzen und die

Entscheidung suchen

soll (on s'engage

partout et après on

voit).


Keine oder sehrSehr starke Reserven.

geringe Reserven.


Erster Stoß amLetzter Stoß am

heftigsten.heftigsten.


Der Zufall spieltDer Zufall hat seine

eine große Rolle.Macht, vermag aber

Überlegenheit an Zahl

und Führung

nicht aufzuheben.
[476]

Wie der Feldherr die Schlacht in einzelne Akte zerlegt, deren Leitung er seinen Untergeneralen überträgt, so entbindet er sich auch von der Anordnung der Einzelheiten der Märsche. Von Napoleon berichtet Jomini, er habe mit einen auf 7-8 Wegstunden Luftlinie geöffneten Zirkel auf der Karte die Märsche der Armeekorps bestimmt. Auf dem Marsche von Boulogne nach der Donau 1805 sind 100 Meilen, also 21/2 Meilen Luftlinie täglich im Durchschnitt gemacht worden.

Wie das Tiraillieren, so verlieh das neue Kriegswesen der französischen Armee noch eine zweite sehr wesentliche Eigenschaft. Die alten Armeen beruhten auf der geregelten Magazinal-Verpflegung; für 18 Tage sollte die Armee stets mit sich führen; für drei Tage Brot trug der Soldat selber, für sechs enthielt der Brotwagen, der jeder Kompagnie folgt, für neun Tage Mehl führten die Mehlwagen des Proviant-Fuhrwesens495. Die strenge Disziplin war ohne derartige Vorsorge nicht aufrecht zu erhalten. Je feiner diese Armeen ihr eigentümliches Wesen im Laufe des 18. Jahrhunderts ausgebildet hatten, desto mehr Gewicht hatte man darauf gelegt, daß der Soldat durch die Heeres-Verwaltung gut und zuverlässig versorgt werde. Das unmittelbare Bedürfnis der Disziplin und die allgemeine Staatsverfassung stimmten darin überein. Der Krieg war Sache der Obrigkeit und nicht der Untertanen; diese sollten, falls nicht gerade bei ihnen gefochten wurde, gar nicht merken, daß Krieg sei. Aufs strengste wurde der Soldat angehalten, Land und Volk bei seinen Durchmärschen und Lagerungen zu schonen. Die Franzosen ließen solche Schonung nicht gelten. Wie bei ihnen der Krieg Sache des ganzen Volkes war, das sein Blut opferte, so durfte der Krieg auch aus dem Lande nehmen, was er gebrauchte. Die Soldaten trieben, wo die Magazine versagten,[477] das Nötige aus der Bevölkerung bei, wo sie gerade waren. Dieses Requirieren ging sehr leicht in Plünderung über, löste die Truppenverbände auf und beförderte das Marodieren mit seiner ansteckenden Kraft. Friedrich der Große hätte, wenn er das zuließ, besorgt, sein Heer durch Desertionen wegschmelzen zu sehen. Nur in einigen ganz seltenen Notfällen hat er die Soldaten durch die Quartierwirte verpflegen lassen. Auch die französischen Revolutions-Heere litten anfänglich sehr unter der Desertion, aber mit der Verpflegung hatte diese Desertion nichts zu tun und eine disziplinarische Aufsicht, sie zu verhindern, existierte ohnehin nicht. Nach Abschmelzen der unzuverlässigen Elemente blieb immer noch ein sehr erheblicher Teil bei den Fahnen, der ihnen aus eigenem Antrieb weiter folgte, freilich in seiner Zuchtlosigkeit wieder an die Banden des 30jährigen Krieges erinnerte.

General Laharpe meldete 1796 seinem Oberfeldherrn Bonaparte, seine Truppen seien schlimmer als jemals die Vandalen gewesen, zwei Brigadechefs gaben an einem Tage ihre Entlassung ein und Bonaparte selber schrieb dem Direktorium, er schäme sich, ein solches Raubgesindel zu befehligen. Unter dem Jubel der Bevölkerung waren die Franzosen, die ja den Völkern die Freiheit bringen wollten, in Mailand eingezogen, acht Tage darauf erhob sich, durch die Mißhandlungen zur Verzweiflung gebracht, die Bevölkerung gegen sie, wurde aber durch Füsilladen gebändigt. Nicht anders als Bonaparte aus Italien berichtete Moreau aus Deutschland (17. Juli 1796): »Ich tue das Mögliche, den Plünderungen zu steuern, aber die Truppe hat seit zwei Monaten keinen Sold und die Proviantkolonnen können unsern raschen Märschen nicht folgen; die Bauern flüchten, die Soldaten verwüsten die leeren Häuser«. Ebenso Jourdan (23. Juli): »Die Soldaten mißhandeln das Land aufs äußerste; ich erröte, ein Heer zu führen, welches sich auf so unwürdige Art beträgt. Wenn die Offiziere sich gegen die Mannschaften erheben, werden sie bedroht, ja es wird auf sie geschossen«. Mit der Zeit gelang es den Generalen doch, die Zügel der Disziplin wieder in die Hand zu bekommen. Nicht bloß die Menschlichkeit, sondern auch das militärische Interesse verlangte es. Schon in dem angeführten Bericht weist Jourdan darauf hin, daß die Einwohner in ihrer Not zu den Waffen griffen und daß[478] es bald unmöglich sein werde, ohne Schutzmannschaft auf der Kommunikationslinie zu reisen. Es kam vor, daß Truppen, die sich nach einem siegreichen Gefecht requirierend und plündernd zerstreuten, nun überfallen und geschlagen wurden. Mit der Wiederherstellung der Ordnung wurden, wie in der Taktik, auch im Verpflegungswesen der französischen Armee die alten Formen sachgemäß wieder aufgenommen und nur im Notfalle der Soldat auf die regellose Selbstversorgung angewiesen. Der französische Verpflegungstrain blieb aber trotz der so sehr vergrößerten Armeen erheblich kleiner als in der alten Zeit. Nehmen wir hierzu die Verminderung der Offiziersbagage und die Abschaffung der Zelte, so mag es stimmen, wenn Rüstow berechnet hat, daß der ganze Troß der Infanterietruppe bei den Franzosen nur den achten oder zehnten Teil des preußischen im Jahre 1806 betragen habe496.

Friedrich schrieb einmal an den Feldmarschall Keith (11. August 1757) über einen Verpflegungstransport, den er erwartete, »auf ihn gründe ich die letzte Hoffnung des Staates«. In Napoleons Munde wäre ein solcher Ausspruch eine Unmöglichkeit.

Kein zeitgenössischer Schriftsteller erwähnt, so weit ich gesehen habe, wie sehr die unmittelbare Verpflegung von Heeresmassen es dem Lande durch die Verbreitung und Zunahme des Anbaus der Kartoffeln in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erleichtert worden ist. Im Siebenjährigen Kriege spielte sie noch keine Rolle. 20 Jahre später ist der Bayerische Erbfolgekrieg scherzhafterweise schon danach benannt worden. Im Herbstfeldzug von 1813 waren sie zweifellos von großer Bedeutung497.

In eine so vortreffliche Ordnung Napoleon seine Armee gebracht hat, im Verpflegungswesen sind die alten Wunden doch immer von Zeit zu Zeit wieder aufgebrochen, und sobald hier etwas[479] fehlte, stellten sich auch sofort wieder die Übel der Auflösung und der Undisziplin ein498.

Napoleon vollendet zugleich die Revolution und schließt sie ab. Er übt die höchste Gewalt nicht kraft eigenen Rechts, sondern als der Erwählte des Volkes; in einer allgemeinen Abstimmung hatte das französische Volk ihn in einer an Einstimmigkeit grenzenden Mehrheit erst zum Konsul, dann zum Kaiser ernannt. Trotz der Wiedererrichtung der Monarchie behielt also die Armee wesentliche Eigenschaften des in der Republik neugebildeten Charakters. Die Unterscheidung zwischen Offizierkorps und Mannschaft hatte nicht mehr die Natur einer ständischen Scheidung, sondern zwischen höherer und geringerer Bildung und Eignung, noch weiter überbrückt dadurch, daß auch ganz ungebildete Mannschaften bei bewährter Tüchtigkeit bis zum Hauptmann und bei besonderer Auszeichnung bis in die höchsten Stellen avancieren konnten. Jeder Soldat trug, wie man sagte, den Marschallstab im Tornister. Das ist nun freilich nicht so zu verstehen, als ob die großen Marschälle Napoleons aus der Tiefe des Volkes emporgestiegen gewesen wären; bei weitem die meisten von ihnen waren, wie Bonaparte selber, schon vor der Revolution Berufssoldaten gewesen und ihre hervorragenden Leistungen beruhten nicht zum wenigsten darauf, daß die Revolution, von aller Tradition befreit, sie in einem Alter in führende Stellungen gebracht hatte, wo jugendliche Kraft sich mit jugendlichem Ehrgeiz und Wagemut paarte, um das Unerhörteste zu vollbringen. Napoleon selber war 27 Jahre alt, als er das[480] Kommando der italienischen Armee übernahm und die meisten seiner Marschälle waren nicht oder nur wenig älter.

Die allgemeine Wehrpflicht für die fünf Jahrgänge, vom 20. bis 25. Lebensjahre, wurde als Prinzip noch einmal im Jahre 1798 ausgesprochen, aber im Jahre 1800 durch die Gestattung der Stellvertretung eingeschränkt. Auch bis dahin war sie praktisch insofern nicht eigentlich in Geltung gewesen, als die jungen Leute sich massenhaft dem Dienst entzogen oder selbst, wenn sie schon bei der Armee waren, wieder nach Hause gingen. Die Verwaltung war nicht stark und durchgebildet genug, das zu verhindern, und man hatte auch die Stellvertretung schon einmal erlaubt, dann aber wieder abgeschafft. Die durch die Gesetze von 1798 und 1800 geschaffenen Konskription mit Stellvertretung ist nun ihrer Natur nach ein sehr dehnbares System und wurde tatsächlich sehr milde gehandhabt. Während jeder Jahrgang an dienstfähigen jungen Männern wenigstens 190000 Köpfte zählte, hob Napoleon für die Jahre 1801 bis 1804 jährlich nur 30000 Mann für die aktive Armee und 30000 für eine Reserve aus, die nur 15 Tage im Jahr und einmal im Monat Sonntags exerzieren sollte. Bei Vollendung des 25. Lebensjahres war der Mann zu entlassen.

Von 1806 an wurden die Anforderungen größer und größer und die Bestimmung der Entlassung mit dem 25. Lebensjahr ist wohl, da jetzt der Kriegszustand dauernd wurde, nicht mehr zur Ausführung gekommen. Eine positive Überlieferung darüber gibt es nicht, ebenso wenig wie eine sichere Zahl, wie stark die tatsächlichen (nicht die verkündeten) Aushebungen 1812 bis 1814 geworden sind. Sicher ist nur, daß selbst in der Zeit vor 1805 die ganz milde Konskription auf starken Widerstand stieß und nur mit Gewalt durchzusetzen war. Man nannte die Ausgehobenen, die sich der Einstellung entzogen, »réfractaires«, spürte sie mit eigenen Gensdarmerie-Kommandos im Lande auf und führte sie gebunden den Regimentern zu oder drangsalierte ihre Eltern und Verwandten mit Einquartierung oder machte die Gemeinde verantwortlich499.

Von dem idealen Grundsatz der allgemeinen Wehrpflicht, wie ihn die Revolution verkündet hatte, hat man sich also sehr stark[481] entfernt. Man könnte sagen, diese Konskription sei nichts als die Wiederaufnahme des Systems der alten Monarchie: die Stellvertreter, die als Kapitulanten weiter dienten, bildeten ein berufsmäßiges Söldnertum und neben diesem hatten ja auch die Ludwige schon ausgehoben. Noch mehr würde der Vergleich stimmen mit der preußischen Kriegsverfassung, wo ja die Aushebung aus den Kantons eine wesentliche Rolle spielte und die Hälfte der Armee lieferte. Trotzdem ist, wenn auch gebrochen, von dem Geist des republikanischen Heeres viel in das napoleonische übergegangen, nicht bloß in dem anderen Geist des Offizierkorps, dem anderen Verhältnis zwischen Offizierkorps und Mannschaft, sondern auch im Wesen und im Geiste der Mannschaft. Sie waren eben ihrem Ursprung nach nicht Söldner, sondern Söhne und Verteidiger des französischen Vaterlandes, selbst dann, wenn sie es wider Willen waren. Es sind dies bloß relative, nicht absolute Gegensätze, auch in der altfranzösischen Armee hatte bereits ein nationaler Geist gelebt. Aber die Steigerung war so bedeutend, daß man den Gegensatz der beiden Typen als einen Art-Unterschied bezeichnen darf und muß.

Verglichen mit Preußen kann man wohl sagen, daß auf Grund des Kanton-Reglements hier schon ebenso scharf und noch schärfer ausgehoben wurde, als in Frankreich durch die Konskription, aber in Frankreich brachte diese ganz andere Massen, weil Frankreich fünfmal so viel Einwohner zählte wie Preußen und die preußischen Kantonisten, wenn sie auch vielfach eine starke Anhänglichkeit an den König und den Staat hatten, entbehrten doch notwendig der eigentlichen Kraft der Vaterlands-Idee, weil Preußen bloß ein dynastischer Zufalls-, kein National-Staat war. Endlich ist zu beachten, daß selbst, wenn die Eingeborenen die Hälfte und mehr als die Hälfte der Armee bildeten, gerade sie doch nur kurze Zeit unter der Fahne waren, während die in der Fremde Geworbenen dauernd den Dienst versahen, dem Ganzen also ihren Geist, das ist einem mehr oder weniger ehrenhaften militärischen Standesgeist, aber nicht den der Vaterlands-Verteidigung aufprägten.

Man kann sich den Unterschied nicht besser veranschaulichen, als wenn man die schon angeführten Vorschriften Friedrichs in seine bedeutendsten Lehrschrift über die Verhütung der[482] Desertion zusammengestellt mit dem Armeebefehl, mit dem sich Napoleon vor der Schlacht bei Austerlitz an seine Truppen wandte. Friedrich lehrte: »Es ist ein essentielles Devoir eines jeden Generals, der Desertion vorzubeugen. Dieses geschieht nun dadurch, wenn man evitieret, nahe an einem Walde zu kampieren; wenn man die Burschen öfters in ihren Zelten visitieren lässet; daß man Husaren-Patrouillen rund um das Lager gehen lässet; wenn man des Nachts Jäger in das Getreide postieret und gegen den Abend die Feldposten von der Kavallerie doublieren lässet; wenn man nicht leidet, daß der Soldat sich debandieret, sondern daß man die Offiziere obligieret, ihre Leute in Reihe und Gliedern zu führen, wenn Stroh und Wasser geholet wird; wenn das Marodieren sehr ernstlich bestrafet wird; wenn an den Marschtagen die Wachten in denen Dörfern nicht eher zurückgezogen werden, bis die Armee schon unter Gewehr stehet; wenn man bei Nacht nicht marschieret; wenn rigoureux verboten wird, daß bei Marschtagen kein Soldat sein Peloton verlassen darf; daß man seitwärts Husarenpatrouillen gehen lässet, wenn die Infanterie durch ein Holz passieret; wenn man jederzeit aufmerksam ist, damit es denen Truppen an keinen nöthigen fehle, es sei Brod, Fleisch, Branntwein, Stroh und dergleichen mehr.«

Der Tagesbefehl Napoleons vom 24. November 1805 aber lautet: »Vorläufig soll Ruhe sein. Die Korpschefs werden Sorge tragen, eine Liste der Marodeure zu machen, die ohne legitime Ursache zurück geblieben sind. Sie werden den Soldaten anempfehlen, es jene als Schande empfinden zu lassen, denn die größte Strafe in einer französischen Armee, nicht teilgenommen zu haben an den Gefahren und Siegen, ist der Schimpf, der ihnen angetan wird von ihren Kameraden. Sollte es Leute geben, die sich in diesem Fall befinden, so zweifelt der Kaiser nicht, daß sie bereit sein werden, sich zu sammeln und sich um ihre Fahnen zu schließen.«

Das den alten Söldner-Armeen eigentümliche Auslösen der Kriegsgefangenen um Geld, das »Ranzionieren« hatte die französische Nationalversammlung schon durch Dekrete (19. September 1792, 25. Mai 1793) verboten.

In seinen späteren Jahren, 1812 und 1813, als Napoleon gezwungen war, die Konskription immer schärfer anzuspannen, hat[483] auch er sehr unter der Desertion zu leiden gehabt. Ja man kann sagen, daß er die Feldzüge von 1812 und 1813 geradezu durch die Desertion verloren hat. Denn vermöge des Abströmens der Mannschaften schon auf dem Hinmarsch, kam er so schwach in Moskau an, daß er den Krieg nicht fortsetzen konnte, und wenn er den Herbstfeldzug 1813 mit einem Heer eröffnete, das den Verbündeten an Zahl nur wenig nachstand, zwei Monate darauf bei Leipzig aber nur wenig mehr als halb so stark war, wie seine Gegner, so wirkte dazu zwar manches zusammen, ganz besonders aber die unerhörte Stärke der Desertionen auf der französischen Seite.

Auch Friedrichs Heer wurde im Laufe des Siebenjährigen Krieges schlechter und schlechter, und wir haben gesehen, wie der König den Mangel bei der Infanterie zu ersetzen suchte durch Vermehrung der Artillerie. Bei Napoleon haben wir oben gesehen, ist ganz dasselbe, wenn auch nicht in demselben Maße festzustellen. Bei Friedrich führte diese innere Abwandlung in der Armee auch zu einer Abwandlung in der Strategie, bei Napoleon, wie wir noch sehen werden, nicht.

Auf die kürzeste Formel gebracht, unterscheidet sich das neue, in und von der Revolution geschaffene Kriegswesen von dem der alten Monarchie durch ein Dreifaches: das Heer ist viel größer, es tirailliert und es requiriert. Von diesen drei militärischen Qualitäten, in denen sich das neue Kriegswesen über die vorhergehende Epoche erhob, ist aber schließlich noch zu bemerken, daß sie nicht alle drei gleichmäßig und von Anfang an zur Geltung kommen. Die große Zahl trat namentlich im Anfang bei der levée en masse in Erscheinung, sank dann aber wieder zeitweilig zurück, so daß Napoleon in seinen ersten Feldzügen den Gegnern an Zahl nur gerade gewachsen war.
[484]


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 457-485.
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