Die Anfänge der Kultur in Sinear

[441] 364. Die Anfänge seßhafter Kultur in Sinear reichen unzweifelhaft in sehr hohe Zeit hinauf. Jahrhunderte und vielleicht selbst mehr als ein Jahrtausend vor den ältesten erhaltenen Denkmälern wird man hier so weit, wie die [441] wechselnden Launen des Wassers und der Wüste es zuließen, das Land urbar gemacht, Deiche gebaut und Kanäle gegraben haben. Man bestellte die Felder mit Korn und Sesam und zog Dattelpalmen, Wein, Feigen, Äpfel und anderes Obst; daneben stand, wie in Aegypten, ein ausgedehnter Weidebetrieb mit großen Herden von Ziegen, Schafen, Rindern und Eseln-Pferde gab es damals in Vorderasien so wenig wie in Aegypten. Dazu kam der Fischfang und die Jagd, vor allem auf Wildstiere und Antilopen, ferner auf die im Sumpfdickicht und am Wüstensaum hausenden Löwen und andere wilde Tiere. Wie in Aegypten galt auch in Sinear die Schlange als ein geheimnisvolles heiliges Tier, in dem mächtige Gottheiten sich offenbarten, die bei richtiger Behandlung dem Menschen reichen Segen spenden; und wie dort erschuf auch hier die Phantasie zu den Wundern der Tierwelt noch zahlreiche Fabelwesen, Drachen, in denen Löwe, Schlange und Adler zu einer Einheit verschmolzen waren, und Mischgestalten aus Mensch und Skorpion, Mensch und Stier, Mensch und Vogel, Mensch und Fisch u.a. Es sind die Gestalten, in denen die Geister erscheinen, gute und böse, die auch in der Gegenwart noch eine mächtige Zauberwirkung ausüben und die ehemals, ehe es Menschen gab und die jetzt die Welt regierenden Götter die Herrschaft gewannen, die Erde allein bevölkert hatten.


Eine gute Schilderung des Landes und seiner Produkte hat Berossos im Eingang seines Geschichtswerks (Euseb. I p. 11ff. = Sync. p. 50ff.) gegeben [vgl. ferner die bekannten Schilderungen bei Herodot und aus den Alexanderhistorikern bei Arrian und Strabo]. Daran schloß er den λόγος des aus dem Meer aufgestiegenen Fischmenschen Oannes von der Urzeit und der Entstehung der jetzigen Welt. In demselben spielen Mischwesen eine große Rolle; die Fassung, in der Berossos die Sage mitteilt, ist aber nicht alt, da sie Pferde, Pferdefüßler, Hippokentauren u.ä. einführt. In dem Schöpfungsmythus und der Sage vom König von Kutha (JENSEN in Keilinschr. Bibl. VI 292, vgl. § 411 A.) er scheinen die wilden Tiere und Mischwesen als Geschöpfe der Tiâmat; später sind sie zum Teil an den Himmel versetzt, s. § 427. Die Namen des Oannes und der gleichartigen, unter den Urkönigen von Zeit zu Zeit aus dem Meer auftauchenden Fischmenschen (Berossos bei Eusebius I 9 = Sync. p. 71), die Oannes' Offenbarung bestätigen und ergänzen, sind in der keilschriftlichen [442] Literatur noch nicht wieder gefunden. Vgl. ZIMMERN, KAT. 530ff. – Die Mischwesen sind auf Siegelcylindern seit der ältesten Zeit oft dargestellt und manche bekanntlich von der späteren babylonischen und assyrischen Kunst beibehalten und in der Dekoration der Tempelwände verwendet (z.B. von Sanherib: Mitt. D. Or. Ges. 47, 40). – Sonst geben über die wirtschaftlichen Verhältnisse der älteren Zeit außer den Geschäftsurkunden namentlich die Inschriften des Urukagina von Tello (§ 389) Auskunft.


365. Im Kultus tritt der bäuerliche Charakter der Besiedlung anschaulich hervor. Das gewöhnlichste Schlacht- und Opfertier ist die Ziege, die der Verehrer auf alten Weihdenkmälern und Siegelcylindern auf dem Arm trägt, wenn er der Gottheit naht. Ferner stellt man vor dieser ein zierliches Gefäß auf, in das Zweige, Blüten, Büschel mit Datteln gesteckt sind, die angesichts der Gottheit aus einer Kanne begossen werden: so wird der Vegetation der göttliche Segen, Regen und Fruchtbarkeit gesichert. Daraus hat sich später ein vor der Gottheit aufgepflanztes, symmetrisch geordnetes Geschlinge aus Zweigen entwickelt, der sogenannte Lebensbaum. An die Palmblüten treten geflügelte Dämonen heran, die sie mit dem Samen der männlichen Palme befruchten, den sie in der Hand halten. Die segensreichste Gabe der Götter ist das Wasser, dem das Land seine Fruchtbarkeit und sein Leben verdankt, im Gegensatz zu der kahlen und toten Wüste ringsum. So erzählt man, daß der Himmelsgott Anu zahlreiche Krüge unerschöpflichen Lebenswassers besitzt und davon seinen Lieblingen und besonders den Königen spendet, die durch Vermittlung ihrer Schutzgötter seiner Gnade empfohlen werden. Freilich kann das Wasser auch verheerend wirken; man erzählt von der Urzeit, wo ein Teil der Wasser noch nicht wie jetzt im Himmelsgewölbe verschlossen war, sondern die Erde bedeckte, und von einer großen Flut, welche einst, als die Götter zürnten, über die Erde hereinbrach und alle Lebewesen vernichtete bis auf die wenigen, die sich, von den Göttern gewarnt, in einem Schiff auf einen fernen Berg gerettet hatten. Derartige Sagen sind nicht, wie gegenwärtig so vielfach geschieht, als Jahres- oder Sonnenmythen zu deuten, [443] sondern sie sind aus dem Eindruck erwachsen, den die Natur des Landes unmittelbar in seinen Bewohnern erweckt, aus dem Bewußtsein, daß ihr Dasein sofort zu Grunde gehen würde, wenn die Götter die segensreiche Ordnung, unter der Land und Menschen gedeihen, auch nur ein weniges ändern würden. Was so als Möglichkeit als eine immer vorhandene, nur durch die Gnade der Götter abgewendete Gefahr empfunden wird, wird in diesen Erzählungen als geschichtliche Tatsache der Vergangenheit dargestellt.


Die alten Beispiele für das Ziegenopfer und die Vasen mit Pflanzen sind in meinen Sumeriern und Semiten zusammengestellt; Lebenswasser ib. 43ff. – Die evidente Deutung des Lebensbaums und der zugehörigen Fruchtbarkeitsdämonen stammt von TYLOR, PSBA. 1890, auf den v. LUSCHAN, Entst. der ionischen Säule (Der Alte Orient 1912, Heft 4) hingewiesen hat. – Es wäre an der Zeit, daß die Assyriologen sich entschließen könnten, mit den aus der »vergleichenden Mythologie« ererbten Deutungen der Mythen energisch aufzuräumen (auch die treffliche Darstellung ZIMMERNS, KAT., krankt noch daran), und statt sich in phantastischen Kombinationen zu ergehen, die Tatsachen anschauen und darstellen wollten, wie sie in Wirklichkeit liegen. – Die babylonischen Mythen sind von JENSEN in der Keilinschr. Bibl. VI, 1900 sorgfältig bearbeitet. Für den Schöpfungsmythus ferner L. W. KING, The seven tablets of the creation, 1902. In seiner jetzigen Gestalt stammt er, schon wegen der Rolle des Marduk, jedenfalls erst aus der Zeit der Dynastie von Babel; doch enthält er zweifellos viel ältere und zum Teil sicher sumerische Elemente. Im einzelnen ist das hier noch so wenig ermittelt wie bei der Flutsage.


366. Von einer Gliederung nach Blutsverbänden, Stämmen und Geschlechtern ist in Sinear so wenig eine Spur zu finden wie in Aegypten; diese Ordnungen sind mit der Seßhaftigkeit geschwunden. Die besiedelten Gebiete bilden keine geschlossene Einheit, sondern zerfallen in zahlreiche, oft durch Sumpfland oder Wüste von einander getrennte kleinere Distrikte, deren städtische Mittelpunkte mit ihrem Heiligtum schon erwähnt sind (§ 361). Sie haben alle, ursprünglich wenigstens, nur einen recht bescheidenen Umfang. Das Baumaterial bot der Lehm des Alluvialbodens, dem man durch Mischung mit Schilf und Stroh größere Festigkeit verlieh. [444] Aus ihm wurden, in kompakten Massen, die Lehmmauern der Häuser aufgeführt und vielleicht im Inneren mit Matten behängt; ärmere Hütten wurden, wie noch heutigen Tages, aus Schilf und Mattengeflecht aufgerichtet und zum Schutz gegen die Winterkälte mit Lehm beschmiert. Für die Wohnungen der Fürsten und der Götter formte man auf einem Brett Lehmziegel, die, damit sie nicht aus einander brechen, in der Mitte verstärkt werden und daher oben gewölbt sind (»planokonvexe Ziegel«); sie wurden mit Lehmmörtel verbunden. Die Kunst, Ziegel zu brennen, hat man erst viel später gelernt. Dagegen fehlte alles solidere Material. Einzelne erratische Blöcke mochten im Alluvium vorkommen; sonst konnte man Steine (die früh zur Substruktion größerer Bauten und in großen Blöcken als Unterlage der Türpfosten verwendet werden) ebenso wie Bauholz nur durch Handel oder Krieg von den Nachbarvölkern beziehen. Daher haben die Städte ein ärmliches Ansehen, das ihre Ruinen höchst unscheinbar und unergiebig macht. Jeder größere Regen schwemmte zahlreiche Lehmmauern weg, und jede Feuersbrunst zerstörte große Quartiere, wenn nicht die ganze Stadt; ununterbrochen berichten die Inschriften der Könige von dem Wiederaufbau verfallener Gebäude. Dadurch erhöhte sich der Boden der Stadt ständig; rasch entstanden künstliche Hügel, in denen die Schichten in buntem Gemenge durch einander liegen, unterbrochen durch Abzugskanäle und Abfallgruben mit Asche, Knochen und Überresten des Hausrats, sowie mit Gräbern. Denn die Babylonier setzten ihre Toten in den Wohnungen bei, teils in der Erde, teils in Krügen oder unter großen Deckeln von Ton; und häufig sind diese Gräber wieder benutzt, die alten Knochen beiseite geschoben, die Leichen bei einer Feuersbrunst halb verkohlt. Wenn dann ein größerer Bau, vor allem ein Tempel aufgeführt wurde, hat man den Hügel noch weiter erhöht und oft durch eine mehrere Meter dicke Ziegelschicht gefestigt, die das Fundament des Gebäudes bildet. – Nicht anders als mit den Städten steht es mit den Wasserläufen: die neugegrabenen Kanäle füllen sich in wenigen Jahren mit Schlamm und liegen [445] schließlich höher als das umliegende Land, so daß die Deiche sie nicht mehr einschließen können und sie durch neue Kanäle ersetzt werden müssen; jede Hochflut führt zu Verschiebungen der Flußbetten, und oft genug ändern die Hauptarme der Ströme ihren Lauf vollständig. So ist ununterbrochen die Wiederherstellung alter, die Anlage neuer Gräben und Kanäle erforderlich. Je nachdem die Herrscher Macht und Mittel genug besitzen, um diese Aufgabe zu erfüllen, steigt oder sinkt der Wohlstand und wandelt sich der Anblick des Landes.


Denkmäler aus der schriftlosen Vorzeit Babyloniens sind bis jetzt noch sehr selten. In Nippur sind die amerikanischen Ausgrabungen bis in diese Schichten vorgedrungen, doch scheinen die Funde nur sehr dürftig zu sein. Das gleiche gilt von einem Schacht, den DE SARZEC in Tello bis auf den Urboden hinabgeführt hat (HEUZEY, Une villa royale chaldéenne p. 61ff.). Daher mußte in diesen Abschnitten mehrfach Material herangezogen werden, welches einer Zeit angehört, die schon schreiben konnte. Eine Abschätzung der Zeit, welcher die ältesten Schichten in Nippur (der Urboden liegt 4-5 Meter unter dem ältesten vorsargonischen Tempel) und Tello (bis zu 8 Meter unter dem ältesten Bau) angehören, ist um so weniger möglich, da die Erhöhung zum Teil künstlich ist. – Das Bild der alten Ruinenstätten (vgl. §§ 367 und 385) entsprach, mit Ausnahme von Tello, dem Phantasiegemälde so wenig, daß man die dem 3. Jahrtausend angehörenden Ruinen von Surghul, Fâra, Abu Hatab überhaupt nicht als Stadtruinen anerkennen wollte, sondern KOLDEWEY sie für »Feuernekropolen« ausgab: Z, Ass. II 403ff., vgl. Mitt. D. Orientges. 15, 13. Das war ein seltsamer [im Anschluß an die von BÖTTICHER aufgestellten Phantasien über die Ruinen von Troja entstandener] Mißgriff, der durch die gleichartigen Funde an anderen Stätten völlig widerlegt ist: die babylonischen Ruinen entsprechen eben dem in Ninive gewonnenen Bilde durchaus nicht. Die Babylonier und Assyrer haben ihre Toten niemals verbrannt-wo Leichen halb oder ganz ver brannt sind, rührt das von späteren Bränden in der Stadt oder bei der schließlichen Zerstörung her –, sondern im Boden ihrer Häuser beigesetzt, wie namentlich die Ausgrabungen in Assur zeigen; und die angeblichen »Totenstädte« sind in Wirklichkeit die Städte der Lebenden, die den Ruinen von Nippur völlig gleichartig sind. Die großen Terrassenbauten in Surghul Z. Ass. II 421ff. sind nicht Totenhäuser, sondern Tempel, wie in Tello; selbst einige Reste von Statuen derselben Art wie in Tello haben sich hier gefunden (S. 426). Auch die Ruinen von Sippara und Bismaja sahen nicht anders aus; vgl. § 385 A. Denselben Irrtum hat HILPRECHT begangen, wenn er behauptet hat, der [446] Tempel von Nippur ruhe auf einer uralten Nekropole; das ist jetzt durch die genaueren Berichte und Zeichnungen (§ 380 A.) vollständig widerlegt. Aber wie falsche Hypothesen in der Regel eine äußerst zähe Lebenskraft haben, so spukt auch die Idee babylonischer Feuernekropolen und Leichenverbrennung noch immer: sie ist neuerdings wieder bei ZEHNPFUND (§ 369 A.) und sogar bei GENOUILLAC, Tablettes sumér. archaiques (§ 389 A.) p. LX als gesicherte Tatsache vorgetragen. – Die auf Siegelcylindern der Zeit Sargons und Naramsins mehrfach vorkommenden Coniferen können nur in den Gebirgen des Ostens gestanden haben. Wälder hat es allerdings im Süden noch zur Zeit Chammurapis gegeben: KING, Hammurabi, III p. 53.


367. Der Hausrat der Städte von Sinear trägt einen sehr primitiven Charakter. Die ältesten Gefäße bestanden aus Holzbrettern oder Schilfblättern, die mit Ton verschmiert und mit einem dicken Strick umschnürt wurden; Nachbildungen derselben in Ton, von halber Mannshöhe, haben sich z.B. in den ältesten Schichten von Nippur gefunden. Dazu kommen Näpfe und Teller von Ton und Geräte von Knochen und Muscheln. Auch Steingefäße hat man früh hergestellt, freilich nicht in gleicher Vollkommenheit wie in Aegypten; aber bei der Seltenheit des Steins sind sie ein kostbarer Besitz, den die Fürsten den Göttern als wertvolle Gabe darbringen. Nicht selten sind diesen daher auch große unbehauene Steinblöcke geschenkt worden, wie anderswo Klumpen von Metall. Kostbare bunte Steine bezog man von den Nachbarn und fügte sie zu Hals- und Armbändern zusammen; bei den Ärmeren werden sie durch einen Schmuck aus Muscheln ersetzt. Viel benutzt wird der Feuerstein, der sich vielfach im Schwemmlande finden mochte; aus ihm werden Pfeilspitzen, mit breiter Kante wie in Aegypten, Äxte, Schleif- und Mahlsteine, Meißel u.ä. gefertigt. Aus den Gebirgsländern werden ferner die Edelmetalle, sowie Kupfer und Bronze bezogen und zu Waffen, Äxten und Schmuck, namentlich Armringen, verarbeitet. In den Gräbern sind die Leichen meist in Schilfmatten, oft auch in rohen Tonsärgen beigesetzt, immer in Hockerstellung. Als Beigaben finden sich Tonbecher und Kannen, gelegentlich auch Steingefäße, sodann Angelhaken, Speer- und Pfeilspitzen,[447] bronzene Äxte, Schmuckketten von buntem Stein, Muscheln und Glasfluß, ferner bronzene Armringe, silberne Fingerringe Schminknäpfe von Alabaster u.ä., vereinzelt auch Ohrringe aus Gold. Schon in den ältesten Schichten von Tello finden sich Götterfiguren aus Bronze, die in einen langen Nagel auslaufen; sie werden, meist an einem Ziegel befestigt, in die Fundamente der Bauten vergraben, um sie dadurch zu weihen und für alle Zeiten zu festigen. Seit den ältesten Zeiten dienen die Edelmetalle als Wertmesser. Sinear ist eben ein ertragreiches und dichtbevölkertes Land, das seine Bedürfnisse durch Handel mit den unkultivierten Nachbarn befriedigen und daneben durch Kriegszüge Beute gewinnen konnte, wie es umgekehrt durch Einfälle der Grenzstämme immer von neuem zu leiden hatte. So treffen wir denn hier seit dem Beginn unserer Kunde ein reich entwickeltes Verkehrsleben, das uns mit dem Moment, wo die Schrift erfunden ist, in zahlreichen privaten Geschäftsurkunden über Kauf und Darlehen, Pachtungen und Miete von Feldern und Pflanzungen, Häusern, Arbeiten, Lieferungen an die Herrscher und Heiligtümer, in überraschender Fülle entgegentritt. In günstig gelegenen Orten ist mit dem Wohlstand auch die Volkszahl und das Ansehen des Stadtgottes rasch gewachsen. Da wurde dann die kleine Kapelle der Gottheit durch ein ansehnliches Heiligtum mit mehreren Kammern ersetzt, mit auf Stein fundierten Ziegelmauern. In demselben häuften sich die Geschenke aller Art. Ein Herrscher oder ein wohlhabender Privatmann hängt wohl zum Dank für den Segen, mit dem die Gottheit seine Frömmigkeit gelohnt hat, an der Wand des Heiligtums eine kleine Kalksteintafel auf, auf der er selbst dargestellt ist, wie er verehrend, das Opfertier auf dem Arm, dem thronenden Götterbilde naht, nicht selten geführt von einer Schutzgottheit (§ 374), die speziell über seinem Leben wacht und seinen Verkehr mit den anderen Göttern vermittelt; oder er läßt sich in Stein nachbilden und stellt seine Statue vor der Gottheit auf, um so die Verehrung, die er ihr erweist, zu verewigen und sich so zugleich ihr Wohlwollen dauernd zu sichern (vgl. § 374 a). – [448] Trotz dieser vereinzelten Fundobjekte machen die Ruinen von Sinear einen sehr dürftigen Eindruck. Einen Teil der Schuld tragen die wiederholten Plünderungen des Landes durch die Elamiten und später die Assyrer. Dazu kommt dann das schlechte und vergängliche Material, auf das man fast allein angewiesen war, ferner daß sich, im Gegensatz zu Aegypten, ein Totendienst, der eine reichere Ausstattung der Gräber und kostbare Beigaben für die Toten erfordert hätte, in Babylonien nicht entwickelt hat, sondern die Gräber immer ganz einfach und armselig blieben. Aber die entscheidenden Momente liegen tiefer: es fehlt, im stärksten Gegensatz zu Aegypten, dem Volkstum sowohl die staatenbildende Kraft, welche die Vorbedingungen für eine höhere Kultur nicht nur zu schaffen, sondern auch zu erhalten vermag (vgl. § 419); und es fehlt der Sinn für künstlerische Ausgestaltung des Lebens. Wohl werden uns unter einzelnen mächtigen Herrschern bedeutende Kunstschöpfungen entgegentreten, vor allem bei den Semiten; aber die Kunst hat hier niemals, wie in Aegypten, das ganze Leben und alle Bedürfnisse des Menschen umfaßt, und daher einen in der Empfindung des Volks lebenden künstlerischen Stil nicht zu schaffen vermocht, der allen Erzeugnissen des Menschen eine ideale Form gibt, wie er in Aegypten und in der griechischen Welt so früh hervorbricht. Überall dominieren die nächstliegenden, rein praktischen Bedürfnisse, über die man sich nur in seltenen Fällen einmal zu erheben vermag. Das gilt von allen Seiten der geistigen Kultur; daher hat sich hier die Religion innerlich nur wenig fortgebildet, und auch zu einer wirklichen Literatur, die über den unmittelbaren praktischen Bedarf des Lebens und des Kultus hinausginge, wie wir sie in Aegypten und z.B. in Israel kennen lernen, scheinen in Babylonien nur die ersten Ansätze vorhanden zu sein.

368. Der Hauptteil von Sinear ist gegen das Jahr 3000 v. Chr. zweifellos im Besitz der Sumerer gewesen; die Frage freilich, ob sie damals das ganze Land dauernd besetzt hatten und ob nicht manche von den Ortschaften, die uns als rein [449] sumerisch erscheinen, dennoch semitischen Ursprungs sind, ist zur Zeit noch gänzlich unbeantwortbar (vgl. § 362). Für diese Annahme scheint zu sprechen, daß manche von den Göttern, die in ihnen sitzen, semitisch zu sein scheinen, so vor allem der Mondgott Sin oder Nannar von Ur; doch wird auch diese Frage eigenartig dadurch verwickelt, daß die Schriftzeichen für ihre Namen sehr oft Ideogramme sind, die sowohl sumerisch wie semitisch gelesen werden können, und wir in vielen Fällen nicht oder wenigstens nicht mit Sicherheit wissen, wie die wahre Aussprache gelautet und ob sie nicht in bestimmten Epochen geschwankt hat. So wird z.B. der Mondgott von Ur mit den Zeichen En-zu geschrieben, die aber schwerlich seinen sumerischen Namen wiedergeben, sondern ihn eher nach einer Eigenschaft (»Herr der Weisheit«?) bezeichnen. Der Sonnengott von Larsa wird sumerisch gewesen sein und den Namen Babbar oder Utu geführt haben, während der von Sippara immer Šamaš geheißen haben mag. Hier kann erst der Fortschritt der Forschung Aufschluß bringen; und erst alsdann wird es möglich sein, die Vorgeschichte Sinears wirklich historisch zu erfassen und vielleicht auch über die Frage der Herkunft der Sumerer ein gesichertes Resultat zu gewinnen. In ihren Denkmälern erscheinen sie, wie schon erwähnt, als ein kriegerisches Volk, das, im Gegensatz zu der aufgelösten Kampfweise der Semiten, in geschlossener Phalanx ins Feld rückt; die großen viereckigen, mit Metall beschlagenen Schilde, die den ganzen Körper decken, bilden einen Wall, aus dem die gefällten Lanzen der ersten Glieder hervorragen. Den Kopf deckt ein Helm (von Leder?) mit Nackenschützer. Weitere Waffen sind die Streitaxt und der kurze Wurfspeer. Außerdem tragen die Herrscher, und ebenso manchmal die Götter, eine krumme Sichel von Metall, mit scharfer Schneide, die sich später in eine Art Scepter umwandelt. Die Götter führen eine Keule mit steinernem Knauf. Wenn sich hier die Überreste älterer Bewaffnung und ungeordneter Kampfweise erhalten haben, so ist ihnen dagegen der Bogen ganz fremd, der bei den [450] Semiten und den Gebirgsstämmen des Ostens die Hauptwaffe (neben der Lanze) bildet; außerdem haben die Semiten wie im Westen (§ 167), so auch hier Wurfspeere und Streitaxt. Früh haben bei den Sumerern die Männer Haupthaar und Bart abgelegt (§ 362), und zwar, wie es scheint, im Süden eher als im Norden (§ 384), während die Frauen wie in Aegypten langes Haar tragen. Nur der König Eannatum von Lagaš und einmal in der Schlacht auch seine Phalanx trägt eine Perüke, während schon seine Vorgänger und ebenso alle seine Nachfolger immer kahlköpfig erscheinen. Das einzige Kleidungsstück ist ein zottiger Wollrock, der den «Unterleib und die Beine bedeckt; eine Fußbekleidung fehlt völlig. Die Priester sind, wenn sie vor die Gottheit treten, immer ganz nackt-das könnte auf die Herkunft aus einem warmen Klima hinweisen –; die Priesterinnen scheinen schon in der ältesten Zeit einen über die linke Schulter geschlagenen Mantel zu tragen.


Der Name Sin muß in Babylonien nach den Transskriptionen Šin, in Assyrien Sîn gesprochen sein. Über die sumerische Form des Namens Nannar s. UNGNAD, Z. Ass. XXII 11, 1 und dagegen THUREAU-DANGIN rec. 32, 44; bei beiden Namen ist die Frage, ob sie ursprünglich sumerisch oder semitisch sind, noch nicht entschieden. Wie schwierig die mit den Götternamen und ihrer Aussprache verbundenen Probleme sind, haben in neuester Zeit wieder die Entdeckungen über die wahre Gestalt der Namen des Enlil (bisher Bel gelesen, § 363 A.), des Nin-ib und des Hadad (§ 396 A.) gezeigt. – Über Tracht und Bewaffnung s. meine Sumerier und Semiten. Das Rasieren des Haupthaars und Bartes ist hier wie sonst zum Schutz gegen Ungeziefer eingeführt. Über die (von mir früher fälschlich als Krummholz gedeutete) Sichel s. HEUZEY, Armes royales chaldéennes, comtes rendus de l'ac. des inscr. 1908, 415ff.; zwei solche Sicheln von Kupfer, in älterer und jüngerer Form, haben sich in einem Grabe von Tello gefunden (Nouv. fouilles de Tello p. 128ff.).


369. Die wichtigsten Städte von Sinear sind im Süden im Mündungsgebiet des Euphrat und in ältester Zeit vermutlich nicht allzuweit vom Meerbusen entfernt, Ur (hebr. רוא, jetzt Muqaijar), die Stadt des Mondgottes Sin (En-zu, Nannar, s. § 368), und dahinter in der großen Ruine von Abu Šahrein, am Rande eines Höhenzuges der Wüste in einer tiefen Talmulde, die damals vermutlich ein Seebecken bildete, [451] wahrscheinlich die Stadt Eridu, mit dem Kultus des Gottes der Erdwasser und des Meeres Ea (En-ki, § 370). Weiter stromaufwärts liegt Uruk (hebr. ךרא, Gen. 10, 10, mit falscher Vokalisation Erech, griech. Ὄρχη, Strabo XVI 1, 6. Plin. VI 123, jetzt Warka), wo eine Göttin der Zeugung und des Liebeslebens Nanai (Ναναία, Innana, von den Semiten meist einfach Ištar »die Göttin« genannt, vgl. § 373) ihren Sitz hat, und östlich davon an einem anderen Stromarm Larsa (hebr. vielleicht רסלא, Gen. 14, 1, jetzt Senkere), die Stadt des Sonnengottes (sumerisch Utu, semitisch Šamaš). An den alten Armen des Euphrat, die sich zum Teil mit dem alten Hauptarm des Tigris (jetzt Šatt el Ḥâi) vereinigten, liegen zahlreiche weitere Tells, die vielfach noch gar nicht untersucht sind, so daß wir die alten Ortschaften, die sie bedecken, oft noch nicht bestimmen können, so Tell Ḥammâm und unterhalb von Ur die große Ruine Tell Laḥm. Am ergiebigsten sind die Ruinen von Tello gewesen, im Mündungsgebiet des Šatt el Ḥâi, die der alten Stadt Lagaš (geschrieben Širpurla) angehören. Dagegen ist der große, weiter nordöstlich gelegene Tell Surghul zwar ausgegraben, hat aber keinen Anhalt für seinen alten Namen ergeben. Oberhalb von Tello, im Tell Djôcha, lag die Stadt Umma (geschrieben Gišchu), und tiefer im Binnenlande Adab (geschrieben Udnun, jetzt Bismaja), Šuruppak (j. Fara), Kisurra (j. Abu Hatab). Von manchen anderen Orten, die in den Texten erwähnt werden, ist die Lage noch nicht bekannt, so von Kal-nun (viell. הנלכ, Gen. 10, 10). Im Zentrum von Sinear, am alten Hauptbett des Euphrat (j. Šatt en Nîl), liegen die Ruinen von Nippur, dem Sitz des sumerischen Hauptgottes Ellil. Westlich davon liegt Marad, der Sitz eines Gottes Lugal-Maradda, des »Königs von Marad«; weiter im Norden folgt Kutha, die Stadt des Löwengottes Nergal (vielleicht j. Tell Ibrahîm), und an dem westlichsten Euphratarm Borsippa (Barsip) mit dem wahrscheinlich semitischen Gotte Nebo, in dessen Nähe später aus der Kultstätte des Gottes Marduk die semitische Stadt Bab-il (Babel) »die Gottespforte« erwachsen ist. Weiter östlich liegt Kiš (j.Oḥeimir), [452] und im äußersten Norden an der Grenze des Tieflandes, an der Mündung des 'Aḍêm in den Tigris, Kês oder Opis (Upi) (§ 381), eine Stadt, die in den ältesten Epochen der Geschichte Sinears bedeutsam hervortritt. Ihr entspricht im Euphratgebiet die Doppelstadt Akkad und Sippara (§ 392).


Über die Städte und Stadtgottheiten s. die eingehende Behandlung der altbabylonischen Geographie bei DELITZSCH, Paradies 169ff.; für die im Alten Testament vorkommenden Orte auch SCHRADER, KAT. 2. Aufl. Für die Erweiterungen und Berichtigungen, welche die letzten 30 Jahre gebracht haben, fehlt jede zusammenfassende Darstellung. WINCKLER, KAT., bietet kaum etwas; dagegen gibt ZIMMERN, KAT., reiches und zuverlässiges Material über die Kulte. – Übersicht der Erforschung des Landes und der Ausgrabungen: HILPRECHT, Explorations in Bible Lands, 1903. Orientierung über die Ruinenstätten: ZEHNPFUND, Babylonien in den wichtigsten Ruinenstätten (Der Alte Orient 1910, 3), mit manchen unhaltbaren Angaben (vgl. z.B. § 366 A.). – Über Warka und Senkere: LOFTUS, Travels and Researches in Chaldaea and Susiana, 1857 (über Warka auch Tr. Soc. Lit. 2 series VI, 1859), über Muqaijar und Abu Šahrein [die Angaben über seine Lage sind durch die Amerikaner berichtigt]: TAYLOR, JRAs. Soc. XV. Zu Eridu und Abu Šahrein vgl. ZEHNPFUND in den Assyriol. Studien für HILPRECHT, und dazu FRANK, Z. Ass. XXIV 377ff. Über die anderen Orte s. § 314 A.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 441-453.
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