Das medische und das lydische Reich

[163] Unter den neuen Staaten, welche an die Stelle des assyrischen Reichs getreten waren, war Medien zweifellos der mächtigste, sowohl seinem Umfange als auch, wie es scheint, seiner militärischen Organisation nach. Seine Macht erstreckte sich weit nach Osten. Wenn zur Zeit des Darius der Sagartier Tšitrantakhma, als er seine Landsleute zum Abfall von Persien aufforderte, sich für einen Nachkommen des Kyaxares ausgab, so können wir daraus folgern, daß die Sagartier den Modern untertan waren, während daraus, daß zu derselben Zeit Phrâda sich zum König von Margiane zu machen suchte, vielleicht zu schließen ist, daß diese Landschaft zur Mederzeit noch unter eigenen Königen stand. Die Griechen berichten, auch der ganze Osten Irans mit Baktrien sei den Medern untertan gewesen. Das ist zwar nicht zu erweisen, aber sehr wahrscheinlich. Sicher steht es fest, daß die Könige von Persien, die jetzt auch Herren von Susiana waren, ihre Oberhoheit anerkannten. Im Westen waren, wie schon erwähnt, ganz Armenien und Kappadokien medische Provinzen, ebenso das eigentliche Assyrien. Auch das Masiosgebiet und der westlich vom Tigris gelegene Teil des eigentlichen Assyriens werden medisch gewesen [163] sein. Die übrigen Staaten, vor allem Babylonien, standen daher von Anfang an in einer Defensivstellung gegen Medien. Für die nächste Zeit freilich ließen es die verwandtschaftlichen Bande, welche beide Dynastien vereinigten, und mehr noch wohl die Tüchtigkeit des neuen Königs von Babylon zu keinem feindlichen Zusammenstoß kommen; aber die Gefahr, welche dem babylonischen Reiche von Norden her drohte, lag vor aller Augen298.

Unter allen Staaten des alten Orients, die geschichtlich eine bedeutende Rolle gespielt haben, ist uns das medische Reich am wenigsten bekannt. Die kurze Zeit seines Bestehens, das völlige Fehlen von Denkmälern, vor allem aber der Umstand, daß es mit keinem der Kulturvölker, denen wir unsere Nachrichten verdanken, in direkte Berührung gekommen ist, tragen daran die Schuld. Selbst die Individualität des Volkes ist für uns verschollen. Da die Griechen einstimmig und ausdrücklich überliefern, daß der Staat, die Religion und die Kultur der Perser den Medern entlehnt seien, so werden wir annehmen dürfen, daß Kyaxares ebensogut ein Diener des Ahuramazda war wie Kyros und Darius, und daß die Adoption und Umgestaltung der assyrisch-babylonischen Kultur, welche uns später im persischen Reiche entgegentritt, sich schon in Medien vollzogen hat. Bestimmte Zeugnisse im einzelnen fehlen uns aber völlig. Sonst wird nur noch berichtet, daß Kyaxares zuerst seinen Truppen eine feste militärische Organisation gegeben und die Sonderung der Waffengattungen (Lanzenkämpfer, Bogenschützen und Reiterei) durchgeführt habe (Herod. I 103). Die Hauptstadt des Reichs war Egbatana ('Ἀγβάτανα, pers. Hagmatâna, aram. אתמחא jetzt Hamadân) am nördlichen Abhang des Gebirges Orontes (Elwend). Die Stadt selbst war unbefestigt, aber die von einem siebenfachen Mauerring umschlossene Burg um so uneinnehmbarer. In oder neben dieser lag der große Königspalast, den vermutlich Kyaxares erbaut hat; seine spätere [164] Gestalt wird er indessen erst durch die Achämeniden erhalten haben299.

Beim Vordringen nach Westen stieß Kyaxares mit dem lydischen Reich zusammen. Seitdem dasselbe unter Ardys mit genauer Not der Vernichtung durch die Kimmerier entgangen war (um 650), war es, vermutlich vor allem im Kampfe gegen diese, zu einem mächtigen Reiche erwachsen. Die griechische Tradition, der wir unsere Nachrichten über Lydien fast ausschließlich verdanken, hat uns von den langwierigen und erbitterten Kämpfen, die hier geführt sein und die Regierungen des Ardys und seines Sohnes Sadyattes im wesentlichen ausgefüllt haben müssen, keine Kunde erhalten. Erst von des letzteren Sohn Alyattes (nach Herod. 617-560) heißt es, er habe die Kimmerier aus Asien verjagt (Herod. I 16). Damit hatte er zugleich das ganze innere Kleinasien gewonnen, wo wie das phrygische Reich so auch, was sonst an staatlichen Bildungen existierte, den Kimmeriern erlegen sein wird. Dadurch wurden Meder und Lyder Grenznachbarn. Im J. 590 kam es zwischen beiden Staaten zum Krieg. Lange schwankte dieser unentschieden; als man sich am 28. Mai 585 eine neue Schlacht lieferte, trat eine totale Sonnenfinsternis ein – sie soll von Thales vorher verkündet worden sein –, die dem Kampfe ein Ende machte300. Da legten sich Syennesis von Kilikien (o. S. 143) [165] und Nebukadnezar von Babylon ins Mittel; es war für sie eine Lebensfrage, daß Lydien erhalten blieb und der weiteren Ausdehnung des medischen Reichs Schranken gesetzt wurden. Sie vermittelten einen Frieden, durch den der Halys als Grenze beider Reiche festgesetzt wurde. Zugleich versuchte man, ebenso wie zwischen Babylon und Medien, den Frieden durch Verschwägerung der Dynastien sicherzustellen: Alyattes' Tochter Aryenis vermählte sich mit Kyaxares' Sohn Astyages (Herod. I 74). Bald darauf ist Kyaxares gestorben (584, nach Herodots Daten); Astyages (bab. Ištuwegu, Ktes. Ἀστυίγας) folgte ihm in der Herrschaft.

Wie in Medien Kyaxares, so ist in Lydien Alyattes der bedeutendste Herrscher; sehr mit Unrecht stellt ihn die griechische Überlieferung, die ganz von dem Eindruck der Katastrophe des lydischen Reichs beherrscht ist, gegen seinen Sohn in den Hintergrund301. Wie ihm Phrygien gehorchte, so hat er auch Bithynien unterworfen und gegen die Karer gekämpft; mit Ausnahme der lykischen Städte wurde das ganze vordere Kleinasien den Lydern untertänig302. Das Hauptziel der lydischen Könige aber war, in den Besitz der griechischen Küstenstädte zu kommen (vgl. o. S. 133.). Unter ihnen war Milet bei weitem die mächtigste; gegen diese Stadt und ihren Tyrannen Thrasybulos haben Sadyattes und Alyattes elf Jahre lang (623-613 nach Herod.) Krieg geführt, ohne es zu bezwingen. Schließlich wurde ein enges Bündnis zwischen beiden geschlossen. Die kleineren Städte scheinen meistens ohne größeren Kampf sich gefügt zu haben. Die Klazomenier schlugen den Alyattes zurück; dagegen eroberte er Smyrna (und Kolophon?), sein Sohn Krösos (560-546) Ephesos. Damit waren alle Griechen der Westküste mit Ausnahme Milets den Lydern tributpflichtig. Die vorliegenden Inseln gleichfalls anzugreifen, konnten die[166] Könige bei dem gänzlichen Mangel einer Flotte nicht wagen. Auch die Griechenstädte im Norden Kleinasiens, wie Lampsakos (Herod. VI 37), Kyzikos, Sinope mit seinen Kolonien, sind sicher nicht den Lydern untertan gewesen. Im Mariandynergebiet gründeten um 558 die Megarer und Böoter Heraklea, um den Besitz von Sigeon am Eingang des Hellespont kämpften seit etwa 610 und noch zur Zeit des Pisistratos die Athener und die Mytilenäer, ohne daß wir von einer Einmischung der Lyder erfahren303.

Trotz dieser Kämpfe war die Dynastie der Mermnaden nichts weniger als griechenfeindlich; sie gewährte den eroberten Städten die günstigsten Bedingungen. Ihre Oberherrschaft scheint sich im wesentlichen auf die Erhebung von Abgaben (und Zöllen?) beschränkt zu haben; ob sie in die kommunalen Verhältnisse eingriffen, wissen wir nicht. Aber es war eine Lebensfrage für ihr Reich, im sicheren Besitz der ihrem Gebiete unmittelbar vorliegenden Hafenorte zu sein. In demselben Sinne wurde die von den Griechen nicht besetzte Küste zwischen den nördlichsten äolischen Städten und dem Ida, die thebische Ebene, von den Lydern in umfassendem Maße kolonisiert, die alte mysische Bevölkerung verdrängt. Die Lyder gründeten hier die blühende Stadt Adramytion, die nach einem Stiefbruder oder Sohne des Alyattes benannt sein soll; in derselben residierte unter letzterem der Kronprinz Krösos als Statthalter304. Auch Daskylion an der Propontis östlich von der Mündung des Rhyndakos, in der Perserzeit die angesehenste Stadt des nördlichen Phrygiens, scheint nach dem Namen eine Gründung der Mermnaden zu sein. Im übrigen war in dieser Epoche der griechische Einfluß in Lydien nur in stetem Steigen begriffen; wie tief er gewirkt hat, geht auch daraus hervor, daß ein Jahrhundert nach dem Fall des Reichs der Lyder Xanthos die Geschichte seiner Heimat in griechischer Sprache geschrieben hat. Mit Miltiades, dem Herrscher des thrakischen Chersones, stand [167] Krösos in freundschaftlichen Beziehungen (Herod. VI 37). Das attische Adelsgeschlecht der Alkmäoniden leitete seinen Reichtum von seinen Handelsbeziehungen zum Hofe von Sardes her (Herod. VI 125). Die Beziehungen zu Delphi, denen die Dynastie ihre Herrschaft verdankte, und zu den übrigen griechischen Orakeln wurden von Alyattes und Krösos eifrig gepflegt; in Milet baute Alyattes der Athena zwei Tempel (Herod. I 22), einen großen Teil des ephesischen Heiligtums hat Krösos bauen lassen (Herod. I 92). Die angesehensten Männer von Hellas, Staatsmänner wie Solon von Athen und Bias von Priene, besuchten auf ihren Reisen den Hof von Sardes305.

Die einzigen größeren Denkmäler, welche uns das lydische Reich hinterlassen hat, sind die Gräber seiner Könige auf dem Plateau zwischen dem Gygäischen See und dem Hermos gegenüber von Sardes; das größte von ihnen ist das des Alyattes306. Von der kommerziellen Bedeutung des Reichs aber legt eine ungemein wichtige Erfindung Zeugnis ab, die auf dasselbe zurückgeht: die Münzprägung. Es wurde früher ausgeführt, wie die Edelmetalle in Vorderasien seit uralten Zeiten der gewöhnliche Wertmesser waren und auch in einem festen Wertverhältnis zueinander standen, auf dem die verschiedenen Gewichtsfüße, nach denen man Gold und Silber wog, beruhten. Für den gewöhnlichen Verkehr brachte man sie in bequeme Formen, wie Barren und Ringe; indessen solange der Käufer in jedem Falle Gewicht und Feingehalt nachprüfen mußte, falls er sie nicht auf Treue und Glauben annahm, blieben sie lediglich Ware. Die Münze ist dadurch entstanden, daß der Staat für die von ihm ausgegebenen Stücke die Garantie über nimmt, indem er sein Wappen auf dieselben setzt und sich verpflichtet, sie ohne weitere Prüfung als vollgültig anzunehmen. Es [168] liegt im Wesen der Münze, daß sie nur von einem Gemeinwesen oder vom Herrscher geprägt werden kann und daß die vom Staate geprägten Münzen innerhalb seines Gebietes notwendig Zwangskurs haben. Die Beschränkung des Münzrechts auf souveräne Staaten gehört dagegen erst einer weit späteren Epoche an; in älterer Zeit haben auch abhängige Gemeinden Geld geprägt.

Der entscheidende Schritt ist nach dem Zeugnis Herodots (I 94), das durch die neueren Forschungen durchaus bestätigt wird, in Lydien geschehen. Wenn der Name Γυγάδας (Pollux III 87. VII 98) wirklich eine Goldmünze bezeichnet – die Angabe kann auch lediglich auf Herod. I 14 beruhen –, so könnte Gyges als der Erfinder angesehen werden; jedenfalls haben die Mermnaden seit der Mitte des 7. Jahrhunderts Geld geprägt. Von Lydien aus hat sich die Erfindung rasch zu den griechischen Küstenstädten und nach Europa verbreitet; überall prägte man nach dem einheimischen Gewichtsfuß. Die ältesten lydischen Münzen sind von Elektron, dem aus dem Paktolos gewonnenen Waschgold, das eine Beimischung von etwa 30 % Silber enthält, nach phönikischem Gewichtsfuß geprägt (zu 14,2 g). Demselben System folgen eine Reihe griechischer Städte, wie Kyzikos, Lampsakos, Chios, Klazomenä, Kyme, Milet. Die weiteste Verbreitung hatte, entsprechend der großen Bedeutung, welche Phokäa als Handelsstadt seit dem Ende des 7. Jahrhunderts besaß, der schwere phokäische Elektronstater, der nach babylonischem Goldgewicht (1/60 Mine = 16,57 g) geprägt ist307. Krösos hat dann eine Münzreform eingeführt, nach der nur reines Gold, und zwar halb so schwer wie der phokäische Stater (Κροίσειος στατήρ zu 8,16 g), und daneben ein Silberstück (zu 10,89 g), welches an Wert ein Zehntel des Goldstückes repräsentiert, geprägt wurden. Außerdem sind reine Goldstücke zu 10,89 g geprägt worden, die an Wert den älteren Elektronstücken [169] von 14,2 g gleichstanden308. Doch blieb die Verwirrung, welche durch die verschiedenen konkurrierenden Systeme hervorgerufen war, bestehen, bis Darius eine umfassende Neuordnung für das persische Reich durchführte.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 163-170.
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