Die Volksstämme Sinears und der Nachbarländer

[432] 361. Die Landschaft, die wir nach griechischem Vorgang nach ihrer späteren Hauptstadt Babylonien nennen, führt in alter Zeit bei den Nachbarn den Namen Šan'ar (aeg. Sangar, in den Amarnabriefen Šanchar, hebr. רענש, LXX Σενααρ), den [432] wir mit falscher masoretischer Vokalisation Sinear aussprechen; sein einheimisches Äquivalent ist noch nicht aufgefunden. In der ältesten Zeit, von der wir durch Denkmäler einige Kunde haben, lagen hier zahlreiche meist ziemlich kleine Ortschaften, unter eigenen Dynasten, die sich wie im Niltal an das Heiligtum einer lokalen Gottheit anschlossen; die Schutthügel (Tells), welche gegenwärtig überall aus der Einöde aufragen, bedecken ihre Trümmer. Wie in Aegypten die Gaue mit ihren Gaustädten, sind auch in Sinear diese Städte, wenngleich sie unter der Oberherrschaft eines Königs des ganzen Landes standen, immer die Grundlage der Religion und Kultur und die Sitze eines selbständigen historischen Lebens geblieben, auch als die politische Entwicklung zeitweilig zu einer vollen Einigung führte und dann der junge Emporkömmling Babel sie alle an Bedeutung weitaus überholte. Aber im Gegensatz zu Aegypten ist die Bevölkerung nicht einheitlich; sondern so weit unsere geschichtliche Kunde hinaufragt, treffen wir zwei in Sprache und ethnographischem Typus völlig verschiedene Volksstämme, die sich im Lauf der Entwicklung immer stärker mit einander vermischen und gegenseitig beeinflussen. Im Norden, im Lande Akkad, sitzt eine semitische Bevölkerung, die sich selbst Akkadier (Akkadû) nennen, im Süden, im Lande Sumer (Šumêr), ein nichtsemitischer Volksstamm, die Sumerer.


Die Identität des aegyptischen Sangar mit Sinear hat schon BRUGSCH erkannt; sie wird durch den Amarnabrief 25, 49 WINCKLER = 35, 49 KNUDTZON bestätigt, vgl. Aegyptiaca S. 63. [Ganz verfehlt ist WINCKLERS Behauptung KAT. 238, Sangar = Sanchara sei in Kleinasien zu suchen.] Die weitverbreitete Ansicht, der Name sei aus einer postulierten Urform Šungir für Šumer hervorgegangen, ist zwar nicht unmöglich, aber nicht nur wegen der abweichenden Vokale äußerst problematisch, sondern auch deshalb, weil dann in der Form Šumêr schon die degenerierte »Weibersprache« (s.u.) vorliegen müßte. Ich bemerke gleich hier, daß der Erzählung der jahwistischen Völkertafel von Nimrod Gen. 10, 8ff. geschichtliche Aufschlüsse nicht entnommen werden können. Lange Zeit hat der Einfall von G. SMITH, der Izdubar geschriebene babylonische Heros sei Nimrod zu lesen, großen Einfluß gehabt, man redete von Nimrodepos u.a., und das spukt auch jetzt noch nach, obwohl längst [433] feststeht, daß der Name Gilgameš zu lesen ist. In Wirklichkeit hat der »Jagdriese« Nimrod mit Babylonien nichts zu tun, sondern gehört nach Libyen, wo dieser Name ganz gewöhnlich ist (vgl. ZATW. 8, 47. Israeliten 448); nach Babylonien ist er vielleicht infolge der auch Gen. 2, 13 vorliegenden Zusammenwerfung der afrikanischen Kušiten mit den Kossaeern (vgl. § 165 a A.) übertragen. Die an ihn angeschlossene Städteliste betrachtet Babel als Metropole des Landes, was für die Zeit vor 2000 natürlich falsch ist. – Daß der Name Chaldaeer nicht die alte semitische Bevölkerung, sondern einen seit dem Anfang des ersten Jahrtausends in den Süden eingedrungenen aramaeischen Stamm bezeichnet, der schließlich, im neubabylonischen Reich, die Herrschaft über das ganze Land gewonnen hat, haben DELATTRE, Les Chaldéens, 1877, TIELE, und vor allem WINCKLER, Unters. zur altor. Gesch. 47ff. erwiesen. Berossos freilich verwendet den Namen Chaldaeer durchweg für die Bevölkerung der Landschaft Babylonien, auch in der Urzeit [Βαβυλωνία gebraucht er zur Bezeichnung der ganzen Landschaft synonym mit Χαλδαία; Βαβυλώνιοι dagegen sind bei ihm nur die Bewohner der Stadt Babylon selbst]; aber das beweist nur, daß er über das Aufkommen der Chaldaeer keine Kunde mehr besaß und die Verhältnisse der späteren Zeit in die Urzeit überträgt. – Die Kontroverse über das Sumerische und den Ursprung der Keilschrift s. § 312. Daß die nichtsemitische Sprache bei den Assyrern »sumerisch« genannt wurde, hat BEZOLD, Z. Ass. IV 434f. aus einem Syllabar erwiesen. Sie liegt in den späteren Texten, wie P. HAUPT 1880 erkannt hat, in zwei Dialekten vor, einem älteren und einem jüngeren; der jüngere kommt nur in literarischen Texten vor, während der ältere mit der Sprache der alten sumerischen Inschriften identisch ist. Diese Sprache ist der als »eme-ku« bezeichnete Dialekt; der andere Dialekt heißt eme-sal »Weibersprache«. Früher brachte man diese beiden Dialekte in Verbindung mit den beiden Landesteilen, und zwar hielten HAUPT (Akkadische und sumerische Keilschrifttexte, 1881f.), DELITZSCH (Paradies 138. 198f.), PINCHES u.a. den älteren, in den alten Inschriften allein gebrauchten für den des Nordens oder des Landes Akkad, den jüngeren degenerierten, der z.B. g oft durch m ersetzt, für den von, Sumer, während HOMMEL mit mehr Berechtigung die umgekehrte Auffassung vertrat. Jetzt steht fest, daß keiner der beiden Dialekte mit Akkad etwas zu tun hat; der eme-sal-Dialekt wird eben wirklich nichts als die verwahrloste »Weibersprache« der späteren Zeit sein. Alle weiteren, an die beiden Dialekte angeknüpften Folgerungen, z.B. auch ihre Verbindung mit den Ländernamen Magan und Melucha (so u.a. SCHRADER, Keilinschriften und Geschichtsforschung 290ff. DELITZSCH, Paradies 129f. 137ff.; vgl. 105), sind gänzlich unhaltbar. – »Akkadisch« heißt die semitische Sprache Babyloniens im Gegensatz zu dem sumerischen Paralleltext in einem Erlaß über die Benennung eines neuen [434] Jahres unter Samsuditana: MESSERSCHMIDT, Orientalist. Lit.-Z. 1905, 271, vgl. UNGNAD ib. 1908, 62 [BEZOLDS Bedenken dagegen im Florilegium DE VOGÜÉ sind wenig überzeugend]; Akkadû ist dann im 2. Jahrtausend ständig die Benennung der Semiten Nordba byloniens. – Die von HALÉVY ausgegangene Reaktion gegen die bis dahin herrschende Anschauung, welche die gesamte Kultur und Religion Babyloniens für sumerisch erklärte und das semitische Element völlig ignorierte, hat vielfach gerade bei Gegnern HALÉVYS, z.B. bei WINCKLER und HILPRECHT, dazu geführt, die Entstehung der Kultur Babyloniens in die denkmäler- und schriftlose Vorzeit zu verlegen, ja sogar zu behaupten, zur Zeit der ältesten Denkmäler sei das Sumerische schon ausgestorben und die sumerische Rasse von den eingedrungenen Semiten völlig aufgesogen gewesen. Daß diese Auffassung falsch ist, wird durch die bildlichen Darstellungen erwiesen, s. Sumerer und Semiten in Babylonien, Abh. Berl. Ak. 1906.


362. Die ethnographischen und historischen Probleme, welche durch dies Nebeneinandersitzen der beiden Völker gestellt sind, sind durch die Funde der letzten Jahre etwas weiter aufgehellt worden. Es steht fest, daß die Sumerer zu Anfang des dritten Jahrtausends ganz Sinear beherrscht haben; und so nimmt man meist an, daß sie damals die alleinigen Bewohner des Landes gewesen seien und dann erst, als sie die älteste Kultur Sinears geschaffen hatten, ein semitischer Stamm erobernd zunächst in den Norden, ins Land Akkad, eingedrungen sei und die fremde Kultur übernommen habe. Zweifellos ist, daß diese Kultur in allem Wesentlichen von den Sumerern geschaffen ist, so vor allem die Schrift, aber auch zum mindesten ein großer Teil der Götterwelt und der religiösen Anschauungen; ebenso ist die älteste in den Denkmälern erhaltene Kunstentwicklung rein sumerisch. Aber schon sehr früh treten uns im Norden die Semiten als die Herren entgegen, und wir können jetzt von ihrer Entwicklung wenigstens einigermaßen ein Bild gewinnen. Sie haben die Schrift von den Sumerern übernommen und zeigen auch sonst vielfach deren Einfluß, weisen aber daneben so viel Eigenes auf, nicht nur in Sprache und Staat und in der Götterwelt, sondern vor allem in ihrer alsbald weit über die älteren sumerischen Schöpfungen hinaus fortschreitenden Kunst und [435] selbst in der Einzelgestaltung der Schriftzeichen, daß von einer einfachen Übernahme sumerischen Guts nicht die Rede sein kann. Vielmehr haben auch sie ganz wesentlich zur Ausbildung der späteren Kultur Babyloniens beigetragen, die daher recht eigentlich eine Mischkultur oder richtiger das Produkt eines historischen Prozesses ist, der ganz verschiedenartige Volksstämme umfaßt. – Andrerseits ist es keineswegs sicher, daß die Sumerer wirklich die Urbevölkerung des Landes sind. So weit wir bis jetzt sehen können, sind sie ein völlig isoliertes Volk; es ist nicht gelungen, ihre Sprache mit irgend welcher Sicherheit mit einer anderen in Verbindung zu bringen. Auch physisch unterscheiden sie sich von ihren Nachbarn. Wie die sorgfältig gearbeiteten Köpfe aus der Zeit Gudeas zeigen, haben sie, im Gegensatz zu den Semiten, eine spitze, schmale Nase mit geradem Rücken und kleinen Nasenflügeln. Auch die Wangen sind trotz scharfer Backenknochen nicht fleischig wie bei den Semiten, der Mund ist klein, die Lippen schmal und fein gerundet; der Unterkiefer ist sehr kurz, aber das eckige Kinn springt scharf hervor. Die Augen stehen schräg wie bei den Mongolen. Die Stirn ist ziemlich niedrig und geht meist von der Nasenwurzel schräg zurück; das hat in den älteren, noch sehr rohen Denkmälern, sowohl Reliefs wie Statuen, dazu geführt, daß die Nase gewaltig spitz vorspringt wie der Schnabel eines Vogels, während Mund und Kinn stark zurücktreten und die Stirn fast verschwindet und sofort in den viel zu klein gebildeten Hinterkopf übergeht. Diese älteren Denkmäler können für eine ethnographische Charakteristik nicht verwertet werden; sie erklären sich als eine naive Steigerung des Menschentypus, den die entwickelteren Kunstwerke zeigen. Mit der hyperbrachykephalen Bevölkerung Armeniens und Kleinasiens (§ 330) haben sie schwerlich etwas zu tun (vgl. jedoch § 476 A.). Auf einigen der allerältesten und rohesten Denkmäler finden wir neben glattrasierten Köpfen andere mit Haupthaar (Perücke) und zum Teil mit langem Backen- und Kinnbart, die gleichfalls Sumerer zu sein scheinen (§ 384); dann aber wird das [436] Haupthaar und der Bart vollständig glatt abrasiert wie bei den Aegyptern seit der ersten Dynastie (vgl. § 368). Sehr auffallend ist nun, daß im Gegensatz zu den Menschen die sumerischen Götterreiches, sorgfältig gekräuseltes und aufgebundenes Haupthaar und einen langen gekräuselten Kinnbart tragen-Wangen und Lippen sind dagegen auch hier glatt rasiert –, eine Haartracht, die auch von der dieser ältesten Sumerer absolut verschieden ist, wohl aber zu der der Semiten stimmt. Somit scheinen die Göttergestalten unter semitischem Einfluß zu stehen; und in der Folgezeit, seit Sargon, haben die Sumerer in der Tat, obwohl sie noch einmal zur Oberherrschaft über das ganze Land gelangt sind, ihre Götter durchweg rein semitisch dargestellt, nicht nur in Haar und Bart, sondern auch in der Gesichtsbildung und in der Tracht. Das legt die Vermutung nahe, daß die Kultusstätten im Lande und ihre Göttergestalten semitischen Ursprungs und die Sumerer Eindringlinge sind, die sie übernommen und auch ihre eigenen Götter nach dem im Lande üblichen Typus gebildet haben. Sicherheit können hier erst weitere Untersuchungen bringen, einerseits neue Funde, andrerseits der Fortschritt der Erforschung der Inschriften und Denkmäler der sumerischen Epoche. Überreste aus der Zeit der Vorstufen der Kultur, wie wir sie in Aegypten besitzen, sind in Babylonien noch nicht gefunden worden. Nach unserem bisherigen Wissen ist die Annahme, daß in dieser Epoche, im fünften und vierten Jahrtausend, die Bevölkerung Babyloniens semitisch war und die Sumerer aus der Fremde gekommen sind und sie unterworfen haben, eben so berechtigt wie die gegenwärtig allgemein herrschende umgekehrte Hypothese. Die Sumerer sind ein Kriegervolk, das in geschlossener Phalanx kämpft; und manche Spuren legen die Vermutung nahe, daß sie, wie später die Gutaeer und die Kossaeer und schließlich die Perser, aus den Bergen im Nordosten, etwa durch die Täler des 'Aḍêm und Diâla, den Tigris hinab erobernd in das Tiefland eingedrungen sind. Allerdings liegt der Schwerpunkt ihres Gebiets, in der Folgezeit wenigstens, [437] durchaus im Süden, so daß man auch an eine Einwanderung über See denken kann (vgl. § 368). Jedenfalls aber haben sie dann die höhere Kultur geschaffen, deren Anfänge sie bereits mitgebracht haben mögen. Vor allem ist rein sumerisch die Erfindung der Schrift, und ebenso bekanntlich das Sexagesimalsystem, nach dem sie zählen, und das für alle von Babylonien ausgehenden Maße und Rechnungen grundlegend geworden ist (§ 424).


In Nordbabylonien ist bisher systematisch außer in Babylon nur in Sippara gegraben worden: SCHEIL, Une saison de fouilles à Sippara, Mém. de l'inst. français du Caire I, 1902, wo aber Denkmäler des 3. Jahrtausends nicht gefunden sind. Babylon ist für die ältere Zeit ganz unergiebig geblieben. Ob es überhaupt gelingen wird, Überreste der ältesten Zeit zu finden, ist bei dem Charakter aller babylonischen Ruinenstädte sehr fraglich. Einige weitere Aufschlüsse über die ältere Entwicklung der Semiten im Norden haben jetzt die Funde aus Susa (§ 397f.) gebracht; sie geben uns einen Einblick in die Zeit vor Sargon und bestätigen die Annahme, daß die Entwicklung des Nordens, des Landes Akkad, im einzelnen trotz aller Übereinstimmungen anders verlaufen ist als die, welche wir in Tello kennen lernen. – Für das Weitere s. meine Sumerer und Semiten [HEUZEYS Einwendungen dagegen, rest. materielle de le stèle des vautours p. 23ff., kann ich nicht für zutreffend halten; der Unterschied der beiden Völker im Typus des Kopfes, in der Haartracht, in der Kleidung ist doch auf den Monumenten ganz evident, und in der künstlerischen Auffassung nicht minder]. Bärtige Männer finden sich auf sumerischen Denkmälern auf dem alten Rundrelief von Tello HEUZEY, Catal. no. 5 (DE SARZEC-HEUZEY, Déc. en Chaldée 1 bis, 2. 1 ter, 1 a.b. 6 ter, 5 a. b, vgl. § 384), auf einem Relief aus Nippur HILPRECHT, Expl. in Bible Lands 487 und auf den BLAUschen Steinen (KING Hist. of Sumer and Akkad, zu p. 62), wo aber die Zeichnung der Figuren auch sonst abweicht; ein ähnliches Relief aus Susa: DE MECQUENEM rec. 38, 38ff. Délég. en Perse XIII (rech. archéol. V) pl. 40, 3 und vielleicht auch 40, 9. – Da CLAY, Enlil the God of Nippur, Amer. J. of Semitic Lang. XXIII, 1907, gezeigt hat, daß der Gott von Nippur niemals, wie man bis dahin glaubte, Bel, sondern immer nur Enlil (später assimiliert zu Ellil V R 37, 21 b, in Urkunden der Perserzeit ללא Ellil) geheißen hat, also immer einen sumerischen, nicht einen semitischen Namen führte, werden meine aus dem Namen Bêl gezogenen Folgerungen hinfällig; Nippur ist immer eine sumerische Kultusstätte gewesen. Gegen die Folgerung aus der Schreibung des Wortes »Land« mit dem Bilde eines Gebirges (kur) wendet THUREAU-DANGIN mit Recht ein, daß dies Wort ursprünglich nur [438] für Fremdländer, nicht für das Land der Sumerer (das vielmehr kalama heißt) verwendet wird: Z. Ass. XVI 354, 3. – Daß bei den Göttern (wie bei den Königen) ältere Sitten in Tracht und Bewaffnung sich zu erhalten pflegen, ist bekannt, wenn sie sich auch meist der fortschreitenden Kultur langsam anpassen (so bei den Griechen; auch in Aegypten hat sich die alte Barttracht nur noch beim Nilgott und sonst vereinzelt erhalten); aber die ältesten sumerischen Götterbilder weichen eben von der ältesten erkennbaren Haartracht des Volks durchaus ab und sind viel kultivierter als diese, und entfernen sich in der Folgezeit noch viel mehr von der Volkssitte; daß die Sumerer der Zeit des Reichs von Sumer und Akkad des Glaubens waren, ihre Götter sähen wie Semiten aus, ist eine völlig feststehende Tatsache. – Aus den Erzählungen des Berossos von Oannes und den anderen Fischmenschen, welche aus dem Erythraeischen Meer aufsteigen und Religion und Kultur offenbaren, ist für eine überseeische Herkunft der Sumerer, die man gelegentlich damit hat begründen wollen, kaum etwas zu erschließen. – Die Versuche, eine Verwandtschaft des Sumerischen mit dem Türkischen (den »turanischen« Sprachen) nachzuweisen, scheinen nicht zwingend; auch von dem Elamitischen scheint es völlig verschieden zu sein. Zu derartigen Untersuchungen wird die Zeit erst gekommen sein, wenn die Erforschung des Sumerischen auf der von THUREAU-DANGIN glänzend eröffneten Bahn zu einer wirklichen sumerischen Grammatik geführt hat.


363. Östlich von Sinear, in den Gebirgsketten und Hochtälern des Zagros und seinem Vorland, sitzen mehrere Stämme, deren ethnographische Stellung sich bis jetzt meist nicht näher bestimmen läßt; so im Norden die Gutaeer und weiter die Lulubaeer am Diâla oder Gyndes (§ 395); ihre späteren Nachbarn, die Kaššu, Κοσσαῖοι (§ 456) in Luristan, am oberen Choaspes, sind bis jetzt in älterer Zeit nicht nachweisbar, wenngleich ein argumentum e silentio hier bei den äußerst dürftigen Nachrichten, die uns zu Gebote stehen, ganz unzulässig ist. Um so stärker treten seit den ältesten Zeiten die östlichen Nachbarn der Sumerer hervor, die Bewohner des Landes Elam (sumerisch Nim, semitisch Elamtu, hebr. םליע, griech. Ἐλυμαίς, Ἐλυμαῖοι). In den einheimischen Inschriften führen sie den Namen Hatamti (§ 462), an dessen Stelle später bei den Persern der Name Uvâdja (griech. Οὔξιοι) tritt, der sich im heutigen Landesnamen Chûzistân erhalten hat; diese Namen haben vielleicht zunächst im Inneren des Gebirges hausenden Stämmen angehört. [439] Bei den Griechen der Perserzeit (Aeschylos, Herodot) erscheint statt dessen der noch unerklärte Name Κίσσιοι, der mit dem der weiter nördlich sitzenden Kaššu oder Kossaeer nichts zu tun haben kann; auch sprachlich ist eine Verwandtschaft der Kossaeer mit den Elamiten bis jetzt wenigstens nicht nachgewiesen. Politisch bildet das Vorland der Gebirge den Schwerpunkt von Elam; hier, wo die beiden Ströme Choaspes (babyl. Uknu, jetzt Kerchâ) und Eulaeos (babyl. Ulâi, jetzt Karûn) sich einander auf etwa drei Meilen nähern und lange Zeit parallel fließen, liegt die Hauptstadt Šušan (Susa), in der Landschaft Anšan (auch Anzan). – Alle diese Völkerschaften haben, ebenso wie die Stämme des mesopotamischen Steppenlandes (§ 395), den Einfluß der Kultur von Sinear erfahren, wie sie auch immer von neuem versuchen, in den Besitz des reichen Fruchtlandes zu gelangen oder wenigstens seine Schätze auszuplündern; aber mit den Sumerern ist, soweit wir sehen können, keine von ihnen verwandt. Es scheint vielmehr, daß sich hier, ähnlich wie im Kaukasus, auf verhältnismäßig kleinem Gebiet die verschiedenartigsten Sprachstämme zusammendrängen.


Daß nicht Hapirti, sondern Hatamti zu lesen ist, hat SCHEIL, Textes élam.-sem. IV 3 gezeigt. – Der Name Anšan (Variante Anzan, Ideogr. An-du-an-ki), oft als Stadt (so bei Gudea Statue B 6, 64, und wiederholt noch bei Kyros), in der Regel aber als Land determiniert, bietet ungewöhnliche Schwierigkeiten und wird daher von den Neueren sehr verschieden gedeutet [so von WINCKLER als Bezeichnung des späteren Mediens, was ganz verfehlt ist; ebensowenig kann ich JENSENS Ausführungen Z. Ass. XV 225ff., wonach Anšan neben Tilmun (§ 398 A.) in Persis läge, für richtig halten]. Daß Kyros bei Naboned König von Anzan heißt (V R 64, 1. 29. Keilinschr. Bibl. III 2 S. 98) und seine Vorfahren selbst Könige von Anšan nennt (V R 35, 21, Keilinschr. Bibl. III 2 S. 124), verwickelt die Frage noch weiter; vgl. G. d.A. III § 11 A. – Darlegung des älteren Materials bei WEISSBACH, Anzanische Inschriften, Abh. Sächs. Ges. XII, 1891 S. 123f. [im einzelnen hat sich jetzt manches verschoben]. II R 47, 18 c wird An-du-an-ki, mit der assimilierten Aussprache Aššan, als Elamtu erklärt; in den Texten ist es zwar mit diesem eng verbunden, aber meist zugleich als ein besonderes Gebiet von ihm geschieden, so bei Gudea l.c. »die Stadt An-ša-an in Nim-ki (= Elam)«; ebenso besiegt der Kommandant Anumutabil von Dêr (§ 432 a) »die Truppen [440] von Anšan, Elam, Simaš und Barachsu« THUREAU-DANGIN, Sumer. und Akkad. Königsinschr. S. 176. In den älteren Inschriften von Susa findet sich Anšan nicht; aber die Könige von Elam (Hatamti) des 12. Jahrhunderts nennen sich in ihren Inschriften aus Susa sunkik Anzan Šušunka, was, da sunkik nach zahlreichen Texten bei SCHEIL sicher »König« bedeutet (gegen FOY, ZDMG. 54, 372f. JENSEN ib. 55, 226ff.), nur entweder »König des susischen Anzan« (vgl. das Ethnikon איכנשוש »die Susier« Ezra 4, 9, erläutert durch die Glosse »das sind die Elamiten«) oder »König von Anzan und Susa« [so JENSEN, SCHEIL u.a.] bedeuten kann. Auch in letzterem Falle sind beide Namen offenbar zu einem einheitlichen Begriff verbunden. Anšan ist somit der Name entweder für das Gebiet der Stadt Susa oder vielleicht für das benachbarte Gebirgsland (vgl. § 432), und wird in der ältesten Zeit auch für Susa selbst als den Sitz des Fürstentums von Anšan gebraucht; der Name Susa (Ideogr. Ninni-erin) kommt zuerst bei Urumuš (§ 399, geschr. Su-si-im), dann bei Gudea Cyl. A 15, 6f. vor: zum Bau seines Tempels »kam der Elamite (Nim) aus Elam, der Susier aus Susa« (vgl. § 410); er ist aber gewiß weit älter, wie der davon abgeleitete Name des Hauptgottes Šušinak »der susische« beweist. Anšan und Susa werden also in derselben Weise von dem Landsnamen Elam und dem Volksnamen Hatamti geschieden, wie später bei den Griechen Susiana, Elymaeer und Uxier (= Uvâdja). Zur Zeit der Könige von Sumer und Akkad ist der Patesi von Susa von dem von Anšan verschieden (§ 414); damals mag also ein Teil der Landschaft von Susa als ein besonderes Gebiet Anšan losgetrennt worden sein. In späterer Zeit ist der Name Anšan, Anzan ein verschollener archaischer Name geworden, der in der Restaurationszeit von den Achaemeni den und Naboned wieder hervorgesucht wird; in den assyrischen Inschriften erscheint Anzan einmal bei Sanherib I R 41, 31 (Keilinschr. Bibl. II 106) in einer Liste der von dem König Ummanmenanu von Elam aufgebotenen Landschaften. – Für die elamitische Sprache ist grundlegend WEISSBACH, Die Achaemenideninschriften zweiter Art, 1890; ferner seine Anzanischen Inschriften, Abh. Sächs. Ges. XII und Neue Beitr. zur Kunde der susischen Inschriften ib. XIV. FOY, ZDMG. 52 und 54 und jetzt vor allem SCHEIL in der Délégation en Perse III. V. VII. XI (Textes élamites-anzanites I. II. III. IV).


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 432-441.
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