Die Invasion der Kimmerier. Lydien und Ägypten

[424] Der Gang der Entwicklung Asiens führt seit Anfang des 7. Jahrhunderts nicht nur in den Kolonien, sondern auch im ionischen Mutterlande aufs neue zu engerer politischer Verbindung mit dem Orient. Immer weiter griff das von Tiglatpileser und Sargon wiederhergestellte Assyrerreich, wie in Syrien und im Osten, so auch in Kleinasien um sich. Wie die Kiliker wurden [424] nördlich vom Tauros die Fürsten der Tibarener (Tabal) und Moscher (Muski) im späteren Kappadokien wenigstens vorübergehend Vasallen der Assyrer (vgl. o. S. 41). Auch das westliche Kleinasien mußte die Rückwirkung der asiatischen Großmacht verspüren. Dazu kam dann die tiefgreifende Erschütterung, welche die große Völkerschiebung in der russisch-kaspischen Steppe und das Vordringen der Kimmerier und skolotischen Skythen ans Schwarze Meer hervorrief (s.o. S. 36ff.). Etwa zu Anfang des 7. Jahrhunderts brachen die Kimmerier von Armenien aus in Kleinasien ein635. An der Bewegung haben auch mehrere thrakische Volksstämme teilgenommen, die Treren, die Edoner; auch Thyner und Bithyner sollen damals über den Bosporos gegangen sein636. Weithin wurde das Land von den Kimmeriern überrannt (s.o. S. 74). Es wäre nicht unmöglich, daß die Ansetzung der in der Überlieferung vielfach mit den Kimmeriern verbundenen Amazonen am Thermodon bei Themiskyra und ihre spätere Verbindung mit den Skythen eine Wirkung der Kimmerierzüge ist; gewiß waren die Kimmerier bei ihren Zügen von Weibern und Kindern begleitet, die Frauen mögen vielfach am Kampfe teilgenommen haben.

In Antandros sollen die Kimmerier nach den Edonern hundert Jahre lang gesessen haben. Um die Mitte des Jahrhunderts führten sie einen gewaltigen Stoß gegen Lydien und die ionischen Städte. Hier hatte sich inzwischen eine tiefgreifende Umwälzung vollzogen. Der letzte König aus dem alten, von den Griechen auf Herakles zurückgeführten Herrscherhause war durch eine Palastintrige gestürzt worden (um 675); sein Mörder Gyges aus dem Hause der Mermnaden wurde von den Lydern anerkannt, als das delphische Orakel, an das man sich wandte, sich für ihn erklärte. Der Wechsel [425] der Dynastie bezeichnete zugleich den Beginn einer neuen Politik. Wenn bisher, soviel wir wissen, die Macht der Könige von Sardes sich über das eigentliche Lyderland, die Ebenen des Hermos und Kayster, nicht wesentlich hinaus erstreckte, so begann Gyges erobernd vorzugehen. Karien, Teuthranien, Troas scheinen ihm untertan gewesen zu sein; vor allem aber versuchte er die Küste zu gewinnen; mit ihm beginnen die Angriffe der Lyder gegen die griechischen Städte. Smyrna erwehrte sich der Feinde; in der Hermosebene erfochten seine Lanzenkämpfer einen glänzenden Sieg über die lydische Reiterei (Mimnermos fr. 13 DIEHL, vgl. Pausan. IV 21, 5). Aber Smyrnas Mutterstadt Kolophon wurde erobert – auch Theognis v. 1103 erwähnt den Fall der reichen Stadt – ebenso Magnesia (am Mäander? Nic. Dam. fr. 62 JACOBY), während Milet sich siegreich verteidigte (Herod. I 15). Mitten in diese Unternehmungen fielen die Kimmerierzüge. Sich ihrer zu erwehren, suchte Gyges an den Assyrern einen Anhalt und huldigte dem Assurbanipal (o. S. 86). Sich dauernd zum Vasallen des Großkönigs zu machen, war Gyges freilich nicht gewillt. Nachdem er die Kimmerier geschlagen und zwei gefangene Häuptlinge nach Ninive eingeschickt hatte, kündigte er Assurbanipal den Gehorsam auf. Eben in dieser Zeit versuchten die Elamiten wieder einmal, den Assyrern entgegenzutreten und in Babylonien einen Aufstand zu erregen (o. S. 136ff.); in Ägypten aber begann Psammetich von Sais (reg. seit 663), der mächtigste der assyrischen Vasallen, dessen Vater Necho I. von den Äthiopen als assyrischer Parteigänger getötet war (o. S. 82), erobernd gegen die übrigen dem Großkönig untertänigen Stadtkönige und damit zugleich gegen die assyrische Herrschaft vorzugehen (o. S. 145). Es war natürlich, daß die Herrscher von Sais und Sardes in Verbindung traten; Gyges entsandte an Psammetich ionische und karische Söldner637. Mit ihrer Hilfe hat Psammetich die Kleinfürsten im Niltal überwältigt und die Einheit des Pharaonenreichs wiederhergestellt. Die Kenntnis des politischen Zusammenhangs[426] verdanken wir den Inschriften Assurbanipals (o. S. 133f.). Die Tradition der in Ägypten angesiedelten Griechen hat nur die Kunde bewahrt, daß Psammetich gelandete Ionier und Karer in seine Dienste nahm – sie seien auf einer Raubfahrt nach Ägypten gekommen, der vor seinen Mitkönigen in die Sümpfe geflüchtete Psammetich habe infolge eines Orakelspruchs die »ehernen Männer aus dem Meer« angeworben – und mit ihrer Hilfe die »Dodekarchie« stürzte; die Herrschaft der Assyrer über Ägypten verschweigt diese Tradition absichtlich (Herod. II 152).

Wenige Jahre später erfolgte der große Zug der Kimmerier gegen Lydien (nach den Chronographen 657 v. Chr.). Gyges selbst fiel im Kampf, ganz Lydien wurde von den Kimmeriern überschwemmt (nach Assurbanipals Angaben), Sardes selbst, mit Ausnahme der festen Burg, erobert (Herod. I 15). Dann wandten sich die Horden gegen Ionien. Die blühende Stadt Magnesia am Mäander wurde »infolge ihrer Überhebung« (ὕβρις), wie Theognis sagt (603. 1103), von den Treren zerstört (vgl. Archilochos fr. 19 Diehl), der Tempel der ephesischen Artemis von Lygdamis niedergebrannt. In der Stadt selbst feuerte Kallinos die Bürger durch seine Gedichte zu mannhaftem Widerstand an, und es gelang, den Angriff abzuwehren. Auch die übrigen Griechenstädte kamen mit der Verwüstung ihres Gebiets davon. Es war »ein Raubzug, nicht eine Unterwerfung der Städte« (Herod. I 6). Allmählich gelang es dem Ardys, dem Sohn des Gyges, die Kräfte des Reichs wieder zu sammeln; eben im Kampfe gegen die Kimmerier ist den Lydern, da sie allein den Stoß überstanden, die Herrschaft über Kleinasien bis zum Halys zugefallen. Sogar die Angriffe auf Ionien konnte Ardys erneuern; er hat Priene erobert und Milet bekriegt (Herod. I 15) – damals mußte er also den Rücken gegen die Kimmerier schon wieder frei haben. Als der große Aufstand gegen die Assyrer, den Assurbanipals Bruder Šamaššumukin von Babylon im Bündnis mit dem König von Susa erregt hatte, niedergeworfen, Babylon erobert (648) und Elam bezwungen war (645), hat Ardys noch einmal dem Assyrerkönig gehuldigt (nach 646, s.o. S. 134). Doch war die Anerkennung der fremden Oberhoheit nur vorübergehend; wenige Jahre später begannen [427] die großen Bewegungen, in denen das Assyrerreich zusammengebrochen ist.

Auch Ägypten ist von den Assyrern nicht wieder erobert worden; wie es scheint, mußte Assurbanipal die einheimischen Dynasten ihrem Schicksal überlassen. Sogar nach Asien konnte Psammetich hinübergreifen; 29 Jahre soll er die Philisterstadt Ašdod belagert haben, bis er sie eroberte (Herod. II 157, vgl. o. S. 138). Vor allem aber hat Psammetich das Reich im Innern noch einmal wiederhergestellt. Die Auflösung in zahlreiche Kleinstaaten, in welche die Herrschaft der Söldner ausgelaufen war, die Wirren der äthiopischen und assyrischen Invasionen machten einen vollständigen Neubau erforderlich. Aus eigener Kraft konnte Ägypten nicht mehr bestehen. Die Ägypter selbst waren des Kriegs entwöhnt, auch die zu Herren des Landes gewordenen Nachkommen der alten Söldner, die Kriegerkaste (μάχιμοι), hatten sich unfähig erwiesen, die Unabhängigkeit des Niltals zu wahren, ihre unabhängige, selbstherrliche Stellung war in einem geordneten Staatswesen unerträglich; überdies betrachteten sie den aus einem libyschen Geschlecht stammenden Dynasten von Sais als Usurpator. Wenn schon unter der neunzehnten und zwanzigsten Dynastie die Söldner aus Sardinien und Libyen den Kern der ägyptischen Armee gebildet hatten, so mußte Psammetich sich vollends ganz auf die Fremden stützen. Die Korps der ionischen und karischen Söldner, die sich durch Zuzug aus der Heimat fortwährend vermehrten – unter Apries belief sich ihre Zahl auf 30000 (Herod. II 163) –, bildeten den Kern seines Heeres. Daneben standen syrische und phönikische Söldner und natürlich zahlreiche Libyer; das Aufgebot der Kriegerkaste trat dagegen ganz zurück, ein Teil derselben ist deshalb nach Äthiopien ausgewandert (Herod. II 30). In den »Lagern« zwischen Bubastis und Pelusion an der am meisten gefährdeten Ostgrenze hatten die Ionier und Karer ihr Standquartier, durch einen Nilarm voneinander getrennt (Herod. II, 154). Auch zu den Garnisonen der drei Grenzfestungen, Daphne im Osten, Marea im Westen gegen die Libyer, Elephantine im Süden gegen die Äthiopen, werden sie herangezogen sein (Herod. II 30). Im Innern ließ Psammetich der [428] Priesterschaft freie Hand zur Durchführung einer umfassenden Restauration; sie konnte ihre Ideen, soweit sie nicht politischer Natur waren, völlig durchführen und so den Schein erwecken, als sei die Zeit der alten Pyramidenerbauer wieder zum Leben erwacht. Dafür nahmen die Könige nach außen hin eine weit freiere und exponiertere Stellung ein als die alten Pharaonen. Spezifisch ägyptische Politik zu treiben war nicht mehr möglich; durch geschickte Ausnutzung der Weltlage, durch Entwicklung des Handels und Wohlstands, durch eine Politik, die mit allen Staaten und Städten Beziehungen anknüpfte, suchten sie die militärischen Schwächen ihres Staats den großen Weltmächten gegenüber zu decken. Die Pharaonen der sechsundzwanzigsten Dynastie sind die Vorgänger der Ptolemäer. Nicht mehr im Zentrum des Landes, sondern an seiner Grenze residieren sie in einer halblibyschen Stadt, sie selbst libyschen Ursprungs, wenn auch ägyptisiert; die Soldtruppen aus der griechischen Welt, die Kriegsflotte, der Handel, der Reichtum bilden die Grundlagen ihrer Macht, die Ägypter kommen nur als steuerzahlende Untertanen in Betracht, nicht mehr als Träger des Staatslebens638.

Auf diese Weise sind die Griechen mit Ägypten in dauernde Verbindung getreten639. Wie in der mykenischen Zeit von den Inseln, so strömte jetzt die junge Mannschaft aus Ionien und Rhodos in ägyptische Dienste – Söldner aus Teos, Kolophon, Ialysos haben bei einem Kriegszuge Psammetichs II. um 590 ihre[429] Namen an den Kolossen des Tempels von Abusimbel eingekratzt. Die meisten blieben dauernd im Lande, es entstand eine starke griechische Kolonie in Unterägypten. Den Söldnern folgten die Kaufleute, die griechischen so gut wie die aramäischen und phönikischen. Am Eingang des bolbinitischen Arms, an dem Sais liegt, gründeten die Milesier eine befestigte Faktorei640, in Memphis finden wir neben dem tyrischen ein karisches und ein griechisches Quartier641. Ein Stand der Dolmetscher und Fremdenführer bildete sich. Daheim erzählten die Zurückkehrenden von dem Wunderlande am Nil, seiner Kultur und seinen Produkten, seinen wunderbaren Göttern und Bauten. Schon die Telemachie weiß, daß in Ägypten »jedermann ein Arzt ist, der mehr weiß als andere Menschen«, und daß »das Land viele Kräuter trägt, heilsame und schädliche« (δ 229); die Vorstellung, daß ein Kaufmann, um zu handeln und gelegentlich zu plündern, nach Ägypten fährt, ist ihr geläufig (δ 125. 351. ξ 246ff. ρ 427)642. Auch die ägyptische Götterwelt wurde den Griechen bekannt. In der Isis erkannten sie die argivische Io wieder, die Hera in eine Kuh verwandelt hatte; den Apisstier machten sie unter dem Namen Epaphos zu ihrem Sohn und fanden in diesen Gestalten den Beweis für die uralte, schon halb der Religion entschwundene Tradition, die dem Tierdienst entstammte, daß Zeus in Stiergestalt die Io begattet habe. So entstand der Glaube, Io sei nach Ägypten gewandert, die beiden Völker der Ägypter und Danaer seien aus ihren Nachkommen hervorgegangen643. Auch in anderen ägyptischen Göttern fand man die heimischen Gestalten wieder, und gern ließ man sich von dem Alter und den Wundergeschichten [430] der ägyptischen Traditionen erzählen – die Geschichte vom Schatz des Rhampsinit z.B. wurde auf die böotischen Baumeister Trophonios und Agamedes übertragen – und suchte Aufklärung über die eigene Religion und Urgeschichte. In die genealogische Dichtung fanden die Eponymen der Ägypter und Libyer Aufnahme wie die der Kiliker und Phöniker; neben ihnen steht Belos, der aus Be'el, dem Gott der aramäischen Händler in Ägypten, hervorgegangen ist (Bd. II 2, 142, 1). Vor allem aber beginnt mit der Erschließung Ägyptens und den Kämpfen mit Lydern und Kimmeriern die historische Überlieferung der Griechen; es sind die Ereignisse, durch die die Nation, zunächst ihr kleinasiatischer Zweig, aufs neue in den politischen Zusammenhang der Weltgeschichte eingetreten ist.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 424-431.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Die Narrenburg

Die Narrenburg

Der junge Naturforscher Heinrich stößt beim Sammeln von Steinen und Pflanzen auf eine verlassene Burg, die in der Gegend als Narrenburg bekannt ist, weil das zuletzt dort ansässige Geschlecht derer von Scharnast sich im Zank getrennt und die Burg aufgegeben hat. Heinrich verliebt sich in Anna, die Tochter seines Wirtes und findet Gefallen an der Gegend.

82 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon