Die Nordküsten des Ägäischen Meers. Kyrene

[431] Innerhalb des Ägäischen Meers wird die bisher abseits liegende Nordküste mit den vorliegenden Inseln in den Bereich der griechischen Ansiedlungen gezogen. Etwa im 7. Jahrhundert okkupierten die Äoler von Lesbos die gegenüberliegende troische Küste644 und gründeten namentlich an der Westseite zahlreiche kleine Ackerstädte, wie Polymedion (Palamedion), Lamponeia, Hamaxitos, Tragasae, Sigia u.a., ferner im Binnenlande Kolonai und Neandria645. Diese Ansiedlungen unterscheiden sich von den ionischen da durch, daß sie nicht Handels-, sondern Ackerbaukolonien sind; die Bauern von Lesbos gehen auf das gegenüberliegende Festland hinüber. Daher tritt hier auch die Kolonisation viel intensiver auf als in den Seestädten und Faktoreien am Pontos; die einheimische troische oder teukrische Bevölkerung wird durch sie völlig aufgesogen, selbst im obern Skamandertal in Kebren setzten sich Kymäer fest (an sie grenzten östlich am oberen Aisepos die Milesier [431] in Skepsis, o. S. 417). Nur in Gergis646 an der Skamanderenge (Balydagh) haben sich die Teukrer noch im 5. Jahrhundert behauptet (Herod. V 122. VII 43). Die meisten dieser Kolonien (außer Kebren) sind von Mytilene ausgegangen und blieben zum Teil unter seiner Oberhoheit647. Nur die Südküste von Troas, das alte Lelegergebiet, wurde seit dem Ende des 7. Jahrhunderts von dem gegenüberliegenden Methymna okkupiert, das hier Assos und Gargara gründete (Strabo XIII 1. 58); dagegen scheint Antandros nach der Kimmerierzeit von Mytilene besetzt zu sein. Auch an der Mündung des Hellespont und in der Skamanderebene haben sich, doch schwerlich viel vor 600 v. Chr., die Äoler in Orten wie Ophrynion, Dardanos, Skamandria festgesetzt, ebenso an der gegenüberliegenden Küste der thrakischen Chersones in Madytos und Sestos am Hellespont, in Alopekonnesos am »schwarzen« Meerbusen. Hier trafen sie aber auf eine starke Konkurrenz der Handelsstädte. Wie in Abydos ließen sich die Milesier auch in Limnai und (mit Klazomeniern zusammen) in Kardia nieder. Rhöteon am Hellespont soll von Astypaläern, das benachbarte Aianteon von Rhodiern gegründet sein (Strabo XIII 1, 42. Plin. V 124). Zu Anfang des 6. Jahrhunderts hat dann Athen den Versuch gemacht, die hellespontische Handelsstraße in seine Gewalt zu bringen, und mit den Mytilenäern einen langwierigen Krieg um Sigeon geführt (u. S. 595f.). – Den Abschluß der äolischen Ansiedlungen bildet Ainos in dem Ackerland an der Hebrosmündung648. Zuerst gingen Ansiedler von Alopekonnesos auf der Chersones nach dem thrakischen [432] Festland hinüber – ebenso setzten sich die Kardianer in Kobrys fest (ἐυπόριον Καρδιανῶν Skylax) – dann erhielten sie Verstärkung aus Mytilene und Kyme. Man erkennt deutlich die langsam fortschreitende Art der äolischen, von Handelsinteressen kaum beeinflußten Kolonisation.

Denselben Charakter wie die äolischen Ansiedlungen tragen an der Westseite des Thrakischen Meeres, auf der dreizackigen Halbinsel, die sich zwischen Axios und Strymon weithin ins Meer vorstreckt, die der Euböer. Auch hier geht die Bevölkerung von der Insel auf die benachbarten Küsten hinüber. Die zahlreichen Kolonien – zweiunddreißig Städte zählte man in der Zeit Philipps (Demosth. Phil. 3, 26) – sind ebenfalls Ackerbaustädte. Die beiden Landzungen Pallene649 und Sithonia wurden gänzlich hellenisiert, während sich auf dem Athos die einheimische Bevölkerung zum Teil bis ins 5. Jahrhundert hielt, wiewohl vielfach mit Griechen untermischt (Thuk. IV 109). Auch der Rumpf der Halbinsel wurde von Griechen umsiedelt; im Innern hielten sich die einheimischen Stämme der Bottiäer, Bisalten, Krestonäer. In der Anlage der Städte rivalisierten Chalkis und Eretria miteinander. Die Städte auf Pallene werden als eretrisch bezeichnet, die auf der Athoshalbinsel sind von Andros, das ja von Eretria abhängig war (o. S. 406), gegründet, ebenso jenseits des Isthmos und am Strymonischen Meerbusen Sane, Akanthos, Stageiros (nach Euseb. 655 gegründet), Argilos650. Dagegen heißen z.B. Olynthos651, Torone, Kleonai am [433] Athos chalkidisch. Allmählich haben wie im Mutterlande so auch hier die Chalkidier das Übergewicht erhalten; nach ihnen wird die ganze Halbinsel benannt. – Auch an der makedonisch-pierischen Küste, in Ainea in der Landschaft Anthemus, vielleicht auch in Therme, nach dem der Golf benannt wird, der Vorgängerin von Thessalonike, ferner in Pydna und Methone setzten sich die Euböer fest652; letzteres galt als eretrisch (Plut. quaest. Gr. 11). Mitten zwischen den euböischen Städten an dem günstigsten und am leichtesten zu verteidigenden Punkt, auf dem Isthmos, der die Halbinsel Pallene vom Festland trennt, haben die Korinther die Stadt Potidäa gegründet (Thuk. I 56).

Eine weit größere Bedeutung als alle diese Ansiedlungen gewann die Niederlassung der Parier auf Thasos. Die Insel ist in der Zeit des Gyges, etwa um 660, besetzt worden653. Aus den Gedichten des Archilochos, der an der Kolonisation teilnahm, erfahren wir von den argen Wirren, welche die Stadt heimsuchten. »Thasos' Leiden beweine ich, nicht die von Magnesia (o. S. 427)«; Thasos ist die »dreimal unglückselige Stadt«, »alles Elend von ganz Hellas ist hierher zusammengeströmt«, »Tantalos' Stein hängt über der Insel«. Überdies ist sie ein umwaldeter Fels, kein schönes Fruchtland wie Unteritalien. Auch mit den Saiern (Sapäern), dem thrakischen Stamme an der gegenüberliegenden Küste, wo die Thasier sich festzusetzen suchten, gab es harte und nicht immer glückliche Kämpfe. Allmählich aber wurde die erste Not überwunden; die großen schon von den Phönikern (Bd. II 2, 117) ausgebeuteten Goldminen der Insel und des gegenüberliegenden Pangaiongebirges, [434] dazu die Zölle, die in den hier gegründeten Hafenorten, wie Galepsos und Oisyme (Thuk. IV 107 u.a.), erhoben wurden, gaben jährlich einen Ertrag von 200, ja gelegentlich von 300 Talenten, so daß von den Thasiern selbst keine Abgaben erhoben zu werden brauchten (Herod. VI 46). – Sonst weist die thrakische Küste zwischen Strymon und Hebros nur vereinzelte Kolonien auf; auch hier bildete der wilde und kriegerische Charakter der Thraker das Hindernis. In Abdera unweit der Nestosmündung versuchten die Klazomenier unter Timesios sich festzusetzen, wurden aber von den Thrakern verjagt (angeblich 653)654. In dem Weinlande der Kikonen gründeten die Chier Maronea655, das in der Zeit des Archilochos mit den Thasiern um den Besitz des weiter östlich gelegenen Stryme656 Krieg führte; der Ort ging an die Thasier verloren. Von den thrakischen Inseln soll Samothrake von Samiern besetzt sein657. Dagegen sind Imbros und Lemnos nicht griechisch geworden. Hier finden wir vielmehr im 7. und 6. Jahrhundert Etrusker (Tyrrhener), die weithin das Meer unsicher machen und als Seeräuber an den Küsten Attikas wie Kleinasiens verrufen sind (Bd. II 1, 556)658. Die kleinen Inseln nördlich von Euböa, Skiathos, Peparethos, Ikos,[435] haben die Chalkidier besetzt (Scymn. 586); auf Skyros dagegen behaupteten sich die Doloper.

Auch andere abgelegene Punkte des Agäischen Meers sind erst in dieser Zeit besetzt worden; so die Insel Amorgos, wo sich bis dahin die primitive Inselkultur der Urzeit ziemlich unbeeinflußt erhalten hatte659. Sie wurde von Samiern kolonisiert, die hier die drei Städte Aigiale, Arkesine und Minoa gründeten; in dieser ließ sich der samische Dichter Semoni des, ein jüngerer Zeitgenosse des Archilochos, nieder. Ähnlich soll Astypaläa, in der Mitte zwischen den Kykladen und Kleinasien gelegen, von Megara besetzt sein (Scymn. 551). – Außerdem dürfen wir hier wohl die an das Ende dieser Periode fallende Festsetzung in Kyrene anreihen; das Plateau von Barka bildet ja den südlichen Abschluß des Ägäisch-kretischen Meers. Die Legenden über die Gründung der Kolonie beweisen, daß die Griechen an der fernen Küste nur sehr allmählich festen Fuß zu fassen wagten660. Zuerst sollen Samier diese Gebiete aufgesucht haben, die Gründung der Kolonie aber ist von der kleinen dorischen Insel Thera ausgegangen; auch Kreter scheinen von Anfang an an der Ansiedlung beteiligt gewesen zu sein. Zuerst setzten sie sich auf der kleinen Insel Platea fest und knüpften Handelsbeziehungen mit den Libyern an, dann stiegen sie im Einverständnis mit diesen in das Hochland hinauf und gründeten hier, zwei Meilen vom Meer, an einem fruchtbaren Quelltal die Stadt Kyrene (um 630 v. Chr.)661. In Übereinstimmung mit der Tradition zeigt die weitere Entwicklung, daß freundliche Beziehungen zu [436] den Libyern bestanden, die eine starke Mischung der Bevölkerung zur Folge hatten. Daneben ergaben sich Verbindungen mit Ägypten und mit dem großen Karawanenzentrum in der Amonsoase, von der aus der Kult des mit Zeus identifizierten Amon und das Ansehen sei nes Orakels früh nach Kyrene gelangte. Von Kyrene aus ist der Libyername auf alle Stämme Nordafrikas ausgedehnt und Libyen der Name des dritten Erdteils geworden662. Kyrene ist, abgesehen vielleicht vom Bosporos (o. S. 420), die einzige griechische Kolonie, in der sich das Königtum erhalten hat. Sein Begründer ist Battos I.663, dem sein Sohn Arkesilaos I. folgte. Das wichtigste Produkt des Landes war das Silphion, eine heilkräftige Pflanze, die in Massen exportiert wurde und königliches Regal war (Aristot. fr. 528 R., vgl. u. S. 504)664. Auch sonst waren die Abhänge des Plateaus fruchtbar und ertragreich, namentlich aber durch ihre trefflichen Schafherden (Od. δ 85) und ihre Rossezucht (Pindar) berühmt. Doch gehört der Aufschwung der Stadt und die Anlage weiterer Kolonien erst dem Anfang des 6. Jahrhunderts an, als sie aus ganz Griechenland starken Zuzug erhalten hatte (u. S. 625). Auch hier wird die Kolonisation in der Argonautensage reflektiert. Schon Hesiod hat erzählt, daß die Argonauten auf der Fahrt durch den Ozean nach Libyen gelangten und hier ihr Schiff über Land ins Mittelmeer trugen. Hier am Tritonsee überreichte Eurypylos dem Poseidonsohn Euphemos, einem Minyer aus Hyria, als Gastgeschenk eine Erdscholle, das Vorzeichen, daß seine Nachkommen über das Land herrschen würden. Dadurch sind die Könige Kyrenes zu Minyern geworden. Daneben erzählte Hesiod, daß Apollo das Lapithenmädchen Kyrene aus Thessalien [um der [437] Minyer willen] entführte und in Libyen mit ihr den Hirtengott Aristaios zeugte. Auch andere Sagen sind hier lokalisiert; so erzeugte die üppige Fruchtbarkeit einzelner Täler des Plateaurandes den Glauben, hier lägen die Gärten der Hesperiden, aus denen Herakles sich die Äpfel der Unsterblichkeit geholt hatte.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 431-438.
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