Das Reich von Akkad

[528] 402. Mit der Unterwerfung der Amoriter, so berichtet die Tafel der Omina, hat Sargon die Herrschaft über die vier Teile der Erde gewonnen. In der Tat umfaßt das Reich, welches Sargon begründet und seine Nachfolger durch Niederwerfung der Aufstände zusammengehalten und erweitert haben, so ziemlich die ganze damals den Babyloniern bekannte Welt; nur Aegypten, mit dessen Machtbereich es in Syrien zusammenstößt, steht selbständig daneben. So ist das Reich von Akkad das erste Weltreich, welches die Geschichte kennt. Diese Stellung wird mit vollem Bewußtsein erstrebt, und gelangt daher schließlich auch in der Königstitulatur zum Ausdruck. Während Sargon und seine beiden Nachfolger noch den alten Titel »König von Kiš« beibehalten (§ 397a), nennt Šarganišarri sich »König von Akkad« und einmal auch »König von Akkad und des Herrschaftsgebiets (ba'ulat) des Ellil«, Naramsin dagegen durchweg nur »König der vier Weltteile«. Auch hier tritt die Universalmonarchie in derjenigen Form auf, die bei ihr später so oft wiederkehrt: der Erhebung des Herrschers zum Gott. Ansätze dazu finden sich schon unter den ersten Königen, da in ihrer Zeit Eigennamen wie Šarrukin-ili »Sargon ist mein Gott« und Ili-urumuš »Mein Gott ist Urumuš« vorkommen. Šarganišarri setzt dann gelegentlich, durchweg aber Naramsin das Gotteszeichen vor seinen Namen, und sehr oft wird dieser in den Inschriften »der Gott von Akkad« genannt. Als Gott trägt Naramsin auf der Siegesstele zwei mächtige Hörner an seinem Kriegshelm. Es ist scharf zu betonen, daß diese Vorstellung dem älteren babylonischen Königtum völlig fremd und am [528] wenigsten sumerisch ist. Sie ist von den Semiten geschaffen worden, aber nicht als Attribut des auf das eigene Volkstum beschränkten Fürstentums-dadurch unterscheidet sie sich aufs stärkste von der angeborenen Göttlichkeit der Pharaonen –, sondern als Ausdruck der die verschiedensten Völker beherrschenden und ihnen allen das Gesetz auflegenden Universalmonarchie.


Der Name des Šar-ru-gi-i-li: Obelisk des Maništusu A 12, 8. I-li-U-ru-mu-uš auf einer Tafel aus Tello: Or. Lit.-Z. 1908, 313. – Auf die Bedeutungen der alten Königstitel hat H. WINCKLER (Unters. zur Geschichte des alten Orients, 1889 und sonst) zuerst hingewiesen; seine mit Leidenschaft verfochtene Hypothese jedoch, daß die einzelnen Titel an die Herrschaft über bestimmte Städte geknüpft seien und mit deren Kulten in Verbindung ständen (dagegen WILCKEN, ZDMG. 47, 476ff.), hat sich jetzt als verfehlt erwiesen, wo wir Ursprung und Sinn dieser Titulaturen unmittelbar vor Augen sehen.

402 a. Freilich zeigt das Reich von Akkad auch die Kehrseite aller solcher durch Eroberung gebildeten Staaten, den Mangel des festen Gefüges, das die Grundlage eines einheitlichen Volkstums gewährt: nur durch Zwang wird es zusammengehalten. Bei der Rebellion gegen Sargon ist die Armee das einzige, was seinem Nachfolger geblieben ist; aber sie war stark genug, um das Reich wiederherzustellen. Es ist den Königen von Akkad wirklich gelungen, trotz aller ethnographischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gegensätze die vorderasiatische Welt weithin über ein Jahrhundert lang zusammenzuhalten. Wie weit sich ihr Reich in die armenischen Berge und nach Kleinasien hinein erstreckt haben mag, wissen wir nicht; unmöglich wäre es nicht, daß die assyrische Kolonisation, die wir bald darauf im Halysgebiet finden (§ 435), irgendwie damit zusammenhängt. Dauernd geblieben ist jedenfalls die Verbindung Nordsyriens und der Amoriter mit Sinear. Die syrischen Gebirge lieferten dessen Herrschern Gestein und Cedernbalken für ihre Bauten; noch Gudea hat beides von den Bergen des Amoriterlands und vom Amanos bezogen. Andrerseits sind dadurch zahlreiche Amoriter und mit ihnen ihre Götter nach Sinear gekommen (§ 396); so hat dieser Volksstamm, [529] der offenbar an kriegerischer Kraft den kultivierteren Akkadiern überlegen war und ein brauchbares Söldnermaterial lieferte, für die weitere Geschichte dieses Landes entscheidende Bedeutung gewonnen. – In Mesopotamien (Subartu) mag die Ausbreitung der Semiten durch das Reich von Akkad gefördert worden sein. Die Unterwerfung der Berglande des Ostens ist von Šarganišarri und Naramsin durchgeführt worden. Auch von hier haben sie offenbar Bauholz bezogen: damit hängt zusammen, daß die Siegelabdrücke dieser Zeit mehrfach Koniferen zeigen, die nur im Zagros gestanden haben können, zum Teil in Verbindung mit dem Bilde des in den Bergen aufgehenden Sonnengottes. Elam ist in wiederholten harten Kämpfen völlig unterworfen worden. In Susa gebietet ein von den Königen von Akkad eingesetzter Patesi, wie in den Städten Sinears. Von Naramsin hat sich hier eine Tontafel gefunden, auf der der fremde Herrscher für die elamitische Sprache die babylonische Keilschrift verwendet, und zwar in rein phonetischer Schreibung-ein Vorgang, der erst viele Jahrhunderte später Nachahmung gefunden hat. Diese Inschrift enthält eine lange Liste elamitischer Götter, neben denen nur éin babylonischer erscheint, der von den Königen von Akkad eifrig verehrte Gott, der Amal geschrieben wird, d.i. wahrscheinlich der Gott Zamama von Kiš (§ 393 A.). Unter diesen Königen muß aber ein starkes semitisches Element nach Elam gekommen sein: Susa steht in den nächsten Jahrhunderten politisch und kulturell zum Reich wie eine der Städte von Sinear, und die semitische Sprache hat hier lange Zeit geherrscht.


Nach den Angaben der Statue B bezieht Gudea Cedern vom Amanus (5, 28), große Steine von den Gebirgen Umanu in Menua und Ba?-salla im Amoriterland (6, 3ff.), Marmor vom Amoritergebirge Tidanum (6, 13, vgl. Cyl. A 16, 24 und § 415 A.), sowie für den Keulenknauf A (Déc. pl. 25 bis, 1. TH.-D. S. 144) »vom Gebirge Uringeraz am oberen Meer«, ferner zu Schiff (auf dem Euphrat?) Naluasteine von den Bergen von Baršip (6, 59). – Koniferen auf Siegeln: Sumerier und Semiten 61. – Ein Patesi von Susa aus der Zeit des Reichs von Akkad: TH.-D. S. 177 Anm. 3, 1. Elamitische Inschrift Naramsins: Délég. en Perse XI (él.anzan. [530] IV) p. 1ff. Außer Amal kommt in der Götterliste auch die Göttin Išchara (§ 433 A.) vor; sonst enthält sie keine babylonischen Götternamen.


403. In Sinear selbst ist das semitische Element zu voller Herrschaft gelangt. Entbehren konnte man allerdings die sumerische Kultur nicht, und so hat z.B. Ubil-ištar »der Bruder des Königs« einen sumerischen Sekretär (§ 405). Aber bilingue Inschriften haben sich bis jetzt außer der einen des Urumuš (§ 399) nicht gefunden; selbst in Lagaš wird unter den Königen von Akkad meist semitisch geschrieben, obwohl die Bevölkerung hier noch so gut wie ganz sumerisch war. Jedoch ist hier eine Urkunde über Landanweisungen, offenbar an Getreue des Königs, sumerisch abgefaßt. An solchen Landanweisungen wird es auch sonst nicht gefehlt haben. Alle Empörungen sind niedergeworfen. In die Gebietsverhältnisse von Lagaš greift Sargon regelnd ein, wie ehemals Mesilim. Die Beamten sind vorwiegend Semiten; und auch die Pa tesis der Städte sind zu Beamten geworden, die vom König eingesetzt werden. Ihre Söhne und Enkel haben wir am Hof Maništusus, wo sie offenbar aufgezogen wurden und zugleich als Geiseln dienten, als »Söhne (Bürger) von Akkad« angetroffen (§ 399). Unter Šarganišarri und Naramsin heißt ein Patesi von Lagaš auf seinem Siegel »Schreiber« wie andere Beamte. – Die Residenz der Könige war nicht mehr Kiš, das durch Lugalzaggisis Sieg niedergeworfen war, sondern die rein semitische Stadt Akkad; hier lag der Palast Sargons, den die Tafel der Omina erwähnt, und hier hat Naramsin nach dem Siege über Magan seine später nach Susa geschleppte, jetzt vollkommen zerstörte Dioritstatue (§ 401 A.) im Tempel aufgestellt. Zahlreiche andere Denkmäler standen in der Nachbarstadt Sippara; ihr Gott, der Sonnengott Šamaš, ist der eigentliche Schutzgott der Dynastie, der auf ihren Siegeln vielfach erscheint, mächtig über die Berge hinwegschreitend, mit drei Strahlen an jeder Schulter-das knüpft an die altsumerische Art an, die Attribute der Gottheit an der Schulter anzubringen (§ 372). Seinen Tempel [531] haben Šarganišarri und Naramsin neu gebaut. Daneben ist die Sorge beider Könige vor allem dem alten Zentralheiligtum von Nippur zugewandt. Sie haben den in Etagen aufsteigenden Tempel, »das Berghaus«, in größeren Dimensionen neu aufgeführt, auf einer gewaltigen, aus riesigen gebrannten Ziegeln errichteten Terrasse, und auch die Stadtmauer gebaut. Die Ziegel tragen den Stempel der Könige, ein Brauch, der fortan geblieben ist; vermutlich waren also die Ziegeleien königlicher Besitz. Naramsin hat ferner in dem Heiligtum der Nanaia von Uruk in Adab (Bismaja), in Marad und vermutlich noch in manchen anderen Orten Tempel gebaut. In der semitischen Stadt Babel, die unter ihm zum ersten Male genannt wird, hat schon Sargon gebaut; und ein Jahrdatum Šarganišarris gibt an, daß er in Babel »die Fundamente des Tempels der Anunit und des Tempels des Amal (= Zamama von Kiš) gelegt hat«. Die Chronik und die Omina freilich, die ganz von der späteren Vorstellung der zentralen Stellung Babels beherrscht sind, machen es Sargon zum schweren Vorwurf, daß er im Boden von Babel gegraben und daß er Akkad so groß gemacht habe wie Babel; zur Strafe dafür habe Marduk sein Volk mit Hungersnot heimgesucht.


»Seit den Tagen des Sargon (Šar-ru-gi) gehörten Kalum und Eapin zum Gebiet von Lagaš« Tontafel aus Tello bei THUREAU-DANGIN, Orient. Lit.-Z. 1908, 314; wenn im Anschluß daran der Patesi von Ur unter Naramsin erwähnt wird, so beweist das natürlich nicht, daß dieser unmittelbar auf Sargon gefolgt ist. – Auf dem Obelisken des Maništusu ist Engilsa Patesi von Lagaš, dessen Sohn Urukagina am Hof in Akkad lebt; Engilsa war also wohl ein Nachkomme (Sohn?) des Königs Urukagina von Lagaš (§ 389 A.). Von dem auf dem Obelisken (A 12, 21) genannten Suruš-gi (Suruškîn?), Sohn des Patesis Kur-šeš von Umma, hat THU REAU-DANGIN, Rev. d'Ass. IX 76 eine Inschrift auf einem Steinzapfen veröffentlicht. – Fragmentarische Stele mit Landanweisungen, wahrscheinlich unter Šarganišarri: Déc. pl. 5 bis, c 3. TH.-D. S. 170 [mit der Kampfstele § 404 hat sie nichts zu tun]. – Siegelabdrücke von Beamten dieser Zeit aus Tello, die zum Teil Semiten sind: Déc. p. 281ff., vgl. Sumerier und Semiten S. 60ff. Cylinder anderer, gleichfalls zum Teil semitischer Beamten aus Tello TH.-D. S. 164. 167. – Die Patesis von Lagaš unter Šarganišarri und Naramsin heißen Lugalušumgal [532] »der Schreiber« (unter beiden Königen), Ur-e, Ur-babbar (oder Amel-šamaš), Lugal-bur: TH.-D. S. 59, 1, vgl. S. 164, f. 168, k. 225 Anm. a. – Über die Tempelbauten in Akkad und Sippara berichtet Naboned in seinen Inschriften (LANGDON-ZEHNPFUND, Neubab. Königsinschr. S. 226. 230f. 246. 264), von der in Marad Nebukadnezar (ib. S. 78). Die aus den Ausgrabungen bekannten Bauten Šarganišarris und Naramsins in Nippur werden auch in ihren Jahresdaten erwähnt; ebenso Šarganišarris Bauten in Babel TH.-D. S. 225, c, und die Naramsins am Tempel der Nanaia in Ninni-eš (bei Uruk) ib. S. 226, g.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 528-533.
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