Die Kulturentwicklung des siebenten Jahrhunderts

[534] Die neue Bewegung beschränkt sich keineswegs auf das soziale und politische Gebiet; sie ergreift umgestaltend das gesamte Kulturleben des Volks. Überall gärt es und knospt es. Die Enge des Mittelalters wird durchbrochen, eine weitere, umfassendere Kultur wächst aus den gebundenen Formen der homerischen Welt heraus. Wohin wir blicken, empfinden wir, daß der Wohlstand gewachsen ist und sich in weitere Kreise verbreitet hat, daß man das Leben reicher und schöner zu gestalten sucht, zugleich aber auch, daß aus dem lockeren Gefüge des mittelalterlichen Staatswesens mit der kaum beschränkten Selbstherrlichkeit des Adels und der Blutsverbände ein wirklicher Staat entstanden ist, der überall die Leitung energisch in die Hand nimmt. Namentlich auf religiösem Gebiete tritt das sehr deutlich hervor. Wieder beginnt man wie in mykenischer Zeit große monumentale Bauten auszuführen; aber es sind nicht mehr Burgen und Gräber, sondern Tempel. Indem die Gemeinde den Göttern ihren Dank abstattet und sich für die Zukunft ihren Schutz sichert, verherrlicht sie zugleich sich selbst. Bald entsteht ein Wetteifer zwischen den Städten im Tempelbau wie im ausgehenden Mittelalter in der Erbauung von Kirchen. Die Pflege des Kultus wird durchweg verstaatlicht; zahlreiche Kulte und Heiligtümer, die bisher einzelnen Geschlechtern oder lokalen Verbänden angehörten, gehen auf die Gemeinde über. Die Zahl der Feste wird fortwährend vermehrt, die Heiligtümer und Feste unter die Aufsicht erwählter Staatsbeamten (ἱεροποιοί, ταμίαι u.ä.) gestellt, der Staat setzt den Priestern ihre Bestallung und bestimmt, welche Abgaben sie [534] von den Opfern zu erhalten und unter welchen Bedingungen sie ihr Amt zu verwalten haben. Unter den Kulten gewinnt der Dienst der Bauerngötter Demeter und Dionysos und ihres Kreises, der Gottheiten des Weinbaus und des Ackerbaus, stets steigendes Ansehen. Die Ritterschaft der homerischen Welt hatte für sie kein Interesse, ihre Feste waren Bauernfeste, die auf den Dörfern mit Tänzen und Maskeraden, mit Darstellungen der Schicksale der Götter und ausgelassenen Scherzen gefeiert wurden. Der Emanzipation der Bauernschaft, der wachsenden Bedeutung des grundbesitzenden Mittelstandes, aus dem die Hoplitenheere sich rekrutieren, entspricht ihr steigendes Hervortreten im Staatskult. Gleichartig ist es, wenn in Attika die kriegerische Burg- und Landesgöttin Athene jetzt vor allem als Pflegerin des Ölbaums und daneben als Schirmherrin des Handwerks (ἐργάνη) verehrt wird.

Dieselben Strömungen beherrschen alle Seiten des Kulturlebens. Die Kultur wird nicht mehr allein von dem kleinen Kreis eines herrschenden Standes getragen, sondern ist Eigentum des gesamten Volks. Die körperliche Ausbildung in Turn- und Waffenübungen wird der ganzen wehrpflichtigen Jugend zugänglich. Die Wettspiele werden aus Vergnügungen des Adels zu wirklichen Volksfesten. Damit hängt es zusammen, daß sie sich von den Leichenfeiern loslösen und an den Gottesdienst anknüpfen (o. S. 341), daß die Spiele zu Olympia zu einem Nationalfest für ganz Hellas werden, denen sich zu Anfang des 6. Jahrhunderts zahlreiche neue Stiftungen anschließen. Auch die einzelnen Staaten gründen neue derartige Festfeiern, so die Spartaner im Anschluß an das Fest des karneischen Apollo die Gymnopädien (um 669), Schaustellungen und Spiele der Jugend, die hier zuerst völlig unbekleidet auftrat, was dann allmählich überall, auch in Olympia, Brauch wurde (Thuk. I 6)790. Wohl behaupten Adel und Reichtum [535] ihre maßgebende Stellung. Sich ganz der Rossezucht und dem Sport widmen konnte nur, wer die Mittel dazu besaß; und gern entfalten reiche Leute bei den Festen allen Glanz, indem sie ihre Mitbürger oder die zusammengeströmten Fremden bewirten – der Spartaner Lichas (Xen. Memor. I 2, 61) und der Azane Euphorion (aus Paion in Arkadien, Herod. VI 127) sind dadurch in ganz Hellas berühmt geworden. Aber der Sieg, den sie gewinnen, ist zugleich ein Sieg ihrer Heimat. Überall wird es Brauch, daß der Staat den Siegern in Olympia und später auch bei den anderen Nationalspielen Belohnungen und Preise gewährt.

Das gleiche gilt von den geistigen Seiten der Kultur. Die Rhapsoden rezitieren die epischen Gedichte nicht mehr bei den Gelagen, sondern an den Festen vor dem gesamten Volk (so in Sikyon, Brauron, Athen, ebenso jedenfalls in Sparta), und Preise werden für den ausgesetzt, der es am besten macht. Neue volkstümliche Formen der Dichtung und des Gesanges treten ihnen zur Seite, die Musik bildet sich aus, statt der viersaitigen Phorminx (κίϑαρις) der homerischen Aöden erscheint die siebensaitige Zither (κιϑάρα); die weiche Musik der kleinasiatischen Stämme, der Phryger und Lyder, stellt sich neben die altgriechischen (dorischen) Weisen, zunächst in Äolis und Ionien, und verbreitet sich von hier aus durch die ganze griechische Welt. Auch das Flötenspiel, das Homer noch unbekannt ist, haben die Griechen aus Kleinasien übernommen; seine Erfindung wird daher auf phrygische Götter (Marsyas, Hyagnis) zurückgeführt oder auf Olympos, den Eponymos des Gebirgs, an dessen Hängen die phrygischen und mysischen Hirten die Flöte blasen791. Bei keinem Götterfest will man die neue Kunst entbehren, Preise für die Musiker und die Sänger zu Zither und Flöte werden bei den Festspielen ausgesetzt – so bei den Karneen in Sparta angeblich schon 676 –, die musikalische Ausbildung wird ein Teil der Jugenderziehung [536] so gut wie das Turnen und die Waffenübung. Die Umwandlung der Aöden in Rhapsoden beruht wesentlich auf der Entstehung der neuen Musik.

So erwachsen überall reichere Formen und regere Mannigfaltigkeit. Das Alte wird keineswegs vernichtet oder beiseitegeschoben, sondern umgestaltet und der Alleinherrschaft beraubt; es muß den neuen Strömungen Raum geben, sie in sich aufnehmen oder sich ihnen anpassen. Daneben aber stehen auch auf geistigem Gebiete revolutionäre Bewegungen, welche dem Herkommen den Krieg erklären und mit gewaltigen Schlägen den Beginn einer neuen Epoche verkündigen. In dem Widerstreit der Lebensbedingungen und der Ideen emanzipiert sich das Individuum, politisch wie geistig. Die Tradition wird erschüttert und durchbrochen; sie ist nicht mehr die feste Norm und erfüllt daher die Anforderungen nicht mehr, auf denen ihre Herrschaft beruht. Der Einzelne muß selbständig wählen und aus eigener Kraft gestalten. Die Führung hat auch jetzt noch die ionische Welt. Wie sich in ihr die alte Kultur am vollkommensten offenbart hat, so wird sie hier auch am frühesten überwunden. Hier, wo die merkantile Entwicklung am weitesten vorgeschritten, die Gestaltung des Lebens am bewegtesten, die Berührung mit der Fremde am stärksten ist, wo das Emporkommen der Lydermacht der staatlichen Selbständigkeit den Untergang droht, sind die alten Anschauungen sowenig haltbar wie der alte Staat. Neben Ionien treten jetzt auch die anderen Gebiete selbständig hervor. In Sparta hat man viele Seiten der neuen Kulturentwicklung, auch wenn sie nicht wie die neue Gestaltung des Heerwesens und der Agonistik in der Heimat ausgebildet wurden, gern, ja mit Begeisterung aufgenommen, so die neue Musik und die neuen Dichtungsformen, die neue Gestalt der Feste, auch der Kunst. Aber man sucht sie der alten Weise einzuverleiben, man hält jede Erschütterung fern und sperrt das Land gegen Neuerungen, die gefährlich scheinen, wie das Geld, die Stadtmauer, das geschriebene Recht. Ähnlich stellt sich Kreta; Lesbos, Rhodos, die Isthmosstaaten und dann weiter Attika nehmen eine Mittelstellung ein. So nimmt die neue Kultur, in scharfem Gegensatz zu der Gleichförmigkeit [537] der mittelalterlichen Welt, die verschiedensten Gestaltungen an; überall macht sich das lokale Element geltend, jeder Staat erzeugt seine Sonderkultur im Rahmen der allgemeinen Bewegung. Dadurch ist die griechische Kultur zu einer Vielseitigkeit und Formenfülle gelangt, wie sie kein anderes Volk je wieder erreicht hat792.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 534-538.
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