Die Herakleopoliten

[247] 273. Auf die achte Dynastie folgen bei Manetho zwei Herrscherhäuser von je 19 Königen, das neunte und zehnte, beide aus Herakleopolis (Ḥenensu, j. Ahnâs) südlich vom Eingang des Faijûm. Ihr Begründer Achthoes war nach ihm »ärger als alle seine Vorgänger und tat den Bewohnern ganz Aegyptens Böses an; später verfiel er in Wahnsinn und wurde durch ein Krokodil getötet«. Die Namen seiner Nachfolger werden von der Epitome nicht aufgezählt. In den aus dem Totenkult stammenden Königstafeln werden beide Dynastien als illegitim übergangen (ebenso in der von Sakkara auch die achte). Im Turiner Papyrus folgt auf die wenigen Könige der achten Dynastie, die er genannt hat, nach dem großen Dynastieeinschnitt (§ 267) eine Reihe von 18 Königen, die den Herakleopoliten entspricht, vielleicht gleichfalls in zwei Dynastien geteilt; unter den wenigen erhaltenen Namen steht an dritter oder vierter Stelle ein Achthoes (geschrieben Chti, spr. Achtôi), offenbar der zweite dieses Namens. Von drei Königen Achtôi sind uns ein paar unbedeutende Denkmäler erhalten; ihr Name ist in dieser Zeit einer der verbreitetsten Personennamen. Vermutlich ist Achtôi I. ein mächtiger Gaufürst gewesen, der sich im Kampf gegen die Memphiten die Königskrone gewonnen hat. Seine Herrschaft reichte bis zum ersten Katarakt, wo sein Name vorkommt; vielleicht aber haben sich die Könige der achten Dynastie noch eine Zeitlang in einem Teile des Landes neben der neuen Dynastie behauptet. Die Residenz der neuen Dynastie war Herakleopolis; aber wenigstens einer der späteren Könige, Merikerê', hat auch über Memphis geherrscht und hier vielleicht eine Pyramide gebaut. Sollte sich Manethos Bericht über Achthoes' Grausamkeit dadurch erklären, daß er den [247] Versuch gemacht hat, den Feudaladel gewaltsam zu unterdrücken? Von den paar im Papyrus hier noch erhaltenen Namenstrümmern zeigen einige ganz seltsame Gestalt; doch beweist der vor Achtôi II. stehende Name Neferkerê', daß man auch Anschluß an die Vorgänger aus der sechsten Dynastie gesucht hat.


Für Manetho sind nur die Angaben des Africanus von Wert:

9. Dyn.: 19 (Barb. 20, Eus. 4) Herakleopoliten 409 (ebenso Barb., Eus. 100) J. 10. »: 19(« 7, » 19) « 185 (Barb. 204, » 185) « Genaueres über die Dynastie haben wir durch die Inschriften der Nomarchen von Siut (ihre Folge ist: Grab 5 Achtoi I.; 3 Tefjeb; 4 Achtôi II. unter König Merikerê') erfahren, die GRIFFITH, Inscr. of Siût and Dêr Rîfeh, 1889, vortrefflich publiziert hat (vorher unvollständig MARIETTE, Mon. div. 68. 69 und dazu MASPERO im Text p. 21; DE ROUGÉ, inscr. hier. 288-293), vgl. § 274 A. – Denkmäler des Merijebrê' Achtoi I.: MASPERO, PSBA. 13, 429. PETRIE, History I 114f. Ahmed Kemal Ann. du serv. X 185; Uaḥkerê' Achtoi II. (?) auf dem Sarkophag eines Privatmanns aus Berše, der eine dem Königsgrab entnommene Vorlage gedankenlos kopiert hat: LACAU, Rec. 24, 90ff. Ein dritter Achtoi Nebkeu auf einem Jaspisgewicht bei PETRIE, Hyksos and Israelite cities pl. 32 a = 33, 4, wohl identisch mit dem in Herakleopolis residierenden König des Berliner Bauernpapyrus Nebkeurê'. – Vase eines Achtoi; DARESSY, Ann. du serv. XI, 47. – Im Turiner Papyrus hat zuerst MASPERO den Namen Achtoi erkannt; er kommt auch in einem unpublizierten Petersburger Papyrus vor, wie es scheint im Zusammenhang mit einem Krieg gegen Asiaten ('Amu): GOLENISCHEFF, ÄZ. 14, 109. – König Merikerê' im Grab 4 von Siut und auf einer Schreiberpalette, PETRIE, Hist. I, 115, wahrscheinlich identisch mit Merkerê' auf dem Sarg des Kanzlers Apa'anchu (Aeg. Inschr. des Berl. Mus. S. 180ff.), der an seiner Pyramide und der des Teti Priester war, ebenso wie Anupemḥet in Sakkara (Quibell, excav. at Saqqara I pl. 23; ebenda pl. 15 ein weiterer Priester der Pyramide des Merkerê'). – Die von Petrie, Hist. I 116ff. zusammengestellten Skarabaeen gehören nicht in diese Zeit; Chian ist ein Hyksoskönig.


274. Aus der Zeit der Herakleopoliten stammen die Gräber der Nomarchen und Hohenpriester von Siut (13. Gau). Der erste von ihnen, Achtôi, erzählt, daß er am Königshof von Herakleopolis erzogen sei und mit den Königskindern zusammen schwimmen gelernt habe, während seine Mutter für ihn den Gau verwaltete. Als Nomarch hat er dann einen [248] Kanal gegraben und Siut mit Getreide versorgt, den Wohlstand seiner Untertanen gehoben, die Einkünfte des Tempels gemehrt. Dem König wahrte er die Treue und geleitete ihn bei seinen Fahrten auf dem Nil. So »war Siut zufrieden unter meinem Regiment, Herakleopolis pries Gott für mich (d.h. dankte mir), der Süden und das Nordland sagte: das ist die Lehre des Horus (d.i. des Königs)«. Die Macht des Königs umfaßt ganz Aegypten; aber auch von Kriegen ist die Rede, Achtoi spricht von seinen Schiffen und Soldaten und rühmt sich, daß er den Bogen zu spannen und das Sichelschwert zu führen wisse. Auch sein Nachfolger Tefjeb hat ein kräftiges Regiment geführt: »wer bei Nacht auf der Landstraße schlief, pries mich, da er war wie ein Mann in seinem Hause, denn die Furcht vor meinen Soldaten schützte ihn«. Aber zu seiner Zeit waren die südlichen Gaue bereits von den Herakleopoliten abgefallen, und es gab langwierige und wechselvolle Kämpfe mit den Dynasten, die sich in Theben erhoben hatten (§ 276). So spielen bei ihm die Soldaten eine große Rolle; sein Sohn Achtoi II., der unter König Merikerê' lebte, hat sie an der Wand seines Grabes malen lassen, ein anderer Nomarch, Meseḥti, ihre Nachbildungen mit ins Jenseits genommen. Ein Trupp regulärer Infanterie ist 10 Mann tief aufgestellt und 4 Mann in der Front; die Waffen sind mannshohe Lanzen mit kupfernen Spitzen und ein oben spitz zulaufender, unten breiter, mit Fell überzogener Holzschild. Weitere Waffen tragen sie nicht, sondern den gewöhnlichen aegyptischen Linnenschurz und eine große Perücke. Das ist also das Aufgebot des Gaus. Dazu kommt dann ein gleichartig aufmarschiertes Schützenkorps, das aus geworbenen Negern (und Libyern?) von kleinem Wuchs besteht, wie sie seit dem Alten Reich die ständige Kriegs- und Polizeitruppe bildeten (§ 254). Sie haben einen einfachen Bogen und in der Hand jeder vier Pfeile mit Feuersteinspitzen; bekleidet sind sie nur mit einem Lendenschurz. – Diese von allen sonstigen Traditionen der Gräber so völlig abweichenden Darstellungen lassen deutlich erkennen, wie unsicher die Zustände des Reichs geworden [249] waren. Vermutlich hat der Turiner Papyrus von dem Zeitpunkt an, wo die thebanischen Herrscher zu größerer Macht gelangt waren, um 2160 v. Chr., diese als die legitimen Pharaonen betrachtet und daher die späteren Herakleopoliten, Merikerê' und seine letzten Vorgänger und Nachfolger, nicht mehr genannt; so dürfte sich die Differenz in den Königszahlen zwischen dem Papyrus (18) und Manetho (38) erklären. Ein umgekehrter Ausgleich liegt vielleicht bei Manetho vor, wo die Epitome der elften Dynastie zwar 16 thebanische Könige, aber nur 43 Jahre gibt, gegen 6 Könige mit über 160 Jahren im Papyrus. Wie lange die 18 Herakleopoliten des Papyrus regiert haben, wissen wir nicht; doch werden wir nicht zu sehr in die Irre gehen, wenn wir ihre Zeit und damit das Intervall zwischen dem Alten und dem Mittleren Reich auf rund 200 Jahre, 2360-2160 v. Chr., ansetzen (vgl. § 162).


Die nur sehr schlecht erhaltenen Inschriften von Siut (§ 273 A.) sind von MASPERO, Hist. anc. I 456f., GRIFFITH, Babyl. and oriental record III, BREASTED, Anc. Rec. I 391ff. behandelt. In Tefjebs Grab ist der Bericht über die Kämpfe mit dem Süden nie vollständig ausgeführt, überdies, offenbar aus politischen Gründen, mit (jetzt zum Teil abgefallenem) Stuck verdeckt und durch einen inhaltlosen Test ersetzt worden. – Abbildung der Soldaten: GRÉBAUT, Le musée Egyptien pl. 33-36. BORCHARDT, Statuen von Königen und Privatleuten (Katalog von Kairo) no. 257. 258. MASPERO, guide du Musée du Caire, 2 éd. 1912, 316f. – Die Reliefs des Grabtempels Mentuḥoteps (NAVILLE and HALL, The XI dyn. Temple at Deir el Bahari I) zeigen pl. 14 h aegyptische Krieger mit Streitaxt und einem oben abgerundeten, über ein Holzgestell gespannten Lederschild, und pl. 14f. 15 c.d. Schützen mit einfachen Bogen, in 15 d mit der an einem Diadem befestigten Feder am Hinterkopf. Meist haben sie kreuzweise gebundene Bänder über der Brust; so auch der Königssohn Mentuḥotep, der den Bogen und im Gürtel die Streitaxt führt, pl. 12 b. Die Schützen sind offenbar für den Kampf die Hauptwaffe (vgl. pl. 14 d. 15 c); erschlagen werden die Feinde dann mit der Streitaxt (vgl. 15 g. h). Die Darstellungen erinnern lebhaft an das Schlachtrelief Sargons (§§ 393. 404; Sumerier und Semiten Taf. 9). Auch bei den Soldaten der Gräber von Benihassan (NEWBERRY, Benihassan I pl. 14-16. 47. II pl. 5. 15) spielt die Lanze nur eine untergeordnete Rolle; die meisten sind mit Bogen, Streitaxt oder Wurfholz bewaffnet. – Der Zeit [250] der Herakleopoliten gehört wohl auch das Grab des Nomarchen des Hasengaus und Vezirs 'Aḥanacht an: GRIFFITH, El Bersheh II, Grab 5 und p. 8ff.; ebenda die nach ihm datierten Graffiti von Ḥatnub no. 2. 13 a. 13 b; ferner die ältesten Gräber von Benihassan. – Für die Dauer des Intervalls zwischen Dynastie 6 und 12 ist nicht ohne Bedeutung, daß die Nomarchen des Hasengaus Aḥa und Thoutnacht, Sohn des Teti, die der 11. Dynastie oder vielleicht noch der Herakleopolitenzeit angehören, die verfallenen Gräber ihrer Ahnen aus der 6. Dynastie restaurieren lassen: Schech Saïd pl. 29 e = LEPSIUS, Denkmäler, Text II 123; LD. II 112 e. 123 b.c. Vgl. GRIFFITH, El Bersheh II p. 10. 57. 65. Weitere Anhalte sind aus den Graffitis der Alabasterbrüche von Ḥatnub zu gewinnen.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 247-252.
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