Quellen der babylonischen und assyrischen Geschichte

[337] 314. Die ältesten Denkmäler und Urkunden aus Sinear (Babylonien) stammen aus dem Anfang des dritten Jahrtausends. Es liegt sowohl in der Naturbeschaffenheit des Landes wie in der Gestaltung seiner Kultur, daß sie sich an Umfang und geschichtlicher Bedeutung mit den aegyptischen nicht messen [337] können. Gestein ist in Babylonien ein äußerst seltener und kostbarer Artikel, der nicht oft für Kunstdenkmäler und Inschriften und fast gar nicht in Bauten verwendet wird; das einzige Baumaterial sind Lehmziegel. Daher sind zwar zahlreiche Stadtruinen erhalten, aber sie geben ein sehr monotones Bild und bieten verhältnismäßig wenig Bedeutsames, sowohl auf archäologischem wie auf speziell historischem Gebiet. Die Tempel und Paläste sind einförmige Backsteinbauten ohne reicheren künstlerischen Schmuck und gewähren inschriftlich kaum andere Ausbeute als die gleichmäßig sich wiederholenden Ziegeltempel der Könige, die sie erbaut haben. Die Gräber sind ganz einfach, und die reiche Belehrung, welche in Aegypten die Gräber gewähren, fehlt daher hier völlig. Von den bisher eingehender erforschten Ruinenstätten der älteren Zeit haben einzig Tello und in zweiter Linie Nippur eine reichere Ausbeute ergeben, darunter nicht wenige größere Königsinschriften auf Stein und Ton; dagegen hat z.B. die Aufdeckung des Palastes Nebukadnezars in Babel, so wichtig sie kulturgeschichtlich ist, die Erwartung, daß hier eine bedeutende Vermehrung unserer historischen Kenntnisse zu gewinnen sei, bisher völlig enttäuscht. Gewiß werden andere Stätten, wie Ur, Uruk, Kiš, Kutha u.a. noch manches wertvolle Dokument bergen; aber wesentlich anders als bisher wird sich unser Material schwerlich gestalten. Um so reicher und überraschender sind die Ergebnisse gewesen, welche die Aufdeckung der Ruinen von Susa nicht nur für die Geschichte Elams, sondern auch für die Babyloniens gebracht hat; denn die Elamiten haben bei ihren Plünderungszügen altbabylonische Monumente in großer Zahl, bis zu den Zeiten der Könige von Kiš und von Akkad hinauf, hierher verschleppt, darunter das berühmte Gesetzbuch Chammurapis.


Übersicht der Geschichte der Ausgrabungen bei HILPRECHT, Explorations in Bible Lands 1903; die der letzten Jahre bei KING U. HALL, Egypt and Western Asia in the light of recent discoveries, 1907. – Für Assyrien: BOTTA et FLANDIN, Monument de Ninive, 5 vol., 1849. PLACE, Ninive et l'Assyrie, 3 vol., 1867. LAYARD, Ninive and its Remains, [338] 2 vol., 1849; Ninive and Babylon, 1853. G. SMITH, Assyrian discoveries, 1875. – Für Babylonien: LOFTUS, Travels and Researches in Chaldaea and Susiana, 1857. OPPERT, Expédition en Mésopotamie, 2 vol., 1859ff. – Über Tello: Découvertes en Chaldée, herausgegeben von DE SARZEC und HEUZEY seit 1877, und dazu HEUZEYS Catalogue des antiquités chaldéennes du Louvre, 1902. – Nippur: The Bab. Exped. of the University of Pennsylvania, herausgegeben von HILPRECHT, seit 1893. CL. S. FISHER, Excavations at Nippur, seit 1906. – Susa: DE MORGAN, Délégation en Perse (3 Serien: Rech. archéol., Textes élamites-sémitiques, Textes élamites-anzanites). – Über die deutschen Ausgrabungen: Mitteilungen der Deutschen Orientges., seit 1899. – Die wichtigsten Textpublikationen älterer Zeit sind LAYARD, Inscr. in the Cun. Character, 1851, und die 5 Bände des unter RAWLINSONS Leitung herausgegebenen Londoner Inschriftenwerks: The Cun. Inscr. of Western Asia (zitert IR-VR). sowie jetzt dessen Fortsetzung: Cuneiform Texts in the Brit. Mus. – Sammlung der meisten bis dahin bekannten historischen Texte in Transkription und Übersetzung in der von EB. SCHRADER herausgegebenen Keilinschr. Bibliothek Bd. 1-3; Bd. 4 enthält Texte juristischen und geschäftlichen Inhalts von PEISER, Bd. 5 die Amarnatafeln von H. WINCKLER, Bd. 6 Mythen und Epen von P. JENSEN. [Die Werke von J. MÉNANT, Annales des rois d'Assyrie, 1874, und Babylone et la Chaldée, 1875, waren äußerst flüchtig gearbeitet und sind jetzt völlig wertlos.] Alle altbabylonischen geschichtlichen Texte bis zum Ende des Reichs von Sumer und Akkad hat jetzt F. THUREAU-DANGIN, Les inscr. de Sumer et d'Akkad, 1905, deutsch: Die sumer. und akkad. Königsinschriften, 1907 (Vorderasiat. Bibl. I 1), vortrefflich bearbeitet. – Übersicht der erhaltenen geschichtlichen Texte bei BEZOLD, Überblick der bab.-assyr. Literatur, 1886. O. WEBER, Die Literatur der Bab. und Ass., 1907.


315. Nur eine Gattung von Denkmälern ist in den Ruinen Babyloniens in geradezu unerschöpflicher Fülle vertreten: das sind die auf Tontafeln aufgezeichneten Urkunden des Verkehrslebens (einschließlich Rechnungen, Verzeichnissen von Lieferungen und Abgaben, Briefen u.ä.). Im Gegensatz zu dem Papyrus Aegyptens ist das Material, auf dem sie geschrieben sind, so gut wie unzerstörbar, wenigstens wenn der Ton gebrannt ist; so sind uns aus den drei Jahrtausenden der babylonischen Geschichte unzählige solcher Urkunden teils vollständig, teils in Fragmenten erhalten. Sie reichen bis in die ersten Anfänge der Geschichte des Landes hinauf; denn [339] schon damals bestand im Bereich der sumerischen Herrschaft ein reich entwickeltes und mannigfaltiges wirtschaftliches Leben. Ihre Bedeutung liegt teils in dem Einblick, den sie in seine Gestaltung und seine rechtlichen Ordnungen gewähren, teils in den unmittelbar auch der politischen Geschichte zu gute kommenden Datierungen und den gelegentlichen Erwähnungen geschichtlicher Persönlichkeiten und Ereignisse. – Ein großer Teil dieser Urkunden stammt aus den Archiven der Tempel und enthält daher vor allem Aufzeichnungen über Einnahmen und Ausgaben der Tempel, Opfer u.ä.; doch war es Brauch, daß auch die Privatleute ihre Urkunden in den Tempeln deponierten. Daneben haben sich, vor allem aus der Zeit des chaldaeischen Reichs und der Perserherrschaft, umfangreiche Privatarchive von Geschäftshäusern in Babylon und Nippur erhalten. Aus den Tempelschulen sind weiter zahlreiche Tafeln mit Schreib- und Rechenübungen erhalten, ferner grammatische, lexikalische, mathematische, astronomische Lehrbücher und Aufzeichnungen, Hymnen und Gebete, Zauberformeln u.ä. – die natürlich auch den Bedürfnissen des Kultus dienten –, und gelegentlich auch rein literarische Texte, Mythen und Sagen, ähnlich den aegyptischen Schreiberpapyri; auch alte Königsinschriften wurden hier nicht selten kopiert. Ebenso sind babylonische Sagenerzählungen nach Aegypten gekommen und dort von den Schreibern Amenophis' III. und IV. als Hilfsmittel zur Erlernung der babylonischen Schrift benutzt worden. – Ähnliche Archive können auch in den Königspalästen nicht gefehlt haben (wenn auch die staatlichen Dokumente zum Teil in den Tempeln deponiert sein mögen); doch ist von derartigen Urkunden in Babylonien bisher so gut wie nichts zu Tage gekommen. Ebenso hat sich die Hoffnung nicht erfüllt, daß man hier wirkliche Bibliotheken nach Art der Assurbanipals (§ 317) finden werde: sie beruhte auf einer lange Zeit herrschenden und auch jetzt noch weit verbreiteten Überschätzung der Höhe der babylonischen Kultur. Nur von einer speziellen Gattung babylonischer Dokumente sind viele Exemplare erhalten, Belehnungsurkunden auf hartem Stein (kudurru), [340] in denen ein König Grundbesitz verleiht und mit Privilegien ausstattet. – Eine Ergänzung der Urkunden bilden die in großer Zahl erhaltenen Siegelcylinder und Siegelabdrücke, die nicht nur für die Kultur und Religion, sondern oft auch für die politische Geschichte von großer Bedeutung sind; manche alte Königsnamen kennen wir nur durch sie.


Eine gute Orientierung über den Bestand der babylonischen Tempelarchive und Tempelschulen gibt M. JASTROW, Did the Bab. Temples have Libraries?, J. Amer. Oriental Soc. XXVII, 1906. [Die erbitterte, an HILPRECHTS Behauptungen über den Bestand der »Tempelbibliothek« von Nippur anknüpfende Kontroverse brauchen wir hier nicht zu berühren; was HILPRECHT, Babyl. Exped. XX, part 1, 1906, über dieselbe mitteilt, stimmt zu der Darstellung JASTROWS, der die im Text gegebenen Angaben sich anschließen.]


316. Wesentlich anders liegt das Material in Assyrien. Denn wenn auch die assyrische Kultur auf babylonischer Grundlage ruht, so ist sie doch keineswegs, wie man lange Zeit angenommen hat, nur eine sklavische Kopie der babylonischen Vorbilder gewesen, sondern hat, zum Teil unter Einwirkung westlicher Einflüsse, vielfach ihre eigenen Wege eingeschlagen. Es kommt hinzu, daß den Assyrern für ihre Bauten neben den Ziegeln Steinmaterial zur Verfügung stand und daß wenigstens die späteren Könige ihre Paläste mit Alabasterplatten ausgelegt haben, die mit Reliefdarstellungen ihrer Taten und ihres Lebens und ausführlichen erläuternden Inschriften geschmückt sind; ergänzt werden sie durch die zusammenfassenden Königsannalen, die meist auf Cylindern oder Prismen aufgezeichnet sind. Auch scheint bei ihnen, entsprechend ihrem kriegerischen Charakter und ihren großen Erfolgen, das Streben, ihre Taten in sachlich gehaltenen Berichten zusammenhängend darzustellen und der Nachwelt zu überliefern, weit stärker entwickelt zu sein als bei den babylonischen Herrschern-ein ähnlicher Unterschied besteht zwischen den historischen Inschriften der meisten aegyptischen Könige (abgesehen etwa von Thutmosis III.) und denen der Aethiopen. Überdies hat die plötzliche und systematische Zerstörung [341] aller Assyrerstädte (Assur, Kalach, Ninive, Dûr-Sargon) im Jahre 606 v. Chr. hier das vorhandene Material großenteils mit verhältnismäßig geringen Beschädigungen, ja vielfach unversehrt bis auf die Ausgrabungen unserer Zeit geborgen, während die babylonischen Städte im Verlauf der alten Geschichte wiederholt ausgeplündert sind, vor allem von den Elamiten und den Assyrern, und dann bei ihrem allmählichen Verfall ununterbrochen weiteres Material zerstört oder verschleppt worden ist. So erklärt es sich, daß wir aus Assyrien ein sehr viel reicheres historisches Material besitzen und daß uns namentlich die Geschichte der großen Eroberer, zunächst Assurnâṣirpals (884-860) und Salmanassars II. (860-824), sodann die der Zeit von Tiglatpileser IV. (745 bis 727) bis auf Assurbanipal (668-626) in einzigartiger Fülle bekannt ist. Zu den Urkunden und Erzählungen der Könige kommen zahlreiche weitere hinzu, Berichte an den Herrscher, Orakel, Gebete, Briefe u.ä.; auch an Privaturkunden fehlt es hier so wenig wie in Babylonien. Für die ältere Zeit ist das Material noch sehr lückenhaft und von den Zufälligkeiten der Anfertigung und Erhaltung großer Königsinschriften abhängig; doch ist es auch hier durch die Fortführung der Ausgrabungen in Assur in ständigem Wachsen begriffen. Mit den späteren Jahren Assurbanipals bricht unsere Information jäh ab; aus den Zeiten des Verfalls und Untergangs der assyrischen Großmacht haben wir kaum irgendwelche gleichzeitige Dokumente. Vom medischen Reich hat sich bis jetzt noch kein einziges Denkmal gefunden; und auch die Könige des neubabylonischen oder chaldaeischen Reichs, vor allem Nebukadnezar (605-562) und Naboned (556-539), haben zwar eine weit größere Anzahl von Inschriften hinterlassen als irgendwelche ältere babylonische Könige, abgesehen von Chammurapi und einzelnen Herrschern von Tello; aber an Vollständigkeit des Materials können sie mit den großen Assyrerkönigen nicht rivalisieren, und über die äußere Geschichte ihres Reichs fehlen auch hier fast alle Nachrichten; nur die Inschriften Naboneds gehen gelegentlich etwas näher darauf ein.

[342] 317. Aber die Ruinen Ninives haben uns noch weit mehr geboten. König Assurbanipal hat in seinem Palast eine große Bibliothek angelegt, für die er das Material systematisch in den Archiven Assyriens und Babyloniens sammeln und kopieren (und zweifellos auch durch die Arbeiten seiner eigenen Gelehrten ergänzen) ließ; und von dieser gewaltigen Sammlung sind uns über 20000 Tontafeln wenigstens in ansehnlichen Bruchstücken erhalten. Ihr verdanken wir nicht nur die § 312 erwähnten grammatischen und lexikalischen Sammlungen, sondern überhaupt weitaus das meiste, was uns von babylonisch-assyrischer Literatur erhalten ist, einschließlich zahlreicher sumerischer Texte; so vor allem die Überreste der mythologischen und religiösen, der rituellen, magischen, astrologischen, mathematischen, medizinischen Werke, sowie große Sammlungen von Vorzeichen. Ein großer Teil all dieser Werke geht auf die Zeit der ersten Dynastie von Babel (um 2000 v. Chr.) zurück und ist von Originalen aus Babel selbst kopiert, während andere aus Nippur, Ur, Kutha, Assur stammen. Außerdem aber sind hier auch zahlreiche historische Texte erhalten, teils Abschriften alter und junger babylonischer und namentlich assyrischer Urkunden, Berichte (darunter astrologische Aufzeichnungen, Orakelanfragen u.ä.), Briefe, teils Chroniken, Beamtenlisten, Annalen, Weih- und Bauinschriften einzelner Herrscher.


Grundlegend ist BEZOLD, Catalogue of the Cun. Tablets in the Kouyunjik Collection of the British Museum, 5 vol. (20549 Nummern). Eine sehr nützliche Orientierung nach den Hauptgegenständen und der Herkunft der Texte bietet der § 315 A. angeführte Aufsatz JASTROWS p. 174ff.


318. Neben den Königsinschriften mit geschichtlichem Inhalt hat es in Babylonien seit alter Zeit fortlaufende geschichtliche Aufzeichnungen, Annalen, gegeben. Sie entwickeln sich wie in Aegypten teils im Anschluß an die Listen der Jahrnamen und Regierungen (§ 323), teils aus den am Hofe geführten Journalen. Ausführlichere Erzählungen, wie später die assyrischen Königsannalen, haben sie schwerlich enthalten, [343] sondern nur kurze Aufzeichnungen der wichtigsten Begebenheiten; aber eine derartige, offenbar auf zeitgenössische Überlieferung zurückgehende Chronik liegt uns in späterem Auszug schon für Sargon und Naramsin von Akkad vor (§ 397) und ist auch für ein Werk über die Deutung der Lebervorzeichen benutzt, die an ihren Taten exemplifiziert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ähnliche Annalen schon in den ältesten sumerischen Reichen existiert haben; bedurfte man derselben doch notwendig als Ergänzung der Streitigkeiten und Verträge über Grenzgebiete, auf die die alten Inschriften von Tello mehrfach Bezug nehmen. Die Assyrerkönige haben umfängliche Annalen ihrer Taten aufzeichnen lassen, aus denen (ebenso wie bei Thutmosis III.) die längeren oder kürzeren Erzählungen ihrer Inschriften exzerpiert sind. Von der Regierung Naboneds ist uns eine kurze, erst nach seinem Tod und dem Siege des Kyros redigierte Chronik erhalten, und gleichartige Annalen der einzelnen Regierungen werden wohl auch sonst ständig geführt worden sein. Außerdem hat man das aus älterer Zeit erhaltene Material, namentlich Königsinschriften, gesammelt und studiert und in den Schulen Babyloniens nicht selten kopiert, oft mit Beibehaltung der alten Schriftformen, wie später für die große Bibliothek Assurbanipals; ein lebhaftes Interesse an der älteren Geschichte des Landes tritt uns in den späteren Königsinschriften vielfach entgegen, vor allem bei der Restauration verfallener Tempelbauten. Aus diesem Material sind dann weiter zusammenfassende kürzere oder längere Chroniken hervorgegangen, von denen wenigstens einige Bruchstücke aus verschiedenen Epochen der babylonischen Geschichte und eine ausführlichere Chronik der Jahre 745-668 erhalten sind. Auch die »Synchronistische Geschichte«, eine zusammenhängende Darstellung der Grenzstreitigkeiten zwischen Assyrien und Babylonien vom Anfang des fünfzehnten bis zum Ende des neunten Jahrhunderts, geht auf derartige Chroniken zurück. Auch die Assyrer müssen zusammenfassende Annalen gehabt haben, obwohl davon nichts erhalten ist, wie die häufige Erwähnung [344] älterer, genau datierter Ereignisse in den Königsinschriften zeigt. Daß bei diesen Chroniken Versehen und Verwirrung, namentlich auf chronologischem Gebiet, eintreten konnte, ist sehr begreiflich (vgl. § 327. Über die Königslisten s. §§ 325. 329). Nach oben sind sie, wie bei den Aegyptern und anderen Völkern auch, in die Zeit der Sage und der mythischen Überlieferung bis zu der großen Flut und den Königen vor derselben und bis zu der Götterherrschaft und der Weltschöpfung hinauf ergänzt worden. – Neben der auf offizielles Material zurückgehenden Überlieferung stehen populäre Erzählungen und Sagen. Auch diese sind aufgezeichnet worden, liegen uns aber nur in dürftigen Trümmern vor, vereinzelt auch bei griechischen Schriftstellern. In diesen Erzählungen ist vermutlich schon früh die traditionelle Sultansgestalt ausgebildet worden, welche bis auf den heutigen Tag die Vorstellungen des Orients beherrscht. Ein besonders beliebtes Motiv der babylonischen Sagen war, die Dynastiengründer aus den niedrigsten Verhältnissen hervorgehen und durch das Eingreifen der Götter oder durch einen wunderbaren Zufall zur Macht gelangen zu lassen. So wird die uralte Dynastie von Kiš (§ 381) durch eine Schenkwirtin gegründet-daß einer Frau eine solche Rolle zugeschrieben wird, ist auch ein echtes Sagenmotiv, das bei Semiramis und in Herodots Erzählungen von der Königin Nitokris wiederkehrt –; Sargon von Akkad ist ein Findelkind und als Gärtner unter dem Schutz der Ištar aufgewachsen (§ 397), Ellilbâni von Isin (§ 418) desgleichen, und gewiß hat es noch viel mehr solche Erzählungen gegeben, die sich dann in den Sagen über die Assyrerkönige (§ 319), in der Kyrossage, und in den Nebukadnezar- und Belsazarsagen im Danielbuch fortsetzen. Mehrfach hat man diesen Erzählungen die Form von Königsinschriften gegeben, in denen die alten Herrscher in erster Person selbst von ihren sagenhaften Schicksalen berichten; so Sargon von Akkad. Auch in die dürftigen Notizen der Königslisten und Chronikexcerpte sind sie zum Teil aufgenommen.

[345] Über die Königsannalen s. bei den einzelnen Regierungen. – Chroniken: Sargon und Naramsin von Akkad und ihre Nachfolger bis in die Kossaeerzeit: KING, Chronicles concerning early Bab. Kings, 2 vol. 1907 (= Studies in eastern History), vol. II, 3ff., zwei Chroniken, von denen die zweite, fragmentarische, den Schluß der ersten zum Teil wiederholt und fortsetzt; dazu die Leberomina von Sargon und Naramsin, in zwei Exemplaren: KING l.c.p. 25ff. (früher IV R 34. Keilinschr. Bibl. III 102ff. u.a.). – Bruchstück der Geschichte Naramsins: Cun. Texts XIII 44 (§ 401). – Chronik S oder A, sehr fragmentarisch, kurze Liste der bab. Könige bis zum 10. Jahrhundert: KING l.c. 46ff. (früher weniger vollständig bei SMITH, TrSBA. III 371ff. Keilinschr. Bibl. II 272ff.). – Chronik P, über Kämpfe zwischen Babylonien und Assyrien im 14. und 13. Jahrhundert: PINCHES, JRAs. Soc. 1894, 811ff. WINCKLER, Altorientalische Forschungen I 297ff. (vgl. S. 115. 122ff.). DELITZSCH, Die Bab. Chronik (Abh. Sächs. Ges. 25, 1906) S. 43ff. – Nahe verwandt ist die »Synchronistische Geschichte« (ein Haupttext und Bruchstücke von zwei Duplikaten): II R 65, 1. III R 4, 3. WINCKLER, Untersuchungen zur altorientalischen Geschichte S. 148ff. Übersetzung von WINCKLER, Keilinschr. Bibl. I 194ff. – Chronikartige Notizen aus späterer Zeit: KING l.c.p. 47ff. 70ff. – Bab. Chronik B, 745-668: WINCKLER, Z. Assyr. II 148ff. PINCHES, JRAs. Soc. 1887 [zum Teil bei KNUDTZON, Assyr. Gebete an den Sonnengott, Tafel 59]. DELITZSCH, Assyr. Lesestücke, 5. Aufl., S. 135ff. Übersetzung: Keilinschr. Bibl. II 274ff. (manchmal flüchtig); DELITZSCH, Die bab. Chronik, Abh. sächs. Ges. 25, 1906. – Durch die Auffindung der von SCHEIL (Comptes rendus de l'ac. des Inscr. Oct. 1911, 606ff.) veröffentlichten Königsliste (§ 329 a) ist der Charakter der babylonischen Überlieferung und das Eindringen der Sagen in die Chroniken viel klarer geworden. Analoge Tendenzen finden sich natürlich bei den verschiedensten Völkern (so bei den Israeliten die niedere Herkunft des Gideon, Saul, David in der Sage, im Gegensatz zu den daneben stehenden historischen Berichten), ohne daß immer Beziehungen anzunehmen wären; doch liegt nicht selten auch eine von Volk zu Volk wandernde Sage zugrunde, die bald an diesen, bald an jenen Heros ansetzt: so die Aussetzung des Kindes im Fluß bei Sargon, Moses, Perseus, Pelias und Neleus [von diesen literarisch auf Romulus und Remus übertragen]. Mit der Selbsterzählung der Sargonssage (§ 397) verwandt ist die Erzählung des Xisuthros von der Flut im Gilgamešepos, die Sage vom König von Kutha (ZIMMERN, Z. Ass. XII 317ff. JENSEN in der Keilinschr. Bibl. VI 290ff.; vgl. § 411 a A.) u.a. – Die babylonische Sage von dem Gärtner Ellilbâni, der der Nachfolger des Königs Uraimitti wird, ist von einem griechischen Schriftsteller Bion nach Assyrien versetzt: Agathias Il 25 aus Alexander Polyhistor (daraus Sync. p. 676), von Beleûs S. d. Derketadas, dem letzten Nachkommen der Semiramis und seinem [346] Gärtner Beletaras. Daß in orientalischen Reichen (auch in Byzanz) solche glückliche Emporkömmlinge gar nicht selten sind, ist bekannt; aber in den angeführten Erzählungen liegt der rein sagenhafte Charakter auf der Hand, so gut wie bei Semiramis.


319. Während wir über die Geschichte Babyloniens trotz der sich fortwährend mehrenden Funde nur sehr lückenhaft unterrichtet sind (namentlich über das Jahrtausend vom Ende der ersten Dynastie bis auf Tiglatpileser, ca. 1900 bis 745, besitzen wir kaum irgendwelche zusammenhängende Kunde), die Assyriens dagegen wenigstens in der Glanzzeit des Reichs, vom neunten bis siebenten Jahrhundert, genauer bekannt ist als irgend ein anderer Abschnitt der orientalischen Geschichte vor den Persern oder als die der hellenistischen Staaten, so lag im Altertum die Sache gerade umgekehrt. Das Assyrerreich und das assyrische Volk mit seinen Städten waren in einer großen Katastrophe zu Grunde gegangen und lebten im Gedächtnis nur noch in sagenhaften Umrissen fort-als Xenophon im Jahre 400 über die Trümmerstätten der assyrischen Hauptstädte zog, wurde ihm erzählt, es seien Ruinen medischer Städte, die der Perserkönig vergeblich belagert habe, bis der Himmelsgott sie durch ein Wunder in seine Hand gab –; die Städte Babyloniens dagegen und ihre Traditionen bestanden weiter und traten seit der Perserzeit mit den Griechen in vielfache, immer intensiver sich gestaltende Berührung. So erklärt es sich, daß, als seit dem Ende des sechsten Jahrhunderts die griechische Geschichtschreibung entstand, sie zwar über die spätere Geschichte Babyloniens in der Chaldaeerzeit und die Sitten und Denkmäler Babels recht gute Nachrichten geben konnte-auch hier steht, wie bei Aegypten, die Schilderung Herodots, der einige geschichtliche Notizen eingefügt sind, in erster Linie –, dagegen vom Assyrerreich nur dürftige und entstellte Kunde besaß. Allerdings reichte die assyrische Großmacht noch in die Zeit hinab, in der die geschichtliche Erinnerung der Griechen beginnt, und vereinzelte Erwähnungen zeigen, daß die ältesten ionischen Geschichtschreiber noch manche brauchbare [347] Nachricht über die Assyrer bewahrt hatten; davon würden wir mehr wissen, wenn Herodot seinen Plan, eine assyrisch-babylonische Geschichte (Ἀσσύριοι λόγοι) zu schreiben, hätte ausführen können. Aber auch bei ihm schon sind die geschichtlichen Tatsachen vielfach aufs stärkste verschoben: er läßt die Assyrer 520 Jahre über das obere Asien herrschen (I 96) bis auf den Abfall der Meder um 710 v. Chr., so daß die Assyrerherrschaft nach ihm eben in der Zeit zu Ende geht, wo sie tatsächlich ihren Höhepunkt erreicht hat und gerade die Meder vollständig von den Assyrern unterworfen werden; er führt ihr Reich auf Ninos, Sohn des Belos, eines Nachkommen des Herakles, zurück, und leitet von ihm auch die lydischen Könige ab (I 7). Aber er kennt die historische Semiramis des achten Jahrhunderts (I 184), den historischen Sardanapal, d.i. Assurbanipal (II 150), den Zug Sanheribs gegen Aegypten (II 141) und die Zerstörung Ninives durch Kyaxares von Medien (I 106), während er Nebukadnezar (den er Labynetos nennt, wie den letzten König von Babylon) durch seine Gemahlin Nitokris ersetzt, der er die große Bauten des Königs zuschreibt. Neben der rasch verblassenden geschichtlichen oder halbgeschichtlichen Tradition hat sich schon früh die volkstümliche Sage der Gestalten der assyrischen Herrscher bemächtigt; sie findet sich schon in dem bereits im fünften Jahrhundert weit verbreiteten Volksbuch vom weisen Achiqar, den Vezir des Sanherib und Assarhaddon, und ebenso in den Sagen von Ninos und Semiramis und ihren tatenlosen Nachfolgern bis auf Sardanapal, an die sich dann die Sagen von Kyros und z.B. die Nebukadnezar- und Belsazarsagen im Danielbuch anschließen. Als ein Menschenalter nach Herodot der Leibarzt Artaxerxes' II. Ktesias von Knidos ein ausführliches Werk über die Geschichte des Orients schrieb (vgl. Bd. III § 4), in dem er auf Grund seiner Kenntnis orientalischen Lebens durchweg gegen Herodot polemisierte, hat er diese Erzählungen aufgenommen und weiter überarbeitet. So trat an die Stelle der älteren Nachrichten ein großes, ganz Vorderasien vom Aegaeischen Meer bis zum [348] Indus umfassendes Assyrerreich, das von Ninos und Semiramis begründet sei und unter tatenlosen Königen über 1300 Jahre lang bestanden habe, bis es um 880 v. Chr. unter Sardanapal von dem Meder Arbakes und dem Babylonier Belesys zerstört wurde; daran schloß sich dann ein eben so phantastisches Mederreich von 220jährigem Bestand. Wenn er sich für seine Königslisten auf authentische Urkunden auf Pergament (βασιλικαὶ ἀναγραφαί oder διφϑέραι Diod. II 22, 1. 5. 32, 4) berief, so ist das, wie so vieles was er berichtet, offenkundige Fälschung; und auch in seinen sonstigen Erzählungen sind zwar die orientalischen Sagen benutzt, aber mit griechischen Kombinationen durchsetzt und zu einem phantastischen Roman zurechtgestutzt. Diese völlig unhistorischen Erzählungen haben dann, in mannigfachen Variationen, die spätere Überlieferung des Altertums und die Auffassung der Neuzeit beherrscht, bis die Ergebnisse der Entzifferung der assyrischen Inschriften sich allmählich allgemeine Anerkennung errangen.


Zu Herodots assyrischer Geschichte vgl. Forsch. I 161ff.; über die Ασσύριοι λόγοι (I 106. 184) Forsch. II 198f. Ἀσσυρία bedeutet bei Herodot die persische Provinz Babylonien (Bd. III § 84 A.). – Reste älterer ionischer Geschichtschreibung liegen auch in den Angaben über Sardanapal (Anakyndaraxes) vor, vgl. Forsch. I 176. 203ff. II 541ff. Es hat auch ein Hesiodisches Epos gegeben, in dem die Zerstörung Ninives erzählt war: Aristot. hist. anim. VIII 18, 2 p. 601 (Hesiod. fr. 208 RZACH ed. min., fr. 279 ed. maior). – In die Entwicklung und den Charakter der orientalischen Sagengeschichte hat die Auffindung des Achiqaromans, der früher nur in späterer Fassung bekannt war, in den Papyri der jüdischen Gemeinde von Elephantine aus dem 5. Jahrhundert einen lebendigen Einblick gegeben; vgl. m. Schrift: Der Papyrusfund von Elephantine, 1912, S. 120ff. Ins Griechische ist das Buch um dieselbe Zeit unter dem Namen Demokrits übersetzt worden. – Ktesias' assyrische und medische Geschichte ist im Auszug bei Diodor lb. II erhalten, durch Vermittlung eines hellenistischen Schriftstellers, wahrscheinlich des Agatharchides, s. MARQUART, Die Assyriaka des Ktesias, im Philologus Suppl. VI, 1892.

320. Im Gegensatz zu den griechischen Nachrichten hat, wie in Aegypten Manetho, so in Babylonien der chaldaeische Priester Bẹrossos um 280 v. Chr. die Geschichte seiner Heimat [349] auf Grund der einheimischen Überlieferungen in drei Büchern Βαβυλωνιακά dargestellt, die er dem Antiochos I. widmete; daneben hat auch er die »Weisheit der Chaldaeer«, die Astrologie, den Griechen zugänglich zu machen gesucht, wie er denn auf Kos eine astrologische Schule eröffnet hat (Vitruv IX 7). Sein Geschichtswerk ist durch Alexander Polyhistor (um 70 v. Chr.) in Auszügen der griechischen Welt zugänglich geworden; daher wird es von Athenaeos (XIV 639 c) einmal zitiert und sind Auszüge auch in die in christlicher Zeit umlaufende pseudo-apollodorische Chronik gekommen (ebenso wie die thebanische Königsliste des Eratosthenes [§ 161 A.] und die Königslisten der griechischen Urzeit); auch ist es in der Kaiserzeit von einem gewissen Abydenos in ionischem Dialekt bearbeitet und mit der assyrischen Geschichte des Ktesias verbunden worden. Im übrigen ist es ihm ergangen wie dem Manetho: während die astrologischen Lehren allmählich in der abendländischen Kultur Boden gewannen, ist die einheimische Geschichtsüberlieferung von den Griechen ignoriert worden; dabei hat mitgewirkt, daß sie an Babylonien nie so viel Interesse genommen haben wie an Aegypten, und daß es ihnen seit 129 v. Chr. auch politisch und kulturell entfremdet wurde. Dagegen haben die Juden und Christen die Auszüge aus Berossos als Bestätigung der Bibel eifrig benutzt. Was wir von Überresten des Berossos (durchweg durch Vermittlung des Alexander Polyhistor) besitzen, ist auch hier bei Josephus und Eusebius (resp. Synkellos) erhalten; letzterem verdanken wir auch die Fragmente des Abydenos. Aber die Auszüge beschränken sich fast ausschließlich auf die Sagengeschichte der Urzeit, vor und unmittelbar nach der großen Flut, und auf die Zeit der näheren Berührung zwischen Juda und Babylon von Sanherib abwärts. In diesen Abschnitten zeigt sich Berossos durchweg vortrefflich unterrichtet; er gibt nicht nur die einheimische Sage getreu wieder (zu manchen seiner Erzählungen sind die keilschriftlichen Paralleltexte, die unzweifelhaft vorhanden waren, noch nicht wiedergefunden), sondern auch einen durchweg zuverlässigen und namentlich auch chronologisch [350] korrekten Abriß der geschichtlichen Ereignisse. Das erste Buch behandelte die Urzeit bis zur Flut, das dritte die Zeit von der assyrischen Eroberung durch Tiglatpileser IV. im Jahre 731 an; für die dazwischenliegende Zeit, für die im wesentlichen nur eine trockene Königsliste gegeben war (Euseb. I p. 7), besitzen wir lediglich ein kurzes Dynastienverzeichnis bei Eusebius I p. 25. Berossos hat die Zeit von der Flut bis zum Tode Alexanders d. Gr. auf 36000 Jahre, d.i. 10 Saren zu 3600 Jahren, angesetzt (ebenso die Zeit vor der Flut auf 120 Saren = 432000 Jahre) und, um diese Zahl zu gewinnen, die erste Dynastie nach der Flut, die noch mit mythischen Königen beginnt, auf 86 Regierungen mit 34090 Jahren angesetzt (die ersten dieser Könige herrschen noch weit über 1000 Jahre); dann folgen die eigentlich geschichtlichen Herrscher in mehreren Dynastien bis auf Alexander mit zusammen 1902 Jahren. Die Liste seiner Dynastien ist:


Quellen der babylonischen und assyrischen Geschichte

Daß die Zahlen des Berossos korrekt überliefert sind, kann als sicher gelten, ebenso daß sie von der zweiten Dynastie an auf die in den keilschriftlichen Listen aufgezählten Dynastien von Babel (§ 325f.) zu deuten sind; aber abgesehen vom Anfangsdatum (s. § 328) stehen sie mit diesen in absolutem Widerspruch, der eine Aufklärung bis jetzt noch nicht gefunden hat.


Das chronologische System des Berossos habe ich in den Beitr. z. Alten Gesch. (Klio) III 131ff. klar gelegt; SCHWARTZ in seinem Artikel Berossos bei PAULY-WISSOWA geht in den Einzelheiten mehrfach in die Irre. Daß der Zeitraum, aus dem Kallisthenes dem Aristoteles astronomische Beobachtungen aus Babylon gesandt hatte, bis auf Alexander [351] 1903 Jahre umfasse [hier ist Alexanders erstes Jahr 330 v. Chr. als das 1903. Jahr gerechnet], sagt Simplicius zu Aristot. de coelo II 12 p. 504 HEIBERG. Daß die 6. Dynastie bis auf Phul = Tiglatpileser IV. reichte, sagt Eusebius ausdrücklich; Nabonassar, der bei Syncellus p. 389f. (vgl. Euseb. chron. I p. 7) hereingezogen wird (vgl. § 321 A.), ist hier völlig fern zu halten. Für die 1. Dynastie gibt Eusebius 33091 J., Sync. p. 147 34090 J. und zugleich 9 Saren 2 Neren 8 Sossen = 34080 J., wobei die Einer weggefallen sind. – Die immer erneuten Versuche, Berossos Daten von seiner 2. Dynastie ab für die Geschichte verwendbar zu machen (so LEHMANN-HAUPT, Klio VIII 227ff. X 483ff. SCHNABEL, die bab. Chronol. des Berossos, Mitt. Vorderas. Ges. 1908, sowie Orient. Lit. Z. 1911, 19), kann ich nur für geistvolle Spiele der Phantasie halten. – Eine sehr wichtige Ergänzung des Berossos bildet die babylonische Kosmogonie, die aus Eudemos bei Damascius de pr. princ. c. 125 erhalten ist.


321. Außerdem ist uns durch griechische Vermittlung noch ein anderes wichtiges Dokument erhalten. Die alexandrinischen Astronomen haben die babylonischen Sternbeobachtungen von der Zeit des Königs Nabonassar (747-734) an übernommen und verwertet, und so sind sie auch uns im Almagest des Ptolemaeos erhalten. Sie waren natürlich nach babylonischer Weise datiert; die Tagdaten sind aber auf das von den griechischen Astronomen ausschließlich benutzte aegyptische Wandeljahr von 365 Tagen umgerechnet. Dagegen ist die Datierung nach babylonischen Königsjahren beibehalten. Mithin war, um sie verwerten zu können, eine Königsliste unentbehrlich, die uns in den astronomischen Handschriften erhalten und auch von der späteren Chronographie mehrfach benutzt ist, der sogenannte Ptolemaeische Kanon, dessen Daten somit astronomisch völlig exakt sind und sich denn auch an dem reichen aus dieser Zeit vorliegenden Material durchweg bestätigt haben. Man hat auch die Jahre durchgezählt und redet dann von einer Aera Nabonassars (beginnend nach aegyptischen Jahren am 1. Thout = 26. Februar 747); dadurch ist der Schein entstanden, als habe diese historisch gänzlich unbedeutende Regierung in der babylonischen Geschichte Epoche gemacht oder eine neue Dynastie begonnen. Zu ihrer Erklärung hat der christliche Chronograph Panodoros die absurde [352] Fabel erfunden, die auch gegenwärtig noch Gläubige findet, Nabonassar habe die Urkunden seiner Vorgänger vernichtet (Sync. p. 389, wo als Autoritäten dafür natürlich Alexander Polyhistor und Berossos angeführt werden, obwohl ja gerade Berossos selbst die vollständige Liste der früheren Könige gegeben hat!). – Neben den griechischen Quellen kommen natürlich für die Zeit von 745 ab auch die völlig authentischen, aber sehr dürftigen und lückenhaften Angaben des Alten Testaments in Betracht.


Beste Ausgabe des Ptol. Kanons bei WACHSMUTH, Einleitung in das Studium der Alten Gesch. 304f. [hinzu kommt der von NÖLDEKE bei SCHRADER, Ber. Berl. Ak. 1887, 947ff. mitgeteilte syrische Text des Elias von Nisibis]; über seine Anlage und sein Verhältnis zu den einheimischen Dokumenten Forsch. II 453ff. – Die Aera Nabonassars wird von Censorin de die nat. 21, 9 (als aegyptisch) erwähnt und hat auch bei Euseb. chron. I p. 7 eingewirkt, vgl. § 320 A. Panodoros, dem Synkellos (und andere byzantinische Chroniken) folgen, hat seine Daten mit den Auszügen aus Berossos und Ktesias (Kastor u.a.) verbunden, auch den Zoroaster eingemischt (Sync. p. 147ff. 169f. 172. 388ff.). Ich bemerke noch, daß die babylonische Chronik B (§ 318 A.) nicht mit Nabonassar 747 beginnt, wie oft behauptet wird, sondern mit Tiglatpileser IV, 745 v. Chr.


322. Von den neueren Werken über die Geschichte Babyloniens und Assyriens haben die älteren (Sir H. RAWLINSON, G. RAWLINSON, G. SMITH u.a., ferner MARCUS NIEBUHR, Gesch. Assurs und Babels 1857) nur noch historisches Interesse. Großen Wert besitzen auch jetzt noch die zahlreiche Einzelprobleme behandelnden und das Material übersichtlich zusammenstellenden Werke von EBERHARD SCHRADER, Keilinschriften und Geschichtsforschung 1878 und Die Keilinschriften und das Alte Testament, 2. Aufl. 1883; dazu kommt die Bearbeitung eines großen Teils der keilinschriftlichen Geographie durch FR. DELITZSCHW (unter dem Titel: Wo lag das Paradies? 1881). Sorgfältig und umsichtig hat TIELE, Babylonisch-assyr. Geschichte 1886f., das gesamte historische Material gesammelt und durchgearbeitet; ebenso namentlich für die älteren Zeiten HOMMEL, Gesch. Bab. und Ass. 1885. In den letzten Jahrzehnten [353] haben die Schriften HUGO WINCKLERS vielfach neue Anregung gebracht, wenn auch nur zu häufig verbunden mit vorschnellen und unhaltbaren Kombinationen, zumal seit er, befangen in rückständigen mythologischen und religionsgeschichtlichen Theorien, in Babylonien die Heimat einer auf Deutung der Himmelserscheinungen beruhenden »orientalischen Weltanschauung« entdeckt zu haben glaubt, die alles irdische Handeln der Menschen beherrscht habe. Dadurch ist der Abriß der Geschichte und Geographie fast unbenutzbar geworden, den er in dem von ihm und ZIMMERN verfaßten Werk »Die Keilinschriften und das Alte Testament« 1903 (das sich fälschlich für eine dritte Auflage des gleichnamigen SCHRADERschen Werkes ausgibt) gegeben hat, während die Bearbeitung der babylonischen Religion durch ZIMMERN in demselben Werk eine sorgfältige und zuverlässige Darstellung der Tatsachen gibt. Für die Geschichte der Kultur und der Kunst fehlt es noch gänzlich an gründlichen Arbeiten, so reiches Material vorliegt. Die Bearbeitung der Kunstgeschichte durch PERROT und CHIPIEZ, Hist. de l'art II 1884, ist unzulänglich und durch neuere Funde überholt. Für das älteste Babylonien hat L. HEUZEY in seiner Publikation der Funde von Tello (§ 383) die Grundlagen geschaffen; daran schließt sich meine Arbeit: Sumerier und Semiten in Babylonien (Abh. Berl. Ak. 1906). – Für die Zeiten der assyrischen Großmacht hat sich das Material seit Jahrzehnten verhältnismäßig wenig vermehrt; für die altbabylonische Geschichte dagegen haben erst die Ausgrabungen der letzten 25 Jahre ein reiches, noch ständig anwachsendes Material erschlossen, für dessen geschichtliche Verwendung außer den Publikationen der Denkmäler selbst (§ 314) die Arbeiten von THUREAU-DANGIN und L. W. KING (vor allem Letters and inscriptions of Hammurabi, 1900, und Chronicles concerning early Bab. Kings, 2 vol., 1907) das Wichtigste geleistet haben. Die älteste Geschichte hat jetzt KING, a History of Sumer and Akkad, 1910 zusammenfassend bearbeitet.


Von WINCKLERS einschlägigen Arbeiten sind die wichtigsten: Unters. zur altoriental. Gesch., 1889; Geschichte Babyl. und Assyr., 1892. In [354] seinen Altorientalischen Forschungen (3 Bde., seit 1893) ist seine willkürliche und unmethodische Arbeitsweise immer stärker hervorgetreten, so daß sie sehr wenig haltbare Ergebnisse enthalten (ebenso vollends seine Geschichte Israels, 2 Bde., 1895ff.). Die zahlreichen Schriften, in denen er und seine Anhänger seine Ansichten in weiten Kreisen zu verbreiten gesucht haben, bedürfen hier keiner Aufzählung. – Die chronologischen Fragen sind durch C. F. LEHMANN, Zwei Hauptprobleme der altoriental. Chronol., 1898, wesentlich gefördert worden. – Brauchbares und Unhaltbares gemischt findet sich bei RADAU, Early Bab. History, 1900 [vgl. die Rezension von THUREAU-DANGIN, Z. Assyr. XV 402ff.]. – Über MÉNANTS Werke § 315 A.; über HOMMELS neueste Arbeit § 147 A. – In geistvoller Weise hat HERMANN SCHNEIDER, Kultur und Denken der Babylonier und Juden 1910 (vgl. § 158 A.), die innere Entwicklung von Staat, Religion und Kultur Babyloniens und Assyriens behandelt, mit gar manchen überkühnen Konstruktionen, die seine Darstellung der israelitisch-jüdischen Entwicklung in demselben Werke zu einem Zerrbild gemacht haben.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 337-355.
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