Mesopotamien. Die Anfänge der Assyrer. Kappadokien

[605] 433. In der weiten Steppenlandschaft des Euphrat und Tigris (dem Lande Subartu § 395) mit ihrer den Kleinasiaten (Mitani, Chetitern) verwandten Bevölkerung hat sich die akkadische Kultur und Sprache weithin ausgebreitet, ohne Zweifel gefördert durch semitische Elemente, die auch hier in die einzelnen Ansiedlungen eingedrungen sind und vielfach bereits zur Herrschaft gelangt sein mögen. Von manchen der kleinen Staaten, die hier bestanden, bald in voller Selbständigkeit, bald den Königen von Sinear untertan, ist vereinzelte Kunde auf uns gekommen. Besonders bedeutsam tritt uns das Fürstentum Chanaam Euphrat, unterhalb der Chaborasmündung, entgegen, wo sich in der Hauptstadt Tirqa nach Ausweis mancher Geschäftsurkunden Leben und Staat ganz wie in den Städten Sinears gestaltet hatte; die Königsnamen gehören zum Teil der älteren Bevölkerung an, aber die Namen der Privatpersonen sind vorwiegend westsemitisch, die Hauptgötter der Sonnengott (Šamaš) und Dagan, der sich ja auch in Assur sowie bei der Dynastie von Isin findet. – Auch [605] Charrân (Karrhae) am oberen Belichos ist offenbar eine recht alte semitische Ansiedlung, wenn wir auch Denkmäler hier nicht besitzen; der Mondgott, der hier eine große Kultusstätte hat und ursprünglich der kleinasiatischen Bevölkerung angehören mag (§ 483), führt wie in Sinear den Namen Sin. – Im Gebiet des Tigris liegt am 'Adêm (Physkos) das Fürstentum Churšitu, unter Dungi ein Vasallenstaat (§ 414); später hat dann hier ein König Puchia, Sohn des Asiru, einen Palast gebaut, von dem sich Ziegel erhalten haben. Weiter nördlich, bei Kerkûk, sind wohl die Fürstentümer Ganchar (König Kisâri) und Malgû (König Ibiq-ištar) zu suchen, von denen vereinzelte Denkmäler vorliegen. Von einem anderen Fürstentum »von Urkiš und Nawar« gibt eine Kupfertafel seines Königs Arisen etwa aus der Mitte des dritten Jahrtausends Kunde, mit einer Weihinschrift an Nergal, die sich in Samarra am Tigris gefunden haben soll. Der Name Ari-sen zeigt die charakteristische Bildung der Mitaninamen, und ähnliche Namen finden sich in Babylonien seit den Zeiten des Reichs von Sumer und Akkad nicht selten. Ebenso haben einzelne Gottheiten dieser nördlichen Bevölkerung, wie die Göttin Išchara, die in Skorpionengestalt gebildet wird (§ 427), schon früh in das Pantheon von Sinear Aufnahme gefunden.


Reich von Chana [der Name ist identisch mit Chanigalbat § 465]: in den Urkunden heißt seine Hauptstadt Tirqa, und in dieser hat der Assyrerkönig Samsiadad (§ 464) dem Dagan einen Tempel gebaut: CONDAMIN, Z. Assyr. 21, 247 nebst BEZOLDS Bemerkungen S. 251. Der Stein stammt aus Tell 'Išâr bei Ṣalchije, südlich von der Chaborasmündung-nach Mitteilungen HERZFELDS ein großer Teil, von dem der Euphrat die eine Seite abspült, mit zahlreichen Überresten, die bis in die praehistorische Zeit und die archaische Zeit Sinears hinaufragen. Auch andere Tafeln von Chana sind in dieser Gegend gefunden, so daß dessen Lage dadurch bestimmt ist (vgl. auch § 454. 464). Bekannt sind bisher: Kontrakt aus Tirqa aus dem Jahr, wo König Išarlim, Sohn des Ibimarduk, das große Tor des Palastes der Stadt Kašdach baute, mit zahlreichen Personennamen: THUREAU-DANGIN, Rev. d'Ass. IV 85; Verkauf eines Grundstücks in Tirqa, mit Eidschwur bei den Göttern Šamaš, Dagan, Idurmer und dem König Kaštiliašu, aus dem »Jahr, wo König Kaštiliaš das Recht festsetzte« (vgl. § 421): THUREAU-DANGIN, J. As. Juli 1909, 149ff. [606] Vgl. SAYCE, PSBA. 34, 52 [wie kommt aber der kossaeische Königsname hierher?]. Schenkung eines Grundstücks durch König Ammibail, Sohn des Šunu'rammu (mit Eid bei denselben Göttern und dem König) aus dem Jahr seiner Thronbesteigung: UNGNAD, Urk. aus Dilbat, Beitr. zur Ass. VI, S. 26ff.; Vertrag aus dem «Jahr, wo König Chammurapich [dessen Identität mit dem König von Babel THUREAU-DANGIN mit Recht bestreitet] den Kanal Chabur-ibal-bugaš öffnete», also einen Kanal am Chaboras: JOHNS, PSBA. XXIX 177; Grüner Stein des Tukulti-mêr, König von Chana, Sohn des Ilušaba: PINCHES, Transact. Soc. Bibl. Arch. VIII 352. – Churšitu: semitische Ziegelinschrift des Puchia SCHEIL, Rec. 16, 186. 19, 61. Vorderas. Schriftdenkm. d. Berl. Mus. I 115. TH.-D. S. 172. – Ganchar: § 414 A. – Inschrift von Malgû Vorderas. Schriftdenkm. I 32; ebenda Tontafeln von Kerkûk. – Inschrift des Arisen: THUREAU-DANGIN, Rev. d'Ass. IX 1ff. Ebenda Mitaninamen aus den Tafeln von Drehem; desgleichen aus der 1. Dynastie: UNGNAD, Urk. von Dilbat (Beitr. z. Assy riol. VI 5) S. 8ff.; vgl. § 454 A. – Išchara kommt in Babylonien recht häufig vor; auf den Kudurrus ist der Skorpion ihr Symbol, § 427. Auffallenderweise findet sie sich auch unter den Göttern in der elamitischen Inschrift Naramsins in Susa (§ 402 a) in der Form Ašchara. Aber sie ist ursprünglich eine chetitische Göttin: Vertrag mit Ramses II. Zl. 30 (W. M. MÜLLER, Mitt. Vorderas. Ges. 1902, 5 S. 19. 39, vgl. § 481), geschrieben 's-chr, zuerst wohl von SAYCE erkannt; ferner auf dem bilinguen Cylinder des Indilimma, »Diener der Išchara« SAYCE, Rec. 15, 28. MESSERSCHMIDT, Corpus inscr. hetit. (Mitt. Vorderas. Ges. 1900), Taf. 45, 8, sowie in den Texten aus Boghazkiöi (WINCKLER, Orient. Lit.-Z. 1906).


433 a. Auch das Assyrerreich, das später alle diese Kleinstaaten weitaus überflügelt hat, hat den gleichen Ursprung. Es ist erwachsen aus der Stadt Assur, einer Ansiedlung auf einer aus der Einöde an den Fluß vorspringenden, nach Norden steil abfallenden Höhe am Westufer des Flusses, gegenüber der Landschaft zwischen den beiden Zab. Ursprünglich war es von einer kleinasiatischen Bevölkerung bewohnt; denn dieser gehören die beiden Herrschernamen an, die uns als die ältesten überliefert werden, Auspia (Uspia), der erste Erbauer des Tempels Assurs, und Kikia, der erste Erbauer der Stadtmauer. Diese Namen bestätigen die anthropologische Beobachtung, daß der physische Typus der Assyrer eine Mischung aus kleinasiatisch-armenischen und semitischen Elementen zeigt. Wenn dann später Assarhaddon als Begründer des Reichs und [607] ältesten seiner Ahnen den Ellilbâni Sohn des Adasi nennt, so mag die Tradition darin den Namen des ältesten semitischen Herrschers von Assur bewahrt haben. Aber dieser Wechsel hat sich hier wie anderswo ohne scharfen Bruch vollzogen, da die semitischen Herrscher das Andenken ihrer stammfremden Vorgänger in Ehren gehalten haben. Die Semiten lassen sich, wie später die Aramaeer und dann in der hellenistischen und römischen Zeit die Araber, in den Ortschaften als Händler und Viehzüchter nieder oder gelangen als Söldner dorthin, und ihre Häuptlinge mögen dann oft durch Heirat und Erbschaft auf den Thron gelangt sein, wie vielleicht auch die Könige mit semitischen Namen in den Dynastien von Ur und Isin und vorher schon die semitischen Könige von Kiš. – Im übrigen aber liegen die Anfänge der Assyrer auch jetzt noch ganz im Dunklen, trotz der reichen Ergebnisse der systematischen deutschen Aufdeckung der Stadt Assur. Ihr Name ist identisch mit dem des Volks und seines Gottes. In älterer Zeit wird derselbe Asir (Ašir) geschrieben; Assur scheint eine spätere Trübung der Aussprache zu sein. Wie das Volk selbst mag auch sein Name nichtsemitischen Ursprungs sein; trotzdem kann er mit dem Namen des Landes Ašer in Palaestina (aus dem später ein israelitischer Stamm geworden ist) und mit dem heiligen Pfahl Ašera (Ašrat) und der in ihm hausenden Göttin der Amoriter zusammenhängen. Mit diesen und den anderen semitischen Stämmen Mesopotamiens (vgl. § 395) werden diejenigen Semiten eng verwandt sein, die in Assur die ältere Bevölkerung so völlig aufgesogen haben, daß sich später von ihrer Sprache und ihren Namen keine Spur mehr findet. Neben Assur und einer großen als Istar bezeichneten Göttin wird vor allem das eng verbundene Götterpaar Anu und Adad (Hadad) verehrt, letzterer der Gewittergott der Amoriter, Anu der semitische Himmelsherr (§ 348), der hier wie in Akkad den Namen des sumerischen Himmelsgottes erhalten hat. Auch Dagan ist ein assyrischer Gott. Daneben ist der sumerische Ellil übernommen, der dann oft einfach als Bel »der Herr« bezeichnet wird. Auch sonst [608] ist mit der Kultur Sinears dessen Pantheon von der offiziellen Religion rezipiert; und dem Assur wird, wie den babylonischen Göttern, in seinem Heiligtum eine gewaltige Ziegelpyramide aufgetürmt, die den sumerischen Namen Echarsagkurkura »Haus des Berges der Länder« trägt. Der Grundriß des ältesten Tempels stimmt ganz mit den babylonischen und zeigt wie diese eine breitliegende Cella, nicht einen Langraum wie die späteren assyrischen Tempel. Noch bezeichnender ist, daß man in Assur, obwohl hier anders als in Sinear Steine bequem zu beschaffen waren, doch bis zum Beginn des ersten Jahrtausends immer nur Ziegelbauten aufgeführt hat.


Daß der Typus der Assyrer in ihren Skulpturen nicht rein semitisch ist, sondern ebenso wie der jüdische Typus namentlich in den Nasen kleinasiatisch-armenischen Einfluß zeigt, hat v. LUSCHAN seit langem ausgeführt; jetzt wird es durch UNGNADS Nachweis, daß die ältesten Königsnamen »Mitani«-namen sind (Unters. zu den Urk. v. Dilbat, Beitr. zur Assyr. VI 5, S. 13), bestätigt. – Ellilbâni, Sohn des Adasi: SMITH, ÄZ 1869, 93, vgl. BEZOLD, Bab.-assyr. Literatur S. 107 n; Assarhaddonstele von Sendjirli rev, Zl. 18. – Unterschiede zwischen assyrischen und babylonischen Tempeln: ANDRAE, Der Anu-Adad-Tempel in Assur S. 83f.; derselbe, MDOG. 43, 43. 44, 42, über den ältesten Tempel Assurs.


434. Ohne Zweifel sind die ältesten Herrscher von Assur Vasallen der Könige von Sumer und Akkad (und vielleicht schon ihrer Vorgänger) gewesen, wenn sie sich auch in dieser Zeit noch nicht nachweisen lassen. Sie führen noch Jahrhunderte später den Titel patesi (assyr. issakku); dann kommt daneben, oft in regellosem Wechsel, der Königstitel auf. Der Titel patesi Asir ist, wenn er auch zunächst die Abhängigkeit von dem König in Sinear ausdrücken mag, doch von den Herrschern selbst durchaus religiös aufgefaßt worden, wie in Lagaš und sonst (§§ 380. 388), als »Stellvertreter Assurs«; daher wird hier der Name Assur fast immer mit dem Gottesdeterminativ geschrieben. Sehr häufig nennen sich die Herrscher außerdem, oder auch ausschließlich, »Priester (sangû) des Assur«; Salmanassar I. unternimmt seinen ersten Kriegszug »zu Anfang seines Priestertums«, und noch die späteren Großkönige führen mit Vorliebe Priestertitel. So wird das Fürstentum von Assur [609] wohl wie die alten Stadtfürstentümer von Sinear (§ 380) aus einem Priestertum des an dieser Stätte hausenden Gottes hervorgegangen sein. Dadurch dürfte sich auch erklären, daß das Jahr hier nicht nach äußeren Ereignissen oder nach Regierungsjahren benannt wird, sondern nach wechselnden Jahrbeamten, ein Brauch, der sich gelegentlich auch im ältesten Sinear findet (§§ 377. 385). Das weist auf eine ursprüngliche Verfassung hin, in der gewählte Magistrate neben den erblichen Priestern standen, wie in Sparta die Ephoren neben den Priesterkönigen; allmählich haben dann diese das Übergewicht erhalten, vor allem auch, weil ihnen die Kriegführung zustand: im Kampf mit den Feinden werden sich die waffenfähigen Mannen um das Banner des Gottes geschart haben, der in den Inschriften immer in erster Linie der Kriegsgott ist. – Ob die Assyrer schon im dritten Jahrtausend ihre Macht auf die Gebiete östlich vom Tigris ausgedehnt haben, wissen wir nicht; hier lag Assur gegenüber am Fuß des Gebirgs die semitische » Viergötterstadt« Arbela, weiter nördlich, jenseits des großen Zab, die Stadt Ninua, die einen nichtsemitischen Namen führt (von uns nach der masoretischen Vokalisation fälschlich Ninive genannt), beides Sitze mächtiger Göttinnen, der Istar von Arbela und der Istar von Ninua. – Der älteste Herrscher von Assur, abgesehen von den Urkönigen, von dem wir Kunde haben, ist Ilusuma, der nach einer Chroniknotiz mit Suabu, d.i. Sumuabu, dem Begründer des amoritischen Reichs von Babel, Krieg geführt hat (§ 437), also um 2225 regiert haben müßte (s. § 463).


Über die Eponymen s. § 324, und zu B. BOCKELMANNS Hypothese Z. Ass. XVI § 323 A. In späterer Zeit ist das Eponymat (limmu), wie das Consulat im römischen Kaiserreich, zu einem Ehrenamt geworden, das der König und seine höchsten Beamten in einer durch das Herkommen geregelten Reihenfolge bekleiden; aber die selbständige Stellung der höchsten Beamten der Stadt zeigen auch noch die merkwürdigen Stelen aus Assur (§ 356 A.).


435. Aber an die Anfänge der Assyrer knüpfen noch weit verwickeltere Probleme an. In weiter Ferne von Assur, [610] im späteren Kappadokien, vor allem in dem Hügel Kültepe östlich von Kaisarije (Mazaka) im Süden des Halys, sind zahlreiche Tontafeln mit Keilschrift, Urkunden des Geschäftslebens, zu Tage gekommen. Schrift und Sprache ist altbabylonisch, mit lokalen Besonderheiten, die auch in den auf den Tafeln abgedruckten Siegeln hervortreten; die Personen aber tragen großenteils assyrische, namentlich mit Ašir oder Ašur gebildete Namen (beide Schreibungen stehen neben einander) – andere Namen mögen der kleinasiatischen Bevölkerung angehören –; datiert sind die Urkunden zwar nach einem sonst nicht bekannten Kalender, aber zugleich nach assyrischen Eponymen. Also stammen sie aus einer Zeit, in der der assyrische Staat bereits in seiner Eigenart bestand; und zugleich ist klar, daß es sich hier nicht um einen assyrischen Vasallenstaat handeln kann, sondern nur um ein unmittelbar zu Assyrien gehöriges Gebiet. Dazu stimmt, daß in der älteren griechischen Geographie, bis auf die Perserzeit hinab, das Küstenland zu beiden Seiten des Halys, von Sinope bis etwa zur Irismündung, Assyrien heißt, und daß sie daher auch die Bewohner des späteren Kappadokiens Syrer (verkürzt aus Assyrer) oder auch, zum Unterschied von den Syrern südlich vom Taurus, »weiße Syrer« (Leukosyrer) nennt. In späterer Zeit sind die Assyrer, soweit unsere Kunde reicht, nur noch unter Tiglatpileser I. um 1120 ans Schwarze Meer vorgedrungen, das sie in den Zeiten der eigentlichen Großmacht niemals mehr erreicht haben; die assyrische Kolonisation muß also in sehr frühe Zeit fallen und sehr intensiv gewesen sein, wenn sich ihr Name unter fremder Herrschaft noch so lange erhalten hat. Da in den Jahrhunderten vor Tiglatpileser I. die Assyrer sicher nicht in Kleinasien geboten haben und seit dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts hier das große chetitische Reich bestand, mit dem Zentrum in Boghaz-kiöi nördlich vom Halys, so habe ich in der vorigen Auflage die assyrische Herrschaft und Kolonisation in Kappadokien unter Samsiadad III. um 1600 (§ 464) angesetzt; weiter hinabzugehen verbot auch der Schriftcharakter, Sprache und Namenbildung der Urkunden, [611] die denen der ersten Dynastie von Babel eng verwandt sind; das siebzehnte und höchstens das sechzehnte Jahrhundert erschienen schon als der späteste mögliche Termin. Gegenwärtig, wo die erste Dynastie anderthalb Jahrhunderte früher angesetzt werden muß, ist dieses Datum schon an sich kaum noch haltbar. Seitdem ist nun aber eine Tafel gefunden, auf der neben anderen Siegeln auch das eines Beamten (Schreibers) des Ibisin Königs von Ur abgedruckt ist. Danach ist diese Tafel also in einem der Jahre 2377-2353 v. Chr. geschrieben. Äußere Momente stehen dem nicht entgegen, im Gegenteil, ein derartiger Ansatz ist nach Schrift und Inhalt, auch nach den Siegelabdrücken, sehr wohl möglich. Aber wie diese Tatsache historisch zu erklären ist, wird jetzt nur noch rätselhafter. Hat sich die Macht der Könige von Sumer und Akkad wirklich bis ins östliche Kleinasien erstreckt? Und sollen wir annehmen, daß damals ein großer assyrischer Vasallenstaat von Assur am Tigris über den Taurus bis zum Halys reichte? Oder saßen etwa gar die Assyrer ursprünglich und vielleicht noch zur Zeit der Dynastie von Ur nicht in späteren Wohnsitzen, sondern hier im Norden als ein vorgeschobener semitischer Stamm unter einer andersartigen Bevölkerung? Gegen diese Annahme spricht allerdings nicht nur die Tatsache, daß die spätere Stadt Assur zur Zeit Chammurapis sicher schon bestanden hat (§ 448), sondern auch der Umstand, daß in den kappadokischen Tontafeln ein starkes nichtsemitisches Bevölkerungselement nicht zu verkennen ist. So wird es sich hier doch wohl um eine von Assyrien ausgegangene Kolonie handeln, deren Hauptstadt der Hügel Kültepe bedeckt. Man wird dann wohl annehmen müssen, daß wie in späterer Zeit so oft, so auch im dritten Jahrtausend schon die Assyrer, wohl in Verbindung mit den Königen von Sinear und von ihnen beauftragt oder unterstützt, den Tigris aufwärts ins Gebirgsland und weiter über den Euphrat und Melitene ins Hochland am Halys vorgedrungen sind. Sollen wir dann etwa annehmen, daß der chetitische Vorstoß gegen Babylonien am Ende der ersten Dynastie (1926, [612] s. § 454), dem ja große Bewegungen weiter im Norden vorangegangen sein müssen, auch der Suprematie der Assyrer in Kleinasien ein Ende gemacht hat? Wohin wir auch blicken, stehen wir vor unlösbaren Rätseln; nur die Tatsache selbst, daß die kappadokischen Tafeln und damit die Ausbreitung der Assyrer im östlichen Kleinasien der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends angehört, lange ehe wir von Assur oder gar von Ninive irgend etwas wissen, scheint jetzt völlig gesichert zu sein. – Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang darauf, daß in der Folgezeit bei den Assyrern das Streben, das östliche Kleinasien wieder zu gewinnen, immer von neuem hervortritt; die Feldzüge ihrer Könige sind ganz vorwiegend nach dem Bergland am oberen Tigris und weiter nach Melitene im östlichen Kappadokien gerichtet. Darin mögen diese alten Beziehungen und Gegensätze in der späteren Zeit noch weiter fortleben.


Kappadokische Keilschrifttafeln: Nach den ersten Veröffentlichungen von PINCHES PSBA IV und SAYCE, ib. VI, gab GOLÉNISCHEFF, Tablettes Cappad. 1891, durch die äußerst sorgfältige Veröffentlichung von 24 Tafeln ein zuverlässiges Material, auf das DELITZSCH, Beitr. zur Entzifferung der kappad. Keilschrifttafeln, Abh. sächs. Ges. XIV 1894, die wissenschaftliche Bearbeitung gründen konnte. Dazu vgl. JENSEN, Z. Ass. IX 62ff.; einzelne Übersetzungen von PEISER, Keilinschr. Bibl. IV 50ff. Weiteres bei RANKE, Babyl. personal names 39f., nach dem HILPRECHT nahezu 100 weitere Tafeln erworben hat, vgl. HILPRECHT, Assyriaca S. 124, 1. Über ihre Provenienz CHANTRE, Mission en Cappadoce 1898; WINCKLER, Die 1906 in Kleinasien ausgeführten Ausgrabungen (S.-A. aus Orient. Lit.-Z. IX) S. 5. 27. – Weiteres neues Material: PINCHES, The Capp. Tablets of Liverpool, Annals of Archaeol. and Anthropol.(Liverpool) I 49ff. mit pl. 17ff. THUREAU-DANGIN in Florilegium de Vogué 591ff. und Rev. d'Ass. VIII 135ff., wo p. 144 das Siegel Ibisins mitgeteilt ist. Auch die hier mitgeteilten Siegelabdrücke und vor allem die bei PINCHES, l.c. pl. 17 und 18, können viel leicht zum Teil bis in die Zeit der Dynastie von Ur hinaufragen, wenn sie auch sicher neben den babylonischen fremde, d.h. kleinasiatische, den späteren chetitischen verwandte Elemente enthalten. Jünger (höchstens ca. 2000) ist dagegen wohl jedenfalls pl. 17, 8ff. der mit vier Pferden bespannte Wagen (vgl. § 455) nebst den Ziegen (?) u.ä.; vgl. damit die ganz gleichartigen Siegel bei WARD, The seal cylinders of Western Asia p. 310. 311. 312. – Ἀσσυρία als Name des Küstengebiets vom Thermodon bis [613] Sinope bei Skylax; ebenso Apoll. Rhod. II 946. 964 mit der Scholien. Dion. perieg. 772 (vgl. Arrian fr. 48. 49). Συρίη, Σύριοι als der den Griechen allein bekannte Name Kappadokiens Herod. I 72. V 49. 72; daneben Λευκόσυροι auch für das Küstengebiet: Hekataeos bei Steph. Byz. Τείρια Χαδεσία. Scymn. 917 nach Ephoros. Strabo XII 3, 6. 9. 23. XVI 1, 2. Plin. VI 9. Vgl. NÖLDEKE, Ἀσσύριος Σύριος, Σύρος im Hermes V.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 605-614.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Anselm von Canterbury

Warum Gott Mensch geworden

Warum Gott Mensch geworden

Anselm vertritt die Satisfaktionslehre, nach der der Tod Jesu ein nötiges Opfer war, um Gottes Ehrverletzung durch den Sündenfall des Menschen zu sühnen. Nur Gott selbst war groß genug, das Opfer den menschlichen Sündenfall überwiegen zu lassen, daher musste Gott Mensch werden und sündenlos sterben.

86 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon