Die Stadtfürsten und die Könige Opis und Kiš

[475] 380. In den ältesten Zeiten, von denen wir durch vereinzelte Denkmäler Kunde haben, zerfällt Sinear in zahlreiche Stadtfürstentümer, entsprechend etwa der Gestalt, die wir für das älteste Aegypten annehmen müssen, als die einzelnen Gaue noch halb oder ganz selbständig waren. Die Fürsten dieser kleinen Staaten führten vereinzelt den Titel lugal »König« oder en »Herr« (semitisch durch šarru und durch bêl wiedergegeben); die meisten dagegen nennen sich patesi. Dieser Titel bezeichnet seit Sargon sicher einen Stadtherrscher, der unter einem Oberherrn steht und von diesem eingesetzt ist, einen Vasallen oder Regenten (assyrisch durch iššakku übersetzt); und nicht zweifelhaft ist, daß auch in der ältesten Zeit nur der Königstitel die volle Souveränität bezeichnet. Aber garnicht selten findet sich der Titel Patesi auch dann, wenn der Stadtfürst mindestens tatsächlich völlig unabhängig war. In diesen Fällen hat er eine religiöse Bedeutung: er besagt, daß der Regent vom Stadtgott eingesetzt und daher nicht selbständig, sondern lediglich sein Vertreter auf Erden ist: der Gott ist der wahre König. Daher nennen sich die ältesten Herrscher von Assur, auch wenn sie unabhängig sind, »Patesi des Gottes Assur« (§ 434); und aus demselben Grunde haben fromme Herrscher der sumerischen Städte es oft vorgezogen, den Patesititel beizubehalten, auch wenn sie den Königstitel hätten führen können (§§ 387. 388). Vielleicht hat das Wort ursprünglich überhaupt einfach die Bedeutung [475] »Diener« gehabt und ist dann speziell die Bezeichnung des obersten Dieners der Gottheit geworden (§ 449 A.). Auch sonst treten die priesterlichen Funktionen bei den sumerischen Herrschern durchweg so stark in den Vordergrund (vgl. § 374), daß es wahrscheinlich wird, daß die weltliche Macht hier überhaupt aus dem Priestertum des Lokalgottes hervorgegangen ist, an das sich zunächst vielleicht richterliche Funktionen und daneben die Führung des Aufgebots des Stadtbezirks anschlossen, wenn feindliche Nachbarn die Habe des Gottes plündern und die ihm gehörigen Ländereien besetzen wollten. – Über diesen lokalen Machthabern hat immer ein Oberkönigtum bestanden, das das ganze Volk zu einer Einheit zusammenfassen sollte, und dessen Träger daher manchmal den Titel »König des Landes« (lugal kalama) führt; weit häufiger ist allerdings, daß sie sich nach der Hauptstadt benennen, die der Sitz des Königtums ist. Dies Königtum wird von dem sumerischen Nationalgott Ellil von Nippur, dem »Herrn der Länder« (§ 370), durch ein Orakel verliehen, bei dem der Gott den Namen des Herrschers ausspricht. Daher ist in Nippur schon früh auf einer geebneten und mit Ziegeln gepflasterten Terrasse, die auf dem Schutt der ältesten Ansiedlungen ruht, der große, in Pyramidenform aufsteigende Tempelberg, das »Berghaus« Ekur von Ziegeln errichtet worden, mit einer zur Spitze führenden Rampe, die sich um den Bau windet. In den Schatzkammern dieses Heiligtums häufen sich die Weihgeschenke der Dynasten aus den Städten Sinears und der Oberkönige, vor allem Steingefäße mit Inschriften, aber auch unbehauene Steinblöcke (§ 367), und ebenso gewiß Gold, Silber und Edelsteine, die freilich bei den vielfachen Plünderungen der folgenden Zeit ausgeraubt sind. Wer immer seine Rivalen besiegt hatte und nach dem Oberkönigtum strebte, mußte hier Anerkennung suchen und dadurch seine Stellung legitimieren.


Grundlegend für die älteste Geschichte ist die geniale und tiefdringende Bearbeitung aller älteren historischen Inschriften in Transskription und Übersetzung durch F. THUREAU-DANGIN, Les inscriptions [476] de Sumer et d'Akkad, 1905, deutsch: TH.-D., Die sumerischen und akkadischen Königsinschriften. 1907 [abgekürzt als TH.-D. zitiert]; THUREAU-DANGIN hat überhaupt das grammatische und sachliche Verständnis des alten Sumerischen erst auf eine feste Grundlage gestellt, in Fortführung der älteren Arbeiten von AMIAUD, JENSEN (Keilinschr. Bibl. III 1) u.a. – Abgesehen von Tello (§ 383) ist das Material noch immer sehr dürftig und eine chronologische Einordnung der ein zelnen zerstreuten Inschriften in das durch Tello gegebene Schema nur in sehr beschränktem Umfang möglich; den wichtigsten Anhalt gibt der Charakter der Schrift. Aber im übrigen ist es lediglich Zufall, ob wir von einem Oberkönig oder Stadtfürsten einen oder ein paar Texte besitzen oder nicht; wir können jetzt, namentlich auch durch die SCHEILsche Königsliste (§ 329 a), etwas klarer sehen, aber eine zusammenhängende Geschichte der älteren Zeit läßt sich noch nicht gewinnen. Vgl. meinen Aufsatz: Zur ältesten Geschichte Babyloniens, Ber. Berl. Ak. 1912, 1062ff. – Über die von der Universität Pennsylvania unter Leitung von PETERS, HAYNES, HILPRECHT ausgeführten Ausgrabungen von Nippur liegt neben den populären Werken HILPRECHTS (Ausgrabungen im Beltempel, 1903; Explor. in Bible Lands; vorher die Skizze in Bab. Exped. I 2) und seiner grundlegenden Publikation der älteren Inschriften (Babyl. Exped. of the Univ. of Pennsylvania, Series A, Cun. Texts, vol. I, 1. 2. 1893. 1896) der Anfang einer systematischen Beschreibung der Ruinen vor, mit zahlreichen Plänen und Zeichnungen: CL. S. FISHER, Excavations at Nippur, 1905ff. Meine Ausführungen über die Stellung Nippurs, Sumerier und Semiten 29ff., sind auf Grund der von CLAY erschlossenen richtigen Erkenntnis über den Namen Ellil (§ 362 A.) zu berichtigen. – Daß die übliche Rekonstruktion der babylonischen und assyrischen ziqqurrats als Terrassentürme, die auf LAYARD und RAWLINSON zurückgeht und von PERROT und CHIPIEZ schematisiert ist, nicht haltbar ist, sondern es sich um ein einfaches, schräg ansteigendes Massiv auf quadratischer Grundlage mit einer zur Spitze führenden Rampe handelt, hat, im Anschluß an KOLDEWEY, E. HERZFELD, Samarra (1907) S. 26ff., erwiesen; in dem Minaret (Malwije) von Samarra hat sich die alte Anlage noch in islamischer Zeit erhalten, nur daß hier der Grundriß kreisrund ist. S. jetzt weiter KOLDEWEY, Tempel von Babylon und Borsippa 57f. 59ff. Der einzige Tempel der ältesten Zeit, zu dem ein ziqqurrat gehört, ist der von Nippur; im Reich von Sumer und Akkad (und kurz vorher von Gudea) wird dann diese Form und damit der Name ekur für Tempel auch auf die anderen Götter übertragen. – Für die Bedeutung von patesi ist besonders bezeichnend die Äußerung Eannatums galet A 6, angeführt § 386. Der Titel »Groß-Patesi des Ningirsu«, den Entemena und seine Nachfolger neben dem eines »Patesi von Lagaš« führen, bedeutet wohl eine Steigerung der Priesterstellung, und nicht »ehemaliger Patesi«,[477] wie GENOUILLAC, Or. Lit.-Z. 1908, 213ff. annimmt; vgl. § 389 A. – Auch König Aradsin von Larsa (§ 442) nennt sich einmal nur »patesi des Šamaš« (THUREAU-DANGIN, Rec. 32, 44).


381. Der Sitz des Königtums ist indessen Nippur wenigstens in den Zeiten, die uns erkennbar sind, nicht gewesen. Vielmehr stand die Stadt und ihr Patesi mit ihrer Priesterschaft und den zahlreichen Kaufleuten und Gewerbtreibenden, die sich hier zusammenfanden, gewissermaßen als ein neutrales Gebiet unter der Herrschaft des jeweiligen, von ihrem Gotte anerkannten Oberkönigs. Als Sitz der Herrschaft über das Land tritt uns in den ältesten Denkmälern die Stadt Kiš entgegen, die im Norden Sinears, östlich von dem späteren Babylon, an einem Euphratarm gelegen war. Neben ihr erscheint als Sitz eines Königtums die noch beträchtlich weiter nördlich, an der Grenze des Marschlandes und der Dattelpalmen gegen den harten Boden der Steppe, bei der Einmündung des 'Aḍêm in den Tigris, gelegene Stadt Kêšu, später, seit der Mitte des zweiten Jahrtausends, Opis (Upi) genannt, in der die Bergherrin Nincharsag ihren Hauptsitz hatte. Ebenso lag bei Kiš ein Ort Charsagkalama »Berg des Landes«, offenbar nach einem alten Heiligtum dieser Göttin benannt. Auch die neue Königsliste (§ 329 a) beginnt mit einer Dynastie von Opis-ob ihre Vorlage vorher noch andere Dynastien aufgezählt hat, die geschichtliche Erinnerungen enthielten, oder ob rein sagenhafte Gestalten vorangingen, wissen wir nicht –, und läßt auf diese eine Dynastie von Kiš folgen; aber begründet wird diese von der Sagengestalt der Schankwirtin Azagbau, die Kiš gründete und 100 Jahre regierte, und von den Königsnamen, die sie aufzählt, ist kein einziger durch Denkmäler bekannt, während von den Herrschern von Kiš, die wir aus Denkmälern kennen, keiner in der Liste vorkommt. Eine geschichtlich zuverlässige Überlieferung haben wir hier also noch nicht. Im übrigen zeigen gelegentliche Erwähnungen in den Inschriften, daß zu Anfang des dritten Jahrtausends Könige von Opis neben denen von Kiš und mit ihnen verbündet regiert haben (§§ 382. 386) und damals [478] vielleicht mächtiger gewesen sind als die letzteren. – Die Lage von Opis und Kiš als Sitz des Königtums ist auffallend; sie entspricht aber der der späteren Hauptstädte Akkad und Babel, nur daß diese weiter westlich am Euphrat liegen. So darf man vielleicht vermuten, daß Opis und Kiš vorgeschobene Posten der Sumerer waren-sei es nun, daß sie von den östlichen Bergen herabgekommen, sei es, daß sie über See eingedrungen sind-und daß eben deshalb hier, an der gefährdetsten Stelle, die Könige ihre Residenz aufschlugen, ähnlich wie im Niltal die Horusverehrer ihre Hauptstädte in den Grenzgebieten gegen Libyen und Nubien angelegt haben (§ 198).


Steingefäße und Votivtafeln von Kaufleuten und von einem Patesi Ur-ellil aus Nippur: HILPHECHT, Bab. Exp. I 94-98. 106. 111-114. pl. XVI 1. 2. Explor. in Bible Lands 475 (Sumerier u. Semiten S. 98ff.). TH.-D. S. 158. Ein weiterer Patesi: THUREAU-DANGIN, Rec. 32, 44. – Die Stadt Kešu, geschrieben UḪki (s. WEISSBACH ZDMG. 53, 665f.), ist nach einer Glosse identisch mit dem seit der Assyrerzeit und bei den Griechen mehrfach genannten Upî Ὦπις; in der neubabylonischen Zeit kommt daneben die alte Schreibung wieder in Aufnahme. Nach der Nabonedchronik rev. 12f. lag sie am Euphrat (zur Lesung s. DHORME, Rev. d'Assyr. VIII 97); bei ihr besiegte Kyros die Babylonier. Opis lag nach Xenophon anab. II 4, 25 am linken Tigrisufer an der Mündung des Physkos, und dieser kann nach den genauen Distanzangaben bis zum großen Zab nur der 'Aḍêm, der Radânu der Assyrer, sein. In der Nähe endete die »medische Mauer«, oder »Mauer der Semiramis« (Erathosthenes bei Strabo II 1, 26 = XI, 14, 8, wozu Xenophons Angabe II, 4, 12 stimmt), d.i. die von Nebukadnezar errichtete Befestigungsanlage, die mit dem von diesem nach seiner Angabe in der Inschrift von Wadi Brissa (WEISSBACH, Die Inschriften vom W. B., 1906) «ober halb von Opis (UḪki) bis Sippara, vom Ufer des Tigris bis zum Ufer des Euphrat» gezogenen Damm identisch sein muß. Sonst wird Opis noch von Herodot I 189 und Strabo XVI 1,9 = Arrian VII 7, 6 erwähnt. WINCKLERS Versuch, es nach Seleukia zu verlegen (Altorient. Forsch. II 515ff.), ist ganz unhaltbar, wenn auch die Ansetzung bei Teil Mandjûr gegenüber der 'Aḍêmmündung nicht sicher ist (das alte Tigrisbett verläuft hier weiter südwestlich als gegenwärtig; vgl. über die Gegend KIEPERT, Karte der Ruinenfelder von Babylon, Z. Ges. f. Erdkunde, 1883, nach den Berichten von JONES). S. weiter über die Lage von Opis und Kiš und die Verteidigungsanlagen Nebukadnezars Ber. Berl. Ak. 1912, 1096ff. – Kiš liegt nach der Inschrift von Wadi Brissa östlich von [479] Babylon (Nebukadnezar zog hierher einen zweiten Damm) aber nicht am Tigris, sondern an einem Euphratarm (THUREAU-DANGIN, Orient. Lit.-Z. 1909, 204). Seine Überreste liegen in dem Ruinenhügel Oḥeimir, wo ein Ziegel Adadbaliddins gefunden ist, der den Bau des Tempels des Zamama, des Hauptgottes von Kiš, ervähnt (I R. 5, 22); seitdem sind hier zahlreiche Tontafeln zu Tage gefördert, die die Identität bestätigen. Die hier begonnen französischen Ausgrabungen haben nicht weiter geführt werden können. – Der scharfsinnige Aufsatz von JENSEN über Kiš Z. Ass. XV hat viele unhaltbare Vermutungen gebracht und ist jetzt überholt. Die Annahme, daß Kiš und UḪki Nachbarstädte gewesen seien, entbehrt jeder Grundlage, ebenso die Annahme gleichnamiger Städte in Südbabylonien. – Von den Namen der Königsliste mögen manche auf alte Urkunden zurückgehen, die ja von den Gelehrten studiert und kopiert wurden, und daher vielleicht noch einmal bei weiteren Ausgrabungen auftauchen; aber eine geschichtlich verwertbare Königsfolge gibt sie nicht. Es kommt hinzu, daß bei der Dynastie von Kiš die Gesamtsumme von der der Einzelposten aufs stärk ste abweicht. Die Liste lautet [die Aussprache der Namen ist vielfach ganz unsicher]:


Die Stadtfürsten und die Könige Opis und Kis

382. Der älteste bekannte Herrscher von Kiš ist König Mesilim (etwa um 3100 v. Chr.), der in einem Streit zwischen Lagaš (Tello) und dessen Nachbarstadt Umma im Süden Sinears intervenierte, die Grenze nach dem Ausspruch der Rechtsgöttin Kadi durch eine Stele bezeichnete, und dem Gott Ningirsu von Lagaš einen steinernen Keulenknauf weihte, der mit einer ganz rohen Skulptur mehrerer Löwen und eines Adlers geziert ist; die Augen waren mit Edelsteinen ausgelegt. Die Inschrift nennt neben ihm den Patesi von Lagaš, Lugal-šag-engur. Bezeichnend ist, daß ein späterer Text [480] von dieser für die Zukunft maßgebenden Entscheidung in der Form berichtet, daß Ningirsu und der Gott von Umma sich »nach dem zuverlässigen Wort Ellils, des Königs der Lande und Vaters der Götter« über die Abgrenzung geeinigt hätten; die menschliche Verhandlung erscheint hier als eine unmittelbare Transaktion der Götter, die Oberherrschaft von Kiš als die des Gottes von Nippur, dessen Weisung seine göttlichen Kinder sich fügen. Von einem anderen König von Kiš, Lugal ..., hat sich in Tello eine große kupferne Lanzenspitze gefunden, auf der ein Löwe eingraviert ist. Von einem Könige Urzage besitzen wir ein nach Nippur geweihtes Steingefäß, von Lugaltarsi eine dem Anu und der Nanai (Ninni) geschenkte Tafel von Blaustein. Gewiß haben diese Könige mannigfache Kämpfe sowohl mit unbotmäßigen Vasallen, als auch mit den Nachbarstämmen, darunter auch mit den Elamiten von Susa, zu bestehen gehabt, wenn davon auch keine Kunde auf uns gekommen ist. Weiter kennen wir den König Al-zu? von Kiš, der ebenso wie der König Zuzu von Opis von Eannatum von Lagaš besiegt wird (um 2950), wodurch dieser das Königtum von Kiš gewann (§ 386). Diese Könige sind nach Ausweis ihrer Namen und der Darstellung des Al-zu? und seiner Mannen auf der Geierstele Sumerer gewesen. Aber bald darauf ist Kiš in die Hände der Semiten gefallen, sei es nun, daß diese erst damals eingebrochen sind, sei es, daß sie schon vorher im Lande saßen und sich vielleicht am Euphrat, in Akkad, in ganzer oder halber Unabhängigkeit behaupteten. Sehr möglich ist, daß die Könige, wie später so oft, semitische Krieger aus der Steppe in ihre Dienste nahmen und deren Führer sich dann der Herrschaft bemächtigten. Mit dem Königtum von Kiš haben diese Semiten auch den Anspruch auf die Oberhoheit über das ganze Land übernommen. Das hat dann immer aufs neue zu heftigen Kämpfen mit den Sumerern im Süden geführt, in denen diese mehrfach den Sieg davon trugen. So wissen wir aus Inschriften auf den Bruchstücken von Steingefäßen von einem König Enbi-ištar von Kiš-dieser semitische Name ist nicht [481] mit Ideogrammen, sondern rein phonetisch geschrieben –, der von einem sumerischen Herrscher, dessen Name nicht erhalten ist, besiegt wird, ebenso wie der König von Opis. Beide Städte wurden verheert, die Statuen, Edelmetalle und Edelsteine weggeschleppt und dem Ellil von Nippur geweiht. Ein anderer Herrscher dieser Zeit ist der »Herr von Sumer (en Ki-en-gi) und König des Landes (lugal kalama)« Enšagkušanna, der »die Beute des bösen Kiš«-das also damals in den Händen der Semiten gewesen sein wird-gleichfalls nach Nippur weiht. Das sind Episoden aus Kämpfen, die sich Jahrhunderte lang immer von neuem wiederholen (vgl. § 390). Zu vollem, wenn auch nur vorübergehendem Erfolg haben sie geführt, als Lugalzaggisi von Uruk dem Reich von Kiš ein Ende machte und noch einmal wie der die sumerische Herrschaft über das ganze Land aufrichtete (§ 391).


Mesilim: Entemena Kegel n, TH.-D. S. 36; Eannatum, galet E, TH.-D. S. 25. Keule: Déc. pl. 1 ter, 2. TH.-D. S. 160 (Z. Ass. XI 324ff.). Lanze des Lugal ... Déc. pl. 5 ter, 1. Vor ihm ist wohl ein vielleicht Utug zu lesender Patesi anzusetzen, der eine Steinvase aus der Beute von Chamazi nach Nippur geweiht hat: TH.-D. S. 160. Die Könige Lugal-tar-si [Abbildung seiner Lapislazulitafel bei KING, Hist. of Sumer and Akkad zu p. 218] und Urzag-e: TH.-D. S. 160. HILPRECHT, Bab. Exped. I. 108. 109. 93. – Der Besieger Enbi-istarš: HILPRECHT 102 bis 105. 110. TH.-D. S. 152. – Enšagkušanna: HILPRECHT 90-92. TH.-D. S. 156. – Die Aussprache aller dieser Namen ist natürlich ganz problematisch und hat gewiß oft ganz anders gelautet.


383. Einen näheren Einblick in die älteste Geschichte Sinears gewähren uns bis jetzt fast ausschließlich die Ruinen einer uralten Stadt, welche unter dem Schutthügel Tello am Šatt el Ḥâi geborgen lagen. Hier ist durch die zwei Jahrzehnte lang fortgeführten Arbeiten DE SARZECS ein sumerischer Herrschersitz aufgedeckt worden, dessen Bauten, Skulpturen und Schriftdenkmäler uns von der Kulturentwicklung eines Jahrtausends ein anschauliches und bis auf wenige Lücken kontinuierliches Bild geben. Die Stadt führte den Namen Lagaš, der mit den Zeichen Šir-pur-la geschrieben wird. Sie ist aus mehreren Quartieren zusammengewachsen, von denen [482] das älteste, der eigentliche Kern der Ansiedlung, den Namen Girsu führt. Hier lagen die Heiligtümer der Götter, hier hatte der Hauptgott Ningirsu (§ 370), d.i. der Herr von Girsu, seinen Sitz. Ursprünglich floß ein Hauptarm des Tigris, der einen Arm des Euphrat aufgenommen hatte, an der Stadt vorbei, und der Meerbusen, in den die Flüsse mündeten, war nicht fern. So mag sie in alter Zeit eine der bedeutendsten Städte Sinears gewesen sein, mit ziemlich ausgedehntem Landgebiet; eine dominierende Stellung freilich hat sie nur vorübergehend eingenommen. Dann hat sie nach 2600, unter Gudea, noch einmal eine Zeit großen Glanzes erlebt; bald darauf aber, gegen Ende des dritten Jahrtausends, ist sie, wie so viele alte Städte des Südens, völlig verfallen, und in der späteren Literatur wird sie kaum je erwähnt. Daher verschiebt sich für uns das geschichtliche Bild des alten Sinear, wenn wir notgedrungen in der ältesten Zeit fast allein von Tello und seinen Schicksalen reden müssen; und auch unter den Göttern des Pantheons von Lagaš mögen manche Gestalten sein, denen wir eine universellere Bedeutung zuschreiben, als ihnen zukommt. Aber für die Zustände und die Kulturentwicklung des Landes können die Denkmäler von Tello dennoch als typisch gelten; das wenige Material, welches bisher aus anderen Ruinenstätten gewonnen ist-vor allem durch die amerikanischen Ausgrabungen in Nippur (§ 380) –, stimmt mit dem hier gewonnenen Bilde vollständig überein.


Grundlegend ist die große, jetzt abgeschlossene Publikation von DE SARZEC u.L. HEUZEY, Découvertes en Chaldée, 1883ff. [abgekürzt Déc.]. Nach DE SARZECS Tode sind die Ausgrabungen von CROS 1903 bis 1905 wieder aufgenommen; die Veröffentlichung der Ergebnisse (früher z.T. in der Rev. d'Assyr. publiziert) ist begonnen in: Nouvelles fouilles de Tello, par C. CROS, L. HEUZEY et F. THUREAU-DANGIN. Ein Bild der Stadtanlage, der einzelnen Bauten und der Architekturgeschichte läßt sich auch jetzt noch nicht gewinnen. Bemerkt sei noch, daß das große Gebäude, welches ursprünglich für den Palast Gudeas gehalten wurde, in Wirklichkeit eine von dem Dynasten Hadadnadinaches in hellenistischer Zeit (nach ca. 130 v. Chr.) aufgeführte Burg ist, bei der altes Material verwendet wurde. – Die Angaben von Déc. werden wesentlich ergänzt durch HEUZEY, Catalogue des antiquités chaldéennes [483] du Louvre, 1903, und für die älteste Zeit HEUZEY, Une villa royale chaldéenne, 1900. – Über die Privaturkunden s. § 389 A.; über die historischen Inschriften s. § 380 A. – Die Lesung Lagaš für den alten Namen von Tello steht jetzt fest: MEISSNER, Orientalist. Lit.-Z. 1907, 385. – Chronologie: Die Funde der archaischen Zeit, vor Sargon, gliedern sich in drei Gruppen: 1. Älteste Denkmäler; 2. von Urninâ bis Enannatum II., 6 Könige in 5 Generationen, also rund 150 Jahre; 3. die nur lückenhaft bekannten Herrscher von da bis auf Urukagina und die Eroberung durch Lugalzaggisi, die aber nur wenige Jahrzehnte umfaßt haben. In Tello folgen die Urkunden der Zeit der Könige von Akkad unmittelbar auf die Urukaginas, und jetzt wissen wir, daß Lugalzaggisi der direkte Vorgänger Sargons gewesen ist (§ 329 a). Danach ist er um 2800 anzusetzen, und für die Zeit von Urninâ bis Enannatum II. er gibt sich etwa 3000-2850. Die ältesten bekannten Könige und Denkmäler von Tello gehören also ans Ende des vierten Jahrtausends v. Chr.


384. Die ältesten Denkmäler von Tello sind ein massiver Ziegelbau auf einem künstlichen Hügel, ein paar steinerne Votivtafeln mit rohen Reliefs ohne Inschriften, ein paar Inschriftenfragmente mit Landanweisungen und Opfergaben für den Stadtgott, und einige Geschäftsurkunden auf kleinen Tontafeln (§ 377). Auch eine Steintafel mit flachem Relief, deren Inschrift unlesbar ist, scheint hierher zu gehören. Sie stellt einen Gott mit langem spitzen Kinnbart und einem Band im Haupthaar dar, aus dem zwei Federn aufragen; vor ihm sind mehrere Stangen aufgepflanzt, von denen er eine mit der Linken faßt. Das älteste geschichtliche Denkmal ist die runde Steinbasis eines Weihgeschenks, auf der zwei Züge von Männern dargestellt sind, die auf einander zuschreiten. Der eine Zug besteht aus lauter bärtigen Männern, an deren Spitze ein bartloser Mann mit langem Haupthaar steht, in der Hand eine Sichel, also offenbar ein König. Er überreicht dem mit einer Lanze bewaffneten Führer des anderen Zuges einen seltsamen Gegenstand, vielleicht eine Art Diadem oder Kopftuch. Somit handelt es sich vielleicht um einen Vertrag, oder eher noch um die Belehnung eines Patesi von Lagaš durch seinen Oberherrn, den König von Kiš. In dieser Stadt hätte sich dann also die Barttracht noch erhalten [484] (vgl. § 362); nur der König hat sie abgelegt, trägt aber so gut wie sein Gefolge und wie der Lanzenträger noch das Haupthaar, offenbar eine Perücke. Das Gefolge des letzteren, also des Patesi von Lagaš, hat dagegen mit einer Ausnahme völlig glatt rasierte Köpfe. Vielleicht könnte man dies Denkmal in die Zeit des Mesilim von Kiš und des Lugalšagengur von Lagaš (§ 382) setzen. – Die ersten Herrscher von Lagaš, von denen wir Inschriften besitzen, sind ein König Enchegal, der also unabhängig gewesen sein muß-ob vor oder nach Mesilim, wissen wir nicht-und dann, um 3000 v. Chr., der König Urninâ. In seinen Inschriften auf Stein (z.B. einem Türsockel) und Ton redet er lediglich von seinen Bauten, der Stadtmauer, den Tempeln der Ninâ, des Ningirsu und anderer Götter, nebst den zugehörigen Statuen, Tempelgeräten und Geschenken an Getreide, ferner von der Anlage mehrerer Kanäle und Wasserbassins; das Bauholz hat er aus dem Gebirge geholt. Von einem dieser Tempel sind die Ziegelmauern noch erhalten. Über dem oben erwähnten ältesten Gebäude, das rasch verfallen sein mag, hat er den Boden beträchtlich erhöht für einen Neubau-vielleicht ein Tempelmagazin-von gebrannten, durch Erdpech verbundenen Ziegeln, in die sein Name eingeritzt ist. Wir besitzen von ihm drei den Göttern geweihte Kalksteintafeln, auf denen der König mit sei nen Kindern, seinem Vezir und seinen Dienern dargestellt ist, wie er in einem Korbe auf dem Haupte den Ton für das Fundament eines Tempels herbeiträgt und der Gottheit libiert. Hier sind alle Männer völlig kahlköpfig gebildet, wie fortan immer. Auch von einer Statue Urninas wissen wir, deren Opfergaben noch anderthalb Jahrhunderte später in Rechnungen (§ 389) erwähnt werden. – In diesen Skulpturen macht die bildende Kunst ihre ersten stammelnden Versuche. Sie sind in einer Weise plump und unbeholfen ausgefallen, die in aller Kunstgeschichte kaum ihresgleichen hat, und am meisten an die Skulpturen der Indianer von Mexiko erinnert; nur die ältesten Denkmäler der Chetiter vom Sendjirli sind vielleicht noch etwas roher.


[485] Über die ältesten Bauten und Denkmäler s. HEUZEY, Villa royale die dort p. 52 publizierte Stele mit einem dem Runddenkmal ähnlichen Relief, von dem aber nur die Beine erhalten sind, ist Déc. pl. 56, 2 in situ abgebildet. – Das Runddenkmal: Catal. no. 5 und jetzt Déc. p. 355; Sumerier und Semiten 79ff. Daß sich auch in Nippur eine gleichartige bärtige Gestalt gefunden hat (§ 352A.), spricht dafür, daß diese nach dem Norden gehören. Indessen hat sich auch in Susa ein Relief mit gleicher Tracht gefunden (§ 362A.). – Die ältesten Inschriften TH.-D. S. 2 Anm. Da König Urninâ regelmäßig seinen Großvater Gur-sar und Vater Gu-ni-du (ohne Angabe des Titels) nennt, und diese doch gewiß Könige gewesen sind, wird König Enchegal (Kalksteintafel bei HILPRECHT, Z. Ass. XI 330f. THUREAU-DANGIN, Z. Ass. XV 403, 2. HEUZEY, Catal. p. 27, 1) noch früher anzusetzen sein. Ba-du? (Geierstele 1, 4) faßt THUREAU-DANGIN jetzt (rest. materielle de la stèle des vautours p. 42) nicht mehr als Königsnamen.


385. Gleichartige Monumente werden in den Tells, welche die alten Städte Sinears bedecken, noch vielfach geborgen sein. Allerdings haben systematische Ausgrabungen in Fara am Šatt el kâr, dem alten Šuruppak, das wie Tello seit dem Ende des dritten Jahrtausends verfallen ist, kaum mehr ergeben als Reste von Hausmauern aus ungebrannten und gebrannten planokonvexen Ziegeln mit Abzugskanälen und Brunnenschachten, sowie zahllose einfache Gräber mit ihren ziemlich dürftigen Beigaben (§ 367); ferner Tontafeln und Siegelcylinder mit rohen Gravierungen (§ 377). Skulpturen, von derselben rohen Art wie in Tello, sind sehr selten. Ähnlich sehen die Ruinen von Nippur aus (§ 380). Noch ergebnisloser waren weiter östlich die großen und sehr alten Schutthügel Surghul und El Hibba; nicht einmal die Namen der Orte, die hier lagen, sind bekannt geworden. Etwas reicher scheinen die nur teilweise aufgedeckten Ruinen von Adab (geschrieben Udnun) bei Bismaja an einem alten Euphratarm (etwa 2 Meilen nordöstlich von Fara) zu sein; hier hat sich unter anderem ein altes Tempelfundament von Kalksteinblöcken gefunden, über dem, in mehrfachen Umbauten, sehr alte Ziegelmauern liegen; man sieht, daß das Gebäude rasch verfiel und immer wieder erneuert werden mußte. Diese Trümmer bergen zahlreiche Bruchstücke beschriebener Steingefäße und [486] vereinzelt auch Statuen; so die eines »Königs von Adab«, Esar-also eines souveränen Herrschers-etwa gegen 2800 (§ 388). Ob die Ruinen von Umma (geschrieben Gišchu, jetzt Djôcha, nordwestlich von Tello), Uruk, Ur usw., oder etwa die von Kiš ergiebiger sein werden, ist recht fraglich; die in diesen Städten untersuchten größeren Bauten gehören erst dem Reich von Sumer und Akkad an. Auch die Ruinen von Sippara (Abu Habba) haben nur sehr wenig und für die ältere Zeit gar nichts ergeben. Man sieht, der Sinn für Monumentalität oder auch nur für eine reiche Ausschmückung des Lebens, der die Aegypter auszeichnet, fehlte den Sumerern durchaus (vgl. § 367). Daher sind auch Königsinschriften sehr selten, um so zahlreicher dagegen die privaten Urkunden-darunter aus Šuruppak mehrere, den ältesten aus Tello gleichzeitige, die nach Jahrbeamten datiert sind (§ 377 A.).


Surghul und El Hibba: KOLDEWEY, Z. Ass. II (fälschlich als Feuernekropolen bezeichnet, s. § 366A.). – Fara und das benachbarte Abu Hatab (das erst der Zeit des Reichs von Sumer und Akkad angehört, das alte Kišurra); KOLDEWEY u. ANDRAE, Mitt. D. Orientges. 15-17. Die Cylinderinschrift eines Patesi Dada von Šuruppak 1. c. 16, 13 (TH.-D. 150) ist nicht sehr alt, die semitische Ziegelinschrift des Patesi Ituršamaš von Kišsura 1. c. 15, 13 TH.-D. 152, noch viel jünger (§ 413 A.). Cylinder von Fara: ib. 16, 13f. 17, 5. Tabletten: 16, 9. 12. THUREAU-DANGIN, Rec. de tabl. no. 9-15; Rev. d'Ass. VI, no. 4, 11ff. – Über die jäh abgebrochenen Ausgrabungen von Bismaja teilt BANKS im American J. of Semitic Languages XX. XXI. 1903f. einiges mit; die Schichtungen sind wie in Nippur: mehrere ältere Schichten, dann Naramsin, dann Dungi, und mit diesem bricht auch hier, wie meist im Süden, die Besiedlung ab. Die 1. c. XXI 58 als »oldest (!) statue in the world« publizierte Kalksteinstatue des Königs. Esar (TH.-D. 152; BANKS las den Namen Daudu), von sumerischem Typus, ist etwa gleichzeitig mit Entemena und Urukagina von Tello. Ein paar andere sumerische Köpfe guter Zeit von Kalkstein und ein semitischer von Alabaster, sicher nicht älter als die Zeit Dungis, sind von BANKS in der Sunday School Times, 16. März 1907, p. 133, publiziert. – Sippara: SCHEIL, Une saison de fouilles à Sippar, Mém. de l'inst. français du Caire I, 1902. – In Djocha (die Aussprache Umma, statt Gišchu, ist von HROZNÝ, Z. Ass. XX 421f. nachgewiesen) sind zahlreiche gebrannte Ziegel und Scherben, sowie Fragmente von Diorit aufgelesen, darunter ein Türstein: ANDRAE, [487] Mitt. D. Orientg. 16, 20, vgl. SCHEIL, Rec. 19, 27. Comtes rendus de l'ac. des inscr. 1911, 320f.; die Funde mehren sich hier fortwährend. – Schulter der Statuette eines alten Königs E-abzu von Umma aus grauem Stein, aus Tello (Beutestück?): Déc. pl. 5, 3. Catal. no. 84. TH.-D. S. 140. Eine weitere archaische Statue: KING, Hist. of Sumer and Akkad zu p. 40.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 475-488.
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Dialoge über die natürliche Religion

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Demea, ein orthodox Gläubiger, der Skeptiker Philo und der Deist Cleanthes diskutieren den physiko-teleologischen Gottesbeweis, also die Frage, ob aus der Existenz von Ordnung und Zweck in der Welt auf einen intelligenten Schöpfer oder Baumeister zu schließen ist.

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Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

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Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

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