Schiffahrt, Handel, Verkehr

[333] Zu diesen Berufszweigen kommt in der griechischen Welt seit alters der Erwerb durch Seefahrt und Seehandel. Durch die Besetzung der Inseln und der kleinasiatischen Küsten ist seine Entwicklung wesentlich gesteigert. Die Inseln und Küstenplätze sind durch ihre Lage darauf angewiesen, den Absatz für überschüssige Produkte über See zu suchen und, was sie brauchen, von dort zu holen; und auch für die Küstengebiete des Mutterlandes liegen die bequemsten Kommunikationswege vielfach auf dem Meere, nicht auf dem Festlande. So ist jeder Ort, dessen Gebiet das Meer berührt, zugleich ein Handelsplatz. Einen geschützten Hafen mit sicherem Ankergrund braucht man nicht, felsige Buchten werden gemieden; dagegen bedarf man eines flachen Strandes, auf den die Schiffe, meist große offene Ruderboote mit 50 oder vielmehr 52 Mann Besatzung (Od. ϑ 35), gezogen werden und gegen Wind und Wellen geschützt liegen506. Da weite Seefahrten möglichst gemieden werden und der Kauffahrer, auch wenn er nicht nur Zwischenhandel betreibt, doch möglichst zahlreiche Orte anläuft, um hier seine Waren feilzubieten, so gelangen namentlich die verbindenden Inseln, wie Cypern, Rhodos, Kreta, zu großer Bedeutung. Daneben sind die Küstenplätze Kleinasiens und auf der europäischen Seite Euböa, Argos, in älterer Zeit vielleicht auch Lakonien Hauptsitze des Handels. Selbständig behaupten sich neben den Griechen die Stämme des Südwestens Kleinasiens, die Karer und Lykier, die ihre Küsten fast völlig von griechischen Niederlassungen freigehalten haben und mit, ihnen in Handel und Seeraub eifrig rivalisieren. Alle diese Gebiete sind durch friedlichen und freundlichen Verkehr materiell und geistig aufs engste miteinander verbunden. Im griechischen Epos, welches Kreter und Lykier und die Helden von Rhodos und Kos bald als Freunde, bald als Feinde mit [333] den Heroen der kleinasiatischen Griechenstädte und des Mutterlandes kämpfen läßt und ihre Stammbäume und Eponymen auf das mannigfachste miteinander verschlingt, tritt uns das rege Verkehrsleben, welches im griechischen Mittelalter namentlich den Süden des Ägäischen Meeres umfaßte, anschaulich entgegen.

Die Seefahrer sind zunächst meist Leute aus den niederen Ständen, die keinen Grundbesitz haben und durch die Not gezwungen sind, die Mühsalen und Gefahren der Seefahrt auf sich zu nehmen, um sich ihren Unterhalt zu verdienen (vgl. Hesiod op. 634. 646)507. Die adligen Herren fahren zwar gleichfalls über See, aber in der Regel wenigstens nur auf Kriegszügen und im öffentlichen Dienst oder in Ausübung des vornehmen Geschäfts des Seeraubs. Indessen allmählich beginnen auch sie sich am Handel zu beteiligen; verspricht dieser doch ganz anderen Gewinn, als der Ertrag der Grundstücke zu bieten vermag. Sehr wesentlich wird der geringe Umfang der Feldmark in den Kolonialstaaten (u. S. 403) dabei mitgewirkt haben, der sich nur ausnahmsweise durch glückliche Kämpfe erweitern ließ; das Anwachsen der Bevölkerung wie des Wohlstandes drängt zu neuen Erwerbszweigen. Freilich daß der Adlige selbst, sei es auf eigene Hand, sei es in Verbindung mit einem gewandten Geschäftsmanne, etwa einem Phöniker (Od. ξ 288), auf Handel ausfährt, wird noch lange die Ausnahme gebildet haben; das Handeln, Feilschen und Betrügen ist eine unedle Beschäftigung (Od. ϑ 161ff.). In der Regel haben wir uns vielmehr die Adligen als Schiffsreeder zu denken, für deren Rechnung gewandte Kapitäne die Geschäfte betreiben. Ihr großer Besitz und die zahlreichen Hände, die ihnen zur Verfügung stehen, ermöglichen ihnen die Ausrüstung der Schiffe. Dadurch verändert sich allmählich die Gestalt des Gemeinwesens; der Besitz an Land und Vieh bildet wohl noch die Grundlage der Adelsmacht, aber er tritt in den Hintergrund gegenüber dem durch Handel erworbenen Reichtum, die kommerziellen Interessen werden vorherrschend. [334] Derartige Zustände begegnen in manchen ionischen Städten bereits im 8. Jahrhundert; die Schilderung der Phäakenstadt in der Odyssee setzt sie voraus, sie kann nur als Gegenbild realer Verhältnisse, wie sie z.B. in Milet bestehen mochten, verstanden werden. In diesen Zusammenhang gehört jedenfalls auch die in Milet wie in Chalkis vorkommende Bezeichnung einer Adelsfaktion (?) als ἀειναῦται, die freilich rätselhaft genug ist – nach Plutarch hätte man in Milet die regierenden Adligen so genannt, weil sie bei wichtigen Beratungen weit aufs Meer hinausfuhren508.

Bald führen die Seefahrten über die Grenzen der griechischen Welt hinaus. Der Blütezeit des Epos, dem 9. und 8. Jahrhundert, sind nicht nur sämtliche Küsten des Ägäischen Meers genau bekannt, sondern auch die Meerengen und der Eingang des Schwarzen Meers. Alle Küstenstämme werden im Epos genannt, im Norden die Thraker mit den Kikonen und Päonern und hinter ihnen die Myser und die »rossemelkenden Milchesser« (Il. N 5), d.h. die Nomaden des Donautieflandes, an der kleinasiatischen Küste jenseits der Troer die Phryger von Askanien (N 793, der Ebene nördlich vom mysischen Olymp) und am Sangarios (Γ 187. II 719) und die Myser (bei Kios), dann die Paphlagonen und die rätselhaften Alizonen. Von den langen Tagen des südlichen Rußland (Od. κ 82ff. bei den Lästrygonen) und den hier hausenden Kimmeriern (Od. λ 14) hat man bereits Kunde. Freilich ist sie verschwommen genug. Die Kimmerier509 denkt man sich in ewiger Dämmerung wohnend, jenseits des Sonnenaufgangs; von einer Kenntnis der Donau (zuerst Hesiod Theog. 339, ebenso der Phasis), der südrussischen Ströme, des Phasis, der Ostküsten, findet sich keine Spur. Auch stellt man sich das Schwarze Meer nicht geschlossen vor; eine gefahrvolle, durch bewegliche Felsen gebildete Enge (die Plankten, Od. μ 59ff.) bildet im Norden die Verbindung mit der Westsee, so daß die Balkanhalbinsel rings vom Meer umflossen gedacht wird. – Im Südosten [335] ist die rege Verbindung mit Cypern und der syrisch-phönikischen Küste niemals unterbrochen worden; die Vorstellung von Seefahrten nach Sidon ist der homerischen Welt durchaus geläufig. Um so stärker tritt das Dunkel hervor, in dem der ganze Westen liegt; jenseits der Kephallenischen Inseln, der Thesproter und des dodonäischen Orakels in Epiros hört jede Kunde auf, hier beginnt das unendliche Meer und die Fabelwelt. Für Ionien hat diese Unkenntnis jedenfalls noch im 8. Jahrhundert bestanden; daraus folgt aber noch nicht, daß nicht weit früher schon Schiffe des Mutterlandes über Kephallenia und Ithaka hinaus nach Korkyra, ja nach Italien vorgedrungen sind510.

Durch diesen Aufschwung der griechischen Seefahrt ist die Stellung der Phöniker im Ägäischen Meer zusehends eingeschränkt worden511. Sowenig die Phöniker noch Stationen und politischen Einfluß besitzen, sowenig vermögen sie den Handel noch zu beherrschen512. Die Waren des Ostens sind nach wie vor ein sehr gesuchter Artikel, die Ankauft eines phönikischen Kauffahrers wird überall mit Freuden begrüßt, wenn man ihnen auch als Betrügern und Menschenfängern mißtraut. Zahlreiche Bilder der Art bewahrt die homerische Dichtung. Ihre technische Überlegenheit haben die Phöniker noch lange bewahrt, so wohl in der Schiffahrt wie in der Industrie. Silberne sidonische Mischkrüge, kyprische [336] Metallpanzer mit getriebener Arbeit sind Prachtstücke, die kein Grieche schaffen könnte (Λ 24. Ψ 741. δ 618). Auch linnene Gewänder und Decken (תנתכ griech. χιτών und κιϑών, also ursprünglich χιϑών, ὀϑόνη) stammen aus Phönikien und sind ursprünglich ein Luxusartikel vornehmer Männer und Frauen. Die gewöhnliche Tracht besteht aus Wolle oder Fellen. Die Verarbeitung des Flachses (vgl. die Fischnetze von λίνον E 487) so gut wie die Purpurfärberei haben die Griechen von den Phönikern gelernt; etwa seit dem 7. Jahrhundert werden nach orientalischem Vorbild auch Panzerhemden von Linnen getragen513. Ebenso ist der für Schiffstaue verwertete Papyrusbast (βύβλος, φ 391) aus dem Orient eingeführt, ferner Elfenbein und Glas sowie manche Kulturpflanzen und Haustiere, der Pfau, das heilige Tier der Hera von Samos, das Huhn, die Palme, die sich am Altar Apollos auf Delos erhebt (ζ 162. hymn. Apoll. 117). Auch mit den andern Nachbarvölkern besteht reger Verkehr. Aus Thrakien bezieht man Wein (I 72. ι 197. Archil. fr. 2), Schwerter (N 577. Ψ 808) und Trinkbecher (Ω 234). Lebhafter noch sind die Beziehungen zwischen den kleinasiatischen Griechen und ihrem Hinterlande, dem Reiche der Lyder von Sardes und der Phryger im Sangariosgebiet (Midaeion, Gordyaeion, Kotyaeion, Pessinus usw.) zu dem die Straße durch das Hermostal und über den Dindymos hinaufführt, mit den karischen Dynasten und den Phrygern von Kelänä an den Quellen des Marsyas und Mäander. Schon um 700 weihte der Phrygerkönig Midas seinen Thron nach Delphi (Herod. I 14); von ihm oder einem Namensvetter wird erzählt, daß er die Tochter des Königs Agamemnon von Kyme geheiratet habe (Pollux IX 83), und in dem Inventar kleiner Gedichte, das die Sänger vererbten (u. S. 376), befand sich ein Epigramm auf das Grabmal eben dieses Königs514. Noch deutlicher tritt die Wechselbeziehung darin hervor, daß alle Kleinasiaten die griechische Schrift angenommen haben, während die Entwicklung der griechischen Musik von Lydern und Phrygern aufs stärkste beeinflußt wurde und phrygische Sagengestalten, wie [337] Marsyas und Midas, früh in die griechische Mythologie Eingang fanden. Auch manche Kunstfertigkeit haben die Griechen von den alten, vielleicht seit mehr als einem Jahrtausend orientalischem Einfluß unterworfenen Kulturvölkern übernommen; so verstehen bei Homer mäonische (lydische) und karische Weiber (d.h. Sklavinnen) mit Purpur auf Elfenbein zu malen (Δ 141). Die Beziehungen der mykenischen Kunst zur kleinasiatischen haben wir früher kennengelernt; dieser Zusammenhang ist auch jetzt nicht unterbrochen worden, sowenig auch die dürftigen Denkmäler dieser Epoche ausreichen, ihn genauer zu verfolgen515.

Vor allem aber umschlingt ein reger Verkehr die ganze griechische Welt. Schon im 8. Jahrhundert kommt es vor, daß ein Schiffer aus dem äolischen Kyme sich mitten in Böotien in Askra auf dem Gebiet von Thespiä niederläßt und hier Grundbesitz erwirbt (Hesiod op. 633ff.); und dieser Fall ist offenbar nichts Vereinzeltes gewesen. Den homerischen Sängern ist das Bild des weitgereisten Mannes ganz geläufig (O 80ff.)516. Namentlich aber zeigen die Schilderungen der Sänger eine Vertrautheit mit der Geographie sowohl des Mutterlandes wie der asiatischen Welt, die immer aufs neue Staunen erregt und nur dadurch zu erklären ist, daß sie weithin durch ganz Griechenland herumgekommen sind. Manche Sänger schildern unzweifelhaft Troja oder Ithaka aus eigener Bekanntschaft (so der Dichter von Υ – X und der der Telemachie), andere sind offenbar nach Cypern gekommen; von der Konfiguration des Peloponnes und Mittelgriechenlands haben sie alle eine klare Anschauung517. Innerhalb des Agäischen Meeres ist [338] dann, doch wohl kaum vor dem Ende des 8. Jahrhunderts, die große an die Amphiktionie von Delos (o. S. 327) anknüpfende Messe das eigentliche Zentrum dieses Verkehrs geworden. Bei der kleinen Insel versammeln sich von überall her die Ionier in ihren »schleppenden Gewändern« (ἑλκεχίτωνες) mit Weib und Kind, der Hafen liegt voll schwerbeladener Schiffe, Festspiele, Gesang und Tanz verherrlichen das Fest Apollos (hymn. Apoll. 29ff. 146ff.).


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 333-339.
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