Lagaš und Umma. Die archaische sumerische Kunst

[488] 386. An Kriegen hat es in Sinear nicht gefehlt, teils zwischen den einzelnen Fürstentümern, teils mit den Nachbarn, vor allem mit den kriegerischen Elamiten von Susa, die immer von neuem versuchen, in das Stromland einzudringen. Einen lebendigen Einblick in diese Verhältnisse gewähren uns die zahlreichen Denkmäler, die Eannatum von Lagaš, Sohn des Akurgal und Enkel des Urninâ, hinterlassen hat, um 2950 v. Chr. Wenn dieser Herrscher sich und seinen Vorfahren fast ausnahmslos nur den Titel Patesi, nicht den Königstitel gibt, so scheint dafür in erster Linie ein religiöser Grund, die Anerkennung des Lokalgottes Ningirsu als Oberherrn, maßgebend gewesen zu sein; allerdings war Eannatum zu Anfang seiner Regierung jedenfalls auch von den Königen von Kiš abhängig und gibt noch nach seinen ersten Siegen in der Weihinschrift eines der Göttin Nina geschenkten Steinmörsers der Besorgnis Ausdruck, daß derselbe in die Hände des Königs von Kiš fallen könnte. Er hat zuerst einen Angriff der Elamiten abgewehrt und diese ins Gebirge zurückgeschlagen, dann den Patesi der sonst nicht bekannten Stadt Urua (?) besiegt, der »ihr Banner vor derselben aufgepflanzt«, also wohl die gesamte Mannschaft zum Kampf gegen Lagaš aufgeboten hatte. Darauf brach der Kampf mit der Nachbarstadt Umma, der alten Rivalin von Lagaš, von neuem aus. Das streitige Grenzgebiet hatte Mesilim diesem zugesprochen (§ 382), und es war dem Stadtgott Ningirsu geweiht worden; aber Uš, Patesi von Umma, hatte es besetzt und die Stele Mesilims entfernt, wahrscheinlich mit Zustimmung des Königs von Kiš. So zog Eannatum, dem der Gott erschienen[488] war und den Sieg verheißen hatte, gegen Umma und eroberte das entrissene Land für Ningirsu zurück; es wurde durch einen Grenzgraben gesichert, Mesilims Stele wieder aufgerichtet. Von dem der feindlichen Stadt rechtmäßig gehörenden Landbesitz nahm er nichts in Anspruch; aber durch heilige Eide bei allen Hauptgöttern der Sumerer, Ellil, Nincharsag der Bergherrin von Opis (Keš), Enki (Ea), Enzu (Sin) dem Mondgott von Ur, Babbar dem Sonnengott von Larsa, und der Göttin Ninki (Gemahlin Eas), die Eannatum durch in ihren Städten dargebrachte Opfer fesselte, wurden die Bewohner von Umma gezwungen, die Grenze für alle Zukunft anzuerkennen: das Netz jedes dieser großen Götter solle sie einfangen, wenn sie den Vertrag brächen. Außerdem mußte Enakalli, der neue Patesi von Umma, sich zur Zahlung eines Tributs von Korn an die Götter von Lagaš verpflichten. – An diesen Krieg schloß sich die Besiegung und Plünderung anderer Städte des Südens: Ur, Uruk, Ki- babbar (vielleicht identisch mit Larsa), Az (?), dessen Patesi im Kampfe fiel, Mišime, Arua, das zerstört ward, werden aufgezählt. Diese Erfolge scheinen dann den Königen des Nordens den Anlaß zum Einschreiten gegeben zu haben. Aber Zuzu, der König von Opis, wurde bis an seine Stadt zurückgetrieben und im Kampf getötet; und auf dem Siegesmonument (der Geierstele) ist dargestellt, wie Eannatum seine Lanze dem Al-zu (?) König von Kiš in die Stirn schleudert. Auch Ma'er, ganz im Norden (§ 393), mußte sich unterwerfen. So hat Eannatum, »der Eroberer Ningirsus«, »den Ländern den Kopf zerschmettert« und durch die Gnade der Nanaia (Innina) »zu dem Patesitum von Lagaš das Königtum von Kiš gewonnen«. »Sein Name ist von Ellil ausgesprochen«, er ist, obwohl er seinen alten Titel nicht ändert, zeitweilig der Oberherr von ganz Sinear gewesen.


Von Akurgal besitzen wir einen kleinen Löwen, in dessen Inschrift der Titel leider weggebrochen ist: Déc. p. 351f. Eannatum nennt sich in der Geierstele einmal (Rev. 5, 42) König, sonst immer Patesi, und den Patesititel gibt er auch dem Akurgal (außer Geierstele 2, 31) und [489] Urninâ; Entemena dagegen nennt Urninâ korrekt König, dessen Nachfolger dagegen immer nur Patesi«. – Inschriften Eannatums: TH.-D. 10ff. [dazu nouv. fouilles 220, eine Kaufurkunde]. Ein Fragment aus El Hibba: Vorderasiatische Schriftdenkmäler des Berl. Mus. I 2. Sein größtes Denkmal ist die sogenannte Geierstele, von der zahlreiche Bruchstücke zu Tage gekommen sind (Déc. pl. 4 und 5, Catal. no. 10); jetzt liegen dieselben in vortrefflicher Gesamtpublikation vor in: Restitution materielle de la stèle des vautours, par L. HEUZEY et F. THUREAU-DANGIN 1909; letzterer hat hier seine ältere Übersetzung mehrfach berichtigt. Ergänzt werden Eannatums Angaben durch die Kegelinschrift Entemenas (TH.-D. 87f.), in der Eannatums Inschriften zum Teil wörtlich benutzt sind. Über die Zeitfolge der Kriege Eannatums s. Ber. Berl. Ak. 1912, 1089ff. – Als Zahl der Gefallenen in der Hauptschlacht gibt Eannatum die runde Zahl von 8600, d.i. einen Saros; daneben redet er von 20 Leichenhügeln. Das gibt wenigstens einigen Anhalt zur Schätzung der Dimensionen dieser Kämpfe, die man sich nicht zu groß vorstellen darf.


387. Zur Verewigung seines Sieges über Umma und der Anerkennung der Rechte Ningirsus hat Eannatum eine große Stele von Kalkstein mit bildlicher Darstellung seiner Kämpfe und begleitender Inschrift errichtet, deren Text, der alle freigebliebenen Stellen bedeckt, vor allem die religiöse Bindung der feindlichen Stadt ausführlich berichtet. Daran ist ein kurzer Überblick über die sonstigen Taten des Herrschers angefügt, der sich an den stereotypen Wortlaut hält, den wir auch in den sonstigen Inschriften des Königs, auf Feldsteinen und Ziegeln, wiederfinden. Außerdem ist der größte Erfolg, die Besiegung des Königs von Kiš, auch bildlich dargestellt. Auf der Vorderseite steht Ningirsu20, in riesiger Gestalt, in der Rechten die Keule; die Linke hält an einem Griff, der aus dem Wappen von Lagaš besteht (löwenköpfiger Adler, der auf zwei Löwen ruht, § 370), ein großes Netz, in dem die nackten Leichen der erschlagenen Feinde sich drängen. Hinter dem Gott zog sein göttliches Gefolge einher; in einer zweiten Reihe stand sein Wagen mit weiteren Göttern daneben. Die Rückseite zeigt in zwei Reihen den Herrscher an der Spitze [490] seiner Phalanx, einmal der Schlachtordnung voranschreitend zu Fuß, das andere Mal im Marsch auf dem Wagen, der mit Eseln bespannt gewesen sein wird-Pferde gab es damals noch nicht. Unter dem Helm trägt er eine große Perücke, und so auch seine Krieger in der Schlacht, aber nicht auf dem Marsch; den Leib bedeckt außer dem wolligen Zottenrock ein großes Vließ; in der Rechten hält er die Sichel (§ 368), mit der Linken schwingt er eine riesige Lanze. Die Truppen, deren Bewaffnung schon besprochen ist (§ 368), schreiten über die Leichen der Feinde hinweg, die nach konventioneller Manier durchweg, auch im Kampf, völlig nackt dargestellt werden; Geier tragen die Gliedmaßen der Erschlagenen in die Lüfte-nach diesem zuerst gefundenen Bruchstück nennt man die ganze Tafel die »Geierstele«. Eine dritte Reihe zeigt die Bestattung der Gefallenen des eigenen Heeres in aufgeschütteten Hügeln, und das Totenopfer. In einer vierten Reihe war dann die Schlacht gegen das Heer von Kiš dargestellt; auf dem erhaltenen Bruchstück fährt die mächtige Lanze Eannatums dem König von Kiš, um den sich die Fliehenden drängen, in die Stirn. – Die Darstellung ist, wie alle alten Kunstwerke, z.B. die Schminktafeln aus dem ältesten Aegypten, durchweg symbolisch, d.h. sie verlangt überall die Umsetzung in Worte. Die Zeichnung ist noch ganz roh, die menschlichen Figuren mit den riesigen Nasen (§ 362) und dem unförmigen plumpen Leibe erscheinen grotesk, die geschlossen anrückende Phalanx mit ihrem Schildwall, aus dem die Lanzen und die Streitäxte der Offiziere hervorragen, macht einen kindlichen Eindruck. Denselben Charakter tragen die anderen Bildwerke dieser Zeit, z.B. eine kleine Tafel, auf der ein nackter Priester der Berggöttin Nincharsag libiert (Déc. p. 209, Catal. no. 11, vgl. § 370; die ganz ungefüge Statuette einer Göttin [?, vielleicht Bau] Déc. pl. 1 ter, 3. Catal. no. 82 ist wohl noch älter, aus der Zeit Urninâs). Trotzdem ist ein Fortschritt über die Zeit Urninâs hinaus nicht zu verkennen; sowohl der Gesamtentwurf der großen Komposition, in der sich die symbolischen Elemente [491] mit einer realistischen Behandlung der Einzelheiten zu einer Einheit verbinden, wie das kräftige Herausarbeiten des Reliefs verdienen Anerkennung, trotz der Unbeholfenheit in der Ausführung. – Die Bauten Eannatums bestanden vor allem in einer Wiederherstellung der Stadtmauer-die Mauern aus Luftziegeln bedürfen fortwährend der Erneuerung –, dem Ausbau des heiligen Bezirkes Girsu, der Anlage eines weiteren Stadtbezirks für die Göttin Ninâ sowie der Anlage eines Kanals mit einem großen Wasserbecken, wie sich deren mehrere in den Ruinen von Tello gefunden haben.

388. Die von Eannatum gewonnene Stellung ist nicht von Dauer gewesen; wohl aber mögen seine Siege über Opis und Kiš den Anstoß zur Aufrichtung der semitischen Herrschaft in diesen Städten (§ 382) gegeben haben. Einen Beleg dafür, daß auch die Herrscher von Lagaš mit den semitischen Königen von Kiš Kriege zu führen hatten, dürfen wir vielleicht der Tatsache entnehmen, daß jetzt das semitische Wort damchara »Kampf« (vgl. etwa »Bataille«) in ihren Inschriften auftaucht. Jedenfalls ist die Macht von Lagaš alsbald zurückgegangen. Als auf Eannatum sein Bruder Enannatum I. folgte, besetzte Urlumma von Umma, der Sohn Enakallis, das strittige Gebiet von neuem und zerstörte die Grenzstele. Auf seinen Denkmälern führt er wie sein Vater den Königstitel, während die Herrscher von Lagaš ihm nur den Patesititel zubilligen. Der von Enannatum begonnene Krieg vererbte sich auf seinen Sohn Entemena (um 2900 v. Chr.); und dieser hat die Feinde abermals besiegt, Urlumma auf der Flucht erschlagen, und einen Priester Ili in Umma zum Patesi eingesetzt, den Grenzgraben aufs neue vom Tigris »bis zum großen Flusse« (dem Euphrat?) ziehen lassen. Auch sonst hat es in dieser Zeit an Kämpfen nicht gefehlt; so berichtet eine Tontafel von einem Einfall von 600 Elamiten, die das Gebiet von Lagaš plündern, aber von einem Priester der Ninmar zurückgeschlagen werden und ihre Beute wieder herausgeben müssen. Entemenas Machtstellung zeigt sich auch darin, daß er in Nippur für Ellil eine Wasserleitung anlegte, offenbar [492] zum Dank für seine Erfolge. Im übrigen tritt unter all diesen Herrschern die dominierende Stellung der Religion und des Kultus, die überhaupt für die sumerische Kultur charakteristisch ist, drastisch hervor. Die Herrscher sind von den Göttern, wenn auch nicht gezeugt wie die Pharaonen, so doch auferzogen und auserkoren; sie sind ihre Beauftragten, die Vollstrecker ihres Willens auf Erden-Entemena und sein Sohn führen neben dem Titel »Patesi von Lagaš« den weiteren »großer Patesi des Ningirsu« –, bei jedem Unternehmen wird ein Orakel eingeholt, als ihre Hauptaufgabe erscheint, ihnen einen Tempel nach dem andern zu bauen-Entemena hat in Lagaš außer den heimischen Göttern auch denen von Ur und Eridu Tempel errichtet –; und auch die gemeinnützigen Unternehmungen, wie Kanalbauten und Wasserreservoirs, erscheinen als für die Götter und deren Nutzen ausgeführte Werke. Daß das tatsächlich eine unumschränkte Herrschaft der Priester bedeutete, liegt auf der Hand-auch die Truppen wer den von den Priestern aufgeboten –; und wie sehr diese ihre Stellung für ihren Vorteil auszubeuten verstanden, werden wir alsbald hören. – In der Kunst ist unter Entemena und seinen Nachfolgern ein entschiedener Fortschritt wahrnehmbar. Die Plumpheit in der Zeichnung des Reliefs wird geringer, die Statuen werden größer und schlanker; die Bildung des Kopfes nähert sich der wahren Gestalt des Menschen, die Nase wird größer, die Stirn höher und gerader, der Hinterkopf tritt stärker hervor; ja man wagt bei Statuen von Alabaster und Kalkstein sogar, die Ellenbogen vom Rumpf loszulösen. – Gleichartig ist die kleine Statue des Königs Esar von Adab (§ 385).


In der sumerischen Sprache »begegnen wirkliche Semitismen von Urninâ bis Lugalzaggisi nicht; eine einzige Ausnahme macht wohl das Wort dam-cha-ra = sem. tamcharam im Kegel des Entemena I 26« UNGNAD, Orient. Lit.-Z. 1908, 63. – Blausteintafel des Königs Urlumma: MÉNANT, Coll. de Clerq II 10, 6. TH.-D. S. 150. – Enannatum I. TH.-D. S. 28f. Mehrere Inschriften von ihm haben sich in el Hibba nordöstlich von Tello gefunden; Vorderas. Denkm. d. Berl. Mus. I 4-6, behandelt von LANGDON, ZDMG. 62, 399f. Er selbst nennt sich Patesi; [493] einer seiner Beamten gibt ihm in der Weihinschrift eines Keulenknaufs (TH.-D. S. 30 c) den Königstitel. Sein (nicht zur Regierung gekommener) Sohn Lummadur: Déc. en Chaldée, partie épigr. p. XLIX und sonst. – Entemena: TH.-D. S. 30ff.; von seinem Sieg über Urlumma erzählt auch Urukagina, ovale Platte 4, 5ff. (TH.-D. S. 56), in unklarem Zusammenhang. Nach der Inschrift TH.-D. S. 34 scheint ihm das von Eannatum eroberte Urua noch untertan gewesen zu sein. – Unter ihm und seinen Nachfolgern kommt eine Zählung der Jahre des Herrschers in Gebrauch, die am Schluß der Urkunde durch Striche bezeichnet werden. – Einfall der Elamiten: THUREAU-DANGIN, Rev. d'ass. VI 7 = nouv. fouilles p. 52ff. u. 179; das Datum J. 5 wird Entemena angehören. Jahr 19 des Entemenà, ib. p. 179 und Rec. de Tabl. cun. = Z. Ass. XXV 211, wo Enlitarzi in diesem Jahre Priester (sangu) des Ningirsu ist. – Über die Kunstdenkmäler der Übergangszeit s. Sumerier und Semiten S. 92f. sowie S. 89. Zur Silbervase des Entemena vgl. § 370 A.


389. Mit Entemenas Sohn Enannatum II., von dem nur ein Türangelstein aus einem Bau für Ningirsu erhalten ist, endet die Dynastie Urninâs. Es folgen mehrere Patesis, die alle nur wenige Jahre regiert und keinerlei Denkmäler und Bauten hinterlassen haben; wir kennen einige von ihnen aus einer großen Masse von Tontafeln mit Rechnungen ihres Haushalts, die sich in dem Schutt eines Ruinenhügels gefunden haben. Zwei von ihnen, Enetarzi und Enlitarzi, erscheinen unter Entemena als Priester des Ningirsu. Letzterer und sein Sohn Lugalanda gehören an den Schluß; beide sind noch unter der folgenden Regierung am Leben. Ob etwa das Oberkönigtum von Kiš in diese Verhältnisse eingegriffen und die Absetzung mißliebiger Patesis herbeigeführt hat, wissen wir nicht; sicher ist dagegen, daß in dieser Zeit die Priesterschaft im Vollbesitz des Regiments war und ihre Machtstellung rücksichtslos ausnutzte, und daß die Stellung ihres Oberhaupts, des Patesi, tatsächlich zu einem auf wenige Jahre befristeten Wahlamt herabgesunken war. Als dann aber, gegen 2800 v. Chr., Urukagina Patesi wurde, hat er versucht, der Mißwirtschaft in Lagaš durch energische Reformen ein Ende zu machen, und daher auch alsbald den Patesititel durch den Königstitel ersetzt. In seinen Inschriften schildert er ausführlich, wie vor ihm die erwerbtreibende Bevölkerung, Schiffer, Hirten, Fischer, Kornbauern, [494] von den Priestern und hohen Beamten schwer bedrückt und in all ihrem Tun unter strenger Aufsicht gehalten worden sei; den Armen wurden die Fischteiche und der Ertrag ihrer Fruchtbäume von den Priestern geraubt, die Waren nicht richtig mit Geld (Silber) bezahlt, die Leichen nicht mit ihren Beigaben bestattet, dagegen das Tempelgut und der Besitz des Patesi verschleudert und verpraßt und bei richterlichen und sakralen Entscheidungen, vor allem bei Ehescheidungen, Erpressung und Bestechung geübt. Als dann aber Ningirsu dem Urukagina die Herrschaft über die zehn Saren (36000) Bewohner seines Gebiets bis zum Meer hin verliehen hatte, schuf er Ordnung, half dem alten Recht wieder zur Geltung und machte den Mißbräuchen und der Bedrückung der Erwerbenden, der Armen, Witwen und Waisen ein Ende. Auch die seither bestehende Sitte, daß eine Frau mehreren Männern gemeinsam gehörte, hat er abgeschafft. »Ehemals bestand Knechtschaft, er setzte die Freiheit ein«. Hier tritt uns einmal die Kehrseite der sumerischen Frömmigkeit und der zahlreichen Tempelbauten der Herrscher und ihrer Freigebigkeit gegen die Götter entgegen, deren lähmende Wirkung auf die Volkskraft ein Hauptgrund für den politischen Niedergang des Sumerertums gewesen sein wird. Wenn Urukagina dem energisch entgegenzuwirken suchte, so ist das nicht etwa ein Zeichen von Irreligiosität: im Gegenteil, den wahren Willen der Götter will er verwirklichen, den ihre entarteten Diener verfälscht haben. Er ist erst recht von Ningirsu zum König eingesetzt, wenn er auch all die lobenden Prädikate verschmäht, mit denen seine Vorgänger ihr Verhältnis zu den Göttern ausgemalt haben. So gibt er dem Ningirsu die vom Patesi okkupierten Felder, seiner Gemahlin Bau das große Haremsgebäude, einer anderen Gottheit das Kinderhaus seiner Vorgänger zurück, und baut wie diese Tempel, Kanäle und Wasserreservoirs; aber diese sollen zugleich dem gemeinen Volk zu Gute kommen, diesem der Schutz des Herrschers gesichert sein, und so »das Wort, das sein König Ningirsu ausgesprochen hat, im Lande wohnen«. So erwächst auch hier im Gegensatz [495] zu den herrschenden Anschauungen und Institutionen eine höhere Idee der Gottheit und ihres auf die Verwirklichung des richtigen Rechts gerichteten Willens: die Gegensätze, die uns hier zum ersten Male entgegentreten, ziehen sich durch die ganze Geschichte des Landes bis auf Nebukadnezar und Naboned hindurch. – Die Annahme des Königstitels enthielt zugleich eine Auflehnung gegen die Könige von Kiš, deren Macht um diese Zeit zusammenbricht; eben dadurch wird Urukaginas Reformtätigkeit ermöglicht worden sein. Dauernder Erfolg war ihm indessen nicht beschieden; er ist alsbald seinem glücklicheren Rivalen Lugalzaggisi von Umma erlegen (§ 391).


Enannatum II. TH.-D. S. 40. – Von den 1200 Tabletten aus dem Hausarchiv der Patesis ist ein Teil von THUREAU-DANGIN, Rec. de tabl. cuneiformes, ALLOTTE DE LA FUYE, Documents présargoniques, und vor allem GENOUILLAC, Tablettes sumér. archaiques, matériaux pour servir à l'histoire de la société sumerienne, 1909 veröffentlicht [ferner MARY HUSSEY, Sumer. Tablets in the Harvard Museum I, 1912]. GENOUILLAC hat aus diesem Material in der Einleitung eine sehr reichhaltige Schilderung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse dieser Epoche gegeben (vgl. auch KUGLER, Sternkunde und Sterndienst II 105ff.). Hier sowie Orient. Lit.-Z. 1908, 213 hat er auch die Folge der Herrscher festgestellt; dieselbe ist, nebst den höchsten auf den Tafeln vorkommenden Jahrdaten (vgl. TH.-D. S. 224): Enetarzi 4 J.; Enlitarzi 5 J. Lugalanda 7 J. [über seine Siegel: ALLOTTE DE LA FUYE, Rev. d'Ass. VI 105ff.]; König Urukagina 7 J. (in seinem ersten Jahr heißt er zu Anfang noch Patesi). Enetarzi kommt als Priester auf der Tafel über den Elamiteneinfall vor, Enlitarzi im 19. Jahre Entemenas (§ 388 A.); somit wird das Intervall zwischen Enannatum II. und Urukagina schwerlich mehr als ein Menschenalter betragen. Wie GENOUILLAC u.a. habe auch ich Ber. Berl. Ak. 1912, 1084 den auf dem Obelisken des Maništusu A 14, 7 vorkommenden Patesi Engilsa von Lagaš, Vater des Urukagina, in diese Zeit setzen wollen und letzteren für den späteren König gehalten. Das ist jetzt widerlegt, da Maništusu jünger ist als Lugalzaggisi (§ 397 a A.); so wird Engilsa vielleicht eher ein Nachkomme des Königs Urukagina sein, der seinem Sohn den Namen des Vorfahren gegeben hat. – GENOUILLACS Annahme, daß der Titel »Großpatesi« so viel wie »ehemaliger Patesi« bedeute, ist schwerlich richtig; den gleichen Titel führen auch Entemena und Enannatum II., ferner Lugalzaggisi (§ 391), der König von Ma'er (§ 398) u.a. – Ähnliche Rechnungen, wie die von Tello, auf Tafeln aus Djokha (Umma), in denen ein patesi [496] Ennalum vorkommt: THUREAU-DANGIN, Rev. d'Ass. VIII 154f. – Inschriften Urukaginas TH.-D. 42ff. Nouv. fouilles p. 213f. und 218f.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 488-497.
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