Die Entzifferung der Keilschrift und die Assyriologie

[331] 311. Die Grundlage für die Entzifferung der Keilschrift und damit für die Erforschung der Denkmäler und Geschichte Babyloniens und Assyriens haben die Inschriften der Perserkönige geboten, die sich vor allem in den Ruinen ihrer Paläste in Persepolis und Susa, sowie am Grabe des Darius bei Persepolis befinden; sie sind der Forschung zuerst durch die sorgfältigen Kopien KARSTEN NIEBUHRS zugänglich geworden. Bekanntlich sind dieselben in drei Keilschriftgattungen und drei Sprachen abgefaßt. Zu der Lesung der ersten Gattung, des in einer sehr einfachen Silbenschrift geschriebenen persischen Textes, hat GROTEFEND 1802 den Weg gezeigt, indem er durch eine geniale Kombination die Namen der achaemenidischen Könige erkannte; BURNOUF und LASSEN haben 1836 seine Entdeckung ausgebaut, HENRY RAWLINSON durch die in langjähriger mühseliger Arbeit gelungene Kopierung und selbständige Entzifferung der großen Inschrift des Darius an der Felswand von Behistun das Entzifferungswerk vollendet (1847). Durch die Lesung des persischen Textes wurde auch die der beiden in einem weit komplizierteren Schriftsystem geschriebenen Übersetzungen ermöglicht, die der zweiten Keilschriftgattung oder des Susischen (früher oft fälschlich Medisch oder Skythisch genannt) und die der dritten Gattung, des Babylonischen. Es zeigte sich, daß in der Sprache dieser dritten Gattung die zahllosen Inschriften auf [331] den Ziegeln der babylonischen Stadtruinen (vorwiegend von den Bauten Nebukadnezars und Naboneds) abgefaßt waren, und daß derselben, wenn auch hier vielfach mit abweichenden Keilzeichen geschriebenen Sprache die Inschriften angehörten, welche seit 1842 auf den Palastwänden, Backsteintafeln und Cylindern der Ruinen Ninives und der übrigen Städte Assyriens zu Tage gefördert wurden. Die Entzifferung dieser babylonisch-assyrischen Schrift und Sprache ist seit 1849 den parallel laufenden, sich vielfach ergänzenden Forschungen von H. RAWLINSON, F. DE SAULCY, E. HINCKS, J. OPPERT gelungen. In den Anfangsstadien waren kühne Kombinationen unvermeidlich, die oft zu Mißgriffen und unhaltbaren Hypothesen führten; und da sich vielfach eine dilettantische und phantastische Popularisierung vorschnell der Ergebnisse bemächtigte und überdies gerade die gesichertesten geschichtlichen Entdeckungen mit dem Bilde von der Geschichte dieser Länder gar nicht übereinstimmten, welches man aus den ganz legendarischen Nachrichten der Griechen und den äußerst dürftigen Angaben des Alten Testaments gewonnen hatte, sind sie lange Zeit mit dem äußersten Mißtrauen aufgenommen worden und haben vielfach heftige Angriffe hervorgerufen, die zwar in Einzelheiten oft berechtigt waren, aber in Tendenz und Gesamtauffassung weit über das Ziel hinausgingen. Diese Kritik wurde scheinbar durch die Tatsache gestützt, daß, während im übrigen die Lesung und auch das Verständnis einfacher geschichtlicher Texte keine großen Schwierigkeiten bot und auch die fremden Namen meist sicher lesbar und identifizierbar waren, gerade die einheimischen Eigennamen von Menschen, Göttern und Städten in der Regel ideographisch geschrieben sind und daher ihre wahre Aussprache zunächst ganz unsicher war und fortwährend schwankte-bei nicht wenigen Namen ist sie auch jetzt noch nicht gefunden. Dadurch entstand ein sehr begreifliches Mißtrauen gegen die Zuverlässigkeit der Grundlagen der Entzifferung, das freilich sofort geschwunden wäre, wenn Kritiker wie v. GUTSCHMID sich die Mühe genommen hätten, die ersten Elemente der [332] Schrift zu lernen. Denn in Wirklichkeit bereitet die Lesung der Keilschrifttexte weniger Schwierigkeiten als die der Hieroglyphen, zumal sie anders als diese auch die Vokale bezeichnen; daher kann über die Aussprache und die grammatische Form meist kein Zweifel sein und das Verständnis ist durchweg gesicherter als z.B. bei phoenikischen Inschriften. Aber jene Umstände erklären es, daß die Assyriologie viel länger und schwerer um ihre Anerkennung hat kämpfen müssen als die Aegyptologie; in Deutschland haben ihr erst EBERHARD SCHRADER (seit 1872) und FRIEDRICH DELITZSCH (seit 1874) den Boden erobert. Gegenwärtig indessen ist dieses Stadium längst überwunden; durch die solide fortschreitende Arbeit einer großen Zahl tüchtiger, methodisch geschulter Gelehrter ist die Grammatik und das philologische Verständnis der Texte durchweg auch im einzelnen erschlossen und fest begründet worden. Wenn die Assyriologie in dieser Beziehung, dank der oben hervorgehobenen Eigenart der Schrift, vielfach weiter kommen konnte als die Aegyptologie-ein Keilschrifttext läßt sich ohne Mühe lesbar transkribieren, ein hieroglyphischer Text dagegen nicht –, und wenn sie vortreffliche, methodisch und stetig fortschreitende wissenschaftliche Arbeiten in großer Zahl aufzuweisen hat, so leidet sie doch auch jetzt noch an der Jugendkrankheit, daß sie dem Dilettantismus nicht streng genug die Wege gewiesen hat. Nur zu oft werden vorschnelle und über kühne Hypothesen aufgestellt und mit stürmischer Hast weiten Kreisen verkündet, mitunter auf Gebieten, auf denen ihren Urhebern jede eingehendere Vorbereitung und wissenschaftliche Schulung fehlt. Es kommt hinzu, daß von den Assyriologen im Gegensatz zu den Aegyptologen die Durcharbeitung des monumentalen, archäologischen Materials sehr vernachlässigt ist. Was so von Einzelnen gesündigt wird, fällt auf die Wissenschaft als Ganzes zurück, und was sie an ephemerer Popularität gewinnt, schädigt ihre wissenschaftliche Stellung und hemmt oft weit über Gebühr die Anerkennung und Verwertung der zahlreichen gesicherten und bedeutsamen Ergebnisse, die sie bereits gewonnen hat.


[333] Über die Grundlagen der Entzifferung und des in den älteren Stadien der Assyriologie Erreichten orientieren am besten, außer J. OPPERT, Expédition en Mésopotamie, 1859ff. (aus dem sich aber viele verfehlte Vermutungen und willkürliche Lesungen lange Zeit erhalten haben), die Arbeiten von E. SCHRADER, Die assyrisch-babylonischen Keilinschriften ZDMG. XXVI, 1872, und Keilinschriften und Geschichtsforschung, 1878 (gegen A. v. GUTSCHMIDS Angriff, Neue Beiträge zur Geschichte des Alten Orients, 1876). – Von GROTEFENDS Entzifferung war früher nur seine in HEERENS Ideen I, 2. Aufl. 1805, gegebene Darstellung bekannt; seine ersten Arbeiten (1802 und 1803) hat W. MEYER, Nachr. Gött. Ges. 1893, veröffentlicht.


312. Die babylonische Keilschrift, hervorgegangen aus der Anpassung einer ursprünglichen Hieroglyphenschrift an das Schreibmaterial, ist von den Sumerern erfunden worden und diente daher ursprünglich zur Schreibung des Sumerischen; auch hier stehen, wie im Aegyptischen, ideographische Wortzeichen und phonetische Silbenzeichen neben einander, nur das Element des reinen Lautzeichens (des Buchstabens) fehlt vollkommen. Diese Schrift ist dann von der semitischen Bevölkerung Sinears, den Akkadiern, übernommen und ihrer Sprache, für deren Charakter sie sehr wenig geeignet war, so gut es ging angepaßt worden. Es hat sich daraus eine Lautschrift gebildet, welche jede Silbe entweder durch eigene Zeichen, wie par, kit u.ä., bezeichnete oder auch in einfache, nur aus einem Konsonanten und einem Vokal bestehende Zeichen auflösen konnte, indem sie pa + ar, ki + it schrieb. Doch stehen daneben nicht nur zahlreiche, teils aus dem Sumerischen übernommene, teils neugebildete Ideogramme, sondern vielfach sind auch ganze Worte und Wortgruppen aus dem Sumerischen übernommen worden. Diese Zeichen sind dann nicht phonetisch, ihrem Lautwert nach, auszusprechen, sondern beim Lesen durch das entsprechende semitische Wort zu ersetzen (wobei die grammatische Form entweder unbezeichnet bleibt oder durch ein sogenanntes phonetisches Komplement angedeutet wird). Solche sumerische »Ideogramme« werden in den semitischen Texten gerade für die gewöhnlichsten Wörter sehr häufig verwendet (ebenso für [334] die Eigennamen, deren Aussprache daher so schwer zu ermitteln ist). Die Vermutung, daß die Keilschrift ursprünglich für eine nichtsemitische Sprache erfunden sei, hat sich daher bei der Entzifferung schon sehr früh aufgedrängt, und fand alsbald ihre Bestätigung dadurch, daß in der Bibliothek Assurbanipals zahlreiche lexikalische und grammatische Tafeln zu Tage kamen, in denen die Wörter beider Sprachen paradigmatisch in Parallelkolumnen neben einander stehen, ferner Texte in dieser fremden (sumerischen) Sprache mit assyrischer Interlinearversion, und endlich in Babylonien selbst in stets wachsender Zahl rein sumerische Inschriften aus der ältesten Zeit des Landes, daher auch in archaischen Schriftzügen. Seit 1874 ist allerdings diese vor allem von OPPERT begründete Auffassung mit großem Scharfsinn von J. HALÉVY bekämpft worden; er behauptet, das Sumerische sei keine Sprache, sondern nur eine andere, ideographische Schreibung des Assyrischen. Aber obwohl diese Hypothese zeitweilig zahlreiche Anhänger gefunden hat, ist sie vollständig unhaltbar; sie vermag nicht nur keins der Probleme, welches die sumerische Schrift bietet, wirklich zu lösen, sondern sie führt in ihren Konsequenzen zu ganz unmöglichen Annahmen über die semitische babylonisch-assyrische Sprache selbst, von der aus sich die Entstehung der sumerischen Schrift und der Lautwert der Zeichen absolut nicht erklären läßt. Das stärkste Argument HALÉVYS, daß sicher sumerisch zu lesende Inschriften aus alter Zeit und damit eine sumerische Vorzeit Babyloniens nicht aufzuweisen seien-denn manche der späteren scheinbar sumerischen Königsinschriften waren in der Tat nur entweder mit sumerischen Wortzeichen geschriebene semitische Texte oder aber Übersetzungen semitischer Texte ins Sumerische –, ist durch die Auffindung zahlreicher rein sumerischer Königsinschriften und Privaturkunden aus dem dritten Jahrtausend, vor allem in den Funden von Tello, widerlegt; zugleich zeigen die Darstellungen der Denkmäler mit voller Deutlichkeit, daß damals zwei Völker von ganz verschiedenem ethnographischen Typus, ein semitisches und ein nichtsemitisches, in Babylonien neben [335] einander gesessen haben. Allmählich ist denn auch ein tieferes Eindringen in das Verständnis des Sumerischen und seinen ganz unsemitischen Sprachbau und Wortschatz gelungen, vor allem durch die Arbeiten F. THUREAU-DANGINS. So kann jetzt HALÉVYS Hypothese als definitiv erledigt gelten; nur das bedeutende Verdienst ist ihr geblieben, daß sie eine energische Reaktion gegen die zeitweilig herrschende Ansicht herbeigeführt hat, die gesamte Kultur Babyloniens, Religion, Staat, Kunst, Literatur, sei rein sumerischen Ursprungs und von den Semiten sklavisch übernommen. Vielmehr zeigt sich, je weiter die Forschung vordringt, um so deutlicher, wie viel Eigenes die Semiten dem Sumerischen hinzugefügt und wie viel sie selbständig geschaffen haben.


Eingehen auf Einzelheiten, vor allem auf sprachlichem Gebiet, ist hier nicht am Platz; viele der ehemals hart umstrittenen Fragen, z.B. ob, wie jetzt feststeht, die Semiten Babyloniens Akkadier, die Nichtsemiten Sumerier heißen, oder umgekehrt, sind jetzt erledigt. Von dem älteren und jüngeren sumerischen Dialekt wird später zu sprechen sein (§ 361 A., vgl. HAUPT, Akkad. und sumer. Keilschrifttexte, 1881f., wo die beiden Dialekte fälschlich mit diesen Namen bezeichnet sind). Zur Orientierung über die sprachlichen Fragen s. WEISSBACH, Die sumerische Frage, 1898; über die ethnographischen und historischen Probleme meine Abhandlung: Sumerier und Semiten in Babylonien, Abh. Berl. Ak. 1906. HALÉVY hat seine Auffassung jetzt systematisch in dem Buch Précis d'allographie assyro-babylonienne, 1912 dargestellt.


313. Wie die Semiten Babyloniens, die Akkadier, die sumerische Schrift angenommen haben, so ist sie durch diese seit der Entstehung des großen semitischen Reichs Sargons weithin verbreitet worden. Wie andere Babylonien benachbarte semitisch redende Stämme (Lulubaeer, Gutaeer) haben die Assyrer sie übernommen, und ebenso die Elamiten von Susa, die sie dann später zur Schreibung ihrer eigenen Sprache (der Sprache der zweiten Keilschriftgattung) verwandten. Zugleich haben die Schriftzeichen sich vielfach umgebildet und bei jedem Volk anders gestaltet; gemeinsam ist der späteren Entwicklung die Auflösung der Zeichen in Keile und die Umsetzung der Richtung aus der ursprünglichen vertikalen, mit linksläufigen[336] Zeichen, in eine rechtsläufige horizontale. Spätestens im zweiten Jahrtausend ist die semitisch-babylonische Sprache und Schrift die allgemeine Verkehrssprache der vorderasiatischen Welt geworden und daher nicht nur von den Semiten Syriens und den Pharaonen Aegyptens, sondern auch von den Reichen Nordsyriens und Kleinasiens (Mitani, Chetiter) verwendet worden; letztere haben mehrfach auch ihre eigene Sprache mit babylonischer Keilschrift geschrieben. In derselben Weise ist in dem armenischen (urartaeischen, chaldischen) Reich seit dem neunten Jahrhundert die assyrische Keilschrift verwendet worden. Inzwischen waren die westsemitischen Gebiete von der phoenikischen Buchstabenschrift erobert worden, die von den aramaeischen Kaufleuten auch nach Assyrien und Babylonien getragen wurde und seit der späteren Assyrerzeit im Privatgebrauch immer weiter um sich griff; in offiziellen Urkunden und in der Literatur und auch im Geschäftsleben Babyloniens hat sich dagegen die Keilschrift bis ins erste Jahrhundert v. Chr. erhalten. Auch hatte sie zeitweilig noch ein neues Gebiet erobert, indem aus ihr für die Schreibung des Iranischen durch eine Reduktion auf ganz wenige einfache Silbenzeichen die persische Keilschrift entwickelt wurde. Geschaffen ist diese vielleicht zunächst für das Mederreich; die Achaemeniden haben sie für Königsinschriften verwendet und die Übersetzungen ins Susische und Babylonische hinzugefügt, während für alle Urkunden und Erlasse auf Leder und Papyrus auch unter ihnen schon das Persische mit aramaeischen Buchstaben geschrieben wurde (vgl. Bd. III §§ 15. 28). Daher ist die persische Keilschrift sehr rasch abgestorben.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 331-337.
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