Königsliste

Königsliste

[364] Ich setze die in der Königsliste erhaltenen Namen und Zahlen der 3. und 4. Dynastie mit den für sie gewonnenen Daten hierher, indem ich zugleich die Daten bei CLAY (durch CL. bezeichnet; L. = Liste) beifüge und die danach nötigen Korrekturen vornehme; ferner habe ich die gleichzeitigen Assyrerkönige dazu gesetzt und ihren Stammbaum angegeben, so weit er feststeht. Eine Ergänzung der großen Lücke gehört nicht hierher und ist mit unserem Material nur sehr teilweise möglich (s.S. 366 u. 367). [Weiteres über die neuesten Arbeiten s. Bd. II.]

Im Widerspruch mit dieser Liste steht einzig die Angabe Naboneds (V R. 64 col. 3, 27. Keilinschr. Bibl. III 2, 106), daß Šagaraktiburiaš [verschrieben für –šuriaš], S. d. Kudurellil, 800 Jahre vor jenem, also um 1350, regiert habe, während er nach der Liste 1276-1264 regierte. Naboned hat also hier, wie auch sonst, durch kräftiges Abrunden nach oben stark übertrieben; korrekt wären etwa 720 Jahre.


327. Weit problematischer ist der Wert der Königsliste für die Zeit vor den Kossaeern. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß sie als fortlaufend gedacht, also nach ihr die zweite Dynastie auf die erste gefolgt ist. Alsdann wäre die zweite Dynastie nach den überlieferten Daten mit 368 Jahren auf 2128-1761, die erste mit 300 Jahren-die Liste gibt 304 Jahre, wird aber durch die Urkunden und die gleichzeitigen Verzeichnisse der Jahrnamen (§ 437) mehrfach berichtigt-auf 2428-2129 anzusetzen. Dem steht gegenüber, daß, während wir zahlreiche datierte Privaturkunden aus der Zeit der ersten und dann wieder aus der zweiten Hälfte der dritten Dynastie aus Nippur, Babel u.a. besitzen, sich bis jetzt, abgesehen von den gleich zu erwähnenden Urkunden des Ilumailu, auch nicht eine einzige Tafel aus der zweiten Dynastie gefunden hat. Das hatte schon mehrfach auf die Vermutung geführt, daß diese Dynastie lediglich in dem noch wenig erforschten Süden, im »Meerlande«, regiert habe und aus der Folge der Dynastien auszuscheiden sei; [364] und diese Vermutung ist durch mehrere Urkunden bestätigt worden, in denen ihr Begründer Ilumailu als Gegner des Samsuiluna und Abiešu von Babel, des 7. und 8. Königs der ersten Dynastie, erscheint. Eine Chronik, die allerdings nur Auszüge aus einem vollständigeren Werk gibt (KING II p. 22), nennt nach Samsuditana, dem letzten König der ersten Dynastie, sogleich Eagamil, den letzten König der zweiten Dynastie, und bezeichnet ihn lediglich als »König des Meerlandes«; mithin hat er nicht über Babel geherrscht. Nach seinem Tode bemächtigt sich Kaštiliaš I., der dritte König der kossaeischen Dynastie, seines Gebiets (§ 458); dadurch wird das Hinüberragen der zweiten Dynastie in die Zeit der dritten erwiesen. »König des Meerlandes«, nicht etwa König von Babel, heißt auch Gulkišar, der 6. König der zweiten Dynastie, in einer Urkunde des Ellilnadinbal, Sohnes des Nebukadnezar I., der in der vierten Dynastie um 1130 regierte. Gulkišar hat nach dieser Urkunde 700 Jahre vor Ellilnadinbal regiert, also um 1830, während er nach der Königsliste 1935-1881 regiert haben müßte: von der Ansetzung der zweiten Dynastie, wel che die Königsliste gibt, haben also Ellilnadinbal und seine Gelehrten nichts gewußt. Offenbar ist hier die Sachlage dieselbe, wie in der Hyksoszeit in Aegypten; gleichzeitige Dynastien sind in den späteren Königslisten in auf einander folgende umgewandelt worden. Es kommt noch hinzu, daß, während sonst alle in der Königsliste überlieferten Zahlen einen glaubwürdigen Eindruck machen und einen niedrigen Durchschnitt ergeben, die Zahlen für die zweite Dynastie äußerst hoch (für 11 Könige im Durchschnitt über 33 Jahre, bei der kräftigen ersten Dynastie dagegen nur etwas über 27 Jahre) und mehrfach ganz unmöglich sind: der erste König soll 60, der zweite 55 Jahre regiert haben, ebenso Gulkišar 55 und sein Nachfolger 50 Jahre. Hier lag also keine genaue Überlieferung vor, was bei einer mit Mühe sich behauptenden Nebendynastie begreiflich genug ist. Dem entspricht es, daß die Königsliste B zwar die Regierungszahlen der ersten Dynastie aufführt, aber bei der zweiten Dynastie überhaupt keine Zahlen gibt. Fraglich blieb nur, ob die zweite Dynastie für die Chronologie gänzlich auszuschalten sei, oder ob sie zwischen der ersten und dritten Dynastie wenigstens eine Zeit lang über Babel geherrscht habe. In der vorigen Auflage habe ich mich für die erstere Alternative entschieden, und daher die erste Dynastie auf 2060-1761 v. Chr. angesetzt. Dieser Ansatz schien durch eine chronologische Angabe über Assyrien aufs schönste bestätigt zu werden: König Salmanassar I. (um 1300 v. Chr., s. die Liste S. 366) erzählt, er habe den großen Tempel des Gottes Assur nach einer Feuersbrunst wieder aufgebaut, den vor 580 Jahren Samsiadad gebaut hatte. Dieser Samsiadad, nach einer Parallelinschrift Assarhaddons (die aber in den Daten stark abweicht) ein Sohn des Belkabi, nach den Inschriften seiner eigenen Bauziegel ein Sohn des Igurkapkapu (vielleicht Belkapkapu zu lesen und mit Belkabi identisch?), hätte also um 1880 regiert. Zuerst, berichtet Salmanassar I., sei der Tempel von seinem Urahnen Uspia (Auspia), dann aufs neue von Irisu erbaut worden; dann sei er in 159 Jahren bis auf Samsiadad verfallen und von diesem wiederhergestellt (vgl. § 463 A.). Danach würde Irisu um 2040 v. Chr. und sein Vater Ilusuma, den er auf Bauziegeln vom Assurtempel nennt, um 2060 v. Chr. anzusetzen sein. Und nun berichtet eine babylonische Chronik (KING Chronicles II 14), daß Ilusuma, König von Assur, gegen Suabu Krieg geführt habe; letzterer aber kann niemand anders sein als Sumuabu, der Begründer der ersten Dynastie von Babel, der nach den obigen Kombinationen etwa um 2060 zur Regierung gekommen sein würde. So schienen sich die beiden Datenreihen aufs beste zu vereinigen und die Ergebnisse gegenseitig zu stützen.


Daß die 2. Dynastie der 1. gleichzeitig war, ist schon früher öfter vermutet worden (z.B. von HOMMEL), dann von POEBEL, Z. Ass. 1906, 229ff., und RANKE (in Bab. Exped. VI 1 p. 8, 1) begründet (ihre Annahmen sind freilich nicht durchweg haltbar), und von KING, Chronicles I, auf Grund des von ihm veröffentlichten Chronikenmaterials erwiesen worden. Entgegen der von KING und mir vertretenen Auffassung haben [368] UNGNAD, ZDMG. 61, 714ff. Orient. Lit.-Z. X, 1907, 638 und THUREAU-DANGIN, Z. Ass. XXI 176ff., die 2. Dynastie wenigstens teilweise (etwa 160 Jahre lang) zwischen Dynastie 1 und 3 über ganz Babylonien regieren lassen, und so das von Berossos für den Antritt seiner 2. Dynastie gegebene Datum 2232 v. Chr. für den Beginn der keilinschriftlichen 1. Dynastie zu retten versucht; ähnlich SCHNABEL, Die bab. Chronol. des Berossos, Mitt. Vorderas. Ges. 1908. Wenn diese Auffassung sich auch jetzt als wahrscheinlich richtig erweist, so kann ich doch die Art, wie sie die ganz unhaltbaren Daten der Königsliste für Dyn. 2 verwenden, nicht für richtig halten. [Daß die Liste B als Summe der Dynastie »10 Könige der Dyn. von Šešcha« gibt, obwohl sie 11 aufzählt, ist ein Schreibfehler, dem ich kein Gewicht beilegen kann, wie das KUGLER, Sternkunde II 309f. tut; eher ist verdächtig, daß die 2. Dyn. auch 11 Könige hat wie die 1.]-Inschrift des Ellilnadinbal: HILPRECHT, Babyl. Exped. I 1, pl. 30f. Assyriaca (1894) p. I ff. [gegen OPPERT, Z. Ass. VII 360ff.], vgl. ferner JENSEN, Gött. Gel. Anz. 1900, 859f. u.a. Die Inschrift, eine Entscheidung über ein von Gulkišar der Göttin Ninâ geschenktes Gebiet bei Dêr, stammt aus dem 4. Jahre des Ellilnadinbal; sie gibt an, daß von Galkišar bis auf des letzteren Vorgänger Nebukadnezar I. 696 Jahre verflossen seien; deutlich sind also von Gulkišar bis zum Jahre 4 des Ellilnadinbal 700 Jahre in runder Zahl gerechnet. – Über die assyrischen Daten s. § 463 A.

328. Aber diesen Kombinationen steht entgegen, daß neuerdings KUGLER für die erste Dynastie aus astronomischen Angaben ein ganz anderes, um 165 Jahre höheres Datum gefunden hat. In der Bibliothek Assurbanipals sind zweimal-das eine Mal auf der 63. Tafel des großen astrologischen Sammelwerks, das andere Mal verbunden mit daran angefügten schematischen Berechnungen-Angaben über das erste Erscheinen und Verschwinden der Venus am Morgen-und Abendhimmel und die dazwischenliegende Zeit der Unsichtbarkeit erhalten (verbunden mit astrologischen Prophezeiungen), die auf wirklicher Beobachtung beruhen. Sie umfassen 21 Jahre und haben beim 8. Jahr den Namen des 8. Jahres Ammiṣaduqa's, des 10. Königs der ersten Dynastie, erhalten; und dieser König hat in der Tat 21 Jahre regiert. Auch die Schaltjahre, die sich aus ihnen ergeben, stimmen mit den aus der Urkunde bekannten Schaltjahren seiner Regierung überein. Somit liegen den Daten der Tafeln zweifellos Originaldokumente [369] aus seiner Zeit zu Grunde. Da die Monatsdaten zugleich den Stand des Mondes bezeichnen, ist es KUGLER möglich geworden, die betreffenden Jahre zu berechnen. So kommt er für Ammiṣaduqa auf die Jahre 1977-1957 v. Chr.; zwei andere Ansätze, die nach den Venusdaten gleichfalls möglich wären (2041-2021 oder 1858-1838), scheiden deshalb aus, weil in den Urkunden der Nisan als der eigentliche Erntemonat erscheint, also sich im wesentlichen mit dem Mai (gregorianisch) decken muß (eine zu starke Verschiebung wurde dann immer wieder durch den Schaltmonat ausgeglichen). Das ist bei dem Ansatz auf 1977ff. der Fall, wo er im Durchschnitt Ende April beginnt, während er nach Ausweis der für das Erscheinen der Venus gegebenen Daten bei dem Ansatz auf 2041ff. beträchtlich später, bei dem Ansatz auf 1858ff. dagegen mehr als einen Monat früher, also vor die Ernte fallen würde. – Die astronomische Grundlage dieser Kombinationen kann ich natürlich nicht nachprüfen, so wenig wie die Korrekturen, die KUGLER an einigen zweifellos falschen Angaben der Tafeln vornehmen muß; wenn sie richtig sind, so scheint das Ergebnis zwingend zu sein. Alsdann ergeben sich für die erste Dynastie die Jahre 2225-1926 v. Chr., und zwischen ihrem Ende und dem Beginn der dritten Dynastie ein Intervall von rund 165 Jahren (1925-1761), das durch die Invasion der Chetiter am Ende der ersten Dynastie und durch die Herrschaft der Könige aus der Mitte der zweiten Dynastie ausgefüllt sein muß-denn die ersten Könige dieser Dynastie sind, wie wir gesehen haben, mit denen der ersten, die letzten mir denen der dritten gleichzeitig. Zu diesem Ansatz würde das in der Inschrift des Ellilnadinbal (§ 327) gegebene Datum für Gulkišar (wahrscheinlich für das Ende seiner Regierung) ca. 1830 v. Chr. ganz gut passen; im übrigen aber läßt sich die Chronologie der zweiten Dynastie im einzelnen nicht herstellen, da die in der Königsliste gegebenen Daten, wie schon erwähnt, zum Teil ganz unmöglich sind. Auch daß Naboned angibt, Chammurapi habe 700 Jahre vor Burnaburiaš (ca. 1381-1357, s. die Liste S. 366) den Tempel von Sippara [370] erbaut, also um 2080, stimmt sogar in überraschender Weise zu KUGLERS Daten, nach denen Chammurapis Regierung im Jahre 2081 endete, genau 700 Jahre vor Burnaburiaš' Antritt. Dagegen würde sich Assurbanipals Angabe, 1635 Jahre vor seiner Eroberung Susas (um 645) habe der elamitische Eroberer Kudurnanchundi das Bild der Nanaia aus Uruk weggeschleppt, also um 2280 v. Chr., damit nicht vertragen, falls dieser elamitische Eroberer mit Kudurmabuk und seinem Sohn Rimsin zu verbinden ist, die kurz vor Chammurapi, also um 2150, regierten (§ 440f.). Doch ist diese Kombination wahrscheinlich falsch; und Kudurnanchundi wird vielmehr in die Zeit der Dynastie von Isin gehören (§ 434). Mit Berossos' Datum für den Beginn seiner zweiten Dynastie (2232 v. Chr.) berührt sich das KUGLERsche Datum für den Beginn der ersten Dynastie von Babel (2225) so nahe, daß an der Identität beider Daten wohl nicht zu zweifeln ist, so wenig sich die weiteren Angaben der Liste des Berossos mit den Monumenten und den keilschriftlichen Königslisten in Einklang bringen lassen. – Große Schwierigkeiten dagegen bieten die § 327 besprochenen assyrischen Daten; denn man wird sich schwer entschließen, außer dem bisher bekannten Ilusuma, dem Vater des Irisu, noch einen anderen in der Zeit des Sumuabu (2225) anzunehmen, und kann jenen doch kaum noch anderthalb Jahrhunderte höher ansetzen als das von Salmanassar I. für ihn gegebene Datum; und ebensowenig ist über die verschiedenen Herrscher des Namens Samsiadad Klarheit zu gewinnen. Ein weiterer sehr ernstlicher Anstoß ist, daß, während wir aus der Zeit des Reichs von Sumer und Akkad und der ersten Dynastie und selbst aus noch weit älterer Zeit datierte Tontafeln (Privaturkunden) in sehr großer Zahl besitzen, und ebenso wieder aus der späteren Zeit der dritten Dynastie, sich aus der Zeit der zweiten Dynastie bisher auch nicht eine einzige gefunden hat, weder in Nippur noch in Sippara oder Babel oder sonst irgendwo, und ebensowenig sonst ein Dokument. Da wir aus den ersten vier Jahrhunderten der dritten Dynastie (genauer 1760-1381) gleichfalls [371] keine einzige derartige Urkunde und nur ganz vereinzelte sonstige Inschriften besitzen, so umfaßt, wenn KUGLERS Daten richtig sind, die große Lücke in den Denkmälern und Urkunden mehr als ein halbes Jahrtausend (1925-1380). Wenn wir daher auch die von KUGLER gewonnenen Daten annehmen und allen weiteren Berechnungen zu Grunde legen werden, scheint doch die Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen, daß sie sich noch einmal als unhaltbar erweisen werden: hier können erst neue Funde, welche über diese große Lücke unseres Wissens weitere Aufklärung bringen, die volle Sicherheit gewähren.


KUGLERS Berechnung (auf Grund der Tafel III R. 63 und des Paralleltextes): Sternkunde und Sterndienst in Babel II 2, Heft 1, 1912, S. 257ff. – Naboned über Chammurapi: Keilinschr. Bibl. III 2, 83. 91 = Neubab. Königsinschriften, übers. von LANGDON S. 238. 244.


329. Vor dem von eingedrungenen Amoritern begründeten Reich von Babel liegt das Reich von Sumer und Akkad, unter mehreren Dynastien, und vor diesem das Reich des Sargon und Naramsin von Akkad. Die Überreste der Chroniken, die von dieser Zeit handeln, sind früher (§ 318) schon erwähnt. Aus den zahlreichen Daten der Privaturkunden und einzelnen erhaltenen Jahrlisten (vor allem für Dungi und seine Nachfolger) hatte THUREAU-DANGIN Folge und Zeitdauer der wichtigsten Herrscher richtig bestimmt; seine Ergebnisse sind durchweg bestätigt und wesentlich ergänzt worden durch ein 1906 von HILPRECHT veröffentlichtes Bruchstück einer Königsliste aus Nippur, das ein vollständiges Verzeichnis der Könige der beiden ersten Dynastien von Sumer und Akkad gibt:

Dynastie von Ur, 5 Könige 117 Jahre (erster König Urengur),

Dynastie von Isin, 16 Könige 2251/2 Jahre (letzter König Damiqilišu).

Das Ende dieser Dynastie ist durch die Eroberung Isins durch Rimsin von Larsa herbeigeführt worden (§§ 418. 443); und diese ist entweder identisch mit derjenigen Eroberung Isins, nach der das siebzehnte Jahr des Sinmuballit von Babel, des Vaters [372] Chammurapis, seinen Namen hat, oder, falls damals wirklich der babylonische König selbst die Stadt erobert, aber den letzten Herrscher der alten Dynastie noch in ihrem Besitz gelassen hat, spätestens drei bis vier Jahre danach durch Rimsin erfolgt. Das siebzehnte Jahr Sinmuballiṭs ist nach KUGLER 2127 v. Chr.; somit ergeben sich für die Dynastie von Isin 2352-2127, für die von Ur 2469-2353 (oder eventuell drei bis vier Jahre später).


HILPRECHTS Königsliste: Bab. Exped. XX 1, 1906, 39ff. Die von ihm p. 50 Anm. aufgestellte Annahme, daß die Eroberung von Isin im 17. Jahre des Sinmuballit mit der durch Rimsin identisch sei und das Ende des Reichs von Isin bezeichne, habe ich in der vorigen Auflage angenommen (ebenso RANKE und UNGNAD, Orient. Lit.-Z. X 110. XI 66), während THUREAU-DANGIN (Orient. Lit.-Z. X 256; J. as. 10 série, 14, 337) und KING (Hist. of Sumer and Akkad 316ff.) das Ende der Dynastie von Isin wesentlich früher, vor das Aufkommen der Dynastie von Babel, setzen wollten. Jetzt hat THUREAU-DANGIN ein neues Datum veröffentlicht (rev. d'Ass. VIII 1911, 82), welches zeigt, daß Damiq-ilišu, der letzte König von Isin, in der Tat von Rimsin besiegt worden ist; somit kann nur noch zweifelhaft sein, ob diese Eroberung mit dem Datum des Sinmuballiṭ identisch oder kurz darauf, spätestens gleich nach Sinmuballiṭs Tode, erfolgt ist.


329a. Für die ältere Zeit waren bis vor kurzem Königslisten nicht bekannt, obwohl sie zweifellos auch für diese Zeit existiert hatten. Berossos hat die ältesten Könige zu einer halbmythischen Dynastie von 76 Königen nach der Flut mit 34090 Jahren zusammengefaßt. Ähnlich sind auf einer teilweise erhaltenen Tafel der Bibliothek Assurbanipals »die Könige nach der Flut« bis in die Kossaeerzeit und weiter hinab ungeordnet zusammengestellt und ihre Namen erläutert. In der Königsliste aus Nippur und der Chronik S (KING, Chronicles II 46ff.) waren sie in chronologischer Folge aufgezählt; doch ist davon fast nichts mehr erhalten. Lange bekannt war Naboneds Angabe, Naramsin, der Sohn des Sargon von Akkad, habe 3200 Jahre vor seiner Zeit regiert, also um 3750 v. Chr.; aber es ist jetzt allgemein anerkannt, daß zwischen ihm und Urengur von Ur (2470) nur wenige Jahrhunderte, [373] aber unmöglich fünf Vierteljahrtausend gelegen haben können, daß sich also Naboneds Gelehrte um rund ein Jahrtausend vergriffen haben. Aus der Zeit vor Sargon von Akkad besitzen wir, neben manchen sporadischen Texten aus Nippur, vor allem zahlreiche Denkmäler und Urkunden aus Tello (Lagaš), die von König Urninâ bis auf die Eroberung von Lagaš durch Lugalzaggisi hinab etwa zwei Jahrhunderte umfassen; vor Urninâ liegen einige wenige noch ältere Denkmäler. Der Abstand Lugalzaggisis von Sargon war bisher nicht bekannt, konnte aber nicht sehr groß sein. Jetzt (1911) hat SCHEIL eine neue Königsliste der ältesten Zeit veröffentlicht, welche unter der ersten Dynastie von Babel geschrieben ist; sie zählt folgende Dynastien auf:

1. Dynastie von Opis: 6 Könige mit 97 Jahren.

2. Dynastie von Kiš: 8 Könige mit 586 Jahren [die Einzelposten ergeben nur 192 Jahre].

3. (Erste) Dynastie von Uruk: Lugalzaggisi, 25 Jahre.

4. Dynastie von Akkad: 12 Könige mit 197 Jahren (beginnt mit Sargon).

5. (Zweite) Dynastie von Uruk: 5 Könige mit 26 Jahren.

Die Tafel schließt mit der Angabe, daß dann eine Dynastie der Gutaeer, eines Kriegerstammes aus dem Zagros, gefolgt sei. Einige dieser fremden Könige sind uns bekannt; ihrer Herrschaft hat ein König von Uruk ein Ende gemacht (§ 411b). Auf diesen muß alsbald die Gründung des Reichs von Sumer und Akkad durch Urengur gefolgt sein. Hier klafft also in unserem chronologischen Wissen noch eine sehr empfindliche Lücke; doch wird man den Abstand zwischen dem Ende der Dynastie von Akkad und Urengur nach unserem jetzigen Material schwerlich auf mehr als ein Jahrhundert schätzen. Bei dieser Annahme und unter der Voraussetzung, daß die Daten der SCHEILschen Liste hier zuverlässig sind, würden sich für das Reich von Akkad ca. 2775-2575, für Lugalzaggisi 2800 v. Chr. ergeben. – Für die vor diesem liegende Zeit dagegen sind die Angaben der neuen Liste historisch nicht mehr verwertbar. Zwar kennen auch die Denkmäler dieser [374] Zeit Könige von Kiš und von Opis; aber deren Namen kommen in der Liste nicht vor, und die Angabe, die Dynastie von Kiš sei von einer Schankwirtin Azagbau gegründet, die 100 Jahre regiert habe, ist völlig sagenhaft. Überdies stimmen die Einzelposten nicht zur Gesamtsumme. Offenbar haben die Gelehrten, welche diese Liste aufgestellt haben, noch einzelne geschichtliche Nachrichten aus dieser ältesten Zeit gehabt, aber keine zusammenhängende Überlieferung und noch weniger genaue chronologische Daten. Wäre uns von der Überlieferung noch mehr erhalten-denn die Dynastie von Opis, mit der die Tafel beginnt, ist natürlich nicht die erste gewesen, von der man erzählte, sondern ihr müssen andere bis zur Flut hinauf vorangegangen sein –, so würden wir das allmählich immer stärker werdende Hervortreten rein sagenhafter Gestalten noch klarer erkennen können. Für die Geschichte dürfen wir uns nur an die authentischen Angaben der gleichzeitigen Denkmäler und Inschriften halten. Dann ergibt sich, daß wir König Urninâ auf rund 3000 v. Chr. anzusetzen haben (250 Jahre früher, als ich ihn in der vorigen Auflage datierte). König Mesilim von Kiš, die älteste Gestalt, die wir einigermaßen erfassen können, mag noch rund ein Jahrhundert älter sein. Über ihn reichen vielleicht noch ein paar der bisher gefundenen Denkmäler und Herrschernamen (§ 384), sowie die ältesten Tontafeln hinaus. Somit ragen die ältesten bis jetzt aus Babylonien bekannten Denkmäler bis in die letzten Jahrhunderte des vierten Jahrtausends hinauf, d.h. bis in die Zeit, da die Thiniten über Aegypten herrschten.


Die neue Königsliste: SCHEIL, Comptes rendus de l'ac. des inscr. Oct. 1911, 606ff. [dazu Nachtrag rev. d'Ass. IX 81]; behandelt von HROZNY, Die ältesten Dynastien Babyloniens, Wiener Z.-Kde. d. Morgenl. XXVI und THUREAU-DANGIN, rev. d'Ass. IX 33ff. 73ff.; weiters in meinem Aufsatz: Zur ältesten Geschichte Babyloniens, Ber. Berl. Ak. 1912, 1062ff. – Namen der Könige nach der Flut: PINSCHES, PSBA. III 37ff. V R. 44; DELITZSCH, Sprache der Kossaeer 19ff. – HILPRECHT, Bab. Exped. XX 1 p. 40 berechnet, daß auf der von ihm publizierten Liste vor der Dynastie von Ur [obere Hälfte von Col. 4] noch etwa 135 Namen gestanden [375] haben müssen. Wie viele von diesen rein mythische Gestalten waren, läßt sich natürlich nicht sagen. – Naboned über Naramsin: Keilinschr. Bibl. III 2, 104 (LANGDON, Neubab. Königsinschriften 226); in den Paralleltexten ib. 107. 111. 115 (LANGDON S. 230. 246. 264) bezeichnet er ihn lediglich als einen König der fernen Vorzeit. – In der vorigen Auflage hatte ich Sargon um 2500, Lugalzaggisi um 2575-2550, Urninâ um 2750 angesetzt; diese Daten müssen jetzt auf Grund des KUGLERschen Ansatzes der ersten Dynastie, sowie infolge der Vergrößerung des Intervalls zwischen Sargon und Urengur von 200 auf 300 Jahre um rund 270 Jahre erhöht werden, während sich das Intervall zwischen Lugalzaggisi und Sargon und daher auch zwischen Urninâ und Sargon um 50 Jahre vermindert.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 364-366,368-377.
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