Drittes Kapitel.

Napoleonische Strategie[487] 500.

Das natürliche Grundgesetz der Strategie ist, wie wir uns wiederholen wollen, die Kräfte zusammen zu nehmen, die Hauptmacht des Feindes aufzusuchen, sie zu schlagen, und den Sieg zu verfolgen, bis der Besiegte sich dem Willen des Siegers unterwirft und seine Bedingungen annimmt, äußersten Falles bis zur Besetzung des ganzen feindlichen Landes. »Die Vernichtung der feindlichen Streitkraft ist unter allen Zwecken, die im Kriege verfolgt werden können, immer der über Alles gebietende« (Clausewitz). Diese also, nicht ein geographischer Punkt, ein Gebiet, eine Stadt oder eine Stellung oder ein Magazin ist das Objekt des Angriffs. Ist es gelungen, vermöge einer großen taktischen Entscheidung die feindliche Streitmacht physisch und moralisch so weit zu zerstören, daß sie nicht weiter zu kämpfen vermag, so dehnt der Sieger seinen Sieg so weit aus, wie er es für seinen politischen Zweck angezeigt hält.

Die Heere der alten Monarchie waren zu klein, in ihrer Taktik zu unbeholfen, in ihrer Zusammensetzung zu unzuverlässig,[487] um diese Grundsätze in ihrer Kriegführung durchführen zu können. Sie lagen fest vor Stellungen, die für ihre Taktik unangreifbar waren, sie konnten sie nicht umgehen, weil sie ihre Verpflegung mit sich schleppen mußten. Sie konnten sich nur mäßig tief ins feindliche Land hineinwagen, weil sie große Gebiete nicht zu decken vermochten und die gesicherte Verbindung mit ihrer Basis unter allen Umständen hüten mußten.

Napoleon sieht sich von diesen Fesseln befreit. Er legt von vornherein alles an auf die taktische Entscheidung, die das feindliche Feldheer außer Spiel setzen soll, und verfolgt dann seinen Sieg, bis der Feind sich seinen Bedingungen unterwirft. Aus diesem obersten Grundsatz ergeben sich Konsequenzen, die von den Feldzugplänen bis in jede einzelne kriegerische Handlung reichen. Da von vornherein alles angelegt ist auf eine überwältigende taktische Entscheidung, so sind alle anderen Zwecke und Rücksichten diesem einem obersten Zwecke untergeordnet und der Feldzugsplan ist von einer gewissen natürlichen Einfachheit. Die Ermattungs-Strategie ist aufgebaut auf einzelne Unternehmungen, die so oder auch anders gestaltet sein können. Friedrich hat im Beginn des Siebenjährigen Krieges geschwankt zwischen den allerverschiedensten, ja entgegengesetzten Plänen. Je unternehmender, je aktiver der Feldherr ist, desto mehr Möglichkeiten erscheinen vor seiner Phantasie und desto subjektiver sind seine Entscheidungen. Napoleons Feldzugspläne haben eine innere objektive Notwendigkeit. Wenn man sie erst erkannt und sich klar gemacht hat, hat man das Gefühl, daß sie gar nicht anders sein konnten, daß die schöpferische Tat des strategischen Genius nur darin bestand, das herauszufinden, was die Natur der Dinge gebot. Der Empire-Styl, von dem man in der Kunstgeschichte spricht, mit seinem Klassizismus, seiner gradlinigen Einfachheit läßt einen gewissen Vergleich auch mit der Kriegskunst der Epoche zu.

Suchen wir einen Überblick zu gewinnen über die positiven Konsequenzen, die sich unmittelbar aus diesem Gegensatz der Grundprinzipien ergeben. Wir brauchen sie nicht dialektisch zu entwickeln, sondern können sie ablesen aus den Taten der großen Meister, Napoleon und Friedrich.[488]

Napoleon faßte bei seinen Feldzugsideen das feindliche Heer ins Auge und legt von vorn herein alles darauf an dieses nicht nur anzugreifen, sondern womöglich zu vernichten. Auch Friedrich hat den Grundsatz aufgestellt, »wer alles konservieren will, der konserviert nichts. Das essentielle Stück, woran man sich also zu halten hat, ist die feindliche Armee.« Wir haben aber gesehen, daß für Friedrich dieser Grundsatz doch nur eine relative Bedeutung hatte, daß er immer wieder und sehr stark davon abgewichen ist. Für Napoleon galt er unbedingt. Napoleon kann, wenn er es mit mehreren Gegnern zu tun hat, sie alle einzeln, einen nach dem andern abtun. 1805 hatte er die Österreicher besiegt (bei Ulm), ehe die Russen zur Stelle waren; dann die Russen mit den Resten der Österreicher (bei Austerlitz), ehe die Preußen eingriffen. 1806 besiegte er wieder die Preußen, ehe die Russen da waren (bei Jena) und 1807 die Russen, ehe die Österreicher sich von neuem aufgerafft hatten.

Friedrich hat bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges ganz anders gehandelt. Schon im Juli 1756 war die Situation völlig reif, die Österreicher noch nicht gerüstet, die Russen und Franzosen fern. Statt aber so schnell wie möglich zuzuschlagen, hat Friedrich den Kriegsbeginn künstlich bis Ende August hinausgezögert. Wäre er Niederwerfungsstratege gewesen, d.h. hätten ihm seine Mittel erlaubt, Niederwerfungsstratege zu sein, so müßten wir in diesem Verhalten den schwersten strategischen Fehler seiner ganzen Kriegslaufbahn feststellen. Da aber selbst unter den allergünstigten Verhältnissen der Plan einer völligen Niederwerfung Österreichs für ihn ausgeschlossen war, so handelte er richtig, indem er für dieses Jahr sich auf die Okkupation Sachsens beschränkte und sie so spät vornahm, daß die Franzosen es nicht mehr für angezeigt hielten, ihn darin zu stören.

Man sieht, wie zweckwidrig diejenigen handeln, die zu höherem Ruhme Friedrichs zu beweisen suchen, daß er im folgenden Jahr, 1757, den Plan der Niederwerfung Österreichs (Schlacht bei Prag; Belagerung von Prag) wirklich gehabt habe. Wenn dieser Plan 1757 wirklich ausführbar gewesen wäre, wie viel leichter hätte er es 1756 sein müssen! Klar und folgerichtig ist Friedrichs Verfahren nur auf dem Boden der Ermattungsstrategie.[489] Ist dem aber so, so dürfen wir umgekehrt diesen Eingang des Siebenjährigen Krieges in seinem fundamentalen Gegensatz zu Napoleons Verfahren 1805 und 1806 verwerten als schönsten und fruchtbarsten Beleg für den natürlichen Gegensatz zwischen dem Wesen und den Grundsätzen der beiden historisch festzustellenden Arten der Strategie.

Suchen wir auf diesem Wege weiter.

In der Ermattungsstrategie stehen Festungsbelagerungen, ihre Verhinderung, der Entsatz im Vordergrund der Ereignisse; bei Friedrich weniger als bei seinen Vorgängern, aber immer noch sehr bedeutsam. Napoleon hat in all' seinen Feldzügen (abgesehen von Nebenunternehmungen) nur zwei Festungen belagert, Mantua 1796 und Danzig 1807.

Auch zu diesen beiden Belagerungen entschließt er sich nur, weil er im Augenblick mit den vorhandenen Kräften den Krieg im freien Felde, gegen die feindliche Heeresmacht, nicht fortzusetzen, nicht weiterzutreiben vermag. Man belagert in der Niederwerfungsstrategie nur, was man schlechterdings nicht vermeiden kann, zu belagern, es sei denn, daß es die feindliche Hauptstadt selber sei, wie 1870 Paris, oder daß ein ganzes feindliches Heer in der Festung eingeschlossen ist, wie 1870 in Metz, oder daß es sich um kleinere Neben-Aktionen handelt. Für Friedrich ist die Einnahme einer Festung, wie Neiße (1741), Prag, Olmütz, Schweidnitz (1762) oft das eigentliche Ziel eines Feldzuges.

Friedrich lehrte ausdrücklich: »Wenn ihr ein Land findet, wo es viele feste Plätze gibt, so lasset keine hinter euch, sondern nehmt sie alle ein; alsdann geht ihr methodisch vor und ihr habt nichts für Euren Rücken zu fürchten«501.

Wenn die Verbündeten sich bei ihrem Eindringen in Frankreich im Jahre 1814 an diesen Friderizianischen Grundsatz hätten halten wollen, hätten sie Napoleon niemals überwältigt.

Friedrich baute Kanäle; er gebrauchte die Wasserstraßen nicht nur für den Handelsverkehr, sondern auch für die Verpflegung seiner Truppen. Napoleon baute Chausseen; er führte den Krieg vor allem mit Marschieren.[490]

Für Friedrich ist die Schlacht nach einem öfter von ihm gebrauchten Ausdruck ein »Brechmittel«, das man einem Kranken gibt. Es blieb mir nichts anderes übrig, schreibt er öfter, wenn er den Entschluß zu einer Schlacht rechtfertigen will502. Sie ist ihm eine Frage an das Schicksal, eine Herausforderung des Zufalls, der in unberechenbarer Weise den Ausgang bestimmen kann. Napoleon erklärte es für seinen Grundsatz, sich auf keine Schlacht einzulassen, wenn er nicht 70% Chancen des Gewinns für sich habe503. Hätte Friedrich sich an diesen Grundsatz halten wollen, so hätte er kaum je eine Schlacht schlagen können. Das ist nicht etwa ein Unterschied in der Kühnheit der beiden Feldherren, von der nicht die Rede sein kann, sondern liegt in der Verschiedenheit des Systems: wollte der Niederwerfungsstratege die Schlacht als eine Zufallsentscheidung ansehn, so wäre der ganze Krieg auf den Zufall gestellt, denn die Schlacht ist es, die ihn entscheidet. In der Ermattungsstrategie ist die Schlacht nur ein Moment unter mehreren und ihre Entscheidung kann wieder ausgeglichen werden. Friedrich schrieb einmal, als er eine Schlacht erwog, selbst wenn sie verloren gehen sollte, so würden unsere Angelegenheiten darum nicht schlechter stehen, als es ohnehin der Fall sei504. In Napoleons Munde wäre ein solcher Satz unverständlich und unmöglich. Eine verlorene oder gewonnene Schlacht ändert für ihn und in seinen Augen unter allen Umständen die Situation von Grund aus. Kunersdorf war für Preußen zu verwinden, Jena nicht. Von Friedrich haben wir gesehn, wie sehr der auch von ihm öfter proklamierte Satz, daß zur Schlacht alle verfügbaren Kräfte herangezogen werden müßten, in der Praxis eingeschränkt wurde. Napoleon führte ihn wirklich[491] durch, obschon auch das natürlich nicht absolut zu nehmen ist505. Er schrieb an Marmont (15. November 1805): »Man schreibt mir etwas mehr Talent als Andern zu und doch, um einem Feinde, den ich gewohnt bin zu schlagen, eine Schlacht zu liefern, glaube ich niemals genug Truppen zu haben; ich rufe zu mir heran Alles, was ich vereinigen kann.«

Friedrich hatte den Grundsatz, einen möglichst weit ausgreifenden Feldzugsplan zu entwerfen, von dem er sich selber von vornherein sagte, daß er in der Ausführung zusammenschrumpfen werde. Immer von Neuem bekennt er sich zu diesem Grundsatz. »Großzügige Feldzugspläne«, heißt es im Politischen Testament von 1768, »sind unzweifelhaft die besten, weil man bei ihrer Ausführung sofort bemerkt, was unausführbar sein würde, und indem man sich auf das Ausführbare beschränkt, kommt man weiter, als bei einem kleinen Projekt, was niemals zu etwas Großem führen kann.« »Solche großen Pläne sind nicht immer erfolgreich; gelingen sie, so entscheiden sie den Krieg.« »Macht vier Projekte dieser Art, und wenn eines davon glückt, so seid Ihr für alle Mühe belohnt.«506 Vergleicht man also seine ursprünglichen Entwürfe mit der späteren Ausführung, so ist man dem Eindruck ausgesetzt, als ob seine Tatkraft nicht mehr auf der Höhe seiner strategischen Ideen gewesen sei. Nichts wäre falscher. Mit vollem Bewußtsein entwarf er zunächst Pläne, die über das Mögliche hinausgingen, um unter keinen Umständen unter dem Möglichen zu bleiben. Die harten Tatsachen setzten ihre Grenzen; er wußte, daß sie es tun würden und wollte, daß es so sei. Seine strategischen Ideen dürfen also immer nur mit diesem Vorbehalt gewürdigt und eingeschätzt werden. Für Napoleon gilt das Gegenteil. Seine Pläne sind in der Ausrührung nicht zusammengeschrumpft, sondern eher noch gewachsen. Er sagte von sich selber: »Es gibt keinen kleinmütigeren Menschen[492] als mich, wenn ich einen Feldzugsplan entwerfe; ich stelle mir alle Gefahren übertrieben vor und sehe alle Umstände so schwarz wie möglich; ich bin in einer peinlichen Aufregung. Das hindert mich freilich nicht, vor meiner Umgebung durchaus heiter zu erscheinen. Ist aber mein Entschluß einmal gefaßt, dann vergesse ich alles und denke nur an das, was ihn gelingen lassen kann.«

In der friderizianischen Schlacht ist alles angelegt auf eine einheitliche zusammenhängende Wirkung; der erste Stoß soll auch die Entscheidung bringen. Napoleon tritt ein in eine Schlacht oft ohne einen bestimmten Plan, ohne auch nur eine genauere Vorstellung von der Position des Gegners. Man engagiert sich, sagt er, und sieht dann, was zu tun ist. Ein sehr bedeutender Teil der Armee muß also in der Reserve bleiben, um mit ihr an der von dem Feldherrn anzuweisenden Stelle die Entscheidung zu erkämpfen. In erster Linie geht dieser Unterschied zwischen der friderizianischen und der Napoleonischen Schlacht auf die verschiedene Taktik zurück, die Linear-Aufstellung und das Schützengefecht. Es ist jedoch auch ein Zusammenhang mit der Strategie vorhanden. Die Napoleonische Schlacht erwächst organisch aus den vorhergehenden Operationen, oft unvorgesehen. Die friderizianische Schlacht entspringt einem mehr oder weniger vorbereitenden subjektiven Entschluß, sieht also ab von einer langen Einleitung und sucht die Entscheidung je schneller, je lieber.

Friedrich konnte sich sein Leben lang nicht genug tun in Erwägungen über strategische Grundsätze, Hilfsmittel und Pläne. Napoleon sagte: »Je ne connais que trois choses à la guerre; c'est faire dix lieues par jour, combattre et rester en repos«.

Was von der einzelnen Schlacht gilt, daß Napoleon sie sich ohne vorgefaßte Idee entwickeln ließ, das gilt auch von seiner Strategie. Er selber hat gesagt, er habe niemals einen Feldzugsplan gehabt. Das steht nicht etwa im Widerspruch zu dem Satz, den wir oben gehört haben, daß er bei der Ausarbeitung seiner Pläne überaus ängstlich gewesen sei. Ein oft zitiertes Wort von Moltke lautet: »Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus. Nur der Laie glaubt in dem Verlauf eines Feldzuges die konsequente Durchführung eines im voraus gefaßten,[493] in allen Einzelheiten überlegten und bis ans Ende festgehaltenen, ursprünglichen Gedankens zu erblicken«. In diesem Sinne meint auch Napoleon, daß er nie einen Feldzugsplan gehabt habe. Nichtsdestoweniger hatte er für und bei dem Aufmarsch seiner Truppen natürlich eine sehr bestimmte Idee und erwog mit Sorgsamkeit die Möglichkeiten, die sich daraus ergaben, ohne sich aber für diese oder jene im voraus zu entscheiden. In der Ermattungsstrategie finden wir immer wieder die von weit her festgelegten Feldzugspläne, bei Friedrich wohl nicht in dem Maße, wie bei seinen Zeitgenossen, aber der Natur der Dinge gemäß doch auch bei ihm.

Auch Napoleon war nicht stark genug, die Niederwerfung seiner Gegner bis auf den Punkt zu treiben, wie etwa Alexander der Große, der ganz Persien in Besitz nahm. Selbst die Preußen hätten 1807 noch weiter gekämpft, wenn die Russen sich dazu bereit gefunden hätten. Nicht bloß durch den Sieg, sondern schließlich auch durch Politik, hat Napoleon seine Kriege zu Ende gebracht. Man könnte also sagen, zwischen ihm und seinem Vorgänger sei der Unterschied doch nur ein relativer. Wir haben aber gesehen, daß die strategischen Unterschiede fundamental sind, und daß Napoleon tatsächlich nach den sich logisch aus dem Wesen der Niederwerfungsstrategie sich ergebenden Grundsätzen gehandelt hat, nicht anders als Alexander der Große. Er konnte das, weil er sicher war oder sicher zu sein glaubte, daß, wenn ihm an der völligen Niederwerfung des Feindes schließlich noch etwas fehlte, ihm sozusagen der Atem ausging, er fähig sein werde, das Fehlende durch die Politik zu ergänzen. Ja, man darf sagen, eben hier liegt keine historische Größe. Seiner tiefsten Anlage nach ist Napoleon noch viel mehr Staatsmann als Soldat. Weder als junger Mensch noch später hat er kriegsgeschichtliche oder theoretische Studien getrieben. Alle denkenden Militärs geschäftigten sich mit der Frage, ob man nicht von den dünnen Linien wieder zur tiefen Kolonne zurückkehren solle; bei dem Leutnant Bonaparte findet sich keine Spur davon. Friedrich las, was es immer an alter und neuerer Literatur über Kriegswesen und Kriegsgeschichte gab. Auch Napoleon hat allerdings öfter darauf hingewiesen, daß ein Soldat die Taten der großen Feldherren studieren müsse, um von ihnen zu lernen – er nennt Alexander, Hannibal, Cäsar, Gustav Adolf, Turenne,[494] Eugen, Friedrich – aber er selber kannte neben Cäsar wesentlich nur die recht unmilitärischen Biographien Plutarchs und las lieber politische und moralphilosophische Schriften. Nichts ist charakteristischer für ihn als das Verhalten beim Ausbruch des Revolutionskrieges. Er war französischer Leutnant; wäre die militärische Neigung in ihm die stärkste gewesen, so hätte es ihn treiben müssen, mit seinem Regiment in den Kampf zu ziehen an die Front, umsomehr, da er mit Eifer den neuen politischen Ideen anhing. Aber das ganze erste Jahr hat der junge Offizier sich dem Kriege entzogen und sich mit etwas abenteuerlichen Plänen korsikanischer Politik umgetrieben. Erst als diese gescheitert waren, ging er zur Armee. Gleich sein erster großer Feldzugsplan aber, nachdem ihm 1796 der Oberbefehl in Italien übertragen war, war politisch aufgebaut, auf die Trennung Sardiniens von Österreich, und politisch hat er schließlich auch den Kampf gegen Österreich 1797 zu Ende gebracht, indem er, schon nahe vor Wien stehend, den Besiegten doch nicht bloß Abtretungen auferlegte (Belgien und Mailand), sondern ihnen auch eine große Erwerbung in Aussicht stellte (Venetien). Ganz ähnlich ist es bei seinen späteren Kriegen; bei all seiner ausschweifenden Phantasie hat er doch auch Blick für die Grenzen seiner Kraft. Ob seit 1812 diese Besonnenheit ihn verlassen hatte und ihn nicht mehr in Schranken hielt, oder ob eine unentrinnbare innere Notwendigkeit ihn darüber hinausführte, mag zunächst dahingestellt bleiben. Wir halten uns daran, daß seine Verhältnisse ihm ermöglichten, was Gustav Adolf, den Feldherrn Ludwig XIV., dem Prinzen Eugen und Friedrich dem Großen versagt war, seine Feldzugspläne nicht auf bloße Ermattung, sondern auf Niederwerfung des Gegners anzulegen, um dann sein Werk politisch zu vollenden.

Wenn man etwa meinen wollte, daß nun auf dem Boden der neuen Verhältnisse die neue Strategie als ein Naturprodukt von selbst erwachsen wäre, so wäre das ein Irrtum. Erst das schöpferische Genie einer großen Persönlichkeit hat aus dem gegebenen Stoff die neue Erscheinung tatsächlich gestaltet. Grade an solchen Stellen erkennt man mit besonderer Deutlichkeit, daß die Weltgeschichte keineswegs, wie die Materialisten meinen, ein Naturprozeß ist. Man ersieht das, wenn man die ersten Feldzüge, in denen die[495] neue Strategie zur Tat wird, die Feldzüge des Generals Bonaparte vergleicht mit denjenigen des bedeutendsten seiner Kollegen, des Generals Moreau.

Nachdem das Jahr 1795 ohne große Entscheidungen vorübergegangen, Preußen aber mit dem Baseler Frieden ausgeschieden war, stellten die Franzosen im Frühjahr 1796 drei Heere auf, eines unter Bonaparte in Italien, eines unter Moreau am Oberrhein, eines unter Jourdan am Mittelrhein bis Düsseldorf. Mit Hilfe der englischen Subsidien hatten die Österreicher zusammen mit ihren kleineren Bundesgenossen es fertig gebracht, den Franzosen Heere gegenüber zu stellen, die ihnen an Zahl nicht nur gewachsen, sondern sogar um einiges überlegen waren. Hier wie dort waren die Truppen nach dem Grundsatz der Gebietsdeckung auf eine lange Front verteilt. Bonaparte, dessen Truppen teils in den Alpen, teils an der Riviera entlang bis in die Nähe von Genua standen, zog nun seine Hauptkraft auf seinen äußersten rechten Flügel in der Riviera zusammen, so daß er seine Verbindung mit Frankreich nur schwach gedeckt ließ. Von beiden Seiten ging man sich über die Apenninpässe entgegen, aber obgleich im ganzen um einige 1000 Mann schwächer, waren die Franzosen vermöge ihrer Truppenverteilung in jedem einzelnen Gefecht ihren Gegnern überlegen, schlugen die mittelste Kolonne, drängten sich dadurch zwischen die österreichische und die sardinische Armee507 und gewannen vollends die Oberhand, indem der General dem König von Sardinien einen vorteilhaften Waffenstillstand bewilligte. So trieb Bonaparte die Österreicher zurück bis auf Mantua, schloß die Reste der Armee hier ein und belagerte sie. Viermal kamen die Österreicher, aus den Alpen herabgestiegen, Mantua zu entsetzen. Jedesmal wurden sie von den Franzosen geschlagen; einmal in der Art, daß Bonaparte die Einschließung der Festung aufgab und sein schweres Geschütz opferte, um die Überlegenheit bei der Entscheidung im freien Felde zu gewinnen.

Als er gesiegt hatte und über den Waffenstillstand bei Leoben verhandelte, sagte er zu den österreichischen Generalen: »Es gibt[496] in Europa viele gute Generale; aber sie sehen zu viel auf einmal. Ich, ich sehe nur eins, das sind die Massen. Ich suche sie zu vernichten, weil ich sicher bin, daß alles andere damit zugleich fällt«.

Etwas später sagte er in Mailand: »Das Wesen der Strategie besteht darin, mit einer schwächeren Armee stets mehr Kräfte auf dem Angriffspunkt oder auf dem Punkt zu haben, auf dem man angegriffen wird, als der Gegner«. Endlich auf St. Helena: »In den Revolutionskriegen hatte man das falsche System, seine Kräfte zu zersplittern, Kolonnen nach rechts und Kolonnen nach links zu senden; was ganz verkehrt ist. Was mir in Wahrheit so viel Siege verschafft hat, das ist das entgegengesetzte System. Denn am Tage vor der Schlacht zog ich meine Divisionen, statt sie auseinandergehen zu lassen, alle auf den Punkt zusammen, den ich überwältigen wollte. Dort war meine Armee massiert, und warf mit Leichtigkeit das, was ihr gegenüberstand und notwendigerweise stets schwächer war, über den Haufen508

Es wäre sachlich für Moreau und Jourdan durchaus angängig gewesen, in Deutschland in derselben Art zu operieren, wie Bonaparte in Italien. Die Österreicher unter Führung des Erzherzogs Karl standen verteilt auf einer Front, die von Basel bis zur Sieg reichte. Die Kräfte waren, nachdem ein Korps unter Wurmser wegen der Erfolge Bonapartes nach Italien abgegangen war, ziemlich gleich. Die Franzosen hätten unter Konzentrierung ihrer Truppen die österreichischen Korps einzeln angreifen und schlagen können. Kräftige Schläge wurden auch beabsichtigt; als das eigentliche Ziel aber wurde angesehn nicht die Vernichtung der feindlichen Streitmacht, sondern der Geländegewinn. Unter wenig bedeutenden Gefechten manövrierten die beiden französischen Generale den Erzherzog bis nach Bayern zurück. Moreau kam bis an die Isar. Mittlerweile aber hatte der Erzherzog sich mit seinen Hauptkräften gegen Jourdan gewandt, brachte diesem bei Würzburg eine Schlappe bei und drückte ihn bis an den Rhein zurück. Moreau hatte an der Isar mehr als die doppelte Überlegenheit über seine Gegner; dennoch trat auch er den Rückzug an, wußte auch weiter seine[497] Überlegenheit nicht auszunutzen, und nach vier Monaten standen die beiden Gegner wieder ziemlich in denselben Stellungen wie bei Beginn der Feindseligkeiten. Die öffentliche Meinung aber rechnete Moreau den glücklichen, verlustlosen Rückzug durch das Höllental noch als eine große strategische Leistung an.

Der französische Feldzugsplan mit der Aufstellung der drei Heere Bonaparte, Moreau, Jourdan stammte von dem Kriegsminister Carnot, und man hat in ihm eine strategische Konzeption größten Stiles sehen wollen in der Meinung, daß Carnot den drei Heeren konzentrisch die Richtung auf Wien habe geben wollen. Richtig ist, daß Carnot ein Zusammenwirken vom italienischen und deutschen Kriegsschauplatz aus ins Auge gefaßt hat, aber doch nicht in dem Sinne, daß die drei Heere, jedes auf gesonderter Basis vorrückend, sich endlich auf dem Schlachtfeld zur Vernichtung der feindlichen Streitkraft zusammenfinden sollten, sondern das Ziel war ihm das gegenseitige Sekundieren, um durch Flankenbedrohung den Gegner weiter und weiter zurückzumanövrieren und Gelände zu gewinnen. Man kann den Plan einigermaßen mit dem Einmarsch Friedrichs in Böhmen im Jahre 1757 vergleichen. Wie Friedrich das Wesen dieses Planes darin erblickte, daß er den Feind »fast aus Böhmen herausjage«509, aber auch möglichste Schläge dabei austeilen wollte, so schrieb auch Carnot an die Generale, indem er ihnen ausmalte, wie sie den Gegner überflügeln und seine Magazine nehmen würden, gleichzeitig, sie sollten immer kräftig angreifen und mit der Verfolgung nicht nachlassen, bis sie den Feind völlig geschlagen und aufgelöst hätten. Diese Instruktion kann als Schulbeispiel für die doppelpolige Strategie dienen. Der Unterschied aber zwischen 1757 und 1796 ist, daß, als die Gelegenheit sich bot, Friedrich die Gefechtstendenz steigerte bis zu der gewaltigen Schlacht von Prag und schließlich zu der Idee, die ganz feindliche Armee in Prag gefangen zu nehmen, während Moreau bei sehr mäßigen Gefechten in dem Manövergedanken stecken blieb und auch dann sich nicht über ihn erhob, als der Abfall der deutschen Reichsfürsten von Österreich dessen Streitkräfte noch wesentlich geschwächt und den Franzosen die unzweifelhafte, wesentliche Überlegenheit gegeben hatte.[498]

Ganz dasselbe Bild zeigt ein Vergleich des Doppelfeldzuges im Jahre 1800. Die Österreicher hatten 1799 mit Hilfe der Russen die Franzosen, während Bonaparte in Ägypten war, aus Italien vertrieben. Bonaparte, Erster Konsul geworden, hatte nun ursprünglich die Absicht, den Feldzug in Deutschland zu führen. Er wollte die Reserve-Armee, die er bei Dijon bildete, mit den Truppen Moreaus vereinigen, von der Schweiz aus die Österreicher umfassend angreifen, ihr Heer möglichst vernichten und dann den Weg auf Wien nehmen. Der Plan erwies sich als unausführbar, weil Moreau nicht unter dem Ersten Konsul kommandieren wollte und dieser auf den nächst ihm angesehensten älteren General Rücksicht nehmen mußte. Es wäre für ihn politisch zu bedenklich gewesen, wenn Moreau verstimmt den Abschied gefordert hätte.

So entschloß sich Bonaparte, die Reserve-Armee nicht nach Deutschland, sondern durch die Schweiz nach Italien zu führen. Er stieg jenseits (östlich) des Genfer Sees aus den Alpen herab, zog über den St. Gotthard noch ein Hilfskorps von Moreau heran und erschien damit zum höchsten Erstaunen der Österreicher in deren Rücken. Mit höchster Verwegenheit verteilte er seine Divisionen so, daß er ihnen auf jedem Wege, auf dem sie den Abzug versuchen konnten, entgegentreten konnte, und hielt sie doch vorsichtig so nahe beieinander, daß sie sich gegenseitig helfen konnten. Als man nun bei dem Dorfe Marengo unvermutet zusammenstieß (14. Juni 1800), blieben die Österreicher, die an 30000 Mann beieinander hatten, gegen die nur 20000 Mann starken Franzosen im Vorteil. Es war ganz nahe daran, daß die Schlacht mit einer völligen Niederlage der Franzosen endete. Die gemäß Bonapartes Befehl heranrückende Division Defaix aber (noch 6000 Mann) und ein spontaner Kavallerie-Angriff des Generals Kellermann brachten die Wage zum Umschlag. Der schon ältliche österreichische Kommandierende Melas hatte das Schlachtfeld bereits verlassen und die Truppen waren in wenig geordnetem Vormarsch, als ganz unvermutet noch der Gegenstoß erfolgte. Die Franzosen siegten also trotz ihrer Minderzahl wesentlich durch die Tüchtigkeit ihrer Truppen und ihrer jugendlich tatkräftigen Generale. Da die Schlacht mit verkehrter Front geschlagen war, glaubten die Österreicher keinen Rückzug mehr zu haben, und Bonaparte gewann Oberitalien bis[499] zum Mincio, indem er Melas gegen Räumung dieses Gebietes freien Abzug gewährte.

Moreau hatte in Deutschland einen ähnlichen Erfolg, indem er, freilich sehr langsam, die Österreicher bis hinter dem Inn zurücktrieb. Der Unterschied ist, daß Deutschland der Hauptkriegsplatz war, Italien der Nebenkriegsschauplatz, und daß Bonaparte auf diesem mit geringen Kräften vermöge der unerhörten Kühnheit seiner Führung denselben Erfolg erfocht, wie Moreau ohne besonderes Wagnis mit seiner Methodik. Der Vergleich wird auch nicht verändert dadurch, daß Moreau am Schluß noch (nach Ablauf eines Waffenstillstandes) den Sieg von Hohenlinden erfocht (3. Dezember 1800). Denn dieser Sieg war nicht die Frucht einer vorbedachten Strategie, sondern, wie Napoleon ihn ganz richtig bezeichnet hat, ein »glückliches Renkontre«, freilich in sehr großem Stil510. Der Erfolg blieb den Franzosen wieder durch die qualitative Überlegenheit der Truppen und den Schneid des jugendlichen Generals Richepanse.

Noch 1813, als Moreau, von den Verbündeten gerufen, ihnen mit seinem strategischen Rate zu dienen, die Lage der Nordarmee mit Bernadotte besprach, rief er diesem dringend, nicht dem Trachenberger Plan gemäß, die Offensive zu ergreifen, da seine Operationslinie zu wenig gestützt sein511.

Vergleicht man Moreau mit Friedrich und Daun, so sieht man, wie große Verschiedenheiten bei denselben Grundanschauungen noch möglich sind. Entscheidungen, wie Friedrich sie in seinen großen Schlachten herausforderte, hat Moreau niemals geschlagen. Er hat sich aber auch vom Schlachtpol nie so weit entfernt, wie in seinen späteren Jahren der König. Auch mit Daun aber kann man deshalb Moreau nicht zusammenstellen, denn diesem ist der Franzose an Tatkraft und Beweglichkeit entschieden überlegen. Schon[500] die Jugendlichkeit seiner Armee gab ihm ein Feuer und eine Triebkraft, deren das traditionelle Österreichertum entbehrte.

Nichts wäre verkehrter, als Moreau etwa geringschätzig behandeln zu wollen, weil er Ermattungsstratege war. Um es nicht zu sein, hätte er eben ein Napoleon sein müssen. Er hätte nicht nur die unfehlbare Vereinigung von Wagemut und Vorsicht, von glühender Phantasie und kältester Berechnung, von Heldentum und Staatskunst haben müssen, die Napoleons Strategie kennzeichnen. Kein Napoleon zu sein, ist noch kein Vorwurf. Nicht um die beiden Männer aneinander zu messen, haben wir den Vergleich ge macht, sondern um uns klarzumachen, daß die Weltgeschichte sich nicht bloß aus den Verhältnissen aufbaut, sondern daß die Persönlichkeiten zum wenigsten eins der vielen Elemente sind, die in ihr mitwirken. Noch nicht die französische Revolution hat die moderne Niederwerfungsstrategie geschaffen und an die Stelle der Ermattungsstrategie gesetzt, sondern der General Bonaparte mit den Mitteln der französischen Revolution ist ihr Schöpfer512. Er war sich auch dessen bewußt. Nur ein vulgärer Ehrgeiz, sagte er, könne jene Mittel gebrauchen, deren sich Ludwig XIV. und Friedrich II. bedienten. So berichtet der Marschall St. Cyr in seinen Memoiren und will Napoleon tadeln, weil er die allgemein als gut anerkannten Regeln verachtet und gemeint habe, sie seien nur für mittelmäßige Geister.

Für die Zeitgenossen waren die Leistungen der Generale Moreau und Bonaparte in ihrer Wesenheit noch nicht zu unterscheiden. Wohl sprach man von einer italienischen und einer[501] deutschen Schule der Strategie, dort Bonaparte hier Moreau, aber man erkannte weder die eigentliche Natur des Gegensatzes, noch die absolute Überlegenheit der einen »Schule«, d.h. Persönlichkeit über die andere513. Bonaparte nahm es auf sich, den Staatsstreich zu machen und wurde dadurch zum Herrn Frankreichs, aber ob er wirklich der dazu vom Schicksal Berufene und der allein Berufene sei, das war der Mitwelt noch keineswegs von vornherein bewiesen, und dieser Zweifel hat zu einem Nachspiel zu dem Marengo-Feldzug geführt, das uns auch kriegsgeschichtlich Veranlassung zu einem Anhang dazu gibt.

Als Napoleon sich 1804 zum Kaiser hatte wählen und krönen lassen, stand er ja noch in der Vorhalle seiner Größe, seiner Taten und seines Ruhmes. Sein phantastischer Zug nach Ägypten hatte mit einem Mißerfolg geendet und man konnte die Frage aufwerfen, ob er wohlgetan, seine Truppen dort im Stich zu halten. Seine Erfolge von 1796 und 1800 waren glänzend, aber Moreau stand neben ihm und die bösen Zungen zischelten, daß der Sieg von Marengo im Grunde nicht ihm, sondern dem auf dem Schlachtfelde gebliebenen Desaix zu verdanken sei. Dem zu begegnen, ließ der Kaiser einen amtlichen Bericht über den Feldzug ausarbeiten, den er selbst korrigierte und der gemäß diesen Korrekturen umgearbeitet werden mußte und die Wahrheit auf das gröblichste vergewaltigte, in dem Sinne, daß der Feldherr alles vorher gewußt und vorher berechnet habe, das zeitweilige Zurückweichen der Franzosen aber und die kritischen Momente der Schlacht unterdrückte. Für den kritischen Historiker ist mit diesen, sagen wir offen, Fälschungen der Ruhm des Feldherrn nicht erhöht, sondern gemindert. Denn es gibt keine große strategische Handlung, die nicht ein großes Wagnis, also auch einen kritischen Moment einschlösse, und das Verdienst des allenthalben und unbedingt richtigen Vorausberechnens ist entweder fiktiv oder zufällig, da solche Vorausberechnung[502] immer nur in gewissem mäßigem Umfange möglich ist. War sich also Napoleon seines eigenen Tuns so wenig bewußt, oder narrte ihn die Eitelkeit so sehr, daß er einen Popanz aus sich machen ließ? Er wußte es besser. Er wußte, daß die wahre Größe dem Volke nicht faßbar ist. Wie das Volk die Tapferkeit sich immer am liebsten vorstellt in dem Sieg einer Minderzahl über eine Mehrzahl, so sieht es die Feldherrnkunst am klarsten verbürgt, wenn ihm bewiesen wird, daß der große Mann alles ganz genau vorher berechnet und gewußt habe. Daß die Strategie die Bewegung in einem undurchsichtigen Element bedeutet und die wesentliche Eigenschaft eines Feldherren der Wagemut ist, das ist eine Erkenntnis, die erst Clausewitz gefunden und in die Kriegswissenschaft eingeführt hat. Hätte Napoleon eingestehn lassen, wie nahe es daran gewesen, daß er die Schlacht verlor, ja, daß das Gros tatsächlich bereits geschlagen war, als Desaix spät am Abend anlangte, so würde das französische Volk nicht seine Kühnheit bewundert, sondern seinen Leichtsinn getadelt haben, der die Truppen zersplitterte und nur durch Glücksfall noch gerettet wurde. Auch die Athener mußten ja ihren Kindern die Größe des Themistokles von der listigen, geheimen Botschaft, durch die er den Perserkönig bei Salamis zum Angriff verführte.

Gleichzeitig mit dem General Bonaparte trat der noch um zwei Jahre jüngere Erzherzog Karl (geb. 1771) als Feldherr auf die Weltbühne. Der Erzherzog war ein theoretisierender Geist, hat schon früh neben den Degen die Feder geführt und sehr zahlreiche Schriften verfaßt. Er steht strategisch durchaus auf dem Boden der Ermattungsstrategie. Wohl verkündigt er, wie Friedrich der Große, daß man alles anwenden müsse, damit die Kriege so kurz dauerten, als es nur immer sein kann, und daß der Zweck sich, nur durch entscheidende Schläge erreichen lasse, gleichzeitig schränkt er diesen Satz aber dadurch ein, daß er lehrt: »In jedem Lande gibt es strategische Punkte, die für das Schicksal desselben entscheidend sind; weil man durch ihren Besitz den Schlüssel des Landes gewinnt und sich seiner Hilfsquellen bemächtigt.« Und weiter: »Die entscheidende Wichtigkeit der strategischen Linien macht es zum Gesetz, sich zu keiner Bewegung, auch selbst durch die[503] größten taktischen Vorteile verleiten zu lassen, durch welche man sich so weit oder in einer solchen Richtung von denselben entfernt, daß sie den Feinden Preis gegeben werden.« Oder: »Die wichtigsten taktischen Maßregeln haben selten einen dauernden Nutzen, sobald sie an Orten oder in einer Direktion geschehen, die nicht strategisch sind«514.

Für die Ermattungsstrategie sind diese Sätze berechtigt und zutreffend. Hier kam in der Tat sehr viel darauf an, nicht nur daß, sondern auch wo ein Sieg erfochten wurde, denn ein Sieg, den man nicht verfolgen kann, hat nur einen vergänglichen Wert, und der Verfolgung sind oft enge Grenzen gesetzt. Wir haben gesehen, wie Friedrich nach einem seiner glänzendsten Siege, bei Soor, sogar zurückging. In der Niederwerfungsstrategie ist der Sieg nicht in Abhängigkeit von dem »Punkt«, wo er erfochten wird, oder der »strategischen Linie«, auf der man sich bewegt, sondern der Feldherr nimmt an, daß er mit dem Siege auch die strategischen Punkte in seine Hand bekomme und die strategischen Linien bestimme. Grade indem Napoleon seine strategische Linie preisgab, faßte er, wie wir sofort sehen werden, die Preußen bei Jena und Auerstädt im Rücken und besiegte sie nicht bloß, sondern vernichtete sie515.

Die Napoleonische Strategie ist frei von jedem Schematismus. Eine Grundform aber kehrt bei Napoleon so häufig wieder, daß sie hervorgehoben zu werden verdient. Er schiebt beim Aufmarsch seine ganze Macht auf den einen Flügel oder in die eine Flanke des Gegners, sucht ihn zu umfassen, von seiner Basis abzudrängen und ihn auf diese Weise möglichst vollständig zu vernichten. Das war sein Plan schon im Frühjahr 1800, als er mit Moreau zusammen von der Schweiz aus die Österreicher in Süddeutschland angreifen wollte. So hat er es gemacht 1805, als er die Österreicher an der Donau von Norden aus umfassend angriff und zu diesem[504] Zweck Bernadotte von Hannover durch das Ansbachische marschieren ließ. So machte er es auch im nächsten Jahr, als er die Preußen in Thüringen angriff, nicht in der Richtung vom Rhein her, sondern vom oberen Main aus; er umging sie so vollständig, daß die Schlachten bei Jena und Auerstädt mit verkehrter Front geschlagen wurden: die Preußen mit dem Gesicht, die Franzosen mit dem Rücken gegen Berlin. Wären die Franzosen in dieser Aufstellung geschlagen worden, so hätten sie einen noch schlechteren Rückzug gehabt als die Preußen; sie hätten, gegen das Erzgebirge und die österreichische Grenze gedrängt, vernichtet werden können. Aber seines Sieges gewiß, wagte Napoleon es daraufhin und konnte nun die von ihrer Basis abgedrängte preußische Armee auf ihrem Rückzug vollständig aufreiben.

Der preußische General v. Grawert soll die Operation Napoleons 1806 richtig vorausgesagt und sie dahin ausgelegt haben, »daß der Feind unseren linken Flügel umgehe und uns von der Elbe, von allen unsern Hilfsquellen, d.h. von der Oder, von Schlesien abschneiden werde«516. Man kann den Unterschied zwischen der älteren und neueren Strategie nicht besser charakterisieren, als durch den Vergleich dieser Auslegung mit der wahren Absicht Napoleons. Grawert hat alles richtig gesehn im Sinne der Friderizianischen Strategie. Napoleon aber lag gar nichts an dem »Abschneiden« von den »Hilfsquellen«, was die preußische Armee zurückmanövriert und ihm ein Stück Land überliefert haben würde, sondern er legte sich auf die Rückzugslinie der Preußen, um sie selber abzufangen.

Auch Napoleons Plan für den Herbstfeldzug 1813 gehört hierher. Er wollte sich mit seiner Hauptmacht zunächst dem böhmischen und schlesischen Heer gegenüber defensiv verhalten, bis die Nordarmee unter Bernadotte geschlagen und das Land bis Danzig in seiner Hand war. Dann sollte die große Offensive in der Richtung von Norden nach Süden einsetzen, die die Russen von der Verbindung mit ihrem Lande abdrängte. Der Plan scheiterte, weil die Nordarmee, von Bernadotte vorsichtig, aber wohlüberlegt[505] geführt, die französischen Heere bei Groß-Beeren und Dennewitz zurückschlug.

Erst seit dem Wiederausbruch des allgemeinen Krieges im Jahre 1805 ersteigt Napoleon die volle Höhe nicht nur seines Ruhmes und seiner Größe, sondern auch seiner Strategie. Die Unordnungen der Revolution sind überwunden; die große Masse, der patriotische Geist, die neue Taktik sind in Disziplin genommen; der Kaiser Napoleon ist in der Lage, unbehindert von anderen Potenzen auszuführen, was er für richtig erkannt hat.

Das eigentliche Geheimnis des großen Feldherrn ist die Vereinigung von Kühnheit und Vorsicht. Wir finden sie bei Alexander, wenn er, ehe er den Feldzug in das innere Persien antritt, sich erst den Rücken deckt durch die Eroberung von Tyrus und Ägypten und sein Heer wesentlich verstärkt. Wir finden sie bei Hannibal, wenn er statt der Belagerung von Rom sich die Loslösung der italienischen Bundesgenossen von der Kapitale als Ziel setzt. Wir finden sie bei Scipio, wenn er es zwar auf die Entscheidungsschlacht ohne Rückzug ankommen läßt, aber vorher die Verstärkung durch Masinissa heranzieht. Wir finden sie bei Cäsar, der sich erst gegen das Heer ohne Feldherrn und dann gegen den Feldherrn ohne Heer wenden will. Wir haben sie gefunden bei Gustav Adolf und Friedrich. Wir finden sie auch bei Napoleon. So verwegen er das Schicksal immer wieder herausfordert, so stürmt er doch keineswegs ins Grenzenlose, sondern weiß, wo er Halt machen muß, fällt aus der Offensive in die Defensive, läßt es darauf ankommen, ob der Feind seinerseits ihn angreifen wird und sucht zugleich seinen Sieg durch Politik zu ergänzen.

Das schönste Beispiel für dieses Verfahren ist der Feldzug von Austerlitz. Napoleon hat eine österreichische Armee bei Ulm vernichtet, hat Wien genommen und ist bis in die Nähe von Olmütz in Mähren eingedrungen, wo ihm die Russen mit ihrer Hauptmacht entgegentreten. Auf einer solchen »Pointe« eine Offensivschlacht zu schlagen, scheint Napoleon zu gewagt, da der Feind numerisch um einiges überlegen ist. Er fängt Verhandlungen an, und als der Feind anrückt, da nimmt er Aufstellung zu einer Defensivschlacht. Er gewinnt sie (2. Dezember 1805), indem er im richtigen Augenblick aus der Defensive heraus einen Offensivstoß[506] macht. Um ihn zu umfassen, haben die Gegner sich sehr lang ausgereckt und dadurch ein dünnes Zentrum ohne eigentliche Reserven gestaltet. Hier galt es hineinzustoßen. »Wie lange gebrauchen Sie, um jene Höhe (bei Pratzen) zu nehmen?« fragte der Kaiser den neben ihm haltenden Marschall Soult. »20 Minuten«. »Dann wollen wir noch eine Viertelstunde warten«. Diese Viertelstunde richtig abzupassen, darauf kam es an.

Von allen Schlachtformen ist die Defensiv-Offensiv-Schlacht die wirksamste. Defensive und Offensive haben jede ihre Vorteile und ihre Schwächen. Der Hauptvorteil der Defensive ist die Auswahl des Schlachtfeldes und volle Ausnutzung des Geländes und der Feuerwaffen. Der Hauptvorteil der Offensive ist der moralische Schwung des Angriffs, die Wahl des Angriffspunktes und die positive Entscheidung. Die Defensive bringt zunächst immer nur eine negative Entscheidung. Reine Defensivschlachten werden deshalb nur sehr selten gewonnen (Crech 1346, Omdurman 1898). Das Höchste aber wird erreicht, wenn der Feldherr aus einer guten Defensive im richtigen Augenblick und an der richtigen Stelle zum Gegenstoß übergeht. Als das klassische Beispiel der Defensiv-Offensiv-Schlacht haben wir Marathon kennen gelernt. Austerlitz ist das moderne Gegenstück dazu. Sowohl in der Anlage wie in der Durchführung ist uns diese Schlacht wichtig, weil sie uns den Feldherrn zeigt in seiner Selbstbeherrschung, weil wir hier sehen, wie dieser Mann bei aller Verwegenheit doch keineswegs sich der Besonnenheit entschlug. Seine Vorsicht ging sogar so weit, daß, als das Anrücken der Gegner gemeldet wurde, er Talleyrand, der in Wien verhandelte, den Befehl gab, einen billigen Frieden zu schließen. Obgleich er sicher auf den Sieg rechnete, wollte er sich also auch für den Fall der Niederlage diplomatisch den Rücken decken.

In dem Allerverwegensten in seiner Laufbahn gehört der Übergang über die Donau, der zur Schlacht bei Aspern führte (am 21. und 22. Mai 1809). Ganz nahe dem Übergangspunkt stand auf dem Nordufer Erzherzog Karl mit der ganzen österreichischen Armee, über 100000 Mann. Auf einer einzigen, improvisierten Brücke hatten die Franzosen den mächtigen Strom zu überschreiten. Die Brücke zerriß das erstemal, als sie erst 22500 Mann hinüber hatten, und das[507] zweitemal am nächsten Tage, morgens 8 Uhr, als einige 60000 Mann drüber waren. Aber trotz ihrer am ersten Tage vierfachen, am zweiten immer noch mehr als anderthalbfache Übermacht, gelang es den Österreichern nicht, die Franzosen in den Fluß zu werfen. Erzherzog Karl hatte noch Reserven, aber er setzte sie nicht ein. Der ganze Unterschied zwischen ihm und Napoleon tritt an diesem Punkt zu Tage. Für Friedrich den Großen existierte die Frage der Verwendung der Reserve noch nicht eigentlich, da er ja alles mit dem ersten Stoß machen wollte, diesen deshalb so stark wie irgend möglich ausstattete und keine wesentlichen Reserven zurückbehielt. Mit der neuen Taktik hatten auch die Österreicher das Prinzip der Reserven annehmen müssen, aber wie die geistige Kraft des Erzherzogs nicht ausgereicht hatte, sich zur Niederwerfungsstrategie aufzuschwingen, so hatte er auch keine rechte Vorstellung von dem Wesen und der Verwendung der Reserve. Er stellte den Grundsatz auf: »Die Reserve darf nur dann in das Gefecht gezogen werden, wenn ihre Mitwirkung ohne allen Zweifel entscheidet«. »Sie darf wohl hier und dort zum Gefecht gezogen werden, wenn es nur eines letzten Druckes zur Vollendung des Sieges bedarf; sonst ist ihr Hauptzweck stets die Versicherung und Deckung des Rückzuges«517. Selbst nach diesem Grundsatz, so matt er ist, hätte bei Aspern alles hineingeworfen werden müssen, um einen möglichst vollständigen Sieg zu erringen. Es konnte keine schönere Gelegenheit geben. Dem Erzherzog fehlte dazu der Schwung. Er steckte ja noch in den Vorstellungen der Ermattungsstrategie, die dem Siege als solche keine besondere Wichtigkeit beimaßen. Nur ein Heros wie Friedrich der Große, konnte sich innerhalb solcher Vorstellungen dennoch zu den großen Herausforderungen des Schicksals erheben, die seine Schlachten uns bezeugen. Erzherzog Karl war zu klein, um das Geschenk, das die Schicksalsgöttin ihm bei Aspern lächelnd entgegentrug, zu ergreifen. Er sah immer hinter sich, so wie ihn mit unbewußter, grausamer Ironie das Reiter-Denkmal in Wien heute abbildet. Die Franzosen verteidigten mit ihrer Infanterie die beiden Dörfer Aspern und[508] Eßlingen und hielten die Zwischenräume mit einer schwachen Kavallerie, die eine kühne Attacke über die andere machte. Napoleon selber setzte sich aufs stärkste aus und ritt die Reihen der Seinigen im Feuer entlang, um ihren Mut zu stärken. Die Österreicher zwangen schließlich ihre Gegner, auf die Donau-Insel nahe dem nördlichen Ufer zurückzugehen, aber Erzherzog Karl wagte nicht, sie dort anzugreifen oder sonstirgendwie seinen Erfolg auszunutzen518. Sechs Wochen darauf hatte Napoleon sich so verstärkt, daß er den Versuch erneuern konnte, und jetzt gelang er. Schlacht bei Wagram, 6. Juli 1809. Napoleon gewann die Schlacht vermöge seiner großen numerischen Überlegenheit, indem er den linken Flügel der Österreicher umfaßte. Die großen Artillerie- und Infanteriemassen, die er im Zentrum zusammenballte, haben nicht, wie öfter angenommen wird, die Entscheidung gebracht. Mit Unrecht ist Erzherzog Karl gerühmt worden, weil er den linken Flügel der Franzosen von einer selbständigen Armee-Abteilung aus der Flanke angreifen ließ; das erscheint wie eine Vorahnung Moltkescher Schlachtenführung. Die Ähnlichkeit ist jedoch nur äußerlich. Der Angriff war zu schwach, um wirksam zu sein und der Erzherzog hatte, obgleich er Zeit genug gehabt hatte, sich auf einen neuen Donauübergang der Franzosen zu präparieren, überhaupt keinen durchdachten Schlachtplan, sondern schwankte haltlos zwischen Defensiv- und Offensiv-Gedanken hin und her519.[509]

Das eigentliche Problem der Napoleonischen Strategie ist der Feldzug von 1812. Napoleon schlug die Russen bei Borodino, nahm Moskau, mußte wieder zurück und verlor dabei so gut wie seine ganze Armee. So wäre es Friedrich ergangen, wenn er sich hätte vermessen wollen, Wien zu nehmen. Auch bei den Kräften, über die Napoleon gebot, hatte die Niederwerfungsstrategie ihre Grenze: hätte nun Napoleon besser getan, sich 1812 zur Ermattungsstrategie zu bekehren und den Krieg in Friedrichs Art zu führen? Clausewitz hat die Frage mit guten Gründen verneint und dargelegt, daß der französische Kaiser noch immer die meiste Aussicht hatte, diesen Krieg zu gewinnen, wenn er ihn nach der Methode führte, die ihm bisher noch immer den Sieg verbürgt hatte. Wie die Kräfteverteilung einmal war, konnte er aber weder mit der Ermattungs- noch mit der Niederwerfungsstrategie siegen. Er hatte im ganzen nach den neuesten Untersuchungen gegen Rußland 685000 Mann unter Waffen, eingeschlossen die Garnisonen. 612000 Mann haben die Grenze überschritten; davon kam die größere Hälfte, wenigstens 35000 Mann auf die Hauptarmee im Zentrum. Als er aber in Moskau anlangte, hatte er nur noch 100000 Mann um sich. Schon 14 Tage nach dem Übergang über den Niemen hatte er 13500 Mann verloren, fast ohne Gefechte, nur durch Desertion, schlechte Verpflegung, Krankheit. Die französische Hälfte des Heeres bestand zum größten Teil aus ganz jungen, erst 1811 ausgehobenen Leuten, unter ihnen sehr viele Refraktaires, die man auf den holländischen Inseln, wo sie nicht desertieren[510] konnten, militärisch ausgebildet hatte. Diese Erziehung hielt aber bei dem Vormarsch durch das öde russische Land nicht stand. Die Magazinalverpflegung funktionierte nicht genügend; Napoleon hatte ihr seiner Gewohnheit gemäß wenig Aufmerksamkeit geschenkt und nicht recht in Betracht gezogen, daß das russische Gesetz nicht leisten würde, was ihm Italien und Deutschland geboten hatten520. So hat er den Krieg eigentlich an der Desertion und an der Verpflegung verloren, nicht etwa an dem russischen Winter, der ihm nur den Rest der Armee aufrieb, überdies im Jahre 1812 später und milder war, als in anderen Jahren. Wäre Napoleon statt mit 100000 mit 200000 Mann in Moskau angekommen, so hätte er es wohl durchsetzen können, sich in dem eroberten Gebiet zu behaupten und der Zar hätte schließlich seine Bedingungen angenommen.

Man kann Napoleons Feldzug von 1812 vergleichen mit Friedrichs Eindringen in Böhmen 1744, wo er schließlich, ohne eine Schlacht verloren zu haben, durch bloße Wirkung auf seine Verbindungen aus dem Lande wieder verdrängt wurde und einen sehr großen Teil seiner Armee einbüßte. Er hat sich diese »Pointe« im Feindesland selber als Fehler angerechnet, war aber imstande, im Winter seine Armee wieder aufzubauen und durch Hohenfriedberg das Gleichgewicht wieder herzustellen. Immerhin hatte Friedrich mit seiner »Pointe« doch nur einen Feldzug der Ermattungsstrategie führen wollen und die Niederlage war deshalb nicht unverwindlich, Napoleon aber hatte viel Größeres, hatte eine volle Entscheidung angestrebt, und da ihm das mißglückt war, so war auch der Rückschlag viel schwerer. Er bestand ja nicht nur in dem Verlust der Armee, sondern ganz wesentlich auch darin, daß die beiden gezwungenen Bundegenossen, Preußen und Österreich, jetzt den Mut fanden, ihm aufzusagen.

Der Fehler, an dem Napoleon zugrunde gegangen ist, ist[511] also nicht sowohl, daß er strategisch falsch operiert hat, als daß er den inneren, moralischen Zusammenhalt des französischen Volkes in seinem Kaiserreich überschätzt hat. Wohl hing ein großer Teil des französischen Volkes mit Verehrung und Dankbarkeit an ihm oder war durch seinen Ruhm geblendet und hingerissen; bei einem sehr großen Teil aber waren diese Empfindungen nur schwach oder sogar entgegengesetzt. Man wollte nicht für ihn fechten, und die mit Gewalt Ausgehobenen desertierten. Wohl ist es ihm gelungen, auch 1813 noch eine gewaltige Armee wieder aufzustellen, aber auch diese ist in dem strapaziösen Herbstfeldzug zum sehr erheblichen Teil nicht durch den Feind, sondern durch Desertion zerstört worden. Merkwürdigerweise haben wir keine Nachricht darüber, was eigentlich aus den Deserteuren von 1812 geworden ist. Man muß doch wohl annehmen, daß ein sehr großer Teil nach Deutschland und Frankreich zurückgelangt und 1813 wieder eingestellt worden ist. Da aber jede Aufzeichnung darüber fehlt, so ist nicht zu berechnen, wie groß tatsächlich die Menge der Rekruten gewesen ist, die Frankreich in diesen Jahren dem Kaiser gestellt hat.

Der Feldzug 1814 ist, wie tieferes Eindringen der Forschung gelehrt hat, ganz von politischen Motiven beherrscht, ist aber für eine »Geschichte der Kriegskunst« dadurch interessant, daß diese politischen Motive sich in das Gewand der Regeln der alten Strategie zu hüllen verstanden. Die eine Partei, unter Führung Metternichs, suchte einen Ausgleich mit Napoleon und wollte, falls dieser nicht zustande kam, die Wiederherstellung der Bourbonen, die andere Partei wollte den Sturz Napoleons, und Kaiser Alexander wollte an dessen Stelle Bernadotte setzen. Um nicht für gegnerische Zwecke zu kämpfen, verweigerten die Österreicher das Vorrücken und kleideten bewußt oder unbewußt diese Zurückhaltung in strategische Erwägungen. Sie beriefen sich darauf, daß Eugen und Marlborough, die doch auch große Feldherrn gewesen seien, niemals auf Paris operiert hätten; der König von Preußen wollte schon die Verfolgung nicht über den Rhein fortsetzen, weil der Rhein ein Abschnitt sei und man sich an einem Abschnitt erst sammeln müsse, und sein General-Adjutant Knesebeck wollte auf dem Plateau von Langres Halt machen, weil dort die Wasserscheide von Frankreich sei und man von diesem Punkte aus also Frankreich beherrsche.[512]

Auch in den Feldzug von 1815 spielt der Gegensatz der beiden Methoden der Strategie noch hinein. Wellington, der gewiß ein sehr bedeutender General war, lebte doch noch in den Vorstellungen der Ermattungsstrategie. Vereinigt waren die verbündeten Heere in Belgien Napoleon um nicht viel weniger als das Doppelte überlegen gewesen (220000 zum Teil allerdings sehr minderwertige Truppen gegen 128000 vorzügliche), dennoch kam der Kaiser dem Siege sehr nahe, weil Wellington, immer auf Deckung bedacht, seine Truppen nicht rechtzeitig zur Schlacht vereinigte, zur Schlacht bei Ligny deshalb zu spät kam und auch noch am 18. während der Schlacht bei Belle-Alliance ein ganzes Korps, 18000 Mann, zwei Meilen seitwärts vom Schlachtfelde stehn ließ. Mit Recht hat man diese Abzweigung verglichen mit dem Verfahren Friedrichs, als er das Korps Keith während der Schlacht bei Prag auf der anderen Seite der Stadt stehn ließ. Was aber in der Epoche der friderizianischen Strategie, wenn auch nicht als geboten, doch als natürlich erschien, war in der Napoleonischen Zeit ein schwerer Fehler. Er wurde wieder ausgeglichen dadurch, daß Gneisenau umgekehrt, allein geleitet von dem Gedanken der Schlachtentscheidung, die direkte Verbindung der bei Ligny geschlagenen Armee mit der Heimat aufgab und den Rückzug auf Mavre, in die Nähe der Engländer dirigierte, so daß die Preußen ihnen am Tage darauf zuziehen konnten521. Durch den schließlichen Sieg sind die Fehler Wellingtons so übersonnt worden, daß man sie wenig bemerkt hat. Kriegsgeschichtlich aber sind sie stark zu betonen, nicht weil sie Fehler waren, sondern als Beleg für die Macht und die Schädlichkeit falscher Theorien. Der viertägige Feldzug von 1815 kann betrachtet werden als der Zusammenstoß der beiden entgegengesetzten Methoden der Strategie in der vollendetsten Ausprägung. Wenn Erzherzog Karl Napoleon gegenüber versagte, so erlag ein hoher Kopf und schwächlicher Charakter einem Genie. Daß aber Wellington Napoleons Absichten so gründlich verkannte und ihm zutraute, ihn zurückmanövrieren zu wollen, um Brüssel zu nehmen, und deshalb seine[513] Truppen nicht rechtzeitig zusammenzog, das ist bei einem so bedeutenden Mann und ausgezeichneten Soldaten wie Wellington doch nur zu erklären, wenn man sich vergegenwärtigt, daß er befangen war, nämlich in den Anschauungen der älteren Strategie.

Hätte Wellington nur in Spanien gekämpft, und 1814 seine Karriere abgeschlossen, so würde man gar nichts gegen ihn einwenden können, als daß er auf die höchste Probe nicht gestellt worden sei, und man hätte dann aus seinem Charakter Schlüsse ziehen können, wie er sich voraussichtlich darin bewährt haben würde. Nun ist er aber 1815 auf diese Probe gestellt worden und hat die Frage als Taktiker glänzend, als Strateg aber nicht bestanden. Er hat nur den defensiven Teil der Aufgabe gelöst und die spanischen Methoden angewandt, wo sie nicht mehr paßten. Der schließliche vollständige Erfolg wurde dadurch erreicht, daß die Blücher-Gneisenausche Heerführung die seinige gerade in dem mangelhaften Punkte so glänzend ergänzte.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 487-514.
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