Sizilien und Italien

[438] Nach Westen sind zuerst die Euböer über die Grenzen der griechischen Welt, die Inseln Kephallenia und Ithaka und die akarnanische Küste, hinausgedrungen. Auf Korkyra treffen wir Spuren der Eretrier665, in Sizilien und Italien haben sich die Chalkidier zuerst niedergelassen. An der Ostküste Siziliens, auf einer flachen Landzunge unweit des Ätna, errichteten um die Mitte des 8. Jahrhunderts die Chalkidier unter Führung des Theokles dem Apollon archegetes, dem Schutzgott der ionischen Ansiedlungen, einen Altar, und gründeten daneben die Stadt Naxos – der Name scheint zu beweisen, daß auch die Insel Naxos an der Anlage beteiligt war (so schon Hellanikos fr. 82 Jacoby bei Steph. Byz. Χαλκίς); vielleicht war diese damals von Chalkis abhängig. Von Naxos aus drang man in das Land südlich vom Ätna vor; hier in der größten und fruchtbarsten Ebene Siziliens wurde Katana und an einem kleinen See im Binnenlande als richtige Ackerbaustadt Leontini angelegt, dieses von Theokles, jenes von Euarchos. Auch auf der Insel Ortygia, dem späteren Syrakus, scheinen sich Chalkidier niedergelassen zu haben: die gewaltige Quelle, welche hier unmittelbar am Meere entspringt, erhielt den Namen Arethusa wie der Quell bei Chalkis666. – Noch früher als auf Sizilien sollen die Chalkidier [438] sich inmitten der Westküste Italiens niedergelassen haben. Unwahrscheinlich ist diese Angabe keineswegs. An eine vollständige Besetzung der neuentdeckten Küsten konnten die Chalkidier nicht denken; sie wählten sich die besten Punkte aus, das übrige den Nachfolgern überlassend. Keine Landschaft des Westens aber bot so viel Anreiz zur Kolonisation wie Kampanien. Der kampanischen Ebene ist im Südwesten unmittelbar am Meer ein vulkanisches Hügelland vorgelagert, das den Golf von Neapel im Norden begrenzt und in die vielfach zerrissene, hafenreiche Halbinsel von Misenum ausläuft; Ischia und die kleineren zugehörigen Inseln setzen es ins Meer hinaus fort. Hier im Lande der Opiker haben sich die Chalkidier festgesetzt, zuerst auf den Inseln (den Pithekusen667, dann auf dem Festlande in Kyme668). Die Lage Kymes ist [439] für die Art der Kolonisation im höchsten Grade bezeichnend. Der Schwerpunkt der Landschaft lag im früheren Altertum nicht am Golf von Neapel, sondern in der großen kampanischen Ebene südlich vom Volturnus. Nahe derselben auf einer steil nach allen Seiten abfallenden Höhe ist Kyme gegründet. Eine Hafenbucht brauchte man nicht; der flache sandige Strand am Fuß der Burg war vorzüglich geeignet, die Schiffe aufzunehmen. So hatte man einen leicht zu verteidigenden Küstenplatz gewonnen, der für den Verkehr mit dem Hinterlande vortrefflich gelegen war. Der Gründer von Kyme ist der Chalkidier Hippokles; daneben aber waren nicht nur Eretria und das übrige Euböa an der Ansiedlung beteiligt669 – der Name Kyme kehrt an der Ostküste der Insel wieder670 –, sondern auch Graer aus der gegenüberliegenden Landschaft von Tanagra, ja diese scheinen einen Hauptbestandteil der Kolonisten gebildet zu haben. Daher ist der Graername (mit italischer Weiterbildung Graicus) bei den italischen Stämmen die allgemeine Bezeichnung der Hellenen geworden671.

[440] Den Euböern folgten auch hier die Dorier vom Isthmos, Megarer und Korinther. »Um die Zeit der Gründung von Leontini und Katana, fünf Jahre nach der von Syrakus«, berichtet Thukydides, »kam Lamis mit Kolonisten aus Megara nach Sizilien, setzte sich zuerst in Trotilos oberhalb des Flusses Pantakyes fest, verband sich dann mit den Chalkidiern in Leontini zu einem Gemeinwesen, wurde von ihnen wieder verjagt und gründete Thapsos. Hier starb Lamis, die Megarer aber konnten sich in Thapsos nicht behaupten und gründeten unter Beihilfe des Sikelerkönigs Hyblon, der ihnen das Land überließ und sie selbst führte, die Stadt Megara Hyblaea.« Nach Ephoros dagegen hätten sich die Megarer gleich beim Auszuge aus Chalkis dem Theokles angeschlossen. Naxos und Megara Hyblaea wären gleich alt, Syrakus jünger als dieses (Strabo VI 2, 2. 4)672. Daß sichere Nachrichten aus so früher Zeit nicht vorliegen konnten, ist klar; wo an der buchtenreichen Ostküste die Megarer versucht hatten, sich festzusetzen, ehe sie auf dem Fels von Hybla eine dauernde Heimat gewannen, mochte sich in der Erinnerung bewahren, ebenso der Widerstand, den sie bei den weit mächtigeren Chalkidiern gefunden hatten. Die Sage von Hyblon scheint auf friedliche Verbindung mit den Eingeborenen zu weisen, bei denen der Orts- und Bergname Hybla mehrfach vorkommt. – Größere Bedeutung gewannen die korinthischen Kolonien. Die aufblühende Handelsstadt am Isthmos griff hier wie auf der Chalkidike mitten in das euböische Gebiet hinein. Es gelang ihnen, die Insel Korkyra den Eretriern zu entreißen (Plut. quaest. Gr. 11), auf Sizilien gründeten sie auf der Insel Ortygia die Stadt Syrakus und setzten dadurch dem weiteren Vordringen der Chalkidier nach Süden eine Grenze673. Doch scheint auch hier das Verhältnis zunächst wenigstens [441] ein freundliches geblieben zu sein. Die Ökisten, in Syrakus Archias, in Korkyra Chersikrates, gehörten dem herrschenden Adel der Bakchiaden an; die Sage führt ihre Auswanderung auf Parteikämpfe zurück und setzt, schwerlich mit Recht, die Gründung beider Kolonien in dasselbe Jahr.

Auf die ersten Ansiedlungen auf Sizilien folgten im Lauf des Jahrhunderts zahlreiche weitere. Zunächst behaupteten die Chalkidier durchaus das Übergewicht, das ihnen die Priorität und vor allem das größere Hinterland in der Heimat gab. Kleinere Ansiedlungen, wie Kallipolis und Euboia674, erstanden in der Nähe der größeren Städte. Auch die Meerenge behaupteten sie, die die Straße nach Westen, nach dem Opikerlande, beherrschte. Auf dem flachen sichelförmigen Vorsprung (Zankle), der hier bei Messina ins Meer hinausragt, setzten sich zuerst Piraten aus Kyme fest, dann sandten die Euböer Verstärkung. So entstand die Stadt Zankle, von dem Kymäer Perieres und dem Chalkidier Krataimenes gegründet675. Von hier aus wurde dann der gegenüberliegende fruchtbare Küstensaum am Südabhang des Apennin besetzt; hier im Lande Italien gründete auf Ersuchen der Zankläer der Chalkidier Antimnestos die Stadt Rhegion676. Das Gebiet der Zankläer reichte auch auf die Nordküste Siziliens hinüber; auf einer weit vorspringenden Landzunge legten sie das Kastell Mylai an677. Um[442] die Mitte des 7. Jahrhunderts endlich wurde von den Zankläern inmitten der Nordküste, an der Mündung des gleichnamigen Flusses, Himera678 gegründet, die einzige griechische Stadt an der Nordküste. Die Chalkidier fanden hier Verstärkung durch flüchtige Syrakusaner, die Myletiden. – Viel langsamer gelang es den Doriern, sich im Süden der Insel auszubreiten. Allmählich besetzten die Syrakusaner von der Insel aus die gegenüberliegenden Küsten bis in die inneren Hügel; hier legten sie um 664 (Thuk.) Akrai, um 644 Kasmenai an, denen um 599 Kamarina an der Südküste folgte679 (vgl. u. S. 631). Weiter westlich setzten sich zu Anfang des 7. Jahrhunderts in der fruchtbaren Landschaft am Flusse Gela auf einem Hügelrücken die Rhodier unter Antiphemos aus Lindos fest – die einzigen Kleinasiaten, die in dieser Zeit energisch in die Kolonisation des Westens eingegriffen haben. Sie fanden Zuzug durch kretische Auswanderer unter Entimos; so wurde Gela eine volkreiche Stadt, in die die dorischen Phylen und die Kulte der Heimat, namentlich des Zeus vom Atabyrion, hinübergenommen wurden. Etwa ein halbes Jahrhundert später endlich besetzten die Megarer weit im Westen den steil zur Küste abfallenden, von zwei Bachtälern eingeschlossenen Hügel von Selinus, den vorgeschobensten Posten der griechischen Kolonisation680.

So wird die Nordostecke Siziliens chalkidisches, der Süden dorisches Gebiet. Die Phöniker, welche sich vorher an verschiedenen Küstenpunkten niedergelassen hatten, leisteten dem intensiven Einströmen der griechischen Bevölkerung nirgends Widerstand. Wie früher in den griechischen Meeren, so verschwanden jetzt in Sizilien ihre Faktoreien ohne Kampf; die Kaufleute zogen sich in den Westen der Insel zurück. Die Felsburg Soloeis (Sela' [443] »Fels«) und der benachbarte große Hafen von Panormos (ץיצ) mit seinem fruchtbaren Hinterland an der Nordküste, die Insel Motye in dem Lagunenmeer an der Westspitze – eine typische phönikische Ansiedlung – waren die Punkte, an denen allein sie sich dauernd behaupteten, wo allein phönikische Städte entstanden681. Eng an die Phöniker schloß sich der Volksstamm der Elymer an, der hier im äußersten Westen saß und in Segesta und der Felsburg des Eryx mit dem großen Heiligtum einer Naturgöttin (griech. Aphrodite, lat. Venus, jetzt eine Madonna am Fuß des Berges) seine Mittelpunkte hatte und früh auch mit den Griechen in Handelsverkehr trat. – Die beiden anderen Stämme der Insel, die Sikeler im Osten und die Sikaner im Westen hatten den Griechen die Besetzung der Küsten nicht wehren können. Aber sie behaupteten sich in ihren Bergstädten. Zu einem Eindringen ins Binnenland, zu einer vollen Hellenisierung oder auch nur Unterwerfung der Insel reichten die Zuzüge aus dem Mutterlande bei weitem nicht aus, dazu ist die Insel zu groß und von zu kontinentalem Charakter. Überdies war das Gebiet der Chalkidier im Norden durch die steil aus dem Meer aufsteigenden, nur von kurzen Gießbächen durchzogenen Gebirge von Natur auf einen schmalen, freilich äußerst fruchtbaren Küstensaum beschränkt. Nur in der Simäthosebene haben sie sich weiter ausgebreitet. Freieren Spielraum hatten die Dorier im Süden, wo die Insel flach abfällt und weites Ackerland bietet. Die weitere Entwicklung der Insel (u. S. 630) ist wesentlich durch diese Verhältnisse bedingt. Zu einem umfangreichen Gebiet ist, wie wir sahen, zuerst Syrakus gelangt. Hier gab es daher einen großen grundbesitzenden Adel (γαμόροι), in weitem Umfang wurden die Sikeler unter dem Namen Killyrier oder Killikyrier zu Leibeigenen gemacht (Herod. VII 155. Suidas u.a.).

An den italischen Küsten, an denen sie entlang fuhren, haben, abgesehen von Rhegion und Kyme, weder die Euböer noch die Korinther und Megarer sich festgesetzt; die hafenreiche und fruchtbare Insel bot größeren Reiz. Dagegen ergießt sich nach [444] Unteritalien ein mächtiger Strom von Auswanderern aus dem westlichen Griechenland. Die Mehrzahl der italischen Kolonien trägt einen wesentlich anderen Charakter als die der Euböer und Korinther; jenen wies der Handel die Wege, die Gründung ackerbauender Gemeinden war wie bei den spanischen, portugiesischen, holländischen Kolonien nur die Folge der Entdeckung ferner Küsten. Nach Italien dagegen strömte die Bauernschaft hinüber, der die Heimat zu eng war, die nichts suchte als neues Ackerland; die Besiedlung Unteritaliens ist der Nordamerikas und Australiens gleichartig. Das Hauptkontingent stellten die Achäer; doch ist anzunehmen, daß auch aus dem übrigen Peloponnes, vielleicht auch aus Mittelgriechenland zahlreiche Auswanderer in den achäischen Küstenorten die Schiffe bestiegen. Die Insel Zakynthos wurde von den Achäern besetzt (Thuk. II 66). An der Küste Unteritaliens gründeten sie auf einem ins Meer vorspringenden Hügel unweit des Lakinischen Vorgebirges die Stadt Kroton, in der üppigen Ebene am Zusammenfluß des Sybaris und Krathis die Stadt Sybaris682, weiter nördlich im Winkel des Tarentinischen Golfs am Bradanus Metapont683 – nach Ephoros' Erzählung soll der Gründer der Tyrann Daulios von Krisa gewesen sein, was vielleicht auf Teilnahme der Phoker weist, andere nannten als Ökisten den Achäer Leukippos. Auch der Kult des Acheloos (auf Münzen) weist auf Beziehungen zum nordwestlichen Griechenland. Südlich von ihnen an dem Küstensaum, der das steile Waldgebirge Sila umzieht, ließen sich Lokrer nieder, zuerst am Zephyrischen Vorgebirge, dann weiter im Norden684. Die Alten schwanken, ob die Kolonie von den ozolischen oder den opuntischen Lokrern ausging; vermutlich wird die Gesamtheit der Lokrer an ihr beteiligt gewesen sein. Wir wissen [445] nur, daß auch der lokrische Adel der »hundert Häuser« an der Gründung teilnahm. Am weitesten im Norden endlich auf einer Landzunge, die einen herrlichen Binnenhafen vom Meer abtrennt, gründeten die Spartaner die Stadt Tarent, die rasch zu einer blühenden Handelsstadt erwuchs, ursprünglich aber doch wohl auch nur eine Ackerbaukolonie gewesen ist685.

[446] Die unteritalischen Kolonien tragen einen ganz anderen Charakter als die sizilischen686. Auf der Insel werden lediglich die Küsten besiedelt, vorwiegend an geeigneten Hafenorten. Die Halbinsel aber, in die Italien ausläuft, ist trotz der Abgeschlossenheit der steil abfallenden Waldgebirge viel zu schmal, als daß sich die Eingeborenen, im Süden und Westen die önotrisch-sikelischen Stämme, in den Ebenen und Hügeln am Tarentinischen Golf bis nach Kroton (Ephoros bei Strabo VI 1, 12) die japygischen Choner, gegen die militärisch und politisch überlegenen Einwanderer selbständig hätten behaupten können687. So unterwerfen die in Massen eindringenden Ansiedler das Binnenland und dringen ans Westmeer vor; in jeder Küstenebene, die dem Ackerbau Raum bietet, entsteht eine Stadtgemeinde. Die meisten Ansiedlungen sind echte Landstädte, inmitten des Flachlands gelegen, häufig ohne jeden natürlichen Schutz, so Metapont, Sybaris, Lokri, Posidonia. Die Eingeborenen werden vielfach leibeigen, wie die Killyrier in Syrakus. Dieser Entwicklung entspricht es, daß überall aristokratische Ordnungen herrschen; nur in besonders reichen oder günstig gelegenen Städten wie Sybaris und Tarent gewinnt das kommerzielle Interesse die Oberhand. Die Unterwerfung des Binnenlandes und die Anlage neuer Gemeinden geht meist von den schon genannten ältesten Kolonien aus688, doch wird es an Nachschub aus der Heimat [447] nicht gefehlt haben. Kroton unterwirft das bergige Hinterland und gewinnt das ganze Gebiet bis zu dem schmalen Isthmus, der die Landzunge des Silawaldes, das älteste Italien, von der Halbinsel trennt. In den Bergen gründen die Krotoniaten Pandosia, am Westmeer Terina, im Ostmeer auf steilem Felsen Skylletion und Kaulonia – letzteres wird auch als direkte Gründung der Achäer bezeichnet und scheint immer selbständig gewesen zu sein. In ähnlicher Weise breiteten sich im Süden die Lokrer aus. Sie gründen am Westmeer Medma und Hipponion (Thuk. V 5) und gewinnen nördlich von Terina die Kupfergruben von Temesa (vgl. Od. α 184). Daß es dabei zu erbitterten Kämpfen mit den Krotoniaten kam, dürfen wir der Überlieferung wohl glauben689. – Noch bedeutender wuchs die Macht von Sybaris; die Stadt besaß den fruchtbarsten Teil Unteritaliens. Sie gebot über vier Völkerschaften und 25 Städte und konnte 300000 Mann ins Feld stellen, sagt ein freilich sehr übertreibender Bericht (Strabo VI 1, 13, nach Timäos?). Der Umkreis der Stadt betrug 50 Stadien (11/4 Ml.). Am Westmeer gründeten die Sybariten Laos und Skidros (Herod. VI 21), und weit nach Norden vorgeschoben die früh zu großer Bedeutung erblühte Stadt Posidonia. Als in der Zeit des Gyges Ionier von Kolophon sich am Siris festsetzten – das einzige Mal, daß die Ionier in dieser Zeit den Versuch machen, an der Kolonisation des Westens teilzunehmen –, traten ihnen die Sybariten verbündet mit, Metapont und Kroton entgegen und vernichteten die neugegründete Stadt (Polieion). Die Tatsächlichkeit der sehr verworrenen Überlieferung scheint dadurch eine Bestätigung zu finden, daß Archilochos, ehe er nach Thasos ging, wahrscheinlich in den Fruchtgefilden des Siris gewesen ist (fr. 18 Diehl); offenbar hat er an dem gescheiterten Kolonisationsversuch teilgenommen. Wie es scheint, war die Stadt Siris seitdem achäisch; Münzen des 6. Jahrhunderts zeigen, daß ihre Macht sich durch das Binnenland bis nach Pyxus am Westmeer ausdehnte690. So [448] haben trotz der Dorier im Norden, der Lokrer und der Chalkidier von Rhegion im Süden die Achäer in Unteritalien durchaus das Übergewicht; in Erinnerung an die alten Wohnsitze in Thessalien gaben sie der neuen Heimat den Namen Großhellas.

Jenseits des Bradanus und des Silarus hinderte die Ausdehnung des italischen Festlands ein weiteres Vordringen der Griechen. Weiter östlich haben, wie es scheint, die Tarentiner wiederholt versucht, ihr Gebiet gegen das innere Apulien zu erweitern, aber vergeblich; die Japyger leisteten ihnen mannhaft Widerstand691. Dagegen gelang an der kalabrischen Küste die Gründung von Kallipolis. Um so größer war der zivilisatorische Einfluß, der von hier auf die italischen Stämme ausgeübt wurde. Noch weiter vorgeschoben war die Lage von Kyme. An der Küste des Golfs von Neapel hat dasselbe sein Gebiet erweitert und die Hafenstädte Dikaiarchia (Puteoli) und, vielleicht erst beträchtlich später, die »Neustadt« Neapolis, endlich am Vesuv Herakleion (Herculanum) gegründet692. Aber weiter südlich auf der Sorrentinischen Halbinsel [449] und am Golf von Salerno fehlt jede griechische Ansiedlung; und ein Vordringen ins Binnenland war hier noch weit weniger möglich als von Tarent aus. Die geschichtliche Bedeutung Kymes ist dadurch nur gesteigert worden, daß hier jeder Versuch einer Unterjochung der Einheimischen ausgeschlossen war. Kyme war die einzige Griechenstadt im Zentrum Italiens, der einzige Marktplatz, in dem die Stämme Mittelitaliens ihre Produkte gegen die Waren des Ostens umtauschen konnten; seine Verbindungen erstreckten sich weit aufwärts an die Küsten der Ausoner, Latiner, Etrusker. So hat Kyme für den Gang der Kulturgeschichte eine Bedeutung gewonnen wie keine andere Griechenstadt im Westen.

»Kirke«, heißt es in den Katalogpartien, die an Hesiods Theogonie anschließen, »zeugte von Odysseus den Agrios und den Latinos, die in weiter Ferne im Winkel der heiligen Inseln über alle Tyrrhener herrschen.« Das ist die älteste Erwähnung Italiens in der Literatur. Sie zeigt, wie die erste unbestimmte Kunde des neuentdeckten Landes, das den ersten Seefahrern als eine Inselgruppe erschien, in die Heimat dringt, zugleich aber, wie die Entdecker auch hier sofort beginnen, die neuen Länder und Völker an die heimischen Traditionen anzuknüpfen. Namentlich die Euböer sind überall auf den Spuren des Epos gewandelt. In Korkyra erkennen sie die Insel Scheria, das Land der Phäaken; neben ihnen werden, vielleicht durch die Korinther, die Kolcher der Argonautensage hierher versetzt. In Sizilien fand man die Insel Thrinakia und die Heimat der Kyklopen wieder, in der Straße von Messina die Scylla und Charybdis, in den Liparischen Inseln den Sitz des Äolos, in dem vulkanischen Lande bei Kyme, den phlegräischen Hügeln mit ihren Seen, den Eingang in die Unterwelt, auf dem steilen Berge, der inselgleich der Latinerküste vorliegt, die Zauberinsel der Kirke, auf kleinen Felsriffen am Vorgebirge der Sorrentinischen Halbinsel die Inseln der Sirenen, bei Kroton die Insel der Kalypso (Skylax). Auch die anderen Helden der troischen Sage werden in den Westen geführt, so von Griechen Diomedes, Philoktetes, Podaleirios, Epeios, Tlepolemos, Menestheus u.a., von den Trojanern vor allem Äneas (nachweisbar zuerst bei Stesichoros, doch in den Traditionen vermutlich schon weit früher), dessen [450] Spuren man namentlich überall da entdeckte, wo eine mächtige, von den Griechen mit Aphrodite identifizierte Göttin verehrt wurde, wie bei den Elymern auf dem Eryx und an manchen Stellen des Ionischen Meers. Die Kreter von Gela brachten den Minos und Dädalos nach Sizilien, die dann hier weitergewuchert haben. An zahlreichen Stellen Unteritaliens und Siziliens fand man die Spuren des Herakles wieder, der in den Achäerstädten, in Kyme und bei den Chalkidiern Siziliens eifrig verehrt wurde – auf seinem Zug in den Westen, um Geryoneus' Rinder zu holen, mußte er ja diese Gebiete durchwandert haben. So boten sich Gestalten in Fülle, an welche die fortschreitende genealogische Dichtung und ihre Tochter, die historische Forschung, die Völker und Ortschaften Italiens und Siziliens anknüpfen konnte693.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 438-451.
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